MAGAZIN #27

Fotos entwickeln ein Eigenleben

Steve McCurry 58, und Thomas Hoepker 72, haben unzählige exzellente Fotos geschaffen. Einige davon zählen zu den Ikonen der modernen Fotografie. FREELENS sprach mit den beiden Magnum Veteranen über das, was von ihrer Arbeit bleibt.

Interview –

Manfred Scharnberg

Fotos –

Maria Irl

FREELENS: Was macht ein Foto zu einer Ikone?

Steve McCurry: Das Magische – schwer zu erklären: Warum fühlen sich Menschen von einem Porträt angesprochen, von einem anderen aber nicht? Mir ist noch immer rätselhaft, warum ausgerechnet mein Foto des afghanischen Mädchens aus Peshawar so berühmt geworden ist.

Thomas Hoepker: Es sind die Augen dieses Mädchens. Die sind faszinierend, verleihen dem Bild etwas Geheimnisvolles – so einfach ist das. Bei meinem Bild vom 11. September 2001 ist es anders. Ich war völlig überrascht, dass es so viel Aufsehen erregt hat und noch erregt.

Das Bild hat ein Eigenleben entwickelt. Die Leute fragen sich: Was ist dort los? Hinten steigt Rauch über Manhattan auf, und vorn sind Leute, die völlig entspannt aussehen, als wären sie im Urlaub. Das hat verständlicherweise eine Debatte ausgelöst. In meinem Fall ist eine Reaktion viel offensichtlicher als bei Deinem Bild. Da ist es die Ausstrahlung des Mädchens, der Augenblick, die Perfektion des Bildes. Aber Du hast schon Tausende solcher tollen Fotos gemacht, nicht wahr?

Steve McCurry: Wir machen täglich Fotos, die uns gefallen. Wir hoffen, damit Erfolg zu haben. Einige Bilder halten wir für wunderbar, sie sind es aber nicht. Bei anderen Fotos, die spontan entstehen, zeigt sich erst im Nachhinein, wie schön sie sind. Ich wusste, dass im Blick dieses Mädchens etwas Außergewöhnliches lag. Ich glaube oft, etwas Besonderes vor meiner Linse zu haben, und spreche darauf an. Aber in welchem Ausmaß die Betrachter darauf ansprechen, lässt sich nur schwer abschätzen. Ich denke nicht nach, wie die Leute wohl reagieren könnten. Es geht nur darum, wie ich in diesem bestimmten Augenblick reagiere.

Herr Hoepker, hatten Sie das Gefühl, dass Ihr Bild vom 11. September etwas Besonderes ist?

Thomas Hoepker: Absolut nicht, ich hatte das Gefühl, nicht nahe genug an »Ground Zero« herangekommen zu sein. Das Foto zeigt nicht das Schreckliche, das Entsetzen, das unglaubliche Geschehen dieses Tages. Steve hat das sehr viel besser eingefangen. Im Gegenteil, es war friedlich, mein Foto ist eigentlich harmlos und hübsch. Ich legte es in meinen B-Kasten. Dort lag es etwa drei Jahre lang. Erst bei der Zusammenstellung meiner Ausstellung wurde ich von meinem Kurator darauf aufmerksam gemacht. Manchmal hilft die Zeit einem Bild. In den ersten Jahren interessiert es niemanden, dann plötzlich – in einem anderen Zusammenhang – bekommt es eine Bedeutung. Bei meinen Fotos von Mohammed Ali war es ähnlich, denn er wurde selbst zu einer Ikone. Ich hatte zufällig Bilder aus einer Zeit, in der er noch nicht so berühmt war. Vom Foto irgendeines x-beliebigen Boxers hätte niemand Notiz genommen. Oft zählt nur der Persönlichkeitsfaktor.

Sind Ihre berühmt gewordenen Fotos auch Ihre Lieblingsbilder?

Steve McCurry: Nein, ich habe eigentlich keine Lieblingsfotos. Mir gefallen bestimmte Fotos aus unterschiedlichen Gründen. Einige Bilder, die ich besonders mag, sind nie veröffentlicht worden (lacht). Ich frage mich warum. Man sollte es schätzen, wenn Leute überhaupt auf die eigenen Arbeiten reagieren – aber bei meinen Bildern ziehe ich nie eines dem anderen vor. Mir fallen aber allein zwanzig Bilder von Henri Cartier-Bresson ein, die ich zu meinen Lieblingsfotos zähle. Ich glaube, er war außergewöhnlich in seiner Einfachheit. Viele seiner Bilder sind noch heute so frisch und wunderbar wie vor 50 oder 60 Jahren. Sie haben einfach etwas Wunderbares.

