MAGAZIN #24

Fotos für die Ewigkeit

…oder: War Dieter Bohlen Gott?

Text –

Lutz Fischmann

Die digitale Revolution hat die Fotografie erreicht – mit voller Wucht. Schneller als die Auguren es vorhergesagt haben und schneller als die Fotografen dies wollten. Und mit der Digitalisierung kam erst die Bilderflut und dann die Angst – die Angst vor dem Datengau, dem unwiederbringlichen Verlust der Fotos.

Weit über 20 Millionen digitale Kameras werden heute allein in Deutschland benutzt – und Milliarden Fotos mit ihnen gemacht. Das Fotografieren ist in privaten Haushalten noch populärer geworden, kaum eine Örtlichkeit, an der nicht ein Blitzlicht aufzuckt. Schon beklagen die Hersteller von Druckern nicht ganz uneigennützig, dass zu wenig Fotos ausgedruckt werden und stattdessen auf Festplatten und CDs vor sich hinschlummern und nicht an künftige Generationen weitergegeben werden können.

Keine Stimmung, keine Erinnerung und keine Information hält ewig, egal, auf welchem Medium sie gespeichert ist. Seit die ersten Graffitis auf Wände geritzt wurden, sind 42.000 Jahre vergangen – nur wenige haben überdauert. Vor 5.000 Jahren schrieben die Mesopotamier ihre Texte mittels Keilschrift auf Tontafeln – wenige existieren noch. Vor 1.100 Jahren druckten die Chinesen das erste Buch – es ist erhalten. Die meisten der zwischen 1845 und 1985 erschienenen Bücher werden zerfallen – sie wurden auf säurehaltigem Papier gedruckt, das sich selbst im Lauf der Zeit zersetzt.

Genauso wird es auch den Bildern ergehen. Schon heute haben Museen Schwierigkeiten, Farbaufnahmen fachgerecht zu lagern – der Zerfall dieser Fotos ist vorhersehbar. Nachrichtenagenturen bewahren nur die Bilder auf, die sie an ihre Kunden gesendet haben. Fotografennachlässe werden im besten Fall Museen übergeben und liegen dort in Kellern – ungesichtet – und sind letztendlich dem physischen Verfall und, mangels Etat, dem Desinteresse der konservatorischen Aufarbeitung preisgegeben. Noch verlustreicher wird es den digitalen Datensätzen ergehen. Schon heute sind viele Speichermedien nicht mehr zu retten, Festplatten stellen urplötzlich und auf immer ihre Arbeit ein.

Die analogen Bildarchive der Verlage existieren bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht mehr. Die heutigen digitalen Archive beschränken sich entweder, wie bei den kommerziellen Fotoagenturen, auf »verkaufbare« Fotos oder bei den Verlagen, auch aus rechtlichen Gründen, auf eine sehr kleine Auswahl der verwendeten Fotos. Damit stehen zukünftig Fotoarchive, die ein umfassendes Abbild unserer Gesellschaft ergeben, nicht mehr zur Verfügung.

Selbst wenn die digitalen Fotografien Menschenleben überdauern würden – wer will sie sichten, wer will sie veröffentlichen, wer will sie sehen? Und vor allem: Was sehen wir dann? Ist es nicht eine gruselige Vorstellung, wenn durch einen Zufall ausgerechnet nur die Yellow-Press-Fotos einige Jahrhunderte überleben würden? Was würden die Archäologen von uns denken? War Dieter Bohlen unser Gott?

Wenn wir nicht schon in der Gegenwart auf Qualität und Vollständigkeit in der bildnerischen Berichterstattung Wert legen, was sollte uns dann ein (un-)vollständiges Archiv in der Zukunft für Erkenntnisse bringen? Wollen wir oder unsere Nachfahren wirklich alles das noch einmal sehen, was wir heute sehen können? Könnte ein Verlust und damit das Vergessen nicht auch etwas Hilfreiches sein? Wäre es nicht angebrachter, über die Qualität unserer Bilder nachzudenken, anstatt über Bits und Bytes, damit sich das Vererben lohnt?

Wer kann entscheiden, welche Fotos heute wichtig sind, welche Fotos vielleicht übermorgen in einem anderen Kontext eine völlig neue Bedeutung bekommen? Niemand – und das ist auch nicht verwunderlich. Zu schnell ist, jedenfalls im journalistischen Geschäft, die Foto- und vor allem die Themenauswahl geworden. Innerhalb von Sekunden entscheiden Nachrichtenfotografen, welche Fotos sie senden und damit, welche Fotos wir sehen.

Die Entscheidung über die zukünftige Sichtbarkeit von Fotografien haben die Leser, die Galeriebesucher, die Sammler und die Verleger der Fotografen. Ihre Auswahl und der Anspruch der Fotografen wird darüber entscheiden, welche Bilder wir sehen, denn nur ein gedrucktes Foto wird ein bleibendes Foto sein.

Die Bilderflut, die uns heute überschwemmt, hat es nicht leichter gemacht, zwischen Wichtigem und Unwichtigem, zwischen Bild und Abbild zu unterscheiden, und wahrscheinlich ist es richtig, die Sammlungsflut regelmäßig aufzulösen. Sei es unfreiwillig mittels technischer Defekte oder mutwillig, damit neue Sammlungen entstehen können.

Über die Qualität der Archive unserer Gegenwart wird leider nicht in der Jetztzeit diskutiert. Wir sollten heute die Fragen nach den Inhalten stellen, jenseits der Überlegung über das technisch Machbare, denn das Interesse an Inhalten wird nicht mit seiner Verfügbarkeit steigen.