MAGAZIN #34

Gegen die Verflüssigung der Bilderwelt

Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Fotobuch entschleunigt die optische Wahrnehmung und wirkt einer allgemeinen Flüchtigkeit entgegen. Klaus Honnef über das zunehmende Interesse an bleibenden Bildern.

Text –

Klaus Honnef

Fotos –

Lucas Wahl

Schon bevor sie an die Wand gehängt wurden, erschienen fotografische Bilder in Mappen und Büchern. Da die passenden Drucktechniken noch nicht erfunden waren, wurden die Bilder entweder eingeklebt oder über den Transfer von Holzschnitten wiedergegeben. In puncto Reichweite waren (und sind) Bücher dem Medium Ausstellung ohnehin weit überlegen. Auch aus Gründen ihrer Reproduzierbarkeit sind sich Fotografie und Buch näher als Fotografie und Malerei. Kunsthistoriker wie Svetlana Alpers vertreten die Ansicht, dass Fotografien einem anderen Modus der Vergegenwärtigung gehorchen als Gemälde. Sie erschließen sich wie Texte gleichsam Zeile für Zeile und nicht wie gemalte Bilder auf der Schiene der Fluchtlinien mit einem Blick.

Dabei haben die Ausstellungen in Galerien und Museen die Fotografie zur Kunst promoviert. In Sachen Bild genießen Ausstellungen höheres Prestige als Bücher. Zudem tragen sie zur Legendenbildung bei. Ein wichtiges Hilfsmittel im Prozess der öffentlichen Anerkennung. Im Gegensatz zu Büchern sind Ausstellungen flüchtig. Nach Beendigung beruht ihre stärkste Wirkung auf Hörensagen, auf subjektiven Erinnerungen und schriftlichen Äußerungen über sie. Der kritischen Überprüfung entziehen sie sich. Wunderschöne Mappen und Bücher vornehmlich aus den Anfangszeiten der Fotografie wurden auseinandergerissen, um ihre Bilder nebeneinander an der Wand zu präsentieren.

Was kann ich denn machen, wenn es keine BU gibt, sondern nur der Fotograf unter dem Bild stehen soll?

Was kann ich denn machen, wenn es keine BU gibt, sondern nur der Fotograf unter dem Bild stehen soll? Foto: Lucas Wahl

Seit sich die Fotografie aus dem Banne der Malerei gelöst und in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eine eigenständige Ästhetik entworfen hat, führte das Fotobuch allerdings ein Schattendasein. Vor allem überstrahlt von dem Umstand, dass die Fotografie gleichzeitig zum ersten wirklichen Massenmedium der Geschichte aufstieg, und ihre Bilder in illustrierten Zeitschriften eine bis dahin den Bildern nicht zugängliche Verbreitung erreichten. Von der ästhetischen Emanzipation der Fotografie profitierte das Fotobuch jedoch auch insofern, als es den fotografischen Zeugnissen eine Plattform bereitstellte, die den Vorstellungen künstlerisch ambitionierter Fotografen entgegen kam. Eröffnete doch das Format des Buches Fotografen die Möglichkeit, diese detaillierter, plausibler und zwingender zu entfalten als in Ausstellungen oder auch auf dem damals blühenden Markt des Illustrierten- und Magazinswesens. Es waren Bücher, die den Ruf von August Sander, Karl Blossfeldt, Albert Renger-Patzsch, Brassaï, Germaine Krull und Walker Evans, um nur ein paar Beispiele zu nennen, als fortschrittliche Bildkünstler begründeten. In einer Gestaltung, die ihren Bildern die notwendige Prägnanz verlieh. Wahrscheinlich haben die Bücher gerade die Namen vieler deutscher Fotografen vor dem Vergessen bewahrt, das ihnen durch den Kulturbruch der Nazis und das Desaster des Zweiten Weltkrieges drohte.

Nichts desto weniger blieb ihre Anzahl trotz ihrer häufig außerordentlichen ästhetischen Qualität ebenso überschaubar wie ihre Auflagen. Und bis in die jüngste Zeit spielten sie neben den fotografischen Prachtbänden, als Coffee-Table-Books geschmäht, in denen die Welt zum Konsumartikel gerät, keine Rolle im Horizont der öffentlichen Aufmerksamkeit. Nur die intimen Kenner und Liebhaber von Fotografie und Kunst nahmen von ihrer Existenz Notiz.

