MAGAZIN #12

Das digitale Fotografen-Netzwerk – Editorial Photographers

Frustration kann Auslöser für Veränderungen sein, klug genutzte Kommunikationstechnik kann sie einleiten: Immer mehr amerikanische Fotografen-Kollegen nehmen am E-Mail-Forum »Editorial Photographers« teil und engagieren sich gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen

Text –

Cameron Davidson

Im Frühjahr 1999 gründeten ein paar Fotografen aus San Francisco einen Verbund zum Austausch von Informationen. Über E-Mail werden einige prekäre Aspekte diskutiert, die die Zukunftsperspektiven der »editorial photography« – also der fotografischen Arbeit für Redaktionen und Verlage – als eigenständige Berufssparte ernsthaft bedrohten. Aus diesem ersten Treffen wuchsen langsam, aber unaufhaltsam die Editorial Photographers (oder EP), inzwischen eine Gruppe von weltweit über eintausend Kolleginnen und Kollegen, in der täglich online die Arbeitsrealität der heutigen Fotografie diskutiert wird – eine Realität, die ohne Zweifel entweder das Wesen und die finanzielle Basis dieses Berufszweigs verändern oder ihn in die Bedeutungslosigkeit abdrängen werden. Der EP-Mailverbund und die dahinter stehenden Mitglieder sind inzwischen in der Foto-Branche eine anerkannte Größe geworden. Die Gruppe reflektiert Verträge, allgemeine Geschäftsbedingungen, Arbeits- und Lieferkonditionen, Strategien, Frustrationen, Erfolge, Rückschläge, Ideen.

EP entstand aus der Verärgerung von Fotografen über miese Verträge und üble Praktiken seitens des Managements bestimmter Zeitschriften- bzw. Verlagsgruppen. Die Bedingungen, die die Rechte an und die Weiterverwendung von Material einschränkten, das während eines Auftrags entstanden war, legten den für ein »Kreativ-Honorar« gebuchten Fotografen eine unannehmbare finanzielle Beschränkung auf. Die herkömmlich gezahlte Summe reflektiert nicht den Wert der entstandenen Arbeit (und war auch nie so beabsichtigt); schon seit langem lag der Satz weit unter den von Wirtschaftsunternehmen oder im Bereich Werbung gezahlten Honoraren. Die Befriedigung in der Arbeit für Printorgane musste man in dem Umstand finden, dass die eigenen Bilder durch Publikation in Magazinen oder Büchern einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurden und eine Namenszeile trugen.

Finanziell wurde und wird dieser Zweig der Fotografie jedoch erst dann lukrativ, wenn man Geschichten und Bilder als »stock« weiterverkauft, Bildessays in anderen Magazinen veröffentlicht oder die Fotos in einer Zweitverwertung vermarktet, was jedoch unter restriktiven Vertragsbedingungen nicht möglich ist. Freelancer sind Freiberufler; sie sind keine Angestellten – und dieser Unterschied muss sich in den vertraglichen Vereinbarungen widerspiegeln. Freie Fotografen, so lautet eine unserer Forderungen, müssen das Copyright an den von ihnen während eines Auftrags erstellten Bildern behalten und darüber verfügen können.

AKTUALISIERUNG DER TAGESSÄTZE

Die Tagessätze sind nahezu zwei Dekaden hindurch gleich geblieben. Die in den frühen achtziger Jahren festgelegten Beträge galten als Garantiehonorar gegenüber einer nur nach der Anzahl tatsächlich verwendeter Bilder bemessenen Bezahlung für einen Auftrag. Die bestellten Fotos wurden damals oft ohne Blitzanlage mit dem vorhandenen Licht gemacht. Und der Einfluss von Art-Direktoren war gering oder nicht vorhanden. Wir fingen die »reale Welt« ein. Unsere Tätigkeit für Redaktionen und Verlage hat ihre Wurzeln im Fotojournalismus, und die Bilder spiegelten diese Geschichte wider.

