MAGAZIN #12

Go Web statt Go West

Editorial –

Manfred Scharnberg

Wir haben mal wieder eine Revolution – diesmal eine digitale. Völker, hört die Signale: Ihre Vertreter geraten schier in Verzückung, wenn sie den Begriff »Internet« deklinieren. Das werde nämlich unsere gesamte Gesellschaft rasant verändern, es sei eine sprudelnde Geld­quelle, ja überhaupt: Die Zukunft! Schon spricht man von einer neuen Medienmacht und meint dabei deren Wirtschaftsmacht.

Handlungsreisende in Sachen Internet, die immer wieder glorreiche Zukunftsaussichten heraufbeschwören, sitzen nicht selten in großen Verlagen. Erstaunlich ist nur: Wenn diese Vertreter einmal finanziell Farbe bekennen müssen – etwa wenn Fotografen ihre Online-Veröffentlichungen honoriert haben wollen – , dann wird die digitale Revolution zur digitalen Konfusion. Nein, ist dann zu hören, man könne eigentlich gar nichts zahlen – das Internet sei ja ein reines Verlustgeschäft. Das ist übrigens die Stelle, an der man dem Gesprächspartner am besten das Taschentuch reicht.

Aber was ist denn nun angebracht? Jubel oder Jammer? Sekt oder Selters? Oder müssen etwa die armen Anbieter bluten, und all die neuen Neue-Medien-Agenturen sahnen ab? Schließlich gilt es ja, lauter frische Webseiten zu gestalten. Doch auch hier scheint das große Geld nicht gerade kleben zu bleiben. Das Multimedia-Unternehmen Pixelpark beispielsweise – einer der Marktführer – erwirtschaftete 1999 mit 320 Mitarbeitern einen Umsatz von 48 Millionen Mark, die personell gleich starke Online-Werbeagentur I-D Media machte sogar nur 30,5 Millionen Mark Umsatz. Damit rangieren diese Multimedia-Unternehmen unter dem Durchschnitt. Umsätze konventioneller Werbeagenturen dieser Größe liegen mindestens zwischen 50 und 65 Millionen Mark.

Dann wird das Geld also mit E-Commerce verdient? Wohl kaum. Denn 1999 wurde ein Gesamtumsatz von 3,5 Milliarden Mark mit Online-Verkäufen erwirtschaftet – das entspricht gerade einmal einem Prozent der Ausgaben für Tabakwaren, Lebensmittel und Getränke. »Wo liegt denn eigentlich verdammt noch mal das Geld?«, fragte Hans Wachtel, Geschäftsführer der G+J Electronic Media Service GmbH, während eines Vortrages über E-Commerce. Die Antwort findet man in seinem eigenen Zitat: »Zu Goldgräberzeiten haben bekanntermaßen diejenigen besonders gut und sicher verdient, welche Schürfrechte verkauft haben.« Und die Namen der modernen Schürfrechtler nennt uns Herr Wachtel auch: »In der heutigen Zeit können Sie Parallelen feststellen, wenn sie beispielsweise die Aktienentwicklungen bei Sun, Hewlett Packard oder bei Softwarefirmen wie Intershop betrachten.«

Go Web statt Go West. Das neuzeitliche Goldgräbertum steckt seine Claims ab. Wer nicht mitreitet, so wird suggeriert, bleibt auf der Strecke. Unsere Claims – die Schürfrechte der Fotografen – sind ja bereits festgelegt. Am Urheberrecht ändert auch eine galoppierende digitale Revolution nichts. Neue Technik, neue Arbeitsweisen, neue Bildästhetik – kein Problem. Aber bitte keine neuen Sitten! Das Internet ist weder ein Selbstbedienungsladen noch ein Jammertal. Deshalb: Wenn du zu deinem Verleger gehst, vergiss das Taschentuch nicht.