MAGAZIN #21

Fotografieren Sie digital?

Immer mehr Kollegen wird klar, dass die Zukunft der Branche digital ist. Aber der Umstieg fordert neues Lernen und – besonders von Reise- und Reportagefotografen – ein anderes Verhalten unterwegs.

Text –

Deniz Saylan

Wo immer das Thema Umsteigen angesprochen wird, kommt oft eine gewisse Mischung aus Befangenheit und Schuldgefühlen auf. Hätte man nicht eigentlich schon längst diesen Schritt tun sollen? Zuerst waren es die Kollegen, jetzt kommen die Kunden und stellen ähnliche Fragen: Fotografieren Sie digital?

Viele Kunden setzen es sogar schon voraus, dass digital geliefert wird – und zwar direkt aus der Kamera, ohne Umweg über Labor und Scanner. Focus stoppte als eine der ersten Redaktionen die Erstattung von Filmmaterial und Entwicklungskosten und zahlt pauschal für die gelieferte Datei, egal, wie sie entstanden ist. Die anderen Zeitschriften ließen nicht lange auf sich warten und zogen nach.

Die Zweifel an der Digitalfotografie verebben langsam, aber sicher. Es gibt sie noch, die Redaktionen und Verlage, die aus Angst vor neuen Workflows das Dia der Datei vorziehen. Andere wollen lediglich die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten und Bildsprache nicht vorschnell aufgeben. Doch die grundsätzliche Qualität der Digitalfotografie steht nicht mehr zur Debatte. Bei professionellen Kameras kann man mit ruhigem Gewissen behaupten, dass Digitalbilder hinsichtlich ihrer kornlosen Schärfe den 35-mm- und den 6×4,5-cm-Mittelformatfilm überholt haben.

Das hat seinen Preis. Das 16-Millionen-Pixel-Flaggschiff des Branchenvorreiters Canon kostet fast 8.000 Euro – eine Menge Geld für das Belichten mit Vollchip. Aber die auslaufende 11-Millionen-Serie der 1Ds ist secondhand immerhin schon für um die 3.500 Euro zu haben und liegt schärfemäßig kaum zurück. Acht Megapixel sind längst Basis-Standard für digitale SLR-Fotografie.

Professionelle Kamerasysteme werden in puncto Schnelligkeit und Tonwertumfang sicher noch weiter zulegen, aber mit 17 Millionen Pixeln ist die obere Grenze bei den Abbildungsmöglichkeiten von KB-Objektiven erreicht. Und schon mit diesen acht Millionen Pixeln kann man bei den meisten Jobs punkten. Ob nun 11 oder 16 Millionen Pixel, für den Kunden wird das in den meisten Fällen nicht spürbar sein – zumindest nicht im Journalismus. Und sogar großformatige Ausstellungsbilder sind in der Digitalfotografie kein Thema mehr.

Megabytes und Pixel sind in der technophilen Bildbranche echte Verkaufsargumente: Die verfeinerte Tonwertoptimierung durch die Kamera liefert (wenn erwünscht) farbneutrale Bilder. Kunden erhalten bei Produktionen mit Vollchip-Kameras z.B. High-Res-Daten von echten 33 MB oder gar 50 MB bei der neuen Mark II – das versöhnt auch Digitalskeptiker. Die Pixelmenge ist aber nicht alleiniges Kriterium, auch der Sensor spielt eine wichtige Rolle. Als Faustregel kann gelten: je größer der Sensor und die Pixelmenge, desto weniger Arbeit machen die Daten, bevor sie zum Kunden gehen – korrekte Belichtung und Weißabgleich vorausgesetzt.

WERMUTSTROPFEN

Zwei Wermutstropfen in der Digitalfotografie dürfen nicht verschwiegen werden: die absolute Batterieabhängigkeit und die Staubempfindlichkeit bei Systemkameras. Je höher die Pixelleistung, desto größer die Wut auf Fussel und Körnchen in Himmel und Wandflächen. Manche Canon-Objektive reduzieren zwar mit Gummilippen am Bajonett effektiv den Staubeinfall, Blasebalg und Speckgrabber dürfen in keiner Fototasche fehlen.