Heute wird von Fotografen eine Arbeit erwartet, bei der Location-Scouts, Produzenten und Art-Direktoren großen Einfluss haben und die zu einem wesentlichen Teil auf spezieller Beleuchtung und hohen technischen Fertigkeiten basiert. Diese Aufträge kommen schon der Tätigkeit sehr nahe, wie man sie für Jahresberichte und Anzeigenkampagnen in den traditionelleren »kommerziellen« Bereichen macht. Hiervon abgesehen fordern viele Magazine von den Fotografen die Unterzeichnung eines Vertrages, der ohne zusätzliches Honorar fast alle Nutzungsrechte auf das Magazin bzw. den Verlag überträgt. Und zu allem Überdruss verlangen die Kunden in steigendem Maße eine inhaltliche Kontrolle – viele Fotografen müssen sich inzwischen mit Agenten und PR-Leuten abgeben, die die Veröffentlichung und die Wiederverwendung der Fotos von ihren »prominenten« Klienten einschränken wollen. Und alles dies zu Honorarbedingungen, die vor Urzeiten festgelegt wurden.

Schon ein kurzer Blick auf den Lebenshaltungs-Index zeigt, dass der Mindest-Tagessatz für diesen Einsatzbereich etwa 600 Dollar betragen sollte – im Gegensatz zu den traditionell angebotenen 350 Dollar. Nach acht Jahren anhaltenden Wirtschaftswachstums in den USA – der eindrucksvollen Boom-Phase der Neunziger – wird von Fotografen noch immer die Einwilligung in Verträge mit einem Honorarrahmen gefordert, der bereits 1981 festgelegt wurde. In einer solchen Situation muss einer der Beteiligten nachgeben; nicht wenige der Fotografen zogen in Erwägung, dieses Arbeitsfeld zu verlassen (was viele auch taten), oder sie reduzierten die Zahl der Jobs für Redaktionen und Verlage, die sie noch annehmen würden.

EP IN AKTION

Fotografen in unserem Gewerbe sind gierig nach Informationen. Sie sind davon begeistert, Ideen zu teilen und ihre Arbeitswelt zu verändern. Das E-Mail-Forum der Editorial Photographers ist auf spezifische Angelegenheiten und Lösungen ausgerichtet und hilft den Kolleginnen und Kollegen bei der Veränderung ihres Geschäftsgebahrens. In der Gruppe gibt es eine unglaubliche Menge positiver Energie – der Austausch der Informationen ist schnell und trifft genau das Thema. Ein Mitglied der Liste meinte, dass die Editorial Photographers ein größeres Einflusspotenzial haben als die herkömmlichen Berufsverbände. Die EP-Mailliste umfasst Fotografen aus Neuseeland, Australien, Russland, England, Frankreich, Deutschland, Kanada, Ägypten, Singapur, Hong-kong, Panama, Costa Rica, Venezuela und den Vereinigten Staaten.

Einer der Vorzüge dieses Mail-Forums ist die Tatsache, dass Informationen welt­weit in Internet-Zeit verbreitet werden. Wir brauchen nicht länger abzuwarten, bis Vertrags­entwürfe oder Ideen von den Managern des Foto-Business oder ihren Anwälten haarklein geprüft worden sind. Die Vorschläge für Kontrakte und Einzel-Konditionen, die wir bereitstellen, stammen von hervorragenden Urheberrechts-Anwälten, und einige Vertragsklauseln wurden eigens für einen kalifornischen Kollegen entwickelt, der Prominentenporträts für Kunden aus der Werbebranche sowie aus dem Magazinbereich erarbeitet. Diese Konditionen und Verträge werden immer stärker bei Aufträgen für Wirtschaftsunternehmen bzw. Werbefirmen oder für Magazinredaktionen und Buchverlage zugrunde gelegt.

