MAGAZIN #04

Die Macht haben die Erbsenzähler

A.S.M.P. – eine der weltweit größten Fotografenorganisationen engagiert sich seit mehr als 50 Jahren für die Belange der Fotografen in den Vereinigten Staaten. FreeLens sprach mit Matt Herron (65), dem Vorsitzenden des A.S.M.P.-Komitees für internationale Beziehungen, über Erfolge und Niederlagen, über Vergangenheit und Zukunft der Fotografie

Interview –

FreeLens

FreeLens: Wie kam es zur Gründung des A.S.M.P.?

Herron: Das war 1945. Damals saßen sieben Fotografen bei einem Kollegen in der Küche. Sie waren Freelancer und arbeiteten für LIFE. Die Arbeitsbedingungen waren schrecklich, und sie kamen zu dem Ergebnis, daß sie etwas dagegen tun müssen. Die einzige Möglichkeit die sie sahen war, so viele Fotojournalisten wie möglich in eine Organisation zu bekommen. Bei der Gründung halfen Gewerkschafter, die schon den »share-croppers« geholfen hatten, sich zu organisieren – das sind schwarze Farmer in den Südstaaten, die fast wie Sklaven Land pachteten und die Ernte mit den Besitzern teilen mußten. Es dauerte zehn Jahre, bis A.S.M.P. mit 400 bis 500 Mitgliedern stark genug war, den ersten Vertrag zu machen. Mit Time Cooperated.

Hatte damals jemand damit gerechnet, daß ihr einmal 5.000 Mitglieder stark sein würdet?

Nein, das hat sich damals glaube ich niemand vorgestellt. Das Ziel war in erster Linie Solidarität und Zusammenhalt zwischen Fotografen zu erreichen. Das Wachstum kam quasi von alleine.

Was war denn der eigentliche Anlaß; warum meinte man, daß die Fotografen zusammenhalten müssen?

Es gab besondere Mißstände, Probleme mit den Arbeitsbedingungen. Und es ging sozusagen um Brot und Butter. Der A.S.M.P.-Vorsitzende Dick Weissgrau sagt immer: Wenn Du einen Fotografen erreichen willst, sorge dafür, daß er eine Mark mehr in der Tasche hat oder verhindere, daß eine Mark aus seiner Tasche verschwindet.

Und wie wurde das geschafft?

Der erste Vertrag wurde gleich mit der größten Publikation abgeschlossen. Wie gesagt mit dem Verlag Time Cooperated, dem Life-Magazin. Die Konsequenz war, daß die anderen gezwungen waren, den Vereinbarungen zu folgen. Zuerst wurde der »A.S.M.P.-Minimum Standard« – ein Mindesttagessatz von damals 100 Dollar – im Staate New York durchgesetzt. Bald war das der minimale Tagessatz in den gesamten USA. Jede Redaktion akzeptiert seitdem den Mindestsatz. Man einigt sich nur noch, wieviele Tage am Thema gearbeitet wird. Die Honorarhöhe richtet sich – damals wie heute – danach, daß man sich für einen Tagessatz einen Kamera-Body zum Discountpreis kaufen können muß. Neu war auch, daß der Tagessatz bei Lieferung der Fotos gezahlt wurde, nicht erst nach dem Erscheinen der Zeitschrift. Außerdem wurden jetzt auch Unkosten bezahlt.

Was hat sich noch verändert?

Vorher gab es kein Geld, wenn das Material nicht veröffentlicht wurde. In den 60er Jahren ließ das LIFE Magazin drei Fotografen an einer Story arbeiten – aber nur eine Geschichte wurde veröffentlicht und bezahlt. Die beiden anderen Fotografen bekamen ihr Material ohne einen Dollar Bezahlung zurück. Als wir das geänder hatten, wurden noch immer drei Storys produziert und nur eine veröffentlicht – aber alle drei wurden bezahlt.

Und wie ging es nach dem ersten großen Erfolg weiter?

