MAGAZIN #34

Fertiges Fotobuch – und jetzt?

Wenn es um Empfehlung und Vermittlung von Fotobüchern geht, mögen Blogs und Facebook eine gewichtige Rolle spielen. Damit ein Fotobuch allerdings in die Buchhandlung gelangt, braucht es nach wie vor einen klassischen Mittler und Experten. Ein Gespräch mit dem Verlagsvertreter Kurt Salchli

Interview –

Sophia Greiff

Foto –

Janko Woltersmann

Kurt Salchli kennt das Fotobuch von allen Seiten. Er begann vor rund dreißig Jahren als Buchhändler im Bereich Kunst und Fotografie in der Schweiz, lebte lange in Paris und reiste als Verlagsvertreter für französische Verlage durch Europa. Seit 1998 vertritt er deutschsprachige und internationale Auslieferungen und Verlage in Deutschland. Er ist an der auf Kunst, Fotografie, Design und Architektur spezialisierten Auslieferung Vice Versa Distribution beteiligt und einer der Leiter von Revolver Publishing, einem Verlag, der sich auf zeitgenössische Kunst, Theorie und Fotografie konzentriert. Wir treffen uns im Vice Versa Showroom in Berlin und sprechen über das Fotobuch und seinen Weg zum Käufer.

»Wir sind ja eine Generation, die nur vor dem Computer sitzt – da sind die Leute happy, mal wieder ein Buch in der Hand zu haben.«

»Wir sind ja eine Generation, die nur vor dem Computer sitzt – da sind die Leute happy, mal wieder ein Buch in der Hand zu haben.« Foto: Janko Woltersmann

Sophia Greiff: Kurt, seit einigen Jahren erlebt das Fotobuch einen unglaublichen Hype: Zum Jahresende häufen sich die Listen der besten Fotobücher. Auf Fachmessen in Kassel, Berlin, Paris, New York diskutiert die Szene über Buchgestaltung und Selfpublishing. Vergriffene Bücher wie »The Afronauts« von Cristina de Middle erreichen Höchstpreise. Und ohne eigenes Fotobuch scheint man heutzutage fast kein ernstzunehmender Fotograf mehr zu sein. Was meinst du, wo geht es hin?

Kurt Salchli: Ich wäre ehrlich gesagt froh, wenn es ein paar Bücher weniger geben würde. Wir haben heute viel mehr Fotobuchverlage und auch Publikationen, an die man früher nicht so leicht ran kam, aus Japan, Korea, Russland und anderen Ländern. Das geht mit dem Internet und Amazon viel schneller. Und natürlich die ganzen Selfpublisher, die sich in den letzen Jahren extrem vermehrt haben. Heute ist es einfacher und billiger, ein Fotobuch zu machen als vor 20 Jahren und da ist die Versuchung groß. Vielen Büchern merkt man aber leider auch an, dass das Geld nicht ganz gereicht hat. Es gibt aber auch eine Gegenentwicklung: Einige Verlage, wie Only Photography in Berlin, machen wieder kleinere Auflagen von 400 bis 500 Exemplaren – teurer, aber dafür aufwendig gestaltet. Ich glaube, das ist auch die Zukunft: wirklich schöne Bücher, für die die Leute bereit sind oder bereit sein müssen, mehr zu bezahlen. Gerade in der Masse spielt die Qualität wieder eine besondere Rolle. Und der ganze Massenmarkt wird sehr wahrscheinlich kleiner werden. Ob es Verlagsvertreter in zehn Jahren noch gibt, das weiß ich nicht. Aber zehn Jahre möchte ich’s noch machen..

Der Verlagsvertreter ist ja klassischerweise derjenige, der das fertige Buch auf den Weg zum Kunden bringt. Er ist Vertrauensperson und Vermittler zwischen Verlag und Buchhandlung. Er kennt die Bücher, die Branche, die Trends und versorgt die Buchhandlungen mit Informationen. Meinst du, diese Form des persönlichen Weiterempfehlens kommt heute zunehmend den Blogs und sozialen Netzwerken zu?

Die Blogs haben heute einen unglaublichen Stellenwert bekommen. Wenn dein Fotobuch in einem Fotobuch- oder Designblog vorgestellt wird, kannst du zum Teil mehr verkaufen als mit einer einseitigen Besprechung in der Süddeutschen oder der FAZ. Auch Facebook ist wichtig, nicht zum Verkaufen, aber als Austausch oder um auf Veranstaltungen hinzuweisen. Bei 99 Prozent der Buchhändler bringt es allerdings nichts, wenn ich erzähle, dass ein Buch gerade in einem tollen Blog vorgestellt wurde. Der klassische Buchhändler lebt da noch in einer ganz anderen Welt – da gibt es auch welche, die kein Internet haben. Natürlich hat sich der Job des Verlagsvertreters verändert und ich zeige mal ein PDF auf dem iPad. Aber gerade beim Fotobuch ist es für die Buchhändler ganz wichtig, dass sie die Bücher in der Hand halten und durchblättern können. Und ich bin immer noch der Überzeugung, dass man die meisten Bücher im Laden verkaufen kann. Das ist einfach etwas Haptisches. Wir sind ja eine Generation, die nur vor dem Computer sitzt – da sind die Leute auch happy, mal wieder ein Buch in der Hand zu haben. Als Verlagsvertreter habe ich außerdem das Glück, dass ich viele Buchhändler seit 20 Jahren kenne und sich dadurch etwas Persönlicheres entwickeln kann. Da müssen wir oft schon lachen, weil ich bei einigen einfach ihre fertige Auswahl zusammenstellen könnte. Aber das würde ich mich natürlich nie trauen.