Und Pixel fressen viel Strom – wenn der alle ist, geht nichts mehr. Der Akku einer Digitalkamera hält bestenfalls 300 bis 600 Aufnahmen lang. Je nach Pflegestufe sinkt die Leistung der Stromspender mit dem Alter mehr oder weniger rasch auf ein Bruchteil der ursprünglichen Kapazität. Selbst mit frischen Akkus sind Expeditionen ohne Steckdose nicht denkbar – noch nicht. Denn die Sensoren und Prozessoren werden immer leistungsfähiger. Das neue 16-Megapixel-Flaggschiff von Canon verarbeitet mit den gleichen Akkus schon doppelt so viele Bilddaten wie die alte 11-Megapixel-Kamera.

Karl Johaentges arbeitete für sein Bildbandprojekt »Chinas Heilige Berge« mehrere Monate unter teilweise extremen Bedingungen. Seine 1Ds wie auch das PC-Notebook muckten weder bei 25 Minusgraden noch bei schwüler Hitze. Wenn man alle zwei Tage an eine Stromquelle kommt, kann man problemlos drei GB Bilder am Tag produzieren und sortieren. Der Kollege schleppte aber (weil zwei Gehäuse zu teuer) neben analogen Gehäusen auch noch 80 Filme mit sich herum – für den Notfall, der aber nie eintrat. Nicht zu vergessen die Ladegeräte, zweite externe Festplatte und CD-Rohlinge. Merke: Von den Hilfsmitteln dieses Workflows darf nichts verloren gehen. Ein im Hotel vergessener Dreifachstecker verlangsamt nur das Arbeiten, ein vergessenes Ladegerät für Notebook oder Kamera aber stoppt alles.

Hat man ein Notebook im Gepäck, sind Speicherkarten nicht mehr so wichtig. Doch mit vielen Pixelmillionen sind drei bis vier GB für eine Tagesproduktion ein Muss. Flashkarten ab ein GB machen Sinn; ob man nun 4-GB-Karten braucht, hängt von der Arbeitsweise und dem Sicherheitsdenken des Aktivisten ab. Die Speicherkarten werden zwar zunehmend billiger, noch sind sie jedoch ein nicht zu übersehender Kostenfaktor.

Will man in der Ferne nicht allabendlich Unmengen von CDs brennen, ist ein zweiter Speicher unumgänglich. Denn auf Reisen sind Computer nicht die sicherste Datenspeicherung. Kleine 3,5-Zoll-Platten haben mit 40 GB gerade mal die Größe einer Zigarettenschachtel und beziehen ihren Strom aus dem Notebook. Besonders hilfreich sind Kombinationsgeräte aus Festplatte und Kartenlesegerät, die im Batteriebetrieb die Flashkarten kopieren. Diese Imagetanks sind leicht, passen in fast jede Fototasche oder können am Gürtel getragen werden.

Aber nicht alles, was mobile Datenspeicherung verspricht, erfüllt auch professionelle Ansprüche. Auch der iPod photo von Apple überzeugt nur mit klarem Design – für größere Datenflüsse jedoch ist das winzige 2,5-Zoll-Laufwerk nicht ausgelegt. Zusätzlich zum Notebook ist der portable, batteriebetriebene Compact Drive PD7X mit 60 GB der Firma SalientTrade zu empfehlen, der die Daten einer 1-GB-CF-Karte aus der Kamera in gerade mal zwei Minuten sichert. Das kompakte Gerät hat zwar keinen Screen (ist meist zur Beurteilung ohnehin zu klein), zeigt aber die geladenen Datenmengen sicher an. Andere Kollegen haben gute Erfahrungen mit dem Giga VuPro von Jobo gemacht.