Die Dinge liefen ganz gut – bis Mitte der 70er Jahre. Dann waren die meisten der großen Magazine tot: Life, Look Magazine und Saturday Post. Hintergrund war, daß die Werbeagenturen und deren Kunden sich dem Fernsehen zuwandten. Und mit den großen Zeitschriften ist der Fotojournalismus in den USA gestorben.

Also hat sich auch die Fotografie verändert?

Ja genau. Die Werbefotografen wurden immer besser, ihre Fotos immer auffälliger, bunter und schicker. Editorial-Fotografie wirkt daneben für manche wie Bilder zweiter Klasse. Also benutzten auch wir mehr Farbe und mehr künstliches Licht. Die Fotografen, die wirklich erfolgreich damit waren, veränderten die Realität dramatisch. Die gesamte Kunstform des Bildessays ging dadurch verloren.

Und wie sieht es heute auf dem Zeitschriftenmarkt in den Staaten aus?

Eine extreme Macht-Ballung. Früher gab es fast hundert wichtige Verlage. Heute sind es drei, die über die Hälfte des Geldes verdienen, das durch amerikanische Magazine eingenommen wird. Die Macht haben Erbsenzähler, die in erster Linie Geld verdienen wollen. Sie versuchen die Kosten niedrig zu halten, und soviel Werbung wie möglich unterzubringen.

Was bedeutet das für die tägliche Arbeit?

Früher lief alles über das Telefon. Mündliche Absprachen wurden von beiden Seiten eingehalten. Jeder bemühte sich, in seinem Bereich das Bestmögliche zum Gelingen des Geschäftes beizutragen. Heute werden schriftliche Verträge immer wichtiger. Ich schicke jetzt bei jedem Auftrag einen Vertrag mit.

Gibt es auch Streit um Verlagsverträge?

Eine der extremsten Auseinandersetzungen dieser Art gab es zwischen dem Magazin NATIONAL GEOGRAPHIC und 72 Fotografen des Blattes. Die Zweitverwertung galt allein für die veröffentlichten Fotos. Plötzlich erhob der Verlag Anspruch auf die sogenannten »electronic rights« des gesamten Fotomaterials. Die Fotografen kamen zum A.S.M.P. Sie konnten sich das alles gar nicht erklären, weil ihre Beziehungen zu ihrem Blatt vorher ausgesprochen gut waren. Manche arbeiteten schon viele Jahre dort. Sie konnten nicht begreifen, daß dies der Beginn einer neuen Entwicklung war. Sie dachten, man müßte immer noch freundlich, rücksichtsvoll und vorsichtig mit NATIONAL GEOGRAPHIC umgehen. Dick Weissgrau riet Ihnen, sich nicht auf Verhandlungen über Details einzulassen, sondern von vornherein nur über prinzipielle Dinge zu reden. Das erschien den Fotografen zu offensiv und unfreundlich. Sie beschlossen, den Vertrag Punkt für Punkt mit NATIONAL GEOGRAPHIC durchzusprechen. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Dann kamen die Rechtsanwälte des Blattes auf eine Idee: Die Interessenlage der Fotografen sei so unterschiedlich, daß man in einzelnen Gruppen weiterverhandeln müßte. Das war das Ende. Danach setzte das Magazin die Anführer der Gruppen auf eine schwarze Liste. Darunter waren einige, die praktisch full-time für das Magazin gearbeitet hatten – sehr gute Fotografen wie Roger Russmine. Was sollte A.S.M.P. tun? Die Fotografen hatten vorher ihre Entscheidung gefällt allein vorzugehen, was sich hinterher als sehr schlecht herausstellte.

Aber es gab ja auch erfolgreichere Einsätze.

Aber ja. Zum Beispiel brachte vor einigen Jahren das Magazin SPORTS ILLUSTRATED eine Jubiläumsausgabe heraus. Auf dem Cover waren alle je veröffentlichten Titelblätter abgebildet. Natürlich fragten sich die Titel-Fotografen, wo ihr Geld denn bliebe. Darauf erwiderte das Magazin: Als wir das Recht auf eure Fotos kauften, haben wir das Recht erworben, damit auch Werbung für uns zu machen.
Die Jubiläumsausgabe war aber eine Neuveröffentlichung – keine Werbung für die jeweilige Ausgabe. Es kam zu Verhandlungen. Der A.S.M.P. repräsentierte mehr als die Hälfte der Fotografen, und für sie war es eine Frage des Prinzips. Sie meinten, wenn sie bei dieser Sache klein beigeben würden, werde sich alles zu ihren Ungunsten ändern.

