MAGAZIN #24

Foto-Auswahl zwischen Chapati und Brateiern

Fotojournalismus weltweit – Ortstermin in Dhaka: Demonstrierende Muslime, das Elend der Färbereiarbeiter, prunkvolle Hochzeiten. Für das Freelens Magazin hat World-Press-Preisträger G.M.B. Akash den Alltag des Bildreporters Al-Emrun Garjon in Bangladesch beobachtet. 

Text –

Mahfuz Sidique

Freitagmittag, die Jumma-Gebete sind beendet. Vor der Baitul Mukarram – der Nationalmoschee von Bangladesch in Dhaka – verbrennen Demonstranten der radikal-islamistischen Splittergruppe Hizb ut-Tahrir israelische und US-Fahnen. »Ändern diese Proteste irgendetwas?« Der Sarkasmus in Al-Emrun Garjons Stimme ist deutlich zu spüren. »Ich hab es aufgegeben, das zu glauben.« Unter der sengenden Sonne des beginnenden Nachmittags hat er das beklemmende Gefühl steter Wiederholung. Während er spricht, schaut er unablässig auf die vielen jungen zornigen Gesichter. Seine stets verlässliche, aber schon etwas müde Nikon D 70 hat er im Anschlag und hofft, einen glücklichen Moment zu erwischen, der ihm ein Titelfoto für die Wochenendausgabe der Daily New Age einbringt.

Als die Gesichter hinter den Bannern, auf denen die Bombardierung Beiruts verdammt wird, anti-imperialistische Sprechchöre anstimmen, setzt sich die erregte Menge in Bewegung. Garjon rennt zu einer Ecke, an der es gleich Gerangel zwischen den Ordnungshütern und den Protestierern zu geben scheint. Als er später zu seinem Ausgangsposten zurückkommt, spielt ein schüchternes Lächeln um sein Kinn. Dann scrollt er durch die Fotos, die er gerade aufgenommen hat, und das Lächeln erobert sein ganzes Gesicht. »Na, zumindest bringen die mir den Titel ein!«, sagt er schließlich.

IMMER EINSATZBEREIT

Der Stadtteil Green Road täuscht über Klassenunterschiede hinweg. Er liegt zwischen Dhanmondi, einem schicken Wohngebiet der ausufernden Hauptstadt Dhaka, und dem monströsen Gewerbeviertel Karwan Bazaar. Während sich an der Hauptstraße gigantische Apartmenthäuser erheben, sind die engen Gassen, die durch dieses dicht besiedelte Gebiet führen, rings von vier- oder fünfstöckigen Häusern gesäumt. Mietwohnungen für jene, die weder gut betucht sind noch das Stigma von Unterprivilegierten tragen – die schwindende Mittelklasse.Der 33-jährige Al-Emrun Garjon lebt mit Frau und Tochter in einer Dreizimmerwohnung in einer dieser Gassen. »Ich hasse Jobs an Freitagen«, – im mehrheitlich muslimischen Bangladesch ist der Freitag Teil des Wochenendes – »es ist genau jener Tag, den ich am liebsten mit diesem kleinen Teufelchen verbringen würde. Ich sehe sie kaum; entweder schläft sie schon, wenn ich von einem Hochzeitsjob heimkomme, oder sie ist bereits auf dem Weg in den Kindergarten, wenn ich aufwache«, sagt Garjon, als er mit der fünfjährigen Trayee auf dem Sofa in dem bescheidenen Wohnzimmer kuschelt. »Was heißt hier Freitag? Du verbringst doch auch sonst nicht einmal eine Stunde mit ihr – egal, welcher Tag es ist.« Sonia versucht gar nicht erst, ihre Verärgerung über die unregelmäßigen Arbeitszeiten ihres Mannes zu verbergen, als sie ein Tablett mit zwei Tassen Tee und einem Teller Chanachur – würzigen Knabber-Snacks – auf den Tisch stellt.

Die 27-jährige Sonia hat allen Grund für diesen Zorn. Garjons Klagen sind so zwecklos wie jeden Freitag. Als sich die Zeiger der Wanduhr auf Mittag zubewegen, beginnt er, unruhig zu werden. Zeit, loszufahren zum Job bei den Beirut-Protesten an der Baitul-Mukarram-Moschee, die fast am anderen Ende der Stadt liegt. Obwohl die Proteste nicht vor dem Ende der Gebete anfangen werden, also irgendwann gegen 13 Uhr, hat ihn seine Erfahrung eines gelehrt: Sei vor Ort, ehe die Action beginnt. Und er ist schon spät dran, als er sich schließlich aus Trayees Armen zu befreien versucht. »Ich bekam den Anruf heute so gegen 10. Ich hab dem Chefreporter schon oft gesagt, dass er mir wenigstens an einem Tag – möglichst Freitag – keinen Job vor dem Nachmittag geben soll.« Sonja, die das schon erwartet hat, steht mit der Fototasche an der Tür. Trayee klammert sich an ihre Beine. »Ich komme zu spät«, ruft Garjon noch, als er die Treppen runterrennt. Es kommen keine Antworten, nur die Tür knallt zu. »Sie ist schon klasse… es ist nur dieser ganze Druck… du weißt schon«, versucht Garjon mir in entschuldigendem Ton zu erklären, als er sein Motorrad anwirft.

