MAGAZIN #10

Foto-Ikonen

Manche Bilder bleiben im Kopf, prägen sich ein, setzen sich fest. Eine Fotografin/Ost und ein Kollege/West erzählen über eine Aufnahme, die sie früh beeindruckt hat

UTE MAHLER ÜBER ARNO FISCHER

Irgendwann war klar, ich werde Fotografin. Da war ich 17. Um mich herum war die DDR. Meine Welt bestand aus zwei Welten – der einen, die ich sah, erlebte, und jener, die medial agitatorisch allgegenwärtig bedrängte. In den Massenmedien blühte die Scheinwelt; jeder ernsthafte gesellschaftliche Konflikt war tabu.

Zu dieser Zeit wußte ich, wohin ich fotografisch nicht wollte. Das war schon was. Ich hatte angefangen, die Klassiker kennenzulernen, verehrte Cartier-Bresson, bewunderte Salomon, liebte Kertesz. Deren Arbeiten waren lange her oder weit weg. Mit den Fotografen aus meinem Land tat ich mich Ende der sechziger Jahre schwer. Bei Veröffentlichungen in den drei Illustrierten, in Büchern, auf Plakaten gab es kaum Bilder, die eine vollmotivierte, kämpferische Siebzehnjährige akzeptieren konnte.

Wahrscheinlich hauten mich auch deshalb die Fotos von Arno Fischer um. Natürlich gab es keine bemerkenswerten Veröffentlichungen von ihm. Bei irgendeinem privaten Treffen zeigte er seine Fotografien aus den fünfziger Jahren. Die Welt war plötzlich im Raum, und doch hatte er nur Berlin fotografiert. Ich verstand die Fotos nicht wirklich, kannte ja auch noch nicht genug Leben. Doch das machte nichts – sie ließen mir genug Platz für meine Entdeckungen.

Das ausgewählte Bild ist eines meiner Lieblingsfotos aus dieser Serie. Arno Fischer hat in jenen Jahren die Stadt fotografiert, in der er lebte. Ohne Auftrag, ohne Erwartungsdruck anderer, unabhängig von Terminen und Verwendungszwecken konnte er ganz subjektiv arbeiten. Dieses Bild machte er am 1. Mai 1956. In beiden Teilen der Stadt gab es die traditionellen Demonstrationen. Fischer pendelte, lief durchs Brandenburger Tor, fotografierte die Kundgebung im Westen, zurück im Osten dann den sozialistischen Marsch. Als das Foto entstand, muß das Offizielle hüben wie drüben schon vorbeigewesen sein. Es sind Übriggebliebene, die da vor der Ruine des Kronprinzenpalais Unter den Linden stehen. Die Menschen scheinen sich fremd zu sein, isoliert in der Menge, allein mit sich; auch die Behaglichkeit der mitgebrachten Hundedecke wirkt befremdlich.

Fischer zeigt nichts vom Ereignis 1. Mai, nimmt es aber zum Anlaß, um von allgemeingültigen menschlichen Dingen zu erzählen, auch über Atmosphäre und über Zeit. Direkt und doch mit Distanz fotografiert, frei von Sentimentalität und Ideologie hat das Foto für mich bis heute nichts von seinem Geheimnis verloren.

 

ROLF NOBEL ÜBER HILMAR PABEL

Der Eindruck von der Kraft einer Fotografie, als ich sie das erste Mal bewußt wahrnahm, war gepaart mit einer anderen, einer politischen Bewußtseinsbildung. Es war Ende der sechziger Jahre, ich absolvierte gerade eine Lehre als Lithograph. Angeregt von einem in der Studentenbewegung aktiven Freund begann ich langsam, die Welt als ein komplexes politisches Gebilde zu sehen. Als Welt, die von handfesten wirtschaftlichen und militärischen Interessen gesteuert wurde.

Bis dahin war ich lediglich ein leidenschaftlicher Fotoamateur gewesen, hatte jede freie Minute dazu genutzt, mit der Kamera in der Natur herumzulaufen. Meine Bilder waren gestaltet nach den formalen Kriterien der Amateurfotografen-Magazine, aus denen ich all mein Wissen über Fotografie hatte: Bäume im Morgennebel, aufgestapeltes Schnittholz am Waldweg, Wassertropfen in einem Spinnennetz. Ich war verliebt in Harmonie, Symmetrie, Ästhetik, und all das spiegelte sich in meinen Fotos wider.

Zu jener Zeit war der Krieg in Vietnam auf seinem Höhepunkt, und fast täglich wurden im Fernsehen oder in den Zeitungen Nachrichten von Schlachten, Bombenteppichen, Napalmangriffen, Flüchtlingsströmen und Greueltaten veröffentlicht. Unter den Zeitschriften war der Stern in Deutschland Vorreiter einer kritischen Berichterstattung über den Vietnam-Krieg. Die Fotos von Larry Burrows, Kyochi Sawada und Don McCullin haben mich gleichermaßen berührt wie erschüttert. Sie haben nicht nur mein Bild von diesem Krieg geprägt, sie haben auch meine Sicht auf die Fotografie verändert.