Unser Einfluss wird vor allem daran wahrgenommen, wie sehr wir einander helfen und uns gegenseitig ermutigen, bei der Sache zu bleiben. Ein paar Beispiele mögen die Tiefe und Breite des persönlichen Kontaktes, die Intensität des Gedankenaustauschs und die Breite der Unterstützung veranschaulichen, die es in den wachsenden Reihen der EP-Mitglieder gibt.

HILFESTELLUNG DURCH EP

Neue Diskussionsteilnehmer werden zügig ins Bild gesetzt. Eine junge Kollegin stellte – in leichter Panik wegen einer dringenden Kundenanfrage, in der es um eine schnelle Preisangabe für ein ganzes Paket an Nutzungsrechten inklusive Internet-Verwertung ging – eine Bitte um Hilfe ins Forum. Umgehend berichteten ihr mehr als ein halbes Dutzend Mitglieder von ihren Erfahrungen, wie man ein solches Paket veranschlagen könne; sie gliederten das Angebot in Einzelbestandteile auf und gaben Tipps für die Verhandlung mit dem Kunden. Zusätzlich erläuterten sie detailliert, warum sie einzelne Elemente in der bestimmten Höhe ansetzten, und gaben der Kollegin und anderen wichtige Einblicke in den Entscheidungsprozess, der einer Preiskalkulation vorausgeht.

In einem weiteren Fall kaufte eine Teilnehmerin der EP-Liste einen neuen Computer mit Scanner und Drucker. Da sie in aller Eile vor einer Reise nach Europa noch ein neues Portfolio ausdrucken wollte, setzte sie ein Hilfeersuchen auf eine der E-Mail-Listen. Ein anderes Mitglied half ihr daraufhin, während eines dreistündigen Ferngesprächs den Scanner, die Software ColorSync und die Drucker-Treiber zu installieren. Sie hatten noch nie miteinander gesprochen und haben sich bis heute nicht getroffen.

Der von EP ausgeübte Einfluss wird größer: Als Ergebnis der online-Diskussionen schreiben Leute an die Zeitschriftenredaktionen, weisen vorgeschlagene Verträge zurück und bieten neue Arbeitsvereinbarungen an, die dem Wert der gelieferten Bilder entsprechen.

Das EP-Mailforum wächst sehr schnell – was sich daraus einmal entwickeln und wo es hinführen wird, darüber mag jeder selbst spekulieren. EP wurde inzwischen als Non-Profit-Organisation mit Sitz in Kalifornien eingetragen; die nötigen Finanzen werden durch Fund-Raising wie z. B. den Verkauf von T-Shirts und Mützen aufgebracht.

Editorial Photographers ist eine reale Kraft geworden. Viele Fotografen haben gesagt, sie hätten durch das EP-Mailforum mehr über das Fotografie-Geschäft gelernt als auf Seminaren und in Kursen, die professionelle Fotografen-Organisationen anbieten. EP hilft den Fotografen, sich auf die wesentlichen Aspekte unseres Geschäftes zu konzen­trieren. Um am EP-Mailforum teilnehmen zu können, muss man einen Teil seines Einkommens durch Arbeit für Magazine oder Buchverlage erzielen. Von der Gruppe eingesetzte Moderatoren bestätigen die neuen Mitglieder. Es ist eine sichere Liste, die zu offener und direkter Diskussion über die Angelegenheiten und Probleme eines speziellen Berufszweiges ermutigt.

Nähere Informationen finden sich auf der Website www.editorialphoto.com

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Cameron Davidson
ist einer der Moderatoren der Editorial Photographers und für Fundraising-Aktionen verantwortlich. Er lebt in Arlington, Virginia. Profi-Fotograf, Arbeit u.a. für National Geographic; in den USA für seine Luftaufnahmen bekannt. Karen Atwood hat seinen Originalbeitrag redaktionell betreut.

Aus dem Amerikanischen von Kay Dohnke.