MAGAZIN #24

Hunger auf das Bild

von

Gero Furchheim

Foto –

Ogando

Im Jahr 2003 hat erstmals das weltweite Volumen von digitalen Fotoapparaten mit 47,4 Millionen Stück das Niveau der analogen Kameras von 40,4 Millionen überschritten. Für die nächsten Jahre prognostizierte damals eine gemeinsame Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), iGillott Research und dem Fachmagazin Photofinishing news ein weiteres Wachstum für die digitale Kameras – bis zum Jahr 2005 auf etwa 90 Millionen Stück.

Und tatsächlich hat sich der Markt genauso entwickelt. Die Zukunft der analogen Technik hingegen, wurde gänzlich falsch eingeschätzt. Erwartet wurde eine nahezu stabile Fortschreibung des Verkaufes filmbasierter Kameras in einer Größenordnung von 39 Millionen Stück im Jahre 2005 und sogar wieder knapp 40 Millionen Stück im Jahr 2008 – doch in Wirklichkeit kollabierte der analoge Markt in rasanter Geschwindigkeit. Von 2003 bis 2005 schrumpfte er auf ein Drittel und wird mit großer Sicherheit weiter zurückgehen. Im japanischen Markt wurden 2005 schon 94 Prozent aller Kameras als digitale Modelle verkauft. Auf welchem Niveau Analogkameras weiter bestehen können, ist unklar. Selbst für die Leica Camera AG hat sich die Digitaltechnik zum Standbein entwickelt, und analoge Lösungen werden nur noch als Ergänzung betrachtet, die jedoch weiter gepflegt werden.

Aussagen über die Zukunft eines so komplexen Marktes zu treffen, sind also mit hohen Unsicherheiten verbunden – selbst wenn sich diese rein auf die vorherrschenden Technologien beziehen. Die Fotografie insgesamt, vor allem die professionelle Reportagefotografie, kennt jedoch ein weit größeres Feld der Einflüsse, von denen ich einzelne beispielhaft nennen möchte.

Der klassische Stoff für die Reportage – Krisen, Katastrophen und soziale Verwerfungen – geht wohl mit Sicherheit nicht aus. Ein ‚Ende der Geschichte‘, wie es vereinzelte Stimmen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts um 1990 apostrophierten, wurde durch eine Vielzahl neuer Auseinandersetzungen mehr als abgelöst. Viele Themen schaffen dabei eine eigene Optik. So haben Konflikte wie die Anschläge in New York im September 2001 oder in London im Juli 2005 eine neue Wirkung der Bilder mit sich gebracht. Was die Themen der Zukunft und damit ihre Optik sein werden, ist kaum vorherzusagen. Aber die Ereignisse werden sich weiterhin verändern und brauchen eine fotogra­fische Vermittlung. Es verändert sich auch die Bereitschaft, für redaktionelle Fotos angemessene Honorare zu zahlen. Es gibt Zukunftsszenarien, die von einer weitgehenden Ablösung der klassischen Medien durch Wikipedia-artige Internet-Informationsbörsen ausgehen. In diesen würden nicht nur Texte, sondern auch Fotos von jedermann gestellt. Aktuelle Foren für Amateurfotografen mit augenzeuge.de vom Stern oder der Bild-Zeitung mit ihren Leserreportern könnten dann tatsächlich eine Bedrohung für die professionelle fotografische Arbeit werden.

Doch glaube ich persönlich fest daran, dass zumindest relevante Leitmedien dauerhaft ihren Platz – und damit den Platz auch für professionelle Fotos – behalten werden, weil ihre Glaubwürdigkeit in der Bewertung der Nachrichten wichtig ist. Nur in Ausnahmefällen wie einem Tsunami oder dem Anschlag in der Londoner U-Bahn ist das Amateurfoto dem geschulten bildjournalistischen Blick durch Nähe und Unmittelbarkeit überlegen.

Einflussreich ist auch der Kunst- und Buchmarkt, weil großartige Reportagen längst nicht mehr nur für den Abdruck in den klassischen Magazinen produziert werden können. Nur durch alternative Veröffentlichungsformen und auch alternative (Teil-)Finanzierungen wie etwa Grants können erstklassige Projekte realisiert werden. Ihre Existenz bestimmt deshalb mehr die Qualität des Bildes als die Entscheidungen der Bildredakteure allein.

Die Kameratechnik wird sich auch weiterhin auf die Fotografie auswirken. Kein Mensch wird bestreiten, dass beispielsweise mit Klein-, Mittel- und Großformatkameras einfach unterschiedliche Stile und Aussagen entstehen. Auch führen Spiegelreflex- oder Messsucherkameras zu unterscheidbar anderen Erzählweisen.

Der Umbruch der Analog- zur Digitalfotografie hat aber größere Auswirkungen auf die Fotoverarbeitung und -verwertung gehabt als auf den fotografischen Akt selber. Die digitale Speicherung des Bildes allein führt nicht zu einer neuen Ästhetik. Der Pluralismus der fototechnischen Lösungen in bester digitaler Qualität – in allen Formaten und jetzt auch mit professionellen digitalen Messsucherlösungen – wird verhindern, dass eine einzige technische Lösung die Fotografie so durchschlagend verändert, wie dies in den 1920er Jahren mit dem Aufkommen der Kleinbildfotografie der Fall war.

Tatsächlich bestimmt über die Fotografie der Zukunft vor allem der Fotograf, der als Autor die klassischen Gestaltungskritierien der Aufnahme individuell zusammenstellt, Geschichten und Stile findet und umsetzt. Auf ihn kommt es zumindest in der qualitativen Spitze der Reportagefotografie an, weil nur ein Autor Themen und Technik in eine persönliche Ordnung bringen kann. Nicht mehr die Bildhungrigkeit der Medien oder die neuen Ausdrucksmöglichkeiten revolutionärer Kameratechnik bestimmen unser Bild von der Welt – Zukunft hat der Blick des Fotografen, der Veränderungen und Konstanten der Welt möglichst eindringlich vermitteln will. Nur mit seinem Hunger auf das Bild kann die Fotografie auf Dauer ihre Stärken entfalten und zukunftsfähig bleiben. Das Potenzial dazu hat das große, stille Bild, weil es mehr und intensiver erzählen kann als andere Medien.

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Gero Furchheim,
Ausbildung zum gepr. Wirtschaftsassistenten (Industrie) bei der Bayer AG, Pressereferent Agfa-Gaevert AG, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Leica Camera Gruppe, seit 2000 Bereichsleiter Unternehmenskommunikation Leica Camera Gruppe.