Dann bringt die Sache doch vor Gericht!

Aber TIME WARNER hat unzählige Anwälte und das Geld, um mit Begeisterung hundert Jahre zu prozessieren. In diesem Stil liefen die Verhandlungen, bis Dick Weissgrau verlangte, daß alle Rechtsanwälte und juristischen Berater den Raum verlassen sollten oder die weitere Teilnahme an den Diskussionen werde komplett verweigert. Sie gingen. Dann sagte Dick: »Ihr wißt, daß wir Euch im Gerichtssaal kaum schlagen können. Aber wir können den Ruf Eurer Zeitschrift so zerstören, daß nie wieder ein guter Fotograf für Euch arbeiten wird.« Innerhalb eines Tages wurde eine Regelung gefunden.

Und was lernen wir daraus?

Das ist ein gutes Beispiel für die Macht von Freelancern. Wenn man seine Mitglieder zusammenhalten kann, eine Einigkeit über die Ziele herstellt, und Vertrauen herrscht, dann kannst Du alles erreichen – auch ohne viel Geld auszugeben.Man muß allerdings Fotografen auf seiner Seite haben, die von den Magazinen wirklich gebraucht werden. Außerdem müssen sie volles Vertrauen in ihre Organisation haben und bereit sein, jegliche Unterstützung zu bieten. Das heißt auch bereit zu sein, im ungünstigsten Falle Jobs abzulehnen, um die Ziele zu erreichen. Wenn all diese Voraussetzungen erfüllt sind, wirst Du auch gewinnen!

Ist das ein Rezept, das immer wirkt?

Ja. Man muß nur eine guter Haufen sein, damit es den Verlagen wirklich weh tut. Sie müssen wissen, daß sie ziemlich alt aussehen, wenn es zu keiner Einigung kommt – daß verdammt viele gute Fotografen extrem sauer auf sie sein werden.

»Jobs ablehnen für gemeinsame Ziele.« Gibt es ein Beispiel?

Ein Beispiel ist das Projekt »Documerica«. Eine riesige Dokumentation der US-Regierung mit großen, interessanten Aufträgen. Der Haken: Das Copyright der Fotos sollte an das amerikanische Volk übergehen. Als A.S.M.P. realisierte, wieviel Bildmaterial der Staat später für alle möglichen Zwecke verwenden könnte – für Magazine, Reisebüros, Werbung – sagten wir nein. Das Projekt starb.
Wir konnten das durchsetzten, weil ein paar Leute bereit waren, ihren Job zu riskieren. Ab einem bestimmten Punkt muß man nein sagen und auch auf Geld verzichten. Wenn man nicht seine eigenen Bedingungen stellt, wird sich nichts ändern.

Wie gut ist denn das Urheberrecht in den USA gesichert?

Die Gesetzgebung ist ziemlich schlecht. Es gibt das »registration requirement« – wirklich gesetzlich geschützt sind Fotos nur, wenn man der »Library of Congress« zwei Kopien, ein ausgefülltes Formular und eine Gebühr von 20 Dollar pro Bild schickt. Das Copyright-Büro in Washington registriert dann jedes einzelne Bild.
Wird ein registriertes Bild gestohlen, muß die angeklagte Partei vor Gericht alle Kosten – einschließlich die Anwaltskosten – sowie den entstandenen wirtschaftlichen Schaden übernehmen. Und wird zusätzlich noch mit einer Summe belastet, die pro Stück an die 100.000 Dollar betragen kann.
Der Fotograf hat zwar auch an unregistrierten Fotos das Copyright. Aber wenn jemand dieses Recht bricht, muß der Fotograf vor Gericht mit einem finanziellen Fiasko rechnen. Es wird nämlich nur der kommerzielle Schaden ersetzt, also beispielsweise der Wert des Fotos von 500 Dollar. Dem Fotografen können aber schnell Gerichts- und Anwaltskosten von 5.000 bis 10.000 Dollar entstehen, selbst wenn er den Prozeß gewinnt. Im Grunde existiert also in dieser Form das Copyright nicht.

