MAGAZIN #12

Guillaume meets Lewinsky

Die Zahl der belichteten Fotos steigt, der Anteil archivierter Bilder schrumpft. Zumeist bestimmt knallharte Kalkulation, was den Weg ins Archiv der Agenturen findet – und nicht selten auch der Zufall

Text –

Lutz Fischmann

Immer war er im Weg. Immer klebte er am Kopf von Willy Brandt, immer störte er. Keiner wusste, wer er war, darum störte er noch mehr. Die Kameras sanken runter, und alle Fotografen warteten, bis der Störenfried weg war – nur Jupp Darchinger nicht. Zu diesem Zeitpunkt war Günther Guillaume so uninteressant wie die Maulwürfe im Garten des Kanzleramtes.

Das änderte sich schlagartig zwei Jahre später mit der Verwandlung des Kanzleramts-Referenten zum enttarnten Spion – und stürzte die Republik in eine Krise. Ein Foto musste her, und Jupp Darchinger sah seinen Instinkt wieder einmal bestätigt. Ein Blick in das Archivbuch der Fotografenfamilie Darchinger, schon war das Negativ und damit der Topseller gefunden und die Republik um einen Fotoklassiker reicher: Günther Guillaume flüstert Willy Brandt etwas ins Ohr – ein Judas am Tisch der Macht.

Reiner Zufall, wie Jupp Darchinger heute berichtet, aber was zählt, ist das richtige Foto zur richtigen Zeit. Und Zufall kann man es auch nicht nennen, wenn die Darchingers seit 1952 alle Fotos, inzwischen weit über eine Million, sorgfältig archiviert haben.

Das machen sie noch heute und sind damit die Ausnahme im Bereich der News-Fotografie. Nachrichten-Agenturen archivieren nur noch solche Fotos, die sie in den Verteiler gegeben haben; der Rest ist Ballast und wird entsorgt. Endgültig. Schon die Nachfrage nach einem bereits gedruckten Foto bereitet Schwierigkeiten – wichtig ist das aktuelle Foto vom Tage, denn damit wird Umsatz gemacht.

Und die Digitalisierung sorgt noch für eine Steigerung: Fotografen entscheiden heute vor Ort, welche Bilder sie direkt von ihrer Digitalkamera an die Agentur senden und welche gleich gelöscht werden – mittels eines Displays, das nur 44 mal 31 Millimeter groß ist. Da fällt schon mal eine Aufnahme durch das Rost – das Guillaume-Foto würde es heute sehr wahrscheinlich nicht geben. Das bestreiten natürlich alle Agenturen, weil sie auf das Gespür der Fotografen vertrauen. Aber die Zeiten sind hektischer geworden. Welcher Fotograf hat schon noch die Zeit, Namen und Funktion eines völlig unbekannten und vermeintlich unwichtigen »Störenfriedes« zu recherchieren, um damit ein momentan überflüssiges Foto zu betiteln, damit wir später einen Beleg haben? Keiner.

Auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat seinen Sündenfall. Als im Frühjahr 1998 die Lewinsky-Clinton-Affäre an die Oberfläche gespült wurde, zierte dazu ausgerechnet das Foto eines Amateurs den Titel von Newsweek. Wo waren die Fotos des exklusiven Clubs der »White House Photographers«? Dirck Halstead, einer von ihnen, ahnte die Antwort. Er hatte das Gesicht der White-House-Praktikantin schon einmal gesehen – aber wann und wo? Wie alle anderen Fotografen und Agenturen des Landes durchsuchte er fieberhaft sein Archiv und fand nichts – weder Lewinsky und schon gar nicht das Paar des Jahres. Erst der viertägige Einsatz einer Bildredakteurin brachte nur ein einziges Dia – das Foto des Jahres – wieder ans Tageslicht: Monica Lewinsky und Bill Clinton zusammen auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Jahr 1996.

Und die Erklärung dafür ist einfach. Halstead fotografierte auf Diafilm, alle anderen Kollegen, die mit ihm zusammen auf dieser Veranstaltung waren, digital. Denn hier griff an prominenter Stelle das »downholding«, die radikale Kostensenkung, verordnet von allen großen Agenturen und Magazinen in den USA. Sie betrifft nicht nur den Materialeinsatz der Fotografen, sondern vor allem die Bereitstellung der Fotos in den Archiven.

Jedes archivierte Foto kostet Geld, und so liegt hier das große Einsparpotential. In diesem Fall ging die Rechnung nicht auf. Keine Agentur hatte das Lewinsky-Clinton-Foto, und somit konnte Halstead sein Foto vom Time-Cover auch an viele andere Zeitungen und Magazine weltweit sehr profitabel verkaufen.

Bedingt nun die digitale Aufnahmepraxis eine Verarmung unserer Bildervielfalt? Verkommt die Fotoberichterstattung zum betriebswirtschaftlich streng kalkulierten Häppchen-Journalismus? Ist die Digitalkamera und deren Output das Teufelswerkzeug im Dienst des Shareholder-Value der Verlage? Diese und ähnliche Fragen jährlich neu zu stellen, ist müßig – die Antworten sind alt. Wenn die digitale Fotografie und deren Speicherung und damit der digitale Vertrieb sich auf breiter Front durchsetzen – und wer will ernsthaft daran zweifeln? – wird es gewaltige Umwälzungen geben.

