MAGAZIN #23

Gesichter des Windes

Aufbruch und Erfolgsgeschichte der Windenergie in Deutschland – Jan Oelker hat die Akteure in einem Langzeitprojekt fotografisch begleitet.

Text –

Karl Johaentges

Am Anfang stand die Idee, ein Traum. Ein Fotograf und ein Autor raufen sich zusammen und wollen ein Buch über Windenergie machen. Verleger? Finden wir noch! Honorar? Wir machen es zuerst mal nebenbei. Als Jan Oelker mir 1998 erstmals von seinem Wind-Projekt erzählte, waren es nur ein paar Ideen – aber einfach nur schöne Windradbilder zwischen Buchdeckel zu pressen, war schon damals keine Option.

Autor und Fotograf reisten durch Deutschland, interviewten unzählige Pioniere, recherchierten, verabredeten weitere Fototermine. In Text- und Bildporträts repräsentativer Protagonisten sollte das Bild einer jungen Branche gezeichnet werden, die in nur drei Jahrzehnten zu einem riesigen Wirtschaftsfaktor wurde.

Nach zwei Jahren stieg der Autor aus nachvollziehbaren Gründen aus (»nicht mehr nebenbei zu stemmen«). Das war 2000. Jetzt das Handtuch schmeißen?

Jan Oelker entschied sich fürs Stemmen. Der Foto-Quereinsteiger mutierte auch noch zum Organisator und Herausgeber, schrieb selbst, holte fachkundige professionelle Autoren dazu – und fand am Ende sogar einen Verleger.

Im Vergleich zu den Sprinterjobs der Tagespresse muss ein Fotograf bei Buchprojekten Langstreckenqualitäten zeigen. Dies war gar ein Marathon mit ungewissem Ausgang. Aber das hatte den Sachsen immer schon gereizt. Auf selbst organisierten Expeditionen durch Sibirien entdeckte Oelker seine Liebe zur Fotografie, mit dem politischen Umbruch in Ostdeutschland wurde aus dem Hobby Beruf. Für Reportagen, Ausstellungen und Bücher fotografierte er die Vulkane Kamtschatkas und die Völker der Tschuktschen-Halbinsel.

»Jan, was macht dein Buch?«, haben ihn seine Freunde über die Jahre gefragt – und offensichtlich zum Durchhalten ermutigt. Der leidenschaftliche Autodidakt hat trotz anfangs existenzbedrohender Finanznot nicht aufgegeben, und die Jobs für Fachzeitschriften und Auftraggeber aus der Windindustrie brachten kaum Geld in die Kasse.

Jetzt sind die Windgesichter fertig – das Kolossalgemälde einer jungen Branche mit dem Zeug zu einem Standardwerk. Als Fotograf bedient Jan mehrere Ebenen. Die Porträts sind nicht in ein konzeptionelles Bildschema gepresst. Kein fester fotografischer Stil ist das Maß der Dinge, sondern eine abwechslungsreiche Darstellung des Themas, bei der möglichst jedes Bild eine eigene Geschichte erzählt. Jan fotografiert die Urgesteine der Branche authentisch in ihrem Umfeld, ihren Büros, auf der grünen Wiese, auf dem Trecker oder hoch oben auf dem Windrad. Grafische Bilder, Landschaftsaufnahmen und technische Details von Windturbinen ergänzen die Porträts, vom Eigenbau im Friesischen bis zu Großwindanlagen – Zwerge neben Growianen.

Die Essays stellen die Porträts der Windgesichter in den politischen und technischen Zusammenhang und sind selbst in der Komplexität des Themas gut lesbar. Ein hervorragend recherchierter und leidenschaftlich fotografierter Blick hinter die Kulissen und in die Kinderzeit der deutschen Windenergie. Respekt!

Jan Oelker
Windgesichter. Aufbruch der Windenergie in Deutschland
Dresden: Sonnenbuch Verlag 2005.
400 S. mit ca. 350 Farbfotos. 78 Euro.

www.sonnenbuch.de

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Karl Johaentges
ist seit 20 Jahren als Fotograf tätig, gründete einen eigenen Verlag (KaJo) und arbeitet hauptsächlich an Bildbandproduktionen und Reisereportagen. Gründungsmitglied von LOOK.