MAGAZIN #20

Die Inventur des Grauens

Fast dreißig Jahre ist der Vietnamkrieg offiziell beendet. Doch der Fotograf Philip Jones Griffiths belegt mit seinen Bildern, dass er bis heute immer neue Opfer fordert.

Text –

Johannes Taubert

Nein, dieses Buch macht es dem Betrachter nicht einfach. Es ist fast auf jeder Seite schockierend. Und wenn man denkt, schlimmer geht es aber nicht mehr, blättert man weiter, und dann…

Der Waliser Philip Jones Griffiths, Jahrgang 1936, hat seit dem Algerienkrieg immer wieder die Krisengebiete dieser Welt aufgesucht und dort fotografiert, aber Vietnam ist sein Lebensthema. Schon mit seinem ersten Buch Vietnam Inc., das 1971 erschien, hatte der Magnum-Fotograf maßgeblichen Einfluss darauf, dass die Amerikaner selbst ihren Krieg mehr und mehr in Frage stellten. Bei seinem letzten Buch Agent Orange – Collateral Damage in Vietnam war es anders. Es hat fast zwanzig Jahre gedauert bis er einen Verleger fand. Und sein großes Verdienst ist, dass er das Thema nie aus den Augen verlor. 1980 war Griffiths der erste westliche Journalist, der im wiedervereinigten Vietnam von Hanoi nach Saigon gereist ist, und seitdem besuchte er das Land immer wieder.

Denn obwohl der Krieg schon Jahrzehnte zu Ende ist, gibt es fast täglich neue Opfer. Spätfolgen des Einsatzes eines chemischen Kampfstoffes: Agent Orange. 46 Millionen Liter des dioxinhaltigen Stoffes haben die US-Truppen während des Kriegs in Vietnam und Kambodscha versprüht. 20.000 Dörfer waren betroffen, fünf Millionen Menschen wurden direkt oder indirekt vergiftet.

Soweit die nackten Zahlen. Sie sind ja schon martialisch genug. Hinzu rechnen muss man aber auch noch das »herkömmliche« Bombardement, das allein 1967/68 zehn Mal mehr Erdreich wegsprengte, als für den gesamten Ausbau des Suezkanals bewegt wurde. Doch der Feind blieb für die Amerikaner im undurchdringlichen Dschungel weiterhin unsichtbar. »Die Bäume sind unsere Feinde«, erklärte die Armeeführung damals, bevor sie mit dem flächendeckenden Einsatz von Agent Orange begann. Das so genannte »Entlaubungsmittel« war ein heimtückisches chemisches Herbizid, das in hohem Maße Dioxin enthielt, eine der giftigsten Substanzen überhaupt. Es verseuchte die Nahrungskette auf unbestimmte Zeit und wurde zu einer genetischen Zeitbombe, die bis heute gnadenlos tickt, wie die Bilder von Griffiths belegen. Noch immer werden dort Kinder mit schwersten Missbildungen geboren – mit Hirnschäden, mit zwei Köpfen, mit inneren Organen, die außerhalb des Körpers wachsen.

Das Grauen kennt keine Grenzen. Griffiths’ Fotos der im Tu Du Hospital in Ho Chi Min City in Spiritus aufbewahrten, missbildeten Föten sind erschreckender als ein Horrorfilm. Sie sind unvorstellbar und doch real. Gleichzeitig zeigen andere seiner Bilder auch, wie sorgsam die Vietnamesen mit ihren Opfern umgehen – Opfer eines Kriegsverbrechens, das noch immer andauert, obwohl schon lange nicht mehr gekämpft wird. Das ist die Botschaft dieser Bilder, und sie sind Beleg dafür, wie sehr Fotografie der Aufklärung dienen kann. Denn von Agent Orange zu wissen ist etwas anderes, als sich die Folgen anzusehen. Schwierig auszuhalten für den Betrachter – aber unverzeihlich wäre gewesen, sie nicht zu publizieren.

Philip Jones Griffiths
Agent Orange
»Collateral Damage« in Vietnam

London: Trolley Ltd. 2003.
174 Seiten mit 100 Schwarzweißfotos.
21 x 28 cm. 39,95 Euro