MAGAZIN #30

Die Summe der Möglichkeiten

Es ist kein Wettbewerb und es geht nicht um Auszeichnungen. Allein die Teilnahme ist Anreiz genug. Für die Aussstellung von »klubfoto« laden Fotografen andere Fotografen zu einem gemeinsamen Thema ein. Dieses Jahr lautet es: »Unterwegs«

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Sabina Riester

Denken Sie jetzt bitte nicht an eine Karawane im Sonnenuntergang. Denken Sie beim Stichwort »Unterwegs« auch nicht an ein Paar ausgetretener Stiefel. Es gibt noch so viele andere Möglichkeiten, diesen Begriff in ein Bild zu übersetzen. Und sollten Sie Fotograf sein: Machen Sie sich frei von den Fotos, die andere von Ihnen erwarten.

Ein Wort – ein Foto. Ein Wort – viele unterschiedliche Aufnahmen, die Bilder zahlreicher Fotografen, ein- und dasselbe Thema individuell interpretiert. Das ist das Prinzip des 2001 in Hamburg gegründeten Fotografie-Forums »klubfoto«, einem Projekt von Fotofreunden für Fotofreunde.

»Neulich«, »Weihnachten«, »Klischee«, »Nachts«, »Respekt«, »Berühmt«, »Privat«: Mit diesen Begriffen im Gepäck, schickte klubfoto seine Fotografen bisher auf die Reise. Jetzt ist »Unterwegs« das Stichwort der Stunde. 89 Fotografen haben die Initiatoren von klubfoto in diesem Jahr eingeladen, mit rund 80 Einsendungen rechnet die mittlerweile sechsköpfige Mannschaft hinter klubfoto. Der Kreis ist größer geworden. Bei der ersten Runde waren es noch 22 Teilnehmer, allesamt Freunde von Axel Martens und Martin Luther, den Gründern des Projekts.

Heute ist die Mischung bunter, aber das Klub-Prinzip bleibt. Wer bei diesem Ausstellungsreigen mitmachen möchte, muss sich durch persönlichen Kontakt oder durch beeindruckende Aufnahmen qualifizieren. Die Auswahl erfolgt bei klubfoto gleich zu Beginn: Beteiligung ausschließlich auf persönliche Einladung und gegen Teilnahmegebühr, die eingereichten Arbeiten werden danach nicht bewertet. Sämtliche Einsendungen werden gezeigt. Ohne Jury-Auslese, ohne Preisvergabe. Besser und schlechter ist kein Kriterium. Das nimmt den Druck und weitet den kreativen Freiraum.

Denn Druck und die Erwartungshaltung der Auftraggeber kennen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu genüge. Fast alle sind Berufsfotografen, die freien Projekte laufen nebenher. Das Fotografieren im freien Fall hält die Kreativen beweglich. Und während manch ein Werbefotograf für sein klubfoto-Bild Belichtungsmesser und Blitzequipment im Koffer lässt und sich die Freiheit verwackelter Bilder gönnt, achtet der Fotojournalist, als Meister der schnellen Bilder, auf aufwendige Inszenierung und nimmt sich Zeit für seine Aufnahmen.

Volker Hinz, langgedienter stern-Fotograf, ist dieses Jahr zum ersten Mal bei einer klubfoto-Ausstellung dabei. Den Spagat zwischen der Auftragsarbeit für den stern und freien Projekten hat er seit Jahrzehnten gelebt. Auf dem Weg zu einem Termin hat er für seine Hasselblad immer eine zweite Kassette im Gepäck. Beruflich fotografiert er in Farbe, privat in schwarz-weiß. Er freut sich für das klubfoto-Projekt »mal etwas anderes machen zu können«, eine weitere fotografische Facette zu zeigen.

Auch Florian Jaenicke versteht klubfoto als »eine schöne Möglichkeit sich mit dem Medium Fotografie einmal wieder frei von Auftragszwängen auseinanderzusetzen, für sich herauszufinden was für Bilder man eigentlich am liebsten macht«. Auch wenn die Suche nach den individuellen Bildern oft schwieriger ist, als die Umsetzung eines Briefings. Manchmal hilft der Zufall: Samuel Zuder fand sein Motiv zur klubfoto-Ausstellung »Privat« in einem Hintergarten, einer Location für einen kommerziellen Job. Die 60er-Jahre-Stühle, die zum Gartenhäuschen umfunktionierte Telefonzelle bieten eine ideale Kulisse. Er bittet den Rentner im Motorradanzug für einen Augenblick Platz zu nehmen. Glücklicherweise hatte Samuel Zuder seine analoge Mamiya im Gepäck. Zwei Sichtweisen, zwei Kameras: vorne die Hochglanzbilder für ein Autoheft, hinten die surreale Szenerie zwischen Weltall und Jägerzaun. Man muss nur gekonnt zwischen diesen Blickwinkeln balancieren können.