Fotobuch ist nicht gleich Fotobuch. Was sich als Fotobuch inzwischen größeren Interesses in der Sammlerszene erfreut, sind die Bücher besonderen ästhetischen Anspruchs. Eigens konzipiert, um eine bestimmte Sicht auf die Welt, einen visuellen Stil, oder ein bestimmtes Thema zum Ausdruck zu bringen, in dem sich die Haltung der jeweiligen Bildautoren im Hinblick auf ihre fotografischen Objekte dokumentiert. Anders als die erheblich populäreren Coffee-Table-Books befördern sie nicht, was man den »touristischen Blick« nennen könnte, der an der Oberfläche haftet und nach den Worten Walter Benjamins jede Konservendose ins All montiert. Vielmehr einen kritischen, der zweimal hinschaut, genauer ist und mit Gespür für die unterschwelligen Konfliktlinien die Oberfläche durchdringt. Sie betonen die subjektive Perspektive der Autoren. So ist die Form ihrer fotografischen Wiedergabe wichtiger als die Dinge selbst. Wie wir die Dinge sehen, hat unmittelbaren Einfluss auf das Urteil, das wir über sie fällen.

Es waren Bücher, die den Ruf von August Sander, Karl Blossfeldt, Albert Renger-Patzsch, Brassaï, Germaine Krull und Walker Evans als fortschrittliche Bildkünstler begründeten.

Es waren Bücher, die den Ruf von August Sander, Karl Blossfeldt, Albert Renger-Patzsch, Brassaï, Germaine Krull und Walker Evans als fortschrittliche Bildkünstler begründeten. Foto: Lucas Wahl

Festzustellen, dass die Fotografie die Wahrnehmung der Welt tief greifend verändert hat, ist eine Binsenweisheit. Doch was die Bilder mit uns machen, gerät selten unter die Sonde kritischer Reflexion. Die Konsequenzen der Bilder aus der technologischen Sehmaschine auf das Sehen sind widersprüchlich. Einerseits hat sie den Blick der Menschen erweitert und ihm die Welt näher gerückt. Andererseits hat sie zugleich die Welt von den Menschen entfernt und in »täuschend echte« Bilder verwandelt, die in der Wahrnehmung die Erscheinung der Dinge als ihre Substanz ausgeben. Aus den immanenten Widersprüchen des Mediums Fotografie schlugen die anspruchsvollen Fotobücher ästhetisches Kapital und provozierten ein sinnreiches Spiel zwischen Realitätsreferenz und Bildkonstruktion.

Eine Reihe Faktoren haben in jüngerer Zeit dem Fotobuch eine Bedeutung zugewiesen, die es im fotografischen Diskurs bislang nie gehabt hat. Gelegentlich liest und hört man sogar von einem Boom des Fotobuches. Eine gelinde Übertreibung, die der spektakuläre Verkauf der fotografischen Bibliothek des Sammlers Manfred Heiting an das Museum of Fine Arts in Houston/Texas enorm befeuert hat.

Als Initialzündung für den unvermuteten Aufschwung des Fotobuches gelten Martin Parrs und Gerry Badgers zweibändige Publikation »The Photobook: A History I + II« sowie Andrew Roths »The Book of 101 Books. Seminal Photograpic Books of the Twentieth Century.« Bücher ausschließlich über herausragende Fotobücher. Manche legendär, manche nur Spezialisten bekannt. Bald avancierten sie zu »Einkaufslisten« für Sammler auf der Jagd nach lohnenswerten Investitionsgütern. Auf dem deutschen Buchmarkt zog Manfred Heiting mit zwei Standardwerken im renommierten Steidl Verlag nach und entwickelte spezifische Kriterien für den Unterschied zwischen einem ordinärem Bildband und einem sammelnswerten Fotobuch. Sie muten in Teilen bizarr an, überzeugen aber in markttechnischer Argumentation.

Bücher, die lange als Ladenhüter in den Antiquariaten ihr staubiges Dasein fristeten, waren plötzlich ausverkauft oder sprangen in höchste Preisklassen. Doch das Interesse am Fotobuch beschränkte sich nicht nur auf die relativ kleine Gruppe spekulativer Sammler. In zahlreichen europäischen Ländern gründeten sich Fotobuchfestivals und Salons der Fotobücher. Sie erfreuen sich guten Zuspruchs mit steigender Tendenz. Und während viele Kulturkritiker schon an der Zukunft des Buches im Zeichen von New Media zweifelten, schienen seinen visuellen Varianten, neben dem Fotobuch vornehmlich die »Graphic Novel«, eine vielversprechende Alternative zu bieten. Dennoch ist das Bilder-Buch eine Randspezies in der nach wie vor unüberschaubaren Bücherproduktion.

Fotobücher bleiben die armen Verwandten der Coffee-Table-Books sowie der Bücher prominenter Starfotografen im Beritt der Mode, der People-, der Kunst- und auch der Architekturfotografie.

