MAGAZIN #31

Don’t Press the Button and Do the Rest!

Ein viel besuchter Ort – und dennoch findet sich von ihm nicht die geringste optische Spur. Hier wird nicht fotografiert, mehr noch: diese Welt ist völlig frei von Bildern – eine Wellnessoase gegen den visuellen Overkill. Der Erlebnispark N.E.V.E.R.S.E.E.N. besteht inzwischen fünf Jahre

Text –

Christoph Schaden

Blickt man zurück, muss man neidlos konstatieren, dass es neun Buchstaben waren, die unsere Medienwelt in der letzten Dekade radikal verändert haben. Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass N.E.V.E.R.S.E.E.N. seine Pforten öffnete und sogleich einen kollektiven Sturm der Entrüstung hervorrief, wie er hierzulande als beispiellos gelten darf. Erinnern wir uns: Bill Westman, charismatischer Medienmogul und Inhaber des US-amerikanischen Konzerns CADOK, hatte völlig unbeachtet von der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit ein 400 Hektar umfassendes Areal inmitten der Wüstenei Brandenburg erworben und dieses mit einer hohen Betonmauer abschirmen lassen. Am 19. August 2016 war es dann soweit, der Medien-Coup wurde auf allen Twacern gepostet: N.E.V.E.R.S.E.E.N. hieß seine ersten Besucher willkommen! Das Gelände sollte fortan als Erlebnispark sowie als therapeutisches Klinikum genutzt werden, ließ der Investor eine düpierte Öffentlichkeit ziemlich wortkarg wissen. Unaufhaltsam setzte sich sofort eine gigantische Medienmaschinerie in Gang. Innerhalb von wenigen Stunden wurde das Projekt mit einem Stigma des Sektiererischen belegt. Dennoch verfolgten nicht nur Lobbyisten und Medienvertreter die dreitägigen Eröffnungsfeierlichkeiten zu N.E.V.E.R.S.E.E.N. mit Argusaugen. Schnell machte die Wendung vom »Big-Brother is watching you…« die Runde. Die Macher rieben sich die Augen. Schließlich stellte der propagandistische Slogan die eigentliche Intention des Unternehmens nahezu auf den Kopf.

INFORMATION GAP

Wie wir heute wissen, haben jene denkwürdigen Ereignisse vom August 2016 in den letzten Jahren ein ganzes Wissenschaftsheer von Medientheoretikern und Zeithistorikern, von Psychologen und Soziologen auf den Plan gerufen, die wahnhaften Reaktionen von damals analytisch in Augenschein zu nehmen. Ihr Forschungsbefund offenbart unisono das Meisterstück einer Public Relation Kampagne, die ihre Energie auf virtuose Weise aus einem so genannten Information-Gap ziehen konnte. Genial erscheint im Rückblick, dass das beispiellose Erfolgsrezept von N.E.V.E.R.S.E.E.N. bereits im Titel zum Ausdruck kam.

Dass der Fokus von N.E.V.E.R.S.E.E.N. schon zu Beginn auf einen blinden Fleck der Wahrnehmung zielte, war keineswegs Zufall. Zumal Westmans geniale Marketingidee auf einer präzisen Gegenwartsanalyse des Soziologen Niklas Beckmann basierte. »Längst scheint die ganze Welt dank Google bis in die letzten Winkel hinein fotografiert und kartografiert,« schrieb der namhafte Wissenschaftler in seinem 2011 erschienenen Standardwerk »Das Erlebnis der Gesellschaft«. »Kein noch so nichtiges Detail bleibt vor der Erfassung bewahrt, keine Landschaft bleibt von Bildern unberührt, kein Haus, kein Mensch unsichtbar. Entdeckungen und Abenteuer lassen sich bei der allgegenwärtigen Transparenz bekanntlich nur noch in jenen virtuellen Sekundärwelten finden, die unser Dasein bis heute bestimmen.«

NUR ICH!

Vor kurzem äußerte sich Bill Westman in einem Interview erstmals darüber, wie er auf die Idee zu N.E.V.E.R.S.E.E.N. gekommen sei. Vor zehn Jahren wäre er über einen Freund auf eine ShortNews aus Ostdeutschland aufmerksam gemacht worden, erinnert er sich. Damals, im November 2010, hätte ein 70-Seelen Ort namens Parum in Mecklenburg-Vorpommern gegen die Aktionen von Google Street View opponiert. Der Bericht enthielt ein Bild, auf dem ein Mann auf ein Verkehrsschild mit der Botschaft Fotografieren Verboten! hingewiesen hatte. Diese Verweigerungshaltung hätte ihn sofort fasziniert, kommentiert Westman. »In ihr offenbart sich eine tiefe Sehnsucht nach einer Selbsterfahrung, die verschont bleiben möchte von den Medien.« Eine Welt ohne Bilder habe er in der Folge erschaffen wollen, N.E.V.E.R.S.E.E.N. sei für ihn eine visuelle Wellness-Oase, im gewissen Sinne sogar ein Paradies.

