MAGAZIN #35

Ed Kashi zeigt die Absurditäten eines sinnentleerten Krieges: Pause vom Kampf im Palast-Pool von Saddam Husseins Sohn Uday in Bagdad.

Ed Kashi zeigt die Absurditäten eines sinnentleerten Krieges: Pause vom Kampf im Palast-Pool von Saddam Husseins Sohn Uday in Bagdad. Foto: Ed Kashi

»Es hat mich zerrissen«

Er kennt den Schrecken des Krieges wie kaum ein anderer. Mit »Bilderkrieger« hat der Amerikaner Michael Kamber jetzt ein Buch vorgelegt, in dem er Kollegen über ihre Motive, Ängste und Hoffnungen als Kriegsfotografen befragt.

Interview –

Felix Koltermann

Felix Koltermann: Michael, du warst selber jahrelang als Fotojournalist in Afghanistan, Irak und anderen Krisengebieten unterwegs. Was hat Dich dazu motiviert, ein Buch über Fotojournalisten im Irak zu machen?

Michael Kamber: Zwischen 2003 und 2012 war ich über acht Jahre immer wieder im Irak. Aber wenn ich zurück in die USA ging, hatten die Menschen dort keine Vorstellung davon, was im Irak passiert. Wir sind in einen Krieg gezogen, der Hunderttausende Menschen das Leben gekostet und ein Land zerstört hat und niemand schien etwas darüber zu wissen. Die Menschen in den USA wussten zwar vage, dass es dort Autobombenanschläge gibt, kannten aber keine Details, weil Bilder effektiv zensiert wurden. Ich hatte das Gefühl, dass es Wahrheiten über den Krieg gibt, mit denen Amerika sich nicht auseinandersetzen wollte. Ich habe das Buch gemacht, weil es mich innerlich zerrissen hat, zu wissen, dass das, was ich gesehen habe, nirgendwo repräsentiert ist. Es ist eine sehr intime Erzählung über den Krieg, denn während viele der Schreiber in der Green Zone saßen, waren die Fotografen draußen an der Front.

Warum hast Du den Fokus des Buches auf die persönlichen Erfahrungen der Fotojournalisten gelegt?

Für mich ist es interessant, wie sich die Fotografen als Menschen durch den Krieg verändert haben. Man kann diese Veränderungen an ihnen erkennen und es hören, wenn sie davon sprechen. Sie erzählen von Heirat und Scheidungen, darüber, wie ihre Familien auseinanderfallen, von Alkohol und Drogenabhängigkeit. Für mich ist es sehr aufschlussreich, wie sie von sich als Menschen sprechen. Und ich wollte nachzeichnen, wie die Medienproduktion im Krieg funktionierte, wie öffentliche Meinung hergestellt wurde und wie man 300 Millionen Amerikaner auf den Krieg einschwor. Die Fotografen erzählen im Detail davon, wie ihre Bilder von Redakteuren oder der US-Armee zensiert und die Veröffentlichung wichtiger Bilder verhindert wurde, um Unterstützung für den Krieg zu erzeugen. So wurde ein Narrativ für das amerikanische Volk geschaffen.

Ashley Gilbertson beobachtete diese trügerische Idylle. Während polnische Soldatinnen im Militärcamp in Karbala sonnenbaden, tobt nebenan der Krieg.

Ashley Gilbertson beobachtete diese trügerische Idylle. Während polnische Soldatinnen im Militärcamp in Karbala sonnenbaden, tobt nebenan der Krieg. Foto: Ashley Gilbertson

Kannst Du ein Beispiel für dieses amerikanische Narrativ geben?

Der Fall der Saddam-Statue ist ein gutes Beispiel. Es wurde so fotografiert und überall auf der Welt gezeigt, dass es den Fall und die Befreiung von Bagdad als ein Ereignis zeigt, das die Iraker unterstützten. Aber auf dem Platz waren nur ca. 30 Iraker. Der Platz ist riesig, es passen Tausende von Leuten hin. Wenn man das Ereignis jedoch von einem bestimmten Standpunkt aus mit einem Teleobjektiv fotografiert, sieht es dramatisch aus. Ich bin kein Freund von Noam Chomsky, aber dies ist ein gutes Beispiel, wie Konsens hergestellt wird. Der Irakkrieg ist faszinierend, weil er mit dem Tod der traditionellen Medien einhergeht. Als der Krieg an Bedeutung gewann, ging es mit diesen immer mehr bergab. Zumindest in den USA, aber ich denke in der ganzen westlichen Welt, hatten wir Medien, deren Entwicklung sich über 100 oder 150 Jahre erstreckte. In den letzten sieben oder acht Jahren konnten wir zusehen, wie sich dies vor unseren Augen auflöst. Dies auch von anderen Fotografen zu hören, war sehr aufschlussreich für mich.

Über Kriegsfotografen kursiert der Mythos des Helden. Arbeitet Dein Buch gegen diesen Mythos an?

