MAGAZIN #29

Ich kämpfe für meine Bilder

Michael Bernhard verklagte Google, weil die Suchmaschine einige seiner Fotos zeigte. Er will sie aber nicht im Internet verbreitet sehen. Welches Bild wo veröffentlicht wird, bestimmt der Fotograf rigoros selbst

Text –

Bernd Euler

Fotos –

Uwe Martin

Das Studio in der neuen Hafencity hat 240 Quadratmeter. Hohe Sprossenfenster auf beiden Seiten, und die weiß gestrichenen Wände sorgen für eine High Key Atmosphäre. Alles Equipment steht hinter Schiebetüren in begehbaren Wandschränken. An der Decke liegen die Kabelschächte für die Datenleitungen. Klare Linien überall.

Auch in der Fotografie von Michael Bernhard herrscht diese Struktur. Er fotografiert Menschen. Seine Porträts haben Dichte. Nichts lenkt ab vom Wesentlichen. Die Linienführung, die Flächengestaltung seiner Bilder sind nach grafischen Gesichtspunkten gestaltet, lassen jeden Artdirektor jubeln. Keine Accessoires stören die Räume für Überschriften, Bernhard schafft Platz für Texte in seinen Bildern, reduziert die Fotografie auf die Personen, die er abbildet: Ausdruck, Persönlichkeit. Deshalb wird er gebucht, deshalb werden seine Bilder gedruckt, ihm werden die Auflagen der Hefte anvertraut, Michael Bernhard fotografiert sehr viele Titel, und er kennt den Wert seiner Arbeit genau.

»Früher habe ich mehr Homestories gemacht, habe die Leute auf Location fotografiert«, erzählt er während er sich eine Cola einschenkt. Die Produktionen wurden von People-Agenturen vermarktet. »Da weißt Du aber als Fotograf auch nicht wirklich, was die da für Verträge mit den Kunden machen, da gibt es Paketpreise, werden Absprachen gemacht, die Du nicht wirklich durchblickst«, er nippt kurz an seinem Glas. Die Stimme hallt von den blanken Wänden der Küche durch das Studio. Seit er seine eigene Agentur »Glampool« hat, fühlt sich Michael Bernhard nicht mehr ausgenommen. Das Verhandeln mit den Kunden ist bisweilen anstrengend, aber er kann jetzt den Marktwert seiner Bilder selbst bestimmen.

Es gibt Kunden die meinen, er sei ein schwieriger Verhandlungspartner. Dabei möchte Michael Bernhard nur Missverständnissen vorbeugen: »Je genauer ich in einem Vertrag die Rechte an meinen Bilder definiere, umso weniger Stress gibt es hinterher«. Er verkauft keine Bilder, er handelt mit den Nutzungsrechten seiner Arbeit. Werberechte, Exklusivität, Titelnutzung, Sperrfristen, Verwendungszusammenhänge, Presseverwertung. All diese Dinge klärt er vor einer Produktion oder vor Nutzung seines Archivs detailliert und genau.

Manche seiner Vertragspartner halten ihn für kleinlich, raffgierig, können es überhaupt nicht verstehen, wenn er zum Beispiel Honorare für Werberechte an Bildern einfordert. »Da werde ich zickig, die geben für ihre Kampagnen ihrer Titel hunderttausende aus, buchen Werbeflächen, schalten Anzeigen und Werbespots,« ruft er durchs Studio und zählt dabei mit weit ausladender Gestik vom Daumen bis zum Mittelfinger. »Das ganze mit unseren Bildern! Das muss uns Fotografen doch klar sein!« Die paar tausend Euro für die Werberechte sind auf die Gesamtkosten gerechnet im einstelligen Prozentbereich. Da kann man ihm nicht mit Budgetdruck und Finanzkrise kommen, da soll eindeutig am vermeintlich schwächsten Glied der Kette gespart werden.