Thomas Hoepker: Richtig, Henri ist das einzige mir bekannte Beispiel für einen Fotografen, bei dem man sich an Dutzende Bilder erinnert, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben. Man kann ganz leicht eine Liste von Bildern mit einem fantastischen Eigenleben aufzählen – und sie bleiben neu. Aber bei den meisten Fotografen erinnert man sich nur an ein einziges Bild. Man wird darauf reduziert.

Ist diesen Bildern nicht auch eine gewisse Klarheit gemein?

Steve McCurry: Ja, alle ikonenhaften Bilder, die mir einfallen, sind leicht und schnell zu lesen – von der Komposition und vom Inhalt her. Eines dieser Fotos ist der berühmte Kuss in Paris von Robert Doisneau. Man versteht das Bild sofort, es ist eingängig, nicht hintergründig.

Thomas Hoepker: Auch Henris Junge mit den Weinflaschen: sehr einfach, keine große Botschaft, aber ein wunderhübsches Bild. Zum Bild mit dem Kuss: Es wurde erst richtig berühmt, nachdem es zu einem Skandal kam. Man fand heraus, dass es gestellt war. Das Foto hatte bereits ein eigenes Leben, bevor es berühmt wurde. Danach zog das Ganze seine Kreise, alle redeten darüber. Kontroversen sind also hilfreich, zumindest in einigen Fällen.

Glauben Sie, dass die Zeit für fotografische Ikonen vorbei ist?

Steve McCurry: Dem würde ich nicht zustimmen. Das wäre so, als würde man sagen: Es gibt keine großen Lieder mehr, die man noch schreiben könnte, oder es gibt nichts Neues unter der Sonne. Ich glaube, jeden Tag werden neue Dinge geschaffen – immer wieder.

Thomas Hoepker: Es gibt viele Komponenten, die dazu beitragen, dass ein Bild berühmt wird. Manchmal ist es nicht unbedingt eines deiner besten Bilder. Das berühmte Foto von Eddie Adams, des Vietnamesen, der auf der Straße erschossen wird, ist ein Nachrichtenfoto. In diesem Bild drückte sich das politische Gefühl der Menschen in den Staaten und anderen Teilen der Welt aus. Sie sagten, dies ist ein übler Krieg. Oft ist es nicht das Bild an sich. Entscheidend ist, dass viele Menschen etwas damit verbinden. Es beginnt ein Hype, alle veröffentlichen das Bild, und alle anderen fragen – wie Sie – wieder nach diesem verdammten Bild vom 11. September. Man freut sich über die Resonanz, aber andererseits hat man die Nase voll. Ich selbst halte es nicht für eines meiner besten Bilder. Aber für viele ist es offenbar besonders interessant, weil es so verwirrt.

Wie können bei dem heutigen Bilder-Overkill überhaupt noch Fotos zu Ikonen werden ?

Steve McCurry: Fotoikonen müssen zeitlos sein, denn wenn sie nicht zeitlos sind, sind sie keine Ikonen. Erst über die Zeit kristallisiert sich heraus, was erinnernswert, was bedeutungsvoll ist. Das gilt für die erwähnten Fotos von Henri, die sind bis heute beeindruckend.

Thomas Hoepker: Dein Bild von dem afghanischen Mädchen ist zeitlos, sehr elementar. Es wird bleiben. Mein Bild wird dagegen schneller in Vergessenheit geraten, weil es mit einem tragischen Ereignis in unserem Leben verbunden ist. Wir wissen, was der 11.9. bedeutet. Aber unsere Enkel werden das nicht mehr in gleichem Maße verstehen.

Gibt es Fernseh- oder Filmbilder, die in Ihren Augen etwas Ikonenhaftes haben?

Steve McCurry: Wenn man an Che Guevara oder andere berühmte Personen denkt, dann hat man ein Foto im Kopf. Ich glaube, unser Bild von der Geschichte beruht auf Fotos, nicht auf Videoszenen. Es mag Ausnahmen geben, aber das historische Gedächtnis basiert auf Fotos. Fotos haben Vorzüge: Man kann immer wieder darauf zurückgreifen, über Wochen, Monate, Jahre. Video und Fernsehen sind kurzlebig.

Thomas Hoepker: Die Fotografie schafft tatsächlich dauerhaftere Bilder. Ich kann mich kaum an eine Fernsehszene erinnern, aber an Dutzende von Fotos. Woran liegt das? Ein Standbild steht per Definition, es geht nicht vorbei. Das ist das Einzigartige an der Fotografie.