MAGAZIN #01

FreeLens Tagebücher entdeckt

Muß die Geschichte des Fotojournalismus neu geschrieben werden?

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B. KANNT

Eine wichtige Quelle zur Erforschung des Verhaltens freischaffender Fotografen tauchte jetzt in Hamburg auf. Der sensationelle Fund belegt, daß freie Fotografen, im Gegensatz zur gültigen Lehrmeinung der Medienforscher, im Stande sind, trotz aller Rivalitäten notfalls an einem Strang zu ziehen.

Wie groß der finanzielle Druck und die Frustration über schlechter werdende Arbeitsbedingungen sein muß, um zu einem solchen Gruppenverhalten dieser für ihren Individualitätsdrang bekannten Spezies zu führen, muß allerdings noch erforscht werden. Wir bringen vorab einen Auszug der Tagebücher:

Dezember 1994
Auf Initiative von Jörg Wischmann und einiger anderer Fotografen der Agenturen Focus, Bilderberg und Visum trifft sich in Hamburg eine Gruppe von Verschwörern. Nach anfänglichen, allgemeinen Unmutsäußerungen über die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen und einem pessimistischen Blick in die digitale Zukunft beschließt man eine allgemeine Alarmierung der Kollegen per Fax. Ein erstes Treffen mit möglichst vielen Kollegen wird geplant.

Freitag, 13.1.1995, 16.00 Uhr
Im Casino der Kampnagelfabrik in Hamburg treffen sich circa 60 Fotografen/-innen, Agenturgeschäftsführer und der Anwalt Dirk Feldmann. Die Diskussion kreist um Vertragsbedingungen und Syndicationprobleme.

Rolf Nobel, Rudi Meisel, Stefan Enders, Dirk Eisermann und Jörg Wischmann diskutieren teils heftig das Für und Wider eines eigenen Vertragsentwurfs sowie die Chancen seiner Durchsetzung. Die von Rolf Nobel geforderte Vereinsgründung bleibt noch aus, die anwesenden Fotografen der Agenturen Ostkreuz, Look, Visum, Bilderberg, Focus, Gröninger, Garp, Laif, Das Fotoarchiv, Argus, Anne Hamann, Zenit und Zeitenspiegel beschließen jedoch, unter dem Namen Freelancer ein weiteres Fotografentreffen per Fax zusammenzutrommeln. Bereits 120 Fotografen/innen unterstützen die Aktion.

Samstag, 18.2.1995, 11.00 Uhr
Zu einer für Fotografen ungewöhnlich frühen Uhrzeit treffen sich 50 Fotojournalisten erneut im Casino der Kampnagelfabrik. Nachdem Wolfgang Kunz von vergeblichen Bemühungen von vor acht Jahren berichtet hat, als der Verband der Zeitschriftenverleger sich weigerte, mit den Fotografen auch nur zu reden, bieten Jacques Schumacher und Eberhard Grames eine Untergruppierung innerhalb des BFF an. Es setzt sich in der folgenden, teils hitzigen Diskussion jedoch mit 47 zu 3 Stimmen die Forderung nach einer Neugründung eines Vereins durch. Der zu gründende Verein soll weder dem BFF noch der dju Konkurrenz machen. Jürgen Bischoff von der dju bietet spontan Unterstützung der Gewerkschaft an.

Die amerikanische Fotografenvereinigung ASMP wird zum Vorbild. Ein Muster-Werkvertrag soll ausgearbeitet werden. Im Vordergrund stehen die Themen Honorar, Syndication und digitale Bildmanipulation. Der Verein will auch regional tätig werden. Zum März soll in Hamburg das Gründungstreffen stattfinden.

Mittwoch, 22.2.1995, 19.00 Uhr
Im strengen Ambiente einer Hamburger Anwaltskanzlei trifft sich das Gründungskomitee, bestehend aus Rolf Nobel, Heiner Müller-Elsner, Klaus Andrews, Lars Bauernschmitt, Stefan Warter, Knut Gielen, Jörg Wischmann, Lutz Fischmann, Hauke Dressler und Dirk Feldmann. Neben vielen Schwierigkeiten taucht ein Namensproblem auf: Eine Firma Freelancer gibt es bereits. Heiners Vorschlag aus dem englischen Begriff für »freien Mitarbeiter« eine »freie Linse« zu machen setzt sich durch. Ein Gründungsaufruf für »Freelenser« wird erarbeitet und an Agenturen und Kollegen gefaxt.

Montag, 13.3.1995, 19.00 Uhr
Letzte Vorbereitungen für das Gründungstreffen und die Erarbeitung einer Tagesordnung finden am berühmten »eckigen Tisch« in Rolf Nobels Wohnzimmer statt.

Samstag, 25.3.1995, 14.00 Uhr
Das schon historische Casino der Kampnagelfabrik ist bereits vor Beginn der Veranstaltung überfüllt, mehr als 200 Fotojournalisten/-innen sind dem Aufruf gefolgt. Nach einer Einführung in die Zielsetzung von »Freelenser« entbrennt eine Diskussion um Namen und Mitgliedsbeiträge. Man einigt sich mit großer Mehrheit auf FreeLens und einen monatlichen Beitrag von 20 Mark. Nach der Beschlußfassung über die Satzung des Vereins beweist eine spontan durchgeführte Geldsammlung für die Miete des Casinos die Opferbereitschaft der Fotografen.

Während einer organisatorisch und kulinarisch dringenden Pause knipst Wolfgang Steche im Theatersaal K2 der Kampnagelfabrik mit modernster Technik das denkwürdige Gruppenfoto der Gründungsmitglieder. An guten Tips von Seiten der Kollegen mangelt es nicht.

Nach dem Ausfüllen des Beitrittsformulares dürfen die frischgebackenen Vereinsmitglieder bereits wählen. In einem durch störendes Gegenlicht mühsamen, demokratischen Verfahren werden Klaus Barisch, Stefan Enders, Knut Gielen, Urs Kluyver, Jochen Knobloch, Rolf Nobel, Regina Pfeil, Sabine Sauer und Jörg Wischmann zum Vorstand des Vereins gekürt.

Samstag, 8.4.1995, 14.00 Uhr
Erstes Vorstandstreffen und Wahl von Jörg Wischmann zum Vorsitzenden. Sabine Sauer und Urs Kluyver werden als seine Vertreter und Knut Gielen zum Kassenwart gewählt…

An dieser Stelle enden der Tagebuchaufzeichnungen plötzlich. Historiker vermuten, daß der Verfasser aufgrund der vielen Aktivitäten keine Zeit mehr für Notizen hatte.