EIGENE RESSOURCEN

»Der Verkehr ist für ein Wochenende ganz schön dick. Ich glaube, die Southern Road ist wegen der Oppositions-Kundgebung in Paltan verstopft.« Vorsichtig manövriert er das Motorrad durch den stockenden Fahrzeugstrom. »Weißt du, dieser Job ist gar nicht so schlecht. Ich habe es fast drei Jahre als Freelancer versucht, ehe ich die Stelle bei New Age bekam. Die zahlen anständig. Nach Miete und Nebenkosten habe ich fast noch die Hälfte übrig. Dann ist da noch die Hochzeitsfotografie, die ich im Auftrag für Familien und Freunde mache. Und manchmal schieße ich auch Produktfotos für Firmen«, erklärt Garjon.

Seine Einschätzung stimmt. Im Vergleich zu vielen Landsleuten mit Industriejobs geht es ihm wirtschaftlich besser. Nachdem er 6.500 Taka Miete für seine Green-Road-Wohnung und die Nebenkosten bezahlt hat, bleibt ihm noch gut die Hälfte seines Monatsgehalts von 13.400 Taka (1 Euro = 85 Taka). »Sie geben mir zwar etwas für die Telefonkosten dazu, aber wenn ich im Einsatz bin, muss ich die Fahrkosten aus eigener Tasche bezahlen. Und das ist ziemlich viel. Na, bislang hat mich dieses Baby überall hingebracht«, lacht Garjon und tätschelt den Tank seines geliebten Enticer-Motorrads.

Die Demonstranten vor der Baitul-Mukarram-Moschee beginnen, sich zu zerstreuen. »Lass uns mal ’ne Tasse Tee trinken.« Garjon bugsiert mich zu einer kleinen Teebude am Straßenrand. »Dieses Objektiv verklemmt manchmal. Davor hab ich Schiss. Das ist meine eigene Kamera, die Redaktion wollte mir keine Ausrüstung geben. Ich hab ein bisschen gespart, um ein neues Objektiv zu kaufen. Aber das Geld ist so knapp… Du weißt schon.« Er führt den Satz nicht zu Ende, wie immer, wenn er sein oft gebrauchtes »Du weißt schon« verwendet.

Dann klingelt sein Handy. Schnell setzt Garjon die kegelförmige Tasse ab und nimmt das Gespräch an. »Wann? … Aber ich bin gerade erst mit den Protesten an der Baitul Mukarram fertig … Schick Rafique, oder Indrajit … Aber ich hatte noch nicht mal was zu Mittag!«

Nach einem weiteren Wortwechsel klappt Garjon sein abgenutztes Samsung-Handy zu. Still trinkt er den Tee, während er auf die eindrucksvolle Nationalmoschee blickt. Schließlich schaut er mich an und lächelt traurig: »Lass uns aufbrechen. Es gibt da was Kulturelles in der Bengal Gallery, das fängt in 15 Minuten an.« Dann stürzt er den Tee in einem Schluck hinunter.

IN WARTEPOSITION

Es ist 16 Uhr. Auf allen drei Stockwerken der New-Age-Redaktion herrscht emsiges Treiben. Vor drei Jahren gegründet, geht es der linksliberalen, englischsprachigen, landesweit erscheinenden Tageszeitung relativ gut. Die Auflage – derzeit über 14.000 Exemplare – steigt stetig, das anspruchsvolle Blatt ist bereits Nummer 2 unter den englischsprachigen Tageszeitungen. Es gibt acht angestellte Fotografen und 132 journalistische Mitarbeiter.

Fast eine Viertelstunde sucht Garjon einen freien PC, um sein Datenkabel einzustöpseln, und kann schließlich einen Rechner fünf Minuten lang benutzen.

Die Redaktionssekretärin, die seiner Bitte nachgegeben hat, rutscht derweil auf ihrem Stuhl hin und her und versucht, in einem Magazin zu lesen. Nachdem er die Ergebnisse seiner beiden heutigen Jobs heruntergeladen hat, macht sich Garjon auf den Weg zum Platz des Chefreporters im Erdgeschoss. »Ein einziger PC würde für uns Fotografen reichen. Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt – die Kosten können es nicht sein«, beklagt er sich.