Lassen alle ihre Fotos registrieren?

Nein. Das alles ist absoluter Nervkram. Die meisten Fotografen lassen das gleich sein. Gerade diejenigen, die sehr viel produzieren, können den Arbeitsaufwand mit der Registrierung gar nicht leisten.

Was passiert mit den Kopien der Fotos?

Es wird nichts damit gemacht, nur gesammelt. Die Bibliothek des Kongresses schickt alles in ein Lager in Virginia, wo es 25 Jahre liegt.

Versucht ihr, die Zustände zu ändern?

Wir versuchen schon seit Jahren mit dem Büro für Copyright zu sprechen, wie man die Registrierung einfacher gestalten kann. Als der Kongress dann eine Gesetzesänderung plante, schickten wir zwei unserer Mitarbeiter zu den Beratungen nach Washington. Es gab demokratische Senatoren und hochangesehene Mitglieder des Kongresses, die uns unterstützten. Aber die Herausgeber der Magazine mit ihren Rechtsanwälten wendeten sich gegen die angestrebten Änderungen und versuchten wirklich jeden vorstellbaren Winkelzug.
Schließlich fand eine sehr dramatische Anhörung statt. Es ging um einen Fotografen, dessen Arbeit von dem Künstler Jeff Koons gestohlen wurde. Der ließ nach den Fotovorlagen Skulpturen schnitzen, die er für 120.000 Dollar unter seinem Namen verkaufte. Der Fotograf sah keinen Dollar. Vor Gericht bekam der Fotograf dann zwar Recht, doch das Geld deckte gerade die Unkosten. Zumindest die Skulpturen mußten ihm übergeben werden. Wir stellten sie als mahnendes Zeichen in dem Raum auf, in dem das Komitee tagte. Die Anhörung des Fotografen in dieser Szenerie war ein sehr bewegender Moment.

Und wie ging es aus?

Die Verlage hatten rund ein Million Dollar in den Kampf investiert. Da konnten wir natürlich nicht mithalten. Wir starteten eine Briefkampagne: Unzählige A.S.M.P. Mitglieder schickten Faxe mit Argumenten für die Gesetzesänderung, und innerhalb einer Woche brach das Faxgerät des Kongresskomitees regelrecht zusammen. Daraufhin baten sie uns, das mit den Briefen einzustellen, sie würden jetzt verstehen, was uns bewegt. Solche Gemeinschaftsaktionen können sogar viel Geld aufwiegen.

Konnte sich A.S.M.P. in den Anhörungen durchsetzen?

Noch nicht. Weil Republikaner und Demokraten in Streit gerieten, wurde die Gesetzesänderung auf Eis gelegt – mit Rücksichtnahme auf den Wahlkampf.

Wie ist Eure Beziehung zu den Verlagen?

Wir sind an einem fairen Verhältnis interessiert. Es ist sogar schon vorgekommen, daß ich einen Auftraggeber eines unserer Mitglieder beraten habe. Sicherlich fühlte ich mich unwohl dabei, aber ich war der Meinung, daß der Verlag von dem Fotografen ausgenutzt wurde. Kürzlich haben wir ein Mitglied ausgeschlossen, das sich »unethisch« seinen Auftraggebern gegenüber verhalten hatte. Das waren Übertretungen, die zeigten, daß er der Verantwortung, die er zu tragen hat, nicht gerecht geworden ist. Dieser Fotograf gewann einen 75.000 Dollar-Fall gegen das LIFE-Magazin, was aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt war. Später prahlte er damit, wie er die Herausgeber über den Tisch gezogen hat. Solche Geschichten haben natürlich negative Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Magazinen und Fotografen, es wird dadurch für andere Fotografen schwieriger. Denn LIFE ist in diesem Fall fair mit dem Fotografen umgegangen – was der ausgenutzt hat.

