MAGAZIN #07

Es werde Licht

Die Nullnummer des neuen Reportage-Magazins kommt auf großem Fuß daher. Eine Doppelseite mißt 36 mal 54 Zentimeter. Galerieformat. Wird LUX das Schlaraffia für Fotografen?

Text –

Rolf Nobel

LUX – das bedeutet nach Ponds-Latein-Lexikon »Öffentlichkeit«, »Leben«, »Vorbild«, »Klarheit« – und vor allem »Licht«. Aber neben dem oft apostrophierten Licht gibt es auch immer wieder Schatten, wenn man sich Neuerscheinungen auf dem Zeitschriftenmarkt anschaut, die mit einem höheren Anspruch daherkommen als ihn andere Magazine formulieren. Denn zwischen Anspruch und Wirklichkeit droht der Spagat. Ursache für das Scheitern ist meist das liebe Geld, das den Machern fehlt. Oder die notwendigen Fähigkeiten – neben Geld und Anspruch die dritte notwendige Zutat für das Gelingen eines Magazin. So stellt sich die Frage ob Konzept und Umsetzung von LUX Aussicht auf Erfolg haben auch bei mare, einer anderen ambitionierten Neugründung, die im April 1997 erstmals erschienen ist.

Tatsächlich aber verdienen beide Neuerscheinungen Applaus. Da ist sehr viel mehr Licht als es selbst ausgebuffte Redaktionsprofis oft zustande bringen. In einer Zeit journalistischer Ödnis wirken beide Magazine wie erfrischende Regenschauer. Werden die Reportagen bei den altvorderen Magazinen immer kürzer und glatter, erlauben die Neugeburten mare und LUX soziale Themen und große Strecken. »Wir wollten das Gegenteil von gedrucktem Fernsehen machen«, sagt LUX-Chefredakteur Johannes Taubert. Und beiden Redaktionen fallen als Schwarz-weiß-Fotografen auch noch ein paar andere Namen ein, als nur Salgado.

Während mare, von dem phantasievollen Meeresbiologen Nikolaus Gelpke und einem Team von Magazin-Laien aufgebaut, wurde LUX von Magazin-Profis entwickelt. Grafiker Andreas Kersten und Textautor Johannes Taubert, die LUX Chef-redakteure, verdienten ihre Brötchen früher als Angestellte beim stern. Und sie haben ihre Erfahrungen, die guten wie die schlechten, genutzt. Anstatt aus Frust die üblichen journalistischen Fluchten anzutreten – innerlich zu immigrieren, die Welt mit Zynismus heimzusuchen, ins Kloster zu gehen oder bei den Navajo-Indianern unterzukriechen – wollten die zwei dem tristen Magazinmachen ihre Utopie von einem anderen Magazin entgegensetzen, verbunden mit einem anderen Umgang mit Fotografen und Textern. So bezeichnet sich LUX im Untertitel auch als »Das Reportagemagazin der Autoren«.

Während viele ähnliche Überlegungen schon in den Startlöchern an der Frage scheiterten, wie so ein alternatives Magazinkonzept zu finanzieren sei, fingen Taubert und Kersten mit Unterstützung der Agentur ZEITENSPIEGEL und befreundeten Kollegen wie dem Journalisten Markus Asam einfach an – mit eigenen bescheidenen finanziellen Mittel.

Die Geburtsstunde von LUX schlug, wie so viele andere große Ideen, am Küchentisch. »Das ist im Grunde genommen aus dem Bauch heraus entstanden«, sagt Andreas Kersten. »Wir wußten einfach: sowas fehlt.« Taubert: »Es hat etwa eine halbe Stunde gedauert, dann stand die Grundidee. Weil eigentlich klar war, was wir beide wollten.« Nach der schnellen Geburt des Konzeptes hat das kleine LUX-Team ein ganzes Jahr Arbeit in das Blatt investiert, um »ihrem« Magazin Gesicht und Ausdruck zu verleihen. Möglich war dies, weil Johannes Taubert vom ZEITENSPIEGEL, dem er sich zwischenzeitlich angeschlossen hatte, für dieses Projekt freigestellt wurde. Er gewann Andreas Kersten, der ein eigenes Designbüro unterhält, als Mitstreiter.

»Dieses Magazin ist aus Liebe zur Fotografie und dem Glauben an engagierten Journalismus entstanden«, schreiben die LUX-Macher im Editorial, und man glaubt es den Machern nach dem Studium dieser Versuchsausgabe sofort. Entstanden ist ein sehenswertes Magazin, das zu vielerlei Hoffnungen Anlaß gibt. Auch wenn auf die Nullnummer neben viel »Licht« auch noch einige Schatten fallen. »Wir haben ja bislang nur einen kleinen Stein ins Wasser geworfen und dafür war die Resonanz ziemlich gut«, sagt Johannes Taubert. »Es gibt sicher noch einiges zu verbessern. Aber diese Nullnumer ist ja auch nicht für den Verkauf gedacht, vielmehr wollten wir deutlich machen, was mit so einem Konzept möglich ist. Und wir wollten Kollegen zeigen: Wenn Ihr es mit den hohen journalistischen Ansprüchen ernst meint, dann habt Ihr jetzt das Forum dafür.«

Aus der Branche gab es jedenfalls viel Beifall, sogar in renommierten G+J-Redaktionen wurde vernehmlich geklatscht.

In LUX ist viel Fotografie zu sehen, nicht immer ganz große, aber immerhin doch gute – und immer ist sie liebevoll präsentiert. LUX wuchert mit dem Layout. Nirgends vergeht sich Andreas Kersten an den Fotos, selten nur sind sie beschnitten, nirgends wurde richtig reingeschachtelt. Keine Headline und kein Zwischentitel verstümmelt ein Bild.