Der Chefreporter kommt die Treppe herauf. Nach etwas Smalltalk werden die Proteste der Hizb ut-Tahrir thematisiert. »Hast du auch Bilder von den Redner mitgebracht?«, fragt er. »Nein«, antwortet Garjon. »Was soll das heißen, nein? Wenn du den Nachrichtenwert der Ereignisse nicht verstehst, warum bist du dann Pressefotograf? Könntest genauso gut Naturfotograf werden!«, ruft der Chef ihm über die Schulter zu und geht wieder hinaus.

Garjon setzt ein trockenes Grinsen auf. »Der Chef hat ’ne Macke. Hat wahrscheinlich wieder einen seiner schlechten Tage«, versucht er die Situation aufzuheitern. Die Ironie: Da es keine Bildredakteure gibt, übernimmt der Chefreporter mehrere Funktionen, darunter auch das Briefing der Fotografen – und das hat hier offenbar nicht geklappt.

Die Ruppigkeit gegenüber Garjon hat noch einen anderen Grund: Die wenigsten Pressefotografen haben eine richtige Ausbildung und daher nur ein geringes Ansehen, was negativ auf die Reputation geschulter Fotografen wie Garjon durchschlägt. Während er sich sein Fotografen- Diplom mühsam zusammengespart hat, verfügen viele Kollegen nicht einmal über einen Highschool-Abschluss. Schwerwiegender ist ihr Mangel an jeglicher formalen Ausbildung; viele Anfänger haben kaum einen Schimmer von den Grundlagen der Fotografie, ganz zu schweigen von dem Nachrichtenwert eines Bildes.

Doch möglicher Ehrgeiz wird gleich gebremst – in den Zeitungen gibt es in den seltensten Fällen Fotocredits, die individuelle Leistung ist also schwer personifizierbar. Dafür wird den Fotografen aber abverlangt, in sämtlichen Genres fit zu sein, ob Sport, Porträt, politische Ereignisse – für Autodidakten gewiss nicht einfach.

In der Redaktionskantine essen wir eine improvisierte Mahlzeit aus lappig gewordenen Chapati-Fladenbroten mit Eiern. Garjon fiebert schon dem Hochzeits-Fotojob entgegen, den er durch einen Freund bekommen hat. »Offiziell soll es um 7.30 Uhr losgehen. Wir Bengali tauchen nie vor 8.30 Uhr oder sogar 9 Uhr auf. Am besten ist man so gegen 8 Uhr dort.« Garjon hat jetzt wieder das schüchterne Lächeln im Gesicht. »Dieser Job ist gut bezahlt, er bringt 3.000 Taka. Hoffentlich stellen sie sich nicht mit dem Zeitpunkt der Bezahlung an. Aber vorher zeige ich dir noch was anderes…«

INVESTIGATIVE ARBEIT

Der Gestank der Lederverarbeitung rings um die Färberei lässt mich würgen. Garjon lächelt übers ganze Gesicht. Zu sagen, dass er es genießt, wäre untertrieben. Dies ist kein Redaktionsjob – dies ist Garjons eigenes Projekt über die Färberindustrie, deren Arbeiter und die ökologischen Auswirkungen. »Es fühlt sich so gut an. Keine Deadlines, niemand, dem man klarmachen müsste, dass ich kein ungebildeter Kameramann bin. Nur ich und meine Arbeit.« Garjon spricht erregt, während seine Pupillen die gleichen konzentrierten Bewegungen vollführen wie sonst seine geliebte Nikon D 70. Als ich hinter ihm zurückbleibe und ringsum überall das Abwasser vorbeiströmt, schaut er zurück und ruft »Ist das nicht brillant?«.

Die Abendwolken über der Stadt werden dunkler. Die hohe Luftfeuchtigkeit kündigt Regen an. Als wir zur Hochzeit aufbrechen, startet Garjon das Motorrad und zündet sich eine Zigarette an. »Für unterwegs«, meint er und bietet mir auch eine an. Ich frage, wie er sich bei solchen Auftragsjobs fühlt. »Du weißt genau, dass ich es nur des Geldes wegen mache. Wer will das schon tun? Aber das Geld kommt mir sehr gelegen«, antwortet er ganz offen. Nach einem kurzen Zögern schaut er mich mit seinem trockenen Lächeln an. »Es ist nur, dass sie einen manchmal herumkommandieren, als sei man ein Kellner oder so. Und vor allem, wenn sie mich einen Kameramann nennen – das tut schon weh. Ich bin ein Fotograf!«

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Mahfuz Sadique
ist Redakteur bei Daily New Age in Dhaka und Mitarbeiter des Menschenrechtsportals www.banglarights.net