MAGAZIN #25

Die Mauerspechte

Mauern bröckeln, Mauern fallen – an der israelisch-palästinensichen Grenze wachsen sie. Grund genug für Fotografen, den Betonwall als Projektionsfläche zu nutzen, um mit ihren Fotos das Verbindende herauszustellen, nicht das Trennende.

Text –

Dirk Kirchberg

Foto –

Uta Freia Beer (Challenging Walls)

In der Nacht erscheinen die Bilder. Bilder von spielenden Kindern, von Menschen in Bars, in Bussen, auf Straßen, in Parks, beim Friseur, im Schwimmbad. Bilder von Wohnsiedlungen, frischer Wäsche auf der Leine, Landschaften, Kindern, Kindern und immer wieder Kindern. Schauplatz dieser Diashow war ein Abschnitt des derzeit 406 Kilometer langen »Sicherheitszauns« zwischen Israel und Palästina nahe den Städten Jerusalem und Abu Dis. Dieisraelische Regierung vermeidet das Wort »Mauer« und spricht vom »Zaun«, die Palästinenser dagegen sprechen von der »Apartheid-Mauer«. Für zwei Nächte wurde das Sperrgebiet rund um die an dieser Stelle acht Meter hohe Mauer zum Schauplatz einer Kunstaktion, von der viele im Vorfeld gesagt hatten, sie wäre unmöglich zu realisieren.

Auf rund 50 Meter des Betonwalls, der Freunde und Familien voneinander trennt, Dörfer willkürlich durchschneidet, es Bauern unmöglich macht, ihre Felder jenseits des Betonkolosses zu erreichen, Arbeitern sowie Studenten die direkte Fortbewegung erschwert, projezierten acht Künstler Fotos vom Alltagsleben in ihren Heimatländern. Alle kommen aus Ländern mit einschlägigen Mauer-Erfahrungen: Nordirland, Zypern, Deutschland und eben Israel bzw. Palästina. Die israelische Mauer – wie die in Nordirland, die zwischen Mexiko und den USA, die auf Zypern, die quer durch Korea – soll abgrenzen, fernhalten, das hinter der Mauer Liegende vergessen machen.

Ob die Mauer, die Israel als Schutzmaßnahme gegen Terroristen quer durchs Land baut, nun völkerrechtlich zu verurteilen ist, müssen Staatsrechtler entscheiden. Für die Menschen in der Region ist sie steinerne Realität. Nicht nur eine physische Mauer, auch eine gedankliche Demarkationslinie, die Wirkung zeigt: »Drüben« sind immer die Bösen. Ruthe Zuntz, in Haifa geborene und seit 15 Jahren in Berlin lebende Künstlerin, attestiert eine mentale Metamorphose: »Die Menschen sehen sich nicht mehr als Nachbarn, sondern als Feinde, als Monster.«

Für die Menschen in Israel gehörte der Terror lange Zeit zum Alltag. »Jede Woche gab es Bombenanschläge. Die Kinder zur Schule zu schicken, war für viele Eltern wie Roulette spielen. Sie wussten nicht, ob ihre Kinder wieder gesund nach Hause kommen würden.« Seit rund zwei Jahren gibt es den »Sicherheitszaun«, die Selbstmord-Anschläge hörten auf. Für viele Israelis ist die Rechnung daher simpel. »Eins plus eins gleich zwei«, sagt Ruthe Zuntz, »aber so einfach ist das nicht«.

Zuntz wollte die Menschen jenseits der Mauer zeigen, die Menschen »hinter der Maske des Feindes«, wie sie es formuliert. Zusammen mit ihrem Kollege Michael Reitz machte sie sich daran, die Mauer umzudeuten: »Es tat weh, zu erleben, wie die Situation immer schlimmer wurde. Mir war es wichtig, für die ganze Region etwas zu tun. Man kann als Künstlerin natürlich entscheiden, dass man nichts tut. Dann ändert sich aber auch nichts.«

Wichtig waren Zuntz, Reitz und ihrem Team, von Anfang an klarzumachen, dass ihr Projekt »Challenging Walls« nicht gegen etwas oder jemanden ist, sondern für die Menschen. Viel Überzeugungsarbeit lag vor ihnen. Denn: »In Israel läuft so was völlig anders als in Deutschland. Hier stellst Du einen Antrag. In Israel musst Du jeden persönlich überzeugen.«

Zuntz sprach im Laufe der Monate mit rund 400 Personen, unter anderem auch mit Ehud und Aliza Olmert. Die Frau des israelischen Ministerpräsidenten, selbst Fotografin und Künstlerin, war schnell überzeugt. Bald genehmigte auch die israelische Armeeführung den Zugang zum Sperrgebiet und stimmte letztlich allen Forderungen der Künstler zu. Arabische Partner zu finden stellte sich als schwieriger heraus. »Die palästinensischen Institutionen hatten eine Art Embargo gegen Israel erlassen und wollten nicht mit uns zusammenarbeiten«, erzählt Zuntz. Doch als sie die Präsidenten der arabischen Al-Quds-Universität von »Challenging Walls« überzeugt hatte, ahnte sie, dass das Projekt gelingen würde: »Einer der Professoren war begeistert und sagte, jetzt würden Palästinenser endlich so gezeigt, wie sie wirklich sind. Nicht nur als Steine schmeißende Kinder und Selbstmordattentäter.«

So fuhren rund 500 Israelis und Palästinenser in Bussen in das Sperrgebiet von Abu Dis. Unkontrolliert. Auch auf derarabischen Seite versammelten sich mehrere hundert Menschen und verfolgten die Installation. Die Fotoarbeiten der Künstler aus Nordirland, Zypern, Deutschland, Israel und Palästina waren kilometerweitbis nach Jerusalem zu sehen. Denn an der ausgesuchten Stelle verläuft die Mauer über einen Hügel. Berge sind immer gut für weit reichende Botschaften. Die Botschaften der absichtlich »naiv« gehaltenen Bilder erläutert Michael Reitz: »Diese Bilder vom Alltagsleben in den verschiedenen Ländern, projeziert auf eine massive und deprimierende Mauer, standen im Kontrast zur bekannten Bildsprache, die von schießenden Soldaten und vermummten Kämpfern geprägt ist. So öffnete sich ein Spalt, durch den die Menschen jenseits der stereotypen Bilder erkennbar wurden.«

Eines der Bilder, die an diesem Abend entstanden, zeigt Ruthe Zuntz über das ganze Gesicht lachend. Sie hätte auch gut in das Projekt »Face2Face« des französischen Künstlers JR gepasst, der zusammen mit seinem Genfer Kollegen Marco – beide nennen nur ihre Vornamen und wollen anonym bleiben – durch Israel und Palästina reiste und sehr eigenwillige Portraits anfertigte. Und während Zuntz und ihr Team monatelang verhandeln, erklären und überzeugen mussten, um die nötigen Genehmigungen zusammenzubekommen, kümmerte sich JR nicht um Anträge oder Erlaubnisse.

Erklären musste aber auch JR stets aufs Neue, was er vorhatte. Ihm wurde immer wieder eine Frage gestellt: »Die Menschen wollten wissen: Ist das gut für den Frieden? Ich antwortete: Keine Ahnung, aber es ist ein Versuch.« Mit einem Weitwinkelobjektiv portraitierte er auf beiden Seiten der Mauer Menschen mit gleichen Berufen: Bauern, Friseure, Hausfrauen, Lehrer, Musiker, Rentner, Schauspieler, Taxifahrer, Tankwarte. Er rückte ihnen mit seiner Kamera auf den Pelz. Aus nicht einmal einem halben Meter fotografierte er sie, und sie sollten nicht ernst in die Kamera schauen, sondern möglichst bizarre und lustige Grimassen schneiden. Der Erfolg überraschte selbst den Künstler: »Von 46 Personen, die wir fragten, haben lediglich fünf nicht mitgemacht.«

Die entstandenen Portraits machen es dem Betrachter unmöglich zu sagen, wer auf den Bildern Moslem und wer Jude ist, wer Israeli und wer Palästinenser. JRs Fotos entkräften das Klischee vom Feind jenseits der Mauer. Übrig bleiben – Menschen.

Als Ausstellungsfläche für seine Bilder wählte JR neben Privathäusern ebenfalls die Mauer. Diese beklebte er mit vier mal sieben Meter großen Ausdrucken der Portraits. »Überall gab es Debatten. Manche waren für das Projekt, andere dagegen. Die erste Reaktion war allerdings immer ein Lachen.«

Trotz einer Festnahme in Hebron und der Drohung seitens der israelischen Armee, ihn sofort des Landes zu verweisen, machte JR weiter: »Die Helden dieses Projektes sind die Menschen, die sich fotografieren und mich die Fotos an ihre Wohnhäuser, Geschäfte und Restaurants kleben ließen. Sie sind ein viel größeres Risiko eingegangen als ich. Denn sie mussten jeden Tag aufs Neue erklären, warum diese riesigen Grimassen dort kleben.«

Zwei unterschiedliche Projekte – eines offiziell abgesegnet, das andere illegal, eines üppig mit Fördermitteln der EU ausgestattet, das andere auf eigene Kosten. Und so unterschiedlich ihre Herangehensweisen sind, so ähnlich ist doch ihr Erfolg: Nämlich, dass Israelis und Palästinenser, Juden und Moslems nicht länger nur eine Mauer sehen, sondern auch die Menschen dahinter, die keine Feinde sind, sondern sich genauso sehr nach Frieden sehnen wie sie selbst.

Der belgische Ordenspriester Phil Bosmans sagte einmal: »Humor und Geduld sind Kamele, mit denen wir durch jede Wüste kommen.« In der Wüste zerfällt jeder Stein irgendwann einmal zu Sand. Und wie alle Mauern beginnt auch diese neue und massive Mauer zwischen Israel und Palästina bereits zu bröckeln. Erste Risse hat sie schon. Man muss nur ganz genau hinsehen.

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Dirk Kirchberg
arbeitet als freier Autor, Konzepter und Online-Redakteur in Hannover.