Michael Bernhard kann es nicht verstehen, dass sich die Kollegen diesem Druck beugen. »Wir sind doch eigentlich mit unserem Produkt, dem guten Bild, die Grundlage für einen erfolgreichen Heftverkauf. Unsere Titelbilder, unsere Fotostrecken verkaufen ein Heft, nicht der Name Gala, Hör Zu oder wie sie alle heißen.«

Dass sich die Kollegen von den Betriebswirten der Verlage und ihren Bütteln in den Redaktionen die Honorare kleinrechnen lassen, bringt in auf die Palme. »Was passiert denn, wenn wir aufhören zu produzieren, wie die Schreiber in Hollywood, die zwei Monate nicht geschrieben haben? Drei Monate, keine Dialoge für die Soaps, keine Texte für Filme, keine für die Werbung! Die haben es richtig gemacht.« Als die Sender schließlich aus der Not nur noch Wiederholungen auf den Bildschirm brachten, wurden die Honorarforderungen der Schreiber ganz schnell akzeptiert, denn dann kamen die Sender mit ersten Regressforderungen auf die Produktionsfirmen zu.

Sich seiner Arbeit – der Macht seiner Bilder bewusst zu sein, dazu war es ein langer Weg. Michael Bernhard wurde vor 46 Jahren in Berlin geboren und wollte eigentlich Luft- und Raumfahrttechnik studieren. »Ich habe dann schnell gemerkt, dass die Menschen aus der Ingenieurswelt mich nicht wirklich interessieren,« sagt er, lehnt sich lächelnd in seinem Stuhl zurück. Sein sonst so fester Blick, schweift über die weißen Wände, sein Finger streicht über seinen Nasen­rücken. »Ich war zu neugierig, jung, und überhaupt, die Welt gehörte mir!« Er lacht kurz auf.

Im Lette-Verein in Berlin lernte er die fotografische Technik, dann ging er nach Hamburg und arbeitete als Assistent bei verschiedenen Werbefotografen. Vom dem einen lernte er den peniblen Umgang mit Licht, von anderen die entspannte Einstellung zur fotografischen Technik. Von jedem Fotografen seiner Assistenzzeit nahm er – neben viel Produktionserfahrung, einen Satz als Quintessenz mit. »Du musst die Kunden finden, die zu Dir passen!« ist so ein Satz, oder: »Lasse Dein Modell nie die Technik spüren«, ein anderer. Und all die Erfahrung münden in seinem Credo: Fotografie muss man leben.

Mit diesem fotografisch-philosophischen Rüstzeug und einer ganzen Menge handwerklichem Know-how, begann er Homestories für Agenturen zu fotografieren. Er lieferte konstant Qualität, klaren grafischen Bildaufbau, »aufgeräumte Bilder«, wie er es nennt. Damit hatte er Erfolg, aber die Probleme gab es immer bei der Verwertung seiner Fotos. Absprachen wurden nicht eingehalten, Preise für Nutzungsrechte nicht korrekt berechnet, oder im Paket verhandelt. In seiner Agenturzeit hat Michael Bernhard genau gelernt, dass man als Fotograf die Nutzungsrechte seiner Bilder verhandeln muss. »Die meisten Fotografen begreifen nicht, dass sie das Kapital in der Hand haben,« kritisiert er deshalb seine Kollegen. Respekt vor der eigenen Arbeit, nennt er das.

Dazu gehört für ihn auch die Vermarktung der eigenen Arbeit. Michael Bernhard lehnt es ab, den Wert der Fotografie dadurch zu schmälern, dass alles nur halbwegs Druckbare auf den Markt geworfen wird. »Es kommt nicht darauf an, einen Massenmarkt mit möglichst vielen Fotos voll zu stopfen«, meint der Fotograf, »Das Bildangebot zu verknappen ist der richtige Weg. Nur so erzielt man vernünftige Preise, von denen man leben kann.«