Als problematisch erweist sich manchmal die Bildgröße, die beim ersten Durchblättern jedes Fotografenherz erfreut. Wer mit diesem Doppelseitenformat daherkommt, der formuliert einen hohen Anspruch an die Fotoqualität. Nicht immer kann LUX das bisher einlösen. Aber das wird sich mit Sicherheit ändern, wenn die Blattmacher aus einer größeren Anzahl von Geschichten die Richtigen für ihr Heft auswählen können. Schon jetzt kommt täglich ein neuer Fotograf in die kleine Redaktion in der Hamburger Osterstraße, um den LUX-Machern seine Arbeiten zu zeigen. »Auch vor der Herausgabe der Nullnummer haben schon Fotografen ihre Heiligtümer hingelegt und sie uns überlassen«, sagt Johannes Taubert. »Die haben anhand der ersten Layouts gesehen, daß ihre Bilder hier geadelt werden.« Natürlich gab es auch die Pessimisten. Die glaubten nicht an das Entstehen von LUX, weil kein großer Verlag dahinter stand. »Die waren hinterher überrascht, was dann doch dabei herauskam«, sagt Andreas Kersten.

Herausragend ist unbestritten das Portrait des Magnum-Fotografen Larry Towell, sowohl was die Fotos von Larry Towell als auch Markus Asams Text betrifft. Viele Bilder stammen aus bekannten und preisgekrönten Reportagen: Gaza-Streifen, El Salvador, Mennoniten, Vietnam, Kalkutta. Daneben Fotos aus seinem »Familienalbum«. Poetische, unverkitschte Bilder vom Landleben der Towells. Zwei Drittel des Jahres bewirtschaftet der Magnum-Fotograf eine kleine Farm im kanadischen Ontario, die restliche Zeit arbeitet er an seinen Reportagen.

Interessant auch der Fotoessay »Der letzte Weg auf Erden« von Stefan Warter. Bekannt durch seine Sportgeschichten, vor allem über die Formel 1, druckt LUX eine ganz andere Geschichte von ihm: Den Tod, mediales Tabuthema, wenn es das alltägliche und normale Sterben betrifft, hat Stefan Warter als technokratischen Bestattungs-Akt fotografiert. Messerscharf, sezierend, nüchtern. »Können wir unseren Lesern nicht zumuten«, wäre vermutlich die Reaktion bei anderen deutschen Magazinen und Supplements auf dieses Essay gewesen. Kersten und Taubert machen sich ein anderes Bild von ihren Lesern. »Wir halten den Leser nicht für so blöde – nach dem Motto: dies verträgt er nicht und jenes verträgt er nicht…«

Gut ist auch die Textqualität in LUX. Asams Towell-Text wurde schon genannt. Witzig das Interview mit der Kuh. Schrill und klasse der Text von Sybille Berg. Dabei sieht Andreas Kersten das eigentliche Beschaffungsproblem gerade bei guten Texten. »Gute Schreiber haben viel mehr Foren als Fotografen. Die können auch in der ZEIT oder anderswo ellenlang ihre Texte abgedruckt bekommen.«

Und die Zielgruppe? Gibt es überhaupt genug Leser für ein solches Magazin? Oder ist LUX nur eine Onanier-Vorlage für Journalisten und Fotografen, die sich darin selbst feiern? Kersten und Taubert widersprechen energisch, sie glauben fest an einen größeren Interessentenkreis, »größer als Sektengröße«.

Die LUX-Macher selbst sind mit ihrem Magazin noch nicht zufrieden und wollen bei Nummer Eins einiges anders machen. »Wir sind noch zu zeitlos, es hat noch nicht den aktuellen Bezug«, sind sich Taubert und Kersten einig. »Und uns fehlt noch der politische Biß, den wir wollen.«

Auch das Dogma »nur Schwarzweiß« wird fallen, wenngleich Farbe lediglich einen Minderheiten-Status bekommen soll. »Die Mischung bei Schwarzweiß ist sehr schwierig, weil es kaum heitere Schwarzweiß-Reportagen gibt«, sagt Johannes Taubert, »da wird das Heft leicht zu düster«.

Mit diesen Änderungen erhofft sich LUX eine Perspektive am Markt. Nicht als Massenblatt, aber existenzfähig. Wie das finanziell realisiert werden soll, ist noch offen. Eines aber wollen die LUX-Macher auf keinen Fall: einen großen Verlag im Nacken. »Wir denken zur Zeit über verschiedene Modelle nach«, sagt Taubert, »aber wir favorisieren eine GmbH+Co.KG, wo Kommanditisten das Geld aufbringen«. 1,5 Millionen, so die Rechnung von Taubert, seien für den Start notwendig. »Für den Vertrieb brauchen wir aber in jedem Fall einen Verlagsprofi.«

Es wäre schade, wenn LUX über eine begeisterte Leserschaft aus Journalisten und Fotografen nicht hinauskäme. Denn mit einem so kleinen Kreis von Lesern ist ein solches Magazin nicht überlebensfähig. Diese bittere Erfahrung mußten bereits die Macher vom britischen Magazin Reportage und dem belgisch-französischen Heft theme machen: Beide wurden nach wenigen Nummern eingestellt. Doch auch aus den Fehlern anderer kann man lernen. Und vielleicht strahlt das Licht von LUX bald heller als mancher ernüchterte Magazin-Profi vermuten mag.