Kümmert sich der A.S.M.P. auch um die ethisch-moralischen Fragen?

Natürlich würden wir uns auch gern mehr darum kümmern, daß bestimmte ethisch-moralische Regeln von den Auftraggebern eingehalten werden. Wir müssen aber auch darauf achten, daß unsere Mitglieder sich nach dem gleichem Standard richten.
Man muß bedenken, daß in unserer Organisation neben Pressefotografen auch Werbe-, Architektur- und Sportfotografen organisiert sind. Und wer kann von einem Werbefotografen erwarten, daß er in seinen Bildern die Wirklichkeit so darstellt, wie sie ist? Es ist also schwierig, die Ethik im Beruf für alle Mitglieder zum Thema zu machen. Im Grunde widmen wir uns mehr undurchsichtigen Verträgen, helfen das Copyright durchzusetzen ­ echte Grundlagenarbeit in Bezug auf die Rechte und Pflichten im Fotoalltag. Es geht oft um ganz praktische Dinge.

Wie reagiert ihr auf den »Digitalen-Horror«?

In gewisser Weise sehen auch wir besorgt in die digitale Zukunft. Wir glauben aber, daß der Mißbrauch des Copyrights nicht ein spezifisches Problem der elektronischen Netzwerke ist. Sie bieten viele positive Möglichkeiten, sind nicht nur eine Gefahr. Wir sollten auch die Vorteile sehen und nutzen.
Fotografen sind ängstlich, ihre Bilder elektronisch zugänglich zu machen, weil sie kopiert und mißbraucht werden könnten. Tatsache ist aber, daß Scanner eine größere Gefahr des Mißbrauchs darstellen. Ich bin mir sicher, ein bereits publiziertes Bild wird viel öfter eingescannt und dann weiterverwendet.

Ihr habt das elektronische Bildarchiv M.P.C.A. gegründet. Wollt ihr damit Bill Gates entgegentreten?

Wir fingen mit M.P.C.A. an, nachdem wir 1989 eine Untersuchung über die Zukunft des elektronischen Marktes in Auftrag gegeben hatten. Wir meinten, daß die Entwicklung bedrohlich für uns werden könnte. Es war nicht vorauszusehen, wie sich der Preis für Fotos und die Copyright-Überwachung gestalten würde.
Uns wurde klar, daß alte Gewohnheiten und Herangehensweisen keinen Bestand mehr hatten und auch die üblichen juristischen Schritte hier nichts mehr erreichen können. Dieser Markt war für uns ein ernstzunehmender Konkurrent im großen Stil. Um mehr Einfluß nehmen zu können, stürzten wir uns mitten ins Getümmel.
Wir gründeten Media Photographers Copyright Association (M.P.C.A.), um mit der Lizensierung von digitalen Bildern umgehen zu können. Unser Lizenzpartner, das Copyright-Clearing-Center, ist das weltweit erfolgreichste Unternehmen, das gegen Copyright-Verstöße vorgeht. Sie verklagten eine Copyshop-Kette auf drei Millionen Dollar Schadensersatz – die größte Copyright Klage in der Geschichte.

Und was wollt ihr mit M.P.C.A. erreichen?

Viele Leute dachten, es sollte nur Profit gemacht werden. Aber das war nur ein Grund. Wichtiger ist uns, daß wir auf die Geschäftspraktiken, Preise und Konditionen Einfluß nehmen wollen ­ und vor allem als politisches Instrument die Entwicklung beeinflussen. Dazu mußten wir ein Teil des Systems werden.
Im Gegensatz zu anderen Systemen wollen wird die grundlegenden Prinzipien des Bildverkaufs beibehalten. Erstens liegt die Kontrolle auch jetzt bei den Fotografen und zweitens legten die Fotografen ihre eigenen Preise fest. Was bei regulären Bildarchiven nicht möglich ist.

Stehen eure Mitglieder hinter M.P.C.A.?