Die Anfänge sind schon jetzt zu beobachten und in einigen Bereichen bereits abgeschlossen: Reihenweise werden Agenturen und Bildbestände aufgekauft. Vor allem die beiden Big Player Getty und Corbis (siehe »Die Bilderbankiers«, FreeLens- Magazin 5/1997) haben sich mit gewaltigen Geldmengen bereits den größten Teil des Foto-Kuchens gesichert. Ein logischer Konzentrationsprozess, denn seit Fotos preiswert und gut digitalisiert werden können und deren Transportmedium – das Internet – technisch ausgereift ist, braucht man lediglich den Inhalt für die Datenautobahn, eben die Bilder. Selbst kleinere Agenturen und Fotografenbüros suchen Unterschlupf bei digitalen Dienstleistern wie etwa Fotofinder. Denn die Einzelvermarktung wird zukünftig noch schwieriger werden – zu transparent wird der Bildermarkt durch das Internet.

Hier entstehen visuelle Monopole. Die Verarmung der Bildsprache wird morgen betriebswirtschaftliche und übermorgen technische Gründe haben. Nur noch ausgewählte Fotos wird man in den Bilddatenbanken vorrätig halten – allein aufgrund des Kostendrucks. Wenn sich unter dem Dach eines großen Dienstleisters wie XXP (Gesellschafter sind Der Spiegel, Focus, Bilderberg, Bongarts u.a.) Agenturen und Fotografen zum Zwecke der digitalen Vermarktung zusammenschließen, fängt die Konkurrenz bereits beim Upload in die Datenbank an. Jeder Gesellschafter wird das Angebot der Konkurrenz kritisch beäugen und sein Angebot darauf abstellen. Und das kann nur eine Reduzierung bedeuten.

Die Anfänge des visuellen Mainstreams finden sich bereits in Firmen- und Kundenmagazinen wie etwa der Krankenkassen. Sie bedienen sich zu großen Teilen der Royalty-Free-CDs – und sehen aus wie geklont. Vor Jahren noch verpönt, gehören diese Fotosammlungen, die außer einem einmaligen Anschaffungspreis keine weiteren Fotohonorare nach sich ziehen, nun zur Grundausstattung von kleinen Redaktionen und Werbeagenturen. So aber verlieren die Bilder ihre inhaltliche Substanz, sie werden auf die Funktion farbiger Platzhalter reduziert.

Jedes Medium hat seine Existenzberechtigung. Und auch die journalistische Fotografie muss sich regelmäßig selbst die Frage stellen, wo sie in Konkurrenz zu anderen Medien ihre Position einnimmt. Doch an diesem Punkt ist es völlig unerheblich, auf welchem Trägermaterial Fotos aufgenommen und wie sie transportiert werden. Was zählt, ist allein das Foto selbst. Und das sieht sich vermehrt der Konkurrenz durch das Fernsehen ausgeliefert.

Ein Beispiel ist die Berichterstattung über den Arsen-GAU in dem rumänischen Fluss Theiß, immerhin die größte Umweltkatastrophe in Europa seit Tschernobyl. Die Bilder von Aas, das mit Mistforken aus dem toten Fluss geschaufelt wird, von Arbeitern, über deren stoische Gesichter Schweiß oder Tränen rinnen, von Kadavern, die sich am Ufer zu Bergen schichten – diese Bilder hat das Fernsehen in unser Gedächtnis gesetzt. Die großen Magazine gaben unterdessen Börsentipps.

Ist das aussagekräftige Foto also überflüssig geworden? Zu bedenken bleibt: Die laufenden Bilder streifen unser Bewusstsein. Nur die stehenden setzen sich fest.

Wer einwendet, Foto-Ikonen bilden sich erst Jahrzehnte später heraus, hat recht und irrt doch. Heute sind diese Ikonen noch »greifbar«, auf Auktionen zu ersteigern, sie hängen in Galerien und sind mit Glück auf Flohmärkten zu finden. In Zukunft sind sie vielleicht gar nicht mehr sichtbar. Werden Fotos digital aufbewahrt, bedarf es der Speichermedien, und diese unterliegen einem rasanten technischen Verfall. Vom Kernspeicher über Lochkarten und Magnetbänder zu großformatigen Disketten, Festplatten und CDs – die Halbwertszeit der Lesbarkeit verringert sich im Zuge des technischen Fortschritts rapide. Und das Internet, gepriesen als die größte Innovation seit Erfindung des Buchdruckes, hat kein Gedächtnis. Die Texte und die Fotos von gestern werden gelöscht – für immer.

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Lutz Fischmann,
Fotojournalist, Geschäftsführer der FreeLens Online GmbH, zzt. Lehrauftrag im Fachbereich Kommunikationsdesign an der Muthesius-Hochschule, Kiel.