Bei anderen Fotografen sind die Grenzen zwischen Kunst, Leben und Arbeit im Lauf der Jahrzehnte verschwunden. Der Berliner Gesellschaftsfotograf Edgar Herbst mag sich nicht mehr anpassen. Ihn reizen die persönlichen Projekte: Für »Unterwegs« plant er eine Serie mit Selbstporträts: Edgar Herbst im Strudel der Nächte, mit Edgar Herbst berauscht durch die Jahrzehnte. Beim Blick auf die Arbeiten der anderen ist sein Urteil gemischt, manche Arbeiten findet er toll, andere langweilig, nichts sagend, eben angepasst. Und manchen Fotografen würde er liebend gern vor sich selber schützen, denn »die Bilder, die wir zeigen, sind der Einblick, den wir in unser Innerstes geben«.

Die Jury sind bei klubfoto die anderen, die Kollegen, die mit ihren Bildern Seite an Seite hängen. Konkurrenz? Ja und nein. Während anderorts die Casting-Shows flimmern, muss es hier nicht auch noch um »in« und »out« gehen, eher darum etwas gemeinsam zu machen, einen Anstoß zu geben, über Bilder zu reden, die eigenen und die der anderen. Schielen, sticheln und spotten bleibt aber auch hier erlaubt, klubfoto ist ja keine Kirche.

klubfoto ist laut Fotograf Bernd Jonkmanns eher »wie zu einem Verein zu gehen«, und ähnlich bunt wie auf dem Bolzplatz ist auch die Mischung der klubfoto-Fotografen: Fotojournalisten, Autorenfotografen allen Alters, Fotohandwerker, Hochglanzwerber, Kunst- und Pressefotografen, die klubfoto-Initiatoren selbst und Fotoliebhaber, wie Fotobuchhändler Michael Klein-Reitzenstein hängen mit ihren Arbeiten einträchtig beieinander. Und jeder präsentiert sein Bild selbst: im klassischen Holz- oder Alurahmen, aufgezogen oder als Druck an die Wand gepinnt.

Es gibt Fotografen, die die schwankende Qualität der einzelnen Arbeiten kritisieren. Sie möchten ihre Bilder lieber in einer »Galerie der Besten« sehen, andere finden gerade das spielerische Element und die schwankende Qualität der Arbeiten gut, möchten Bilder nicht an der Außenwirkung messen. Auf einen Ruf können sie sich aber einigen: »Weg vom Mainstream«. Denn nur dann entsteht etwas Besonderes. Für Enver Hirsch hat sich die Arbeit für klubfoto gleich doppelt gelohnt, er hat im Rahmen des Projekts einige seiner untypischsten Bilder gemacht, die Nahaufnahme einer Schnecke, sein Beitrag zu »Nachts« wurde das Coverfoto für sein Buch »Toast Hawaii«.

Apropos Buch, ein bisschen käuflich ist das ambitionierte Projekt klubfoto doch: Zu jeder Ausstellung erscheint ein Magazin, und die einzelnen Arbeiten lassen sich in einer limitierten Auflage erwerben. Pro Motiv gibt es nur zehn Exemplare, ungerahmt für 400 Euro pro Bild. Ist klubfoto auf dem Weg zu einem kommerziellen Projekt? Geplant sei das derzeit nicht, sagt klubfoto-Frontfrau Simone Thürnau: »Es gibt pro Ausstellung immer nur wenige Arbeiten, die sich gut verkaufen, und schließlich soll die Verkaufbarkeit auf keinen Fall Maßstab für die Bilder werden.«

Die meisten Fotografen waren bis einige Tage vor Abgabe noch eifrig am Fotografieren, Auswählen, Aufziehen. Enver Hirsch verließ sich auf das Fotografenglück in letzter Minute. Sicher war nur, dass es ein Motiv aus Thailand sein wird, denn er ist für ein Jahr in Bangkok. Einem Fotografen muss man nicht erklären, was es bedeutet, unterwegs zu sein.

Örtlich flexibel und geistig mobil sind sie alle, ein jeder eben auf seinem Weg. Wie sagt Volker Hinz so schön? »Fotografie ist die Summe der Möglichkeiten«. Für klubfoto gilt das auch.

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Sabina Riester,
Kommunikations-Designerin, arbeitet mit Fotografie in diversen Disziplinen als Gestalterin, Fotoredakteurin, Autorin. Sie lebt und arbeitet in Hamburg