Diesen Mythos zu zerstören, ist eines der wichtigsten Ziele in meinem Leben. Der verwegene Kriegsfotograf mit seinem Schal und einer hübschen Freundin an seiner Seite, der romantisch durch die Welt jettet, ist ein furchtbares Klischee. Es ist verantwortlich für die Initiation der jungen Fotografengenerationen, die sich nicht kritisch mit Themen auseinandersetzen, sondern vielmehr an der Romantik des Kriegsfotografen interessiert sind. Sie wollen nicht in die Tiefe gehen und sind später nicht in der Lage, mit dem Schmerz und der persönlichen Zersetzung umzugehen, die der Job mit sich bringt. Je dreckiger, drogenreicher und auslaugender du etwas zeigst, umso interessanter wird es leider.

Letztlich sind zwei Dinge dabei von Bedeutung. Das eine ist der Krieg, der in der amerikanischen Kultur als dieses unglaublich romantische Phänomen gepusht wird. Das andere ist die Fotografie als romantische Kunstform. Und wir stellen uns jetzt hin und sagen, dass die Kombination unromantisch ist? Das ist sehr schwer. Wenn wir uns Magnum anschauen, oder Robert Capa, oder Festivals wie »Visa pour l’image«, sind die alle ständig dabei, diese Romantisierung aufrechtzuhalten.

Ästhetische Faszination am Schrecken? Scott Peterson begleitete US-Soldaten in Falujah beim Sprengen der Tür eines Gebäudes, hinter dem sie irakische Aufständische vermuten.

Ästhetische Faszination am Schrecken? Scott Peterson begleitete US-Soldaten in Falujah beim Sprengen der Tür eines Gebäudes, hinter dem sie irakische Aufständische vermuten. Foto: Scott Peterson

Was treibt Dich, über diese Themen zu sprechen?

Ich komme in ein Alter – ich werde dieses Jahr 50 –, wo ich mehr über die junge Generation nachdenke als über meine eigene Arbeit. Das ist Teil meiner gesellschaftlichen Verantwortung. Über meinen Unterricht an der Columbia Journalism School und die Arbeit mit jungen Fotografen in der Bronx kann ich diese Verantwortung in die Tat umsetzen. Besonders beschäftigt mich, dass viele junge Fotografen keine Perspektive haben. Fotografen meiner Generation haben eine umfangreiche Ausbildung genossen und wissen, wie wichtig eine Perspektive ist. Aber viele junge Fotografen kennen das System der Vergangenheit nicht und wissen nicht, wie und warum es so weit gekommen ist. Sie sehen nicht, wie sehr man sie zum Narren hält und wie das aktuelle Mediensystem sie ausnutzt. Damit will ich nicht sagen, dass sie morgen den Aufstand planen und alles umwerfen sollen, aber sie müssen ein Bewusstsein entwickeln. Dazu ist eine Perspektive das Zentrale. Ich bin erstaunt darüber, wie wenig junge Fotografen sich mit dem Vietnamkrieg beschäftigt haben. Dabei ist Vietnam extrem wichtig und die Folie, auf der alle aktuellen Entwicklungen zu betrachten sind. Es ist wichtig zu realisieren, dass es einen anderen Weg gab und gibt und dass die aktuellen Veränderungen nicht zufällig passieren.

Man sieht vor allem im Bereich der Kriegsfotografie nur selten Fotografen, die sich organisieren und für Veränderungen eintreten. Woran machst Du dies fest?

Das ist sehr kompliziert. Zu einem gewissen Grad sind Fotojournalismus und Dokumentarfotografie meiner Ansicht nach einfach ein unglaublich individualistisches Berufsfeld. Es ist ein Bereich, der sehr kompetitiv ist und in dem sehr viele narzisstische, egoistische und ich-gesteuerte Menschen unterwegs sind. Da sie ständig im Wettbewerb miteinander stehen, können sie in der Regel nur schwer zusammen arbeiten und an einem Strang ziehen. Das macht es so schwer, gemeinsame Standards zu entwickeln oder eine Gemeinschaft zu schaffen. Zu einem gewissen Grad ist es einfach ein Teil dieses Berufsfeldes. Ich weiß nicht, wie man dagegen angehen kann. Auch ich habe keine Lust auf Zusammenarbeit. Ich habe eine Vision, die ich verdammt noch mal umsetzen will, das ist es, was Fotografie ausmacht. Das hat es mir schwer gemacht, mit Journalisten zusammenzuarbeiten. Aber darüber hinaus Fotografen mit Fotografen zusammenzubringen, ist wirklich schwierig.

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Michael Kamber
Bilderkrieger
Übersetzung und Bearbeitung von Fred Grimm. Mit einem Vorwort von Takis Würger.
Hollenstedt, Ankerherz Verlag, 2013, 288 Seiten mit zahlreichen Fotografien, Hardcover, 22,4 x 17,2 cm, 29,90 Euro,
ISBN 978-3-940138-44-6
www.ankerherz.de