Bleibt die Erfahrung, dass anstrengende Reportagetage nicht mit der Datenverschiebung beendet sind. Denn bei drei GB am Tag ist die Festplatte des Notebooks nach zehn Tagen voll. Nun ist strenges Editing gefragt – wegwerfen, löschen und wieder löschen. Und bevor wir dann im Hotelzimmer nach dem energieraubenden Wegwerfprozess in Tiefschlaf fallen, nicht vergessen, die Akkus anzuschließen!

WORKFLOW

Ob nun Tagesjob oder Fernreise: Die eigentliche Fleißarbeit beginnt erst nach dem Knipsen. Und die meisten von uns haben das noch gar nicht ins Kalkül gezogen. Unsere Kunden sparen sich Labor und Material, ebenso die sonst angefallenen Scan- und Lithokosten, und wir sitzen diese Ersparnisse auf unseren Hinterteilen ab und machen die Arbeit mehrerer Leute nun selbst als Einzelkämpfer am Computer. Und auch allzu oft noch unentgeltlich.

Wir haben mehr Möglichkeiten durch die Digitalfotografie bekommen, aber auch mehr Arbeit und Verantwortung. Wo es früher ausgereicht hat zu wissen, wie man seine Belichtung und Kameraeinstellung machen muss, um ein gutes Dia oder Negativ zu bekommen, muss man nun wissen, wie und warum ein Bild am Computer zu beurteilen und zu bearbeiten ist. Früher war die Verantwortung aufgeteilt in Fotografieren und Labor. Jetzt vermengt sich alles, und die Kunden gewöhnen sich schnell an den zusätzlichen Service.

Grundbedingung für eine korrekte Beurteilung der Bilder aus der Digitalen ist ein hardware-kalibrierbarer Monitor. Dass man den von Kollegen gerne verwendeten Adobe-RGB-Farbraum (der größer ist als der sRGB-Farbraum) nur auf sehr teuren Monitoren korrekt beurteilen und korrigieren kann, macht die Entscheidung nicht einfacher. TFT-Monitore, die diesen Kriterien genügen, gibt es zurzeit für 4.000 Euro, solche, die nur im sRGB-Raum Farbe bekennen müssen, schon ab 1.200 Euro.

In welchem Farbraum man sich auch bewegt – ein hardware-kalibrierbarer Bildschirm zählt neben der Kür guter Fotografie einfach zum Pflichtprogramm. Kontrast- und Farbkorrekturen sind ansonsten Sünde. Zumindest bei sRGB-Bilddaten hat man in einem halbwegs korrekten Workflow die Gewissheit, dass die Farben einer Bildlieferung aus Hannover in Köln oder Stuttgart gleich aussehen.

BILDERFLUT

Richtig – Bilderfluten hatten wir auch in analogen Zeiten. Doch ist die digitale Fotoschwemme größer und auch nicht leichter zu bewältigen. Die vielfältigen Möglichkeiten des Experimentierens verleiten dazu, öfter auf den Auslöser zu drücken, und erlauben mehr Sicherheit beim Testen neuer Ausdrucksmöglichkeiten. Wichtig bei den vielen Bildern ist deshalb eine Software, die ein schnelles Prüfen der Schärfe und das Editing ermöglicht. Diverse Programme decken das Verwalten, Beschriften und Sichten von Bildern mehr oder weniger ab. Doch gibt es noch kein Programm, das befriedigend alle notwendigen Arbeitsschritte bis zum fertigen Bild abdeckt.

Digitale Fotos sollten immer beschriftet sein. Natürlich hat man das auch mit den analogen Fotos machen müssen, doch im Digitalen hat es noch viel größere Bedeutung – unbeschriftete Fotos verschwinden als Datei leicht auf Nimmerwiedersehen. Wichtig ist die korrekte Beschriftung der ITPS-Header. Oft ist es der Fall, dass mit dem einen Programm geschriebene ITPC-Infos mit einem anderen nicht lesbar sind. Fotostation konnte zwar JPEG-Dateien beschriften, TIFF-Dateien jedoch waren außerhalb von Fotostation ohne Caption. Sogar zwischen den einzelnen Photoshop-Versionen gibt es Probleme.