Wenn ich jetzt an die Aufnahmen aus dem Vietnam-Krieg denke, dann sind es nur wenige Fotos, die mein optisches Gedächtnis über die Jahrzehnte hinweg bis in die Gegenwart archiviert hat. Eines davon stammt von Hilmar Pabel. So verblühte die kleine Orchidee hatte er seine Reportage vom Sterben der 13jährigen Le Thi-Lan, der »kleinen Orchidee« genannt. Das Foto stammte aus dieser Geschichte.

Sie wurde im September 1964 erstmals im Stern veröffentlicht. Ich war damals gerade 14 Jahre alt, und der Vietnam-Krieg ging an mir vorbei, als fände er gar nicht statt. Fußball interessierte mich, und auch Mädchen fingen gerade an, mich zu begeistern. Bei seiner Erstveröffentlichung hatte ich das Foto nicht gesehen.

Der Krieg ging weiter. Erst drei Jahre später, mit 17 Jahren, begann ich mich damit zu beschäftigen, demonstrierte schließlich irgendwann selbst dagegen auf der Straße und rief in der Hamburger Innenstadt »Ho, Ho, Ho-Chi-Minh«. Bei der näheren Auseinandersetzung mit diesem Krieg betrachtete ich mir auch die Bilder der Kriegsberichter genauer, und eines, worüber ich innehielt, war das Foto des entrückten Colonel Markey und der sterbenden »kleinen Orchidee« von Hilmar Pabel. Das Hochformat zeigt das Krankenbett des sterbenden vietnamesischen Mädchens, dem ein amerikanischer Militärberater, Colonel Markey, die Hand hält, mit einem entrückten Blick aus dem im Foto nicht sichtbaren Fenster hinausschauend. Der Blick des Soldaten – so weit in die Ferne gerichtet, weiter als weit, als blicke er hin zu einer anderen Welt, wo einem die Absurdität des Krieges mit ihren unzähligen unschuldigen Opfern vielleicht bewußter wird als auf dem Schlachtfeld selbst – ließ mich meinerseits den Blick nicht von dem Foto lösen. Ich konnte mich der Wirkung dieses Bildes einfach nicht entziehen.

Dabei schien es mir anfänglich doch wieder nur die typische Darstellungsweise westlicher Medien zu sein, denn bei dem sterbenden Mädchen Le Thi-Lan handelte es sich um das Opfer einer Vietcong-Granate. So sehr sich die Ärzte in dem Militärhospital von My-Tho im Mekong-Delta auch bemühten, die »kleine Orchidee« überlebte die Nacht nach der Operation nicht. Doch gerade der Blick des Militärberaters Markey kehrte diese übliche Sichtweise geradezu um. Wie ein Taubstummer die Gebärdensprache versteht, glaube ich, noch immer dem Ausdruck des Offiziers die nach innen gerichtete Frage ablesen zu können: »Was machen wir hier eigentlich?!«

Neben der Kraft seiner Fotos beeindruckte mich damals auch die Person des Fotografen Hilmar Pabel. Der ehemalige Wehrmachtsfotograf hatte sich in einen »Humanisten mit der Kamera« verwandelt, wie er später in den Medien häufig genannt wurde. Seine Wandlung schien mir ein Beweis dafür, daß Menschen aus der Vergangenheit lernen können. Zivilcourage zeigte Pabel auch später, als er seine beiden Bundesverdienstkreuze zurückgab, nachdem seine Tochter wegen einer friedlichen Sitzblockade vor dem Atomwaffen-Depot in Mutlangen verurteilt worden war.

Bei der erneuten Beschäftigung mit diesem Bild stieß ich auf einen Text des Historikers Hanno Loewy, der in dem Wehrmachtsfotografen Pabel nicht einfach den Mitläufer sehen will, als den sich jener selbst darstellt. Loewy hält ihn vielmehr für einen Überzeugungstäter.

Ich habe anschließend lange überlegt: Kann man das Werk eines Fotografen oder auch nur ein einziges Foto bewerten, ohne die Figur des Fotografen in diese Bewertung aufzunehmen? Meine Entscheidung fiel dennoch für das Bild – weil es ein Foto ist, das mich und viele andere damals berührt hat und immer noch berührt. Weil es mir die emotionale Kraft vor Augen führt, die Fotografie haben kann und um die auch ich mich in meinen eigenen Geschichten bemühe. Diese bildimmanente Qualität hat für mich nur in zweiter Linie etwas mit der Figur des Fotografen zu tun und mit der Frage nach einer etwaigen historischen Schuld.

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Ute Mahler
studierte Diplomfotografie, seit 1974 als freie Fotografin tätig. Mitbegründerin der Agentur Ostkreuz. Freie Arbeit für journalistische Magazine und im Bereich Modefotografie

Rolf Nobel
arbeitet als Fotojournalist in Hamburg. Mitglied im Beirat von FreeLens. Fotograf der Agentur Visum