MAGAZIN #15

Ich bin der gefürchtete Greifer

Fehlt ein Pelzmantel oder die Kroko-Handtasche für ein Foto-Shooting? Die 50er-Jahre-Lampe für die Dekoration am Set? Abhilfe schafft eine Sammlung ganz eigener Art.

Text –

Kay Dohnke

Die Blumenbänke stapeln sich in der alten Räucherkammer auf dem Spitzboden, die Höhensonnen stehen in der Scheune auf dem Regal gleich neben dem alten Käfer. Der ist Baujahr ’57 und zurzeit ohne Kotflügel, doch dafür sitzt ein ausgestopfter Hirsch auf der Haube. Drinnen im Haus gibt’s Pelzmäntel in allen Variationen, und ja, natürlich das Porzellan. Überall Porzellan: Teller Tassen Kaffeekannen Sahnetöpfchen in allen Formen, Farben, Größen, Designs. Und Schalen Schüsseln Zuckerdosen. Mehr als eintausend Teile Melitta, dazu stapelweise Winterling, Thomas, Schirnding.

Selbst wenn es sich – auch auf den zweiten Blick – um ein Porzellanmuseum handeln könnte: Dies ist das alte Forsthaus in Rotenbek am Sachsenwald bei Hamburg. Und noch der dritte und vierte Blick lohnt. Denn von den Aschenbechern und Lampen, Mixern und Radios, Telefonen und Soda-Syphons, die auf jedem nur möglichen Fleckchen stehen oder liegen, gibt es oft nicht nur ein Exemplar; fast alles ist mehrfach, vielfach, teils dutzendfach variiert.

»ARS-Requistenfundus« nennt sich die Kollektion, doch wäre »Sammelsurium« ein gleichermaßen treffender Ausdruck. Besitzer der Objekte ist Jürgen Trahms – nein: Dr. Jürgen Trahms, Meeresbiologe an der Hamburger Universität, rastloser Sammler, Unikum. Tausende und abertausende Gegenstände vor allem der fünfziger bis siebziger Jahre hat er zusammengetragen, aber noch gibt es weder Kartei, Bestandsverzeichnis oder Datenbank, in der sie verzeichnet wären. Einzig Jürgen Trahms weiß, was er hat.

Doch das Prinzip der äußerlich fehlenden Ordnung hat Vorteile. Beim Stöbern in Scheunen und Kammern und beim Herumklettern auf den Speichern und Dachböden entdeckt man Dinge, von denen man nicht einmal ahnte, dass es sie gibt – und nach denen man daher auch nicht gezielt fragen oder suchen kann: Besondern bei Porzellan und Lampen haben sich die Designer schon immer richtig ausgetobt, und selbst mit viel Phantasie kann man sich die Schönheit oder Skurrilität der Objekte vorher kaum ausmalen. Auch Heizlüfter, Staubsauger und Rotlichtlampen besitzen ein beachtliches visuelles Überraschungspotenzial.

»Ich hab’ Sachen«, merkt der Sammler nicht ohne Stolz an, »die man nirgendwo mehr findet«. Aber dann ist er gleich wieder so bei der Sache, dass er allen Besitzerstolz vergisst. Besonders die Pelzmäntel liegen ihm am Herzen. Und dabei kommt er zugleich auch auf den Sinn und Zweck seines Fundus zu sprechen: Der soll von Fotografen und Filmleuten genutzt werden. »Ein Fotograf braucht irgendwann mal Pelze für besondere Aufnahmen; schöne Frauen und Pelze, das gehört doch irgendwie zusammen.« Doch es sollen keine Tiere für neue Mäntel getötet werden – Trahms stellt seinen Bestand für geringe Gebühr zur Verfügung. »Ich habe alles: Hochanden-Chinchilla, Ozelot, Jaguar, Wolf, Robbe. Darunter sind Seltenheiten, die man heute gar nicht mehr herstellen darf.« Einfacher ist es da mit den Hüten: Einen ganzen Hutladen der Fünfziger hat der findige Sammler aufgekauft, und überall in seinem Haus stehen seither Perückenhalter mit eigenwilligsten Kopfbedeckungen.

Ein zentraler Gegenstand in dieser chaotischen Wunderwelt ist die orangefarbene Heckklappe eines VW-Käfers. Ohne die wäre der Fundus vermutlich gar nicht zustande gekommen. Cineasten müsste sie bekannt vorkommen, spätestens wenn sie die Namen darauf sehen: Wim und Lisa und Dennis und Bruno steht da. Richtig: Wenders, Kreuzer, Hopper, Ganz. Der Blechdeckel fuhr einst, noch mit dem restlichen Käfer dran, über bundesdeutsche Kinoleinwände, als 1976 »Der amerikanische Freund« lief. Jürgen Trahms – damals vor allem Sammler alter Autos – hatte für Wim Wenders den VW und einen Ford Thunderbird organisiert.

Trahms’ Faible für Film und Fotografie begann früh: Schon als junger Mann arbeitete er aushilfsweise als Beleuchter in Düsseldorfer Theatern. Dann studierte er aber Biologie, spezialisierte sich auf die Meere, leitete später Forschungsfahrten. 1967, so erzählt er, sollte er einmal im Fundus von Studio Hamburg ein paar überzählige Möbel für das Institut abholen und stellte dabei fest, wie spärlich die Kollektion in bestimmten Bereichen war.

Vielleicht ist schon damals ein kleiner Funke übergesprungen, doch das Sammeln blieb Hobby, der Aufbau des Fundus ging nicht sofort los – Trahms’ Kollektion ist der Ertrag nur weniger Jahre, Ergebnis eines kaum stillbaren Sammeltriebs, den man auch »Lust am Entdecken« nennen könnte. Besonders in den letzten zwei, drei Jahren hat Jürgen Trahms beachtliche Summen dafür ausgegeben. Seine wichtigsten Quellen sind Haushaltsauflösungen und Flohmärkte; »Ich bin der gefürchtete Greifer«, meint er lächelnd von sich selbst und freut sich, dass in letzter Zeit auf den Flohmärkten wieder originellere Dinge für wenig Geld zu finden sind.

Stöbert man in den Schätzen des Forsthauses, stellt sich irgendwann die zentrale Frage: Was hat Jürgen Trahms eigentlich nicht? Da lächelt er, und fast hört man ihn sagen »Ich hab’ alles«, und das zu glauben ist fast jeder geneigt, der sich mal auf seinen Dachböden, in Zimmern, Schuppen und Scheunen umschauen durfte. Doch lautet die Antwortet ein wenig anders: »Jedes Teil der Welt kann ich besorgen – wenn ich es nicht hab’, weiß ich, wer es hat.« Sagt’s, und lächelt.

Auch der Film hat inzwischen den Sammler aus dem Sachsenwald entdeckt. Für den Horrorstreifen Katharsis – der zurzeit in Hamburg von University Films produziert wird – hat Trahms außer Requisite, Kostüm, wissenschaftlicher Beratung (»Für das Aquarium, in dem die Leiche gefunden wird, hab’ ich die Fische ausgesucht.«) und der Location-Planung inzwischen auch eine Nebenrolle übernommen. Er spielt einen Antiquitätenhändler, gedreht wird die Szene in den heimischen vier Wänden. Eine passendere Kulisse wäre wohl kaum denkbar.