Fotobücher bleiben die armen Verwandten der Coffee-Table-Books sowie der Bücher prominenter Starfotografen im Beritt der Mode, der People-, der Kunst- und auch der Architekturfotografie. Foto: Lucas Wahl

New Media liefert ein signifikantes Stichwort, das Licht auf die Gründe und die Bedingungen für den vermeintlichen oder tatsächlichen Boom des Fotobuches wirft. Die wachsende Verflüssigung der Bilderwelt im weltweiten Netz und der völlige Verlust ihrer physischen Merkmale ruft eine noch zarte, sich aber offenbar verstärkende Gegenreaktion hervor. Sie manifestiert sich in dem Bedürfnis nach greif- und fühlbarer Erfahrung, nach unmittelbarem Kontakt mit den Objekten des Begehrens sowie einer drastischen Entschleunigung der optischen Wahrnehmung. Das Medium Buch befriedigt derlei Verlangen problemlos. Obendrein inauguriert es en passant so etwas wie kritisches Sehen, indem es zur ständigen Überprüfung des Gesehenen einlädt.

Die rasant voranschreitende Umwälzung der technischen Möglichkeiten, die gleichermaßen neue Probleme schafft wie ältere löst, hat die Kosten für das Drucken von fotografischen Büchern nicht nur drastisch gemindert, sondern alles, was dazu notwendig ist, in die Hand der Bildautoren gelegt. Ohne großen finanziellen Aufwand sind sie jetzt in der Lage, ihre fotografischen Ziele in Buchform zu realisieren; völlig unabhängig, ohne Rücksichtsnahmen auf kommerzielle Zwecke und Kontrolle Außenstehender. Vor dem Hintergrund eines unvermindert schrumpfenden Marktes für journalistisch orientierte illustrierte Zeitschriften und die Verlagerung der journalistischen fotografischen Aktivitäten ins Netz, ist das Buch vor allem für derart orientierte Fotografen eine Chance, der Flüchtigkeit der Bilder entgegenzuwirken.

Überschäumender Optimismus ist gleichwohl nicht angebracht. Obwohl immer wieder Meldungen kursieren, dass ein ästhetisch und/oder thematisch anspruchsvolles Fotobuch ohne professionellen Verlag und dessen Promotionsmaschinerie reüssiert, bisweilen zum kommerziellen Hit wird – Fotobücher bleiben die armen Verwandten der Coffee-Table-Books sowie der Bücher prominenter Starfotografen im Beritt der Mode, der People-, der Kunst- und auch der Architekturfotografie. Für das Fotobuch trifft generell das zu, was längst im Kunstgeschehen gang und gäbe ist: Je mehr Geld im System unterwegs ist, desto stärker der Trend zur Konzentration und Monopolbildung sowie die Neigung der Sammler, auf Blue Chips zu setzen. Konkret: Immer weniger Bildautoren werden immer mehr Geld verdienen. Die zunehmende Beliebtheit des Fotobuches öffnet zwar eine Nische. Ob sie sich aber verbreitert, ist ungewiss. Denn so lange das Fotobuch keine spürbaren Marktanteile erwirbt, also nicht in größerem Maßstab zum erfolgreichen »Markenartikel« wird, ist es für seine Urheber eine Frage von Selbstausbeutung und jener Befriedigung, die sie in der Arbeit daran finden.

Infos zu Fotobüchern
Bibliographie

Umfangreiche Enzyklopädien über Fotobücher, teilweise auf mehrere Bände angelegt, haben dem Genre zu einem unverhofften Aufschwung verholfen. Was für den einen zur unverzichtbaren Wissensquelle wird, dient dem anderen als Einkaufsliste.

Martin Parr & Gerry Badger
The Photobook – A History Volume I & II
Phaidon Verlag, je 75,– Euro. (Vol. 3 für März 2014 angekündigt)

Andrew Roth
The Book of 101 Books
PPP Editions, 2001 (vergriffen)

Manfred Heiting & Thomas Wiegand
Deutschland im Fotobuch
Steidl, 75,– Euro

Manfred Heiting & Roland Jäger
Autopsie, Band 1. Deutschsprachige Fotobücher 1918 bis 1945
Steidl, 88,– Euro (Band 2 angekündigt)

Ryuichi Kaneko u. Ivan Vartanian
Japanese Photobooks of the 1960s and 70s
Aperture, ca. 50,– Euro

Horacio Fernandez
The Latin American Photobook
Thames & Hudson, ca. 50,– Euro

Peter Pfrunder
Schweizer Fotobücher 1927 bis heute
Lars Müller Publishers, 75,– Euro

Frits Giersberg & Rik Suermondt
The Dutch Photobook: A Thematic Selection from 1945 Onwards
Aperture, ca. 50,– Euro

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Klaus Honnef
ist ein deutscher Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Ausstellungskurator und Theoretiker für künstlerische Fotografie. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur zeitgenössischen Malerei und Fotografie.