Die Mehrzahl ja. Es gab natürlich auch Kritik. Die Fotografen, die Vereinbarungen mit ihren Bildagenturen hatten, sahen keinen Sinn in dem Aufbau eines Konkurrenzunternehmens. Sie wollten nicht, daß der Mitgliedsbeitrag dafür verwendet wird. Die Kritiker begreifen nicht, das mit der Gründung M.P.C.A. ein politisches Instrument zur Stärkung unserer Organisation geschaffen wurde.

Und was hat Bill Gates vor?

Er hat eine Lizenzagentur aus privatem Kapital gegründet – kein Microsoft-Geld. Gates will mit dem Verkauf der Rechte von Bildern, Dokumenten, Kunstgegenständen und Musik im Internet bis zum Jahr 2000 mehr Geld verdienen als mit der Microsoft-Software. Er sagt, daß er jedem ermöglichen möchte, jedes Foto für 50 Cent über das Internet zur Verfügung zu haben. Es ist ihm wirklich ernst damit.
Gates Firma entwickelte sich in drei Stufen. Zuerst gab es die »Interactive Home Systems«. Sie gingen zunächst zu den Museen und sagten: Wir wollen die Rechte aller Bilder für immer erwerben und zahlen dafür vier Dollar. Die Museumsdirektoren waren schockiert – und beschlossen, daß kein Bild verkauft wird.
»Interactive Home System« wurde umbenannt in »Continuum« und sie stellten in dieser Firma Kuratoren zum Aufkaufen der Bilder ein. Die waren besser mit dem Thema vertraut, wobei es noch nicht um Fotografien ging.
In der dritten Phase nannte sich die Firma Corbis Media. Die Mitarbeiter waren nun Medien-Leute und begannen Fotografien zu erwerben.
Corbis Media macht mir am meisten Angst. Sie haben Macht und Geld und sie wissen, wie es in der Medienwelt läuft. Außerdem haben sie mehr technisches Know-how als andere Bildarchive und Agenturen, weil sie mit Computern und Netzwerken bestens vertraut sind. Wenn man dann noch die Stärke Microsofts und die Macht des Geldes von Bill Gates bedenkt – da kommt etwas auf uns zu.

Was genau?

Meine grundsätzliche Besorgnis ist, daß sie bald so viele Bilder haben werden, um den Marktpreis dafür selbst bestimmen zu können. Der Preis wird fallen, Fotografen und andere Kreative werden echte Probleme haben ihr Geld zu verdienen.
Microsoft dominiert den ganzen Markt für Computerbetriebssysteme. Sie mißbrauchen dieses Monopol, um in andere Software-Bereiche einzudringen und sie zu übernehmen. Gates hat gezeigt, wie aggressiv er vorgeht. Genauso eignet sich Corbis Media die Rechte für Bilder und Fotos an.

Gibt es ein »Gegenmittel«?

Die einzige Alternative ist vielleicht, daß Fotografen ihre eigenen Lizenzagenturen gründen und so ihre Interessen wahrnehmen können. Wir haben einen Vorteil: Wir besitzen die Rechte für das Fotomaterial. Verkaufen wir aber unsere Rechte, dann werden sie die Oberhand gewinnen. Ich glaube wir können es schaffen, aber wir haben nur acht bis zehn Jahre um das zu vollenden.

Woran sollten Fotografen in der Zukunft denken?

Ein einziger riesiger Weltmarkt kommt auf uns zu, und wir werden immer öfter gegeneinander antreten. Laßt uns also im Geschäft fair bleiben und eine Organisation gründen, um den Wettbewerb zu regeln. Dabei sind Informationen wichtiger als Geld – wir sind bereit unser Wissen und unsere Erfahrungen zu teilen.

Wie soll das genau aussehen?

Wir wollen eine unkomplizierte Verbindung zwischen A.S.M.P. und anderen Fotografen-Vereinigungen ermöglichen – das ist ein Angebot an FreeLens. Wir planen auch ein Kommunikationsnetz zu etablieren, eine eigene weltweite Organisation für Kreative Vereinigungen.
Ich glaube, Fotografen könnten dabei eine führende Rolle spielen, denn nach meiner Erfahrung setzen sich Fotografen in einigen Ländern engagierter für ihre Rechte ein und sind organisierter als andere Kreative.