Ob nun I View Media Pro, Captionwriter oder fotostation pro – die Entscheidung bleibt Geschmackssache. Auf jeden Fall wird es nicht einfacher mit der Beschriftung, wenn die Feldnamen von Version zu Version wechseln. Was gestern noch das Feld »Fotograf« war, ist heute »Autor«, in einem anderen Programm ist es »Urheber« und wiederum woanders »Copyright«. Und »Copyright« ist bei einem Programm das, was woanders die »Quelle« ist, »Genre« ist »Kategorie«, und »Kategorie« ist »Supplemental Categories«. Gut, wenn man am Ende noch weiß, wie seine Frau und die Kinder heißen.

Fragt man Umsteiger nach den Highlights der neuen Arbeitsweise, rangieren »unmittelbare, sichere Kontrolle über Screen und Histogramm« und Arbeiten bei Mischlicht ganz vorne. Obwohl der Kontrastumfang eines Digitalbildes um bis zu vier Blenden über dem eines Dias liegen kann, hat die Digitalfotografie hier noch Entwicklungspotenzial. Wegen der spürbar sensiblen Reaktion der Chips auf Lichtveränderungen im Drittelblendenbereich ist diese Kontrolle und vor allem präzises Belichten auch notwendig. Ein weiterer Vorteil der Digitalfotografie ist die Erhaltung einer guten Detailauflösung bei höheren Empfindlichkeitseinstellungen der Kamera. Auch der Weißabgleich ist für ehemalige Dia-Fotografen einfacher geworden. Die Abhängigkeit von Farbkorrekturfiltern in Kunst- und Mischlichtsituationen, die Empfindlichkeit herabsetzen, entfällt in der Digitalfotografie.

Welcher Farbraum in der Kamera einzustellen ist, ist noch eine Streitfrage (vgl. die diesbezüglichen Beiträge). Wichtig ist, das am Ende der Kunde den eingestellten Farbraum der Bilder erkennen kann. Oft landen unsere Fotos »untagged« oder ohne Anhang auf den Rechnern der Bildnutzer. Ein Datensatz ohne Profil ist ein Datensatz ohne Identität. Die Fehlerquoten sind dann besonders groß. Bildlieferungen können im Alltagsbetrieb auch von versierten Leuten oft nur stichprobenartig angetestet werden. Erfolgt eine irrtümlich falsche Profilzuweisung aufgrund einer zufällig passenden Farbübereinstimmung der oberflächlich geprüften Bilder, kommt es zu »Fehlfarben«.

Das Arbeiten im RAW-Modus bietet eine hohe Abbildungssicherheit und Qualität, gerade in kritischen Lichtsituationen oder bei höchsten Empfindlichkeiten. Kurz: Immer dann, wenn auf die kamerainterne Datenverarbeitung noch kein Verlass ist, verschafft man sich im RAW-Modus bei der Belichtung einen realistischen, verlustlosen Arbeitsspielraum von etwa einer Blende. Und der rettet nicht selten eine Aufnahmesituation. Der RAW-Modus frisst allerdings Speicher und schreit nach langen Nachtstunden am Bildschirm.

Diese Überstunden spart man sich, überträgt man die Belichtungsdisziplin für den geliebten Velvia auf die JPGs seiner Digitalen. Mit dem korrekten Weißabgleich und präzise belichtet können JPGs aus der digitalen Oberklasse unbearbeitet auf CD gebrannt und an den Auftraggeber verschickt werden.

Also, trotz verwirrenden Informationen und aller vielleicht noch vorhandenen Skepsis – nur Mut zum Umstieg!

___
Deniz Saylan
lebt als Fotograf in Stuttgart. Er arbeitet seit 2002 digital – und mit einer Deardorf-Großbildkamera.