Der Weg zurück in eine bildlose Realität sei für viele allerdings steinig, gibt Westman zu. »Zunächst merken die Besucher zwar eine enorme Entlastung. Keiner posiert mehr, keiner zückt mehr eine Kamera. Doch dann droht schnell ein eiskalter Entzug.« Zahlreiche Therapeuten stünden dann bereit, wenn die mediale Entsagung sich in psychischen und physischen Zusammenbrüchen niederschlägt. Starke Identitätswirrungen seien nicht selten, sagt Westman, da müsse man durch. »Da ist fast nichts mehr. Nur ein Raum. Nur ich und ein paar andere. Aber genau darauf kommt es an.«

Heutzutage sei eine bildlose Auszeit ja sehr schwierig. Der clevere Geschäftsmann kommt dann fast zwangsläufig auf die immens hohen Sicherheitsanforderungen zu sprechen, die mit einem Echtheitserlebnis im N.E.V.E.R.S.E.E.N. – Park erforderlich sind. Einen monumentalen visuellen Schutzschirm hätte man gegen Google Map installiert sowie Verträge mit den internationalen Sicherheitskräften unter Dach und Fach gebracht mit dem Ziel, jegliche Observation für das bildlose Reservat zu unterbinden, sagt er.

DO THE REST!

Wer heute, fünf Jahre nach seiner Eröffnung, N.E.V.E.R.S.E.E.N. einen Besuch abstattet, wird im Check-In des tristen Eingangsbereichs auch weiterhin mit einem ganzen Arsenal an hybriden Sicherheitsvorkehrungen konfrontiert. Rasch wird deutlich, dass der eigentliche Feind des Erlebnisparks weniger in Sicherheits- und Antiterrorauflagen zu suchen ist, wenngleich jeder Besucher einen Parcours zu durchlaufen hat, der an die Bedingungen an Flughäfen erinnert. Um versteckte visuelle Speicherchips auszumachen, die im menschlichen Körper implementiert sein können, werden die Tagesreisenden etwa mit einem Ganzkörperscanner durchleuchtet. Jeder Besucher erhält zudem ein Formular, welches das Fotografierverbot erläutert und unterschrieben werden muss. Gab es zu Beginn insbesondere bei Fotografen und Bildjournalisten erheblichen Widerstand gegen die Auflage des Fotografieverbots, nutzt gerade diese Klientel nun mehr und mehr das weitschweifige Areal als Naherholungsgebiet. Es ist auch wenig erstaunlich, dass der offizielle Slogan des Erlebnisparks kürzlich einen Eintrag ins digitale Lexikon der Menschheit geschafft hat. Er lautet »Don’t Press the Button and Do the Rest!«

Die Tatsache, dass sich N.E.V.E.R.S.E.E.N. bis heute erfolgreich gegen alle Visualisierungsstrategien zur Wehr setzen konnte, bildet letztlich wohl den Kern der kommunikativen Erfolgsformel. Denn weniger die Frage, was der Besucher in dem Erlebnispark eigentlich erfahren kann, als vielmehr das Dilemma, das Erlebte nur erzählend und somit eingeschränkt weitergeben zu können, hat ganz wesentlich zur Mythenbildung des Parks beigetragen.

Intellektuelle Zirkel diskutieren das Phänomen N.E.V.E.R.S.E.E.N. bereits im Abgleich zum legendären Militärgelände Area 51 in Nevada, und der US-amerikanische Fotograf Travor Paglen hat angekündigt, investigativ gegen Westmans Renommierprojekt vorzugehen. Es bleibt also spannend. Im Web. 4.0 türmen sich derweil unzählige Erfahrungsberichte von Besuchern, angereichert mit Zeichnungen und anderen hilflosen Versuchen, die Erfahrung wieder ins Bildhafte zu rekonstruieren. Ausnahmslos attestieren sie N.E.V.E.R.S.E.E.N. eine Einmaligkeit, wenngleich die Beschreibungen subjektiv unterschiedlich und wenig spektakulär ausfallen. »Nichts besonders«, heißt oftmals die Antwort von austretenden Besucher auf die Frage, was sie denn gerade erlebt hätten. Ihre Augen glänzen dabei merkwürdig.

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Christoph Schaden
lehrt als Professor an der University of Visual Arts in London. Der Kunsthistoriker beschäftigt sich seit 2005 mit Fotografie und Kunst. www.christophschaden.de