Inzwischen hat er ein ganz spezielles Marktsegment entwickelt. Prominente deutsche Schauspieler wie Hollywoodstars zu fotografieren, »das geht ja gar nicht, die sind ja gar nicht so hübsch,« hieß es in vielen Redaktionen, erinnert sich Bernhard und lacht. Dann wird er plötzlich ganz ernst, blickt einem direkt in die Augen und sagt eindringlich: »Ich habe die fotografischen Schablonen aus der internationalen Celebrity-Fotografie auf die deutschen Stars übertragen, damit war ich der erste,« lässt sich wieder in die Lehne fallen, die Arme weit ausholend. »Und es hat funktioniert!«

Professionelles Verhalten hinter der Kamera ist seine Formel. »Aber Erfolg bringt halt Neider, die Menschen sind, wie sie sind.« sagt er. Eine Sportwagenflotte wurde ihm angedichtet, traumhafte Umsätze, »Branchengeschwätz«, sagt er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Nein, das Problem geht tiefer.

Es ist schon was dran, wenn Michael Bernhard behauptet, die Deutschen hätten ein schäbiges Bild von Fotografen. Man schaue sich bloß die Typen an, die in hiesigen Krimi-Produktionen unseren Berufsstand vertreten. Immer etwas schmierig, immer zwielichtig. Leute, mit denen man besser nichts zu tun haben will. Abzocker. »In Amerika klopfen Dir die Leute auf die Schulter, wenn Du sagst, Du fotografierst Prominente,« weiß der Celebrity-Fotograf aus Erfahrung. Dreht sich in diesem Land ein Gespräch um seinen Beruf, wird Michael ganz schnell einsilbig. Und das hat bei einem wie ihm, der gerne viel und gut erzählt, viel zu bedeuten. Berühmte Leute zu fotografieren, heißt hierzulande, als Paparazzi unterwegs zu sein. Da sind wir dann wieder beim Krimi.

Und viele Kollegen haben dieses Schmuddel-Image irgendwie selbst verinnerlicht, kritisiert er. Für die eigenen Rechte einzustehen, sie über den Preis einzufordern, gilt schon als ehrenrührig und raffgierig. Sie notfalls per Anwalt einzuklagen, geht gleich gar nicht. Außerdem sind ja die Zeiten so schlecht, Krise! Da legen die Kollegen lieber ganz schnell die Rechte zur Internetverwertung schnell und honorarfrei dem Kunden ins Körbchen. Netz ist ja umsonst, oder darf ja nichts kosten, das Netz gehört heutzutage doch irgendwie dazu, Internet muss schon sein, und das ist Michael Bernhards Lieblingsthema.

In jedem seiner Verträge schließt er die Internet-Nutzung seiner Bilder kategorisch aus. »No go!« sagt er und lässt seine Hände laut auf den blanken Holztisch in dem Aufenthaltsraum seines Studios fallen. Das Internet ist ein rechtsfreier Raum, kein Schutz des Copyrights, kein Schutz für die abgebildeten Personen, ein unkontrollierter Umgang mit Bildern. Da kann er ein Lied von singen. Irgendwie – wahrscheinlich über einen vergessenen Datensatz auf irgendeinem Rechner – gelangte eine Bild von Collien Fernandez aus seiner Produktion auf die Internetseite heisse-titten.de. »Wahrscheinlich hat irgendein Redakteur oder Praktikant, das aufgespielt,« vermutet der Fotograf, genau nachvollziehen lässt sich das nicht mehr.

Dann rief ein Redakteur einer Kölner Lokalzeitung bei ihm an, und wollte eine Stellungnahme, denn mit dem Foto bewarb ein Bordellbesitzer sein Etablissement. Der Mann hatte es von der Google Bildsuchmaschine herunter geladen, frei nach dem Motto, steht ja im Netz, ist ja umsonst!

Bernhard klagte gegen den Mann und klagte gegen Google. David gegen Goliath – eine schöne Geschichte. Auf die fünfseitige Klageschrift seines Anwalts antwortete Google mit einem Konvolut von gut hundert Seiten Papier plus einem 50-seitigen Gutachten eines Professors aus Karlsruhe. Drei Mann hoch rückten die Anwälte beim Landgericht in Hamburg an. Schließlich ging es um nichