MAGAZIN #18

Die schönste Nebensache der Welt

Magnum-Reporter haben überall auf der Welt Fußball fotografiert. Ohne Auftrag, ganz nebenbei. Jetzt sind die Arbeiten als Buch erschienen. Zum Glück.

Es ist ziemlich klein, obwohl Magnum draufsteht. Aber es ist trotzdem groß – denn es ist das schönste Fußball-Buch, das es gibt. Wahrscheinlich genau deshalb, weil es gar nicht als solches geplant war. Im Londoner Büro der weltberühmten Fotoagentur Magnum hatte man die Idee, sich mal dem Fußball zu nähern, und siehe da: In den eigenen Archiven fanden sich rund 4.000 Bilder zu dem Thema, ohne dass die Fotografen jemals nennenswerte Aufträge in dieser Richtung gehabt hätten. Es sind sozusagen »Abfall-Produkte« von anderenReportagen, die nebenbei aus Liebe zu diesem Sport und mit dem Sinn für den »entscheidenden Augenblick« entstanden sind, schreibt Magnum-Gründer Henri Cartier-Bresson.

Seit über fünfzig Jahren reisen nunmehr die Reporter durch die Welt und fanden die Seele und die Wiege des Fußballs, der sich täglich überall auf dieser Erde neu erfindet. Da geht es nicht um Millionäre in kurzen Hosen und ihre Profi(t)-Meisterschaften, sondern um den Spaß am Spiel unter allen möglichen und unmöglichen Bedingungen, in den seltensten Fällen allerdings auf genormten Plätzen und in vollem Sportdress.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie völkerverbindend Fußball nun eigentlich ist, erkennt man das zwar vordergründig daran, dass bei Fußball-Weltmeisterschaften Milliarden Menschen vor dem Fernseher sitzen, aber hintergründig erst, wenn man sich die Bilder in diesem feinen Buch anschaut. Jedes für sich eine kleine Entdeckungsreise. Zusammen aber der Schlüssel zur Faszination dieses Spiels. Der etwas untersetzte ältere Mann, der im Londoner Hyde Park zu einem Kopfball ansetzt, ist mit derselben Leidenschaft bei der Sache wie die Kinder in der katholischen Mission in Kometu, Kamerun. Die Freizeitkicker auf den Tuilerien in Paris haben den gleichen Spaß wie die Straßenkinder aus Usbekistan.

Insgesamt nehmen uns die Magnum- Fotografen mit auf eine Zeit- und Weltreise durch fünf Jahrzehnte und in jede Kultur und alle Winkel dieser Erde. Und sind Motive und Schauplätze noch so vielseitig und unterschiedlich, so ähnlich ist die Haltung der Reporter. Es sind die kleinen Szenen, die sie verbindet. So bekommt man unweigerlich ein Gefühl für die Anziehungskraft dieses Sports. Denn auch der neureiche Edelfan, der mit teuren Devotionalien hell beleuchtete Fußballtempel aufsucht, kann sofort das Bild der Jungen dechiffrieren, die im Flüchtlingslager in Tansania mit einem Stofffetzen kicken. Der Ball ist der Code. Man sieht Mönche und Häftlinge, Kinder und Frauen, Soldaten und Behinderte, die dem Ball nachlaufen, und Tore jeglicher Bauart. Die Spielfelder sind tatsächlich wörtlich zu nehmen, fernab uniformer Rasen-Rechtecke. So schön kann Fußball sein. Nicht auszudenken, wenn das alles im Archiv versteckt geblieben wäre.

Magnum Fußball
Berlin: Phaidon Verlag 2002.
185 Seiten. 25 Euro

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Johannes Taubert
lebt als freier Autor und Journalist in Hamburg