Also ist der Verlagsvertreter doch noch sehr wichtig und einflussreich. Wird die Bedeutung des Vertriebs, gerade bei den Selbstverlegern, nicht oft vernachlässigt?

Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass man auch Geld mitbringen muss, wenn man ein Fotobuch machen möchte. Als die ganzen Verlage damals angefangen haben, Schirmer / Mosel, Dumont, Prestel … da haben die Verleger eigentlich noch alles finanziert. Das ist heute ein großes Problem geworden und sicher sagen sich viele Fotografen: »Wenn ich das sowieso alles bezahlen soll, kann ich es auch gleich selber machen und habe meine Freiheiten«. Das kann ich gut verstehen. Aber mittlere oder größere Verlage haben eben einen weltweiten Vertrieb – die haben eine Auslieferung in Amerika, eine in Frankreich, eine in England. Die haben Verlagsvertreter, die zu den Buchhandlungen reisen. Ich glaube, wenn wir vom fertigen Fotobuch reden, braucht es einfach noch diese klassische Schiene.

Aber haben Selbst- und Kleinverleger überhaupt eine Chance, bei dir in die Auslieferung zu kommen?

Das muss ich oft ablehnen, gerade wenn jemand nur mit einem Buch kommt – das ist sowohl für den Vertrieb, als auch für mich als Verlagsvertreter einfach zu viel Aufwand. Wenn Buchhändler nachbestellen, schauen sie heutzutage darauf, dass sie ganz viel auf eine Rechnung bekommen und die Bücher zusammen verschickt werden. Ich finde diese Selfpublishing-Szene schon ganz spannend und habe auch Spaß daran, diese kleineren Bücher oder Zines mal mitzunehmen. Aber im Buchhandel stoße ich da oft an meine Grenzen, weil der Buchhändler so Heftchen nicht mag – ohne Rücken, die er nicht ins Regal stellen kann. Seit ein paar Jahren gibt es aber auch neue Orte neben dem klassischen Buchhandel, wie Mode- und Designläden, die kleinere Fotobücher ins Programm nehmen. Die bestellen allerdings nichts nach und wollen keine Beständigkeit, sondern immer was Neues. Wenn etwas nicht läuft, wird es gleich rausgeschmissen. Ansonsten sind die Fach- und Fotobuchmessen ein wahnsinnig wichtiger Ort für die Selbstverleger, um sich zu präsentieren, auszutauschen und auch um das Buch wieder als Buch zu sehen. Das Buch verkauft man heute einfach über die unterschiedlichsten Wege.

Bräuchte es nicht vielleicht Vertreter, die sich nur auf Selbstverleger spezialisieren und die entsprechenden Buchhandlungen und Orte für sie aufsuchen?

Die Idee ist schon mal gut, denn solche Vertreter gibt es bislang nicht – Aufruf! Ich glaube, es müssten wieder ganz junge Leute kommen, die auch die Mode- und Designszene gut kennen. Ich wäre wirklich bereit, ein Vertriebsnetz mit aufzubauen und junge Vertreter auszubilden. Man muss halt rechnen, denn in diesen ganzen Strukturen braucht es schon ein Zugpferd. Vice Versa war anfangs auch für kleine Verleger und Kunstvereine gedacht, aber irgendwann mussten wir einfach größere Verlage dazu nehmen. Das Beste wäre wahrscheinlich, wenn sich 20 bis 30 dieser kleinen Verleger zusammentun und eine gemeinsame Struktur finden.

Im Großen und Ganzen sieht die Zukunft des Fotobuchs dann aber doch ganz gut aus – wenn neue Wege gesucht, Ressourcen gebündelt, bestehende Strukturen hinterfragt werden?

Ja, und wenn beim Bücher machen selbst etwas mehr überlegt wird. Im Moment gibt es zu viele Geschichten, die super mit zwölf Seiten im Zeitmagazin funktioniert hätten, aber nicht als Buch. Da bin ich ein echter Fan von Langzeitprojekten. Auch die Bedeutung der Covergestaltung wird oft unterschätzt – viele wollen etwas Typografisches oder wählen ein Titelbild, das nicht zum Inhalt des Buches passt. Komischerweise muss ich den Fotografen da oft sagen: »Ihr macht ein weißes Buch – stellt euch vor, wie das bei Amazon aussieht.«

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Sophia Greiff
ist Autorin und Kuratorin für Fotografie. 2011 bis 2013 war sie Stipendiatin im Programm »Museumskuratoren für Fotografie« der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Sie ist Mitorganisatorin des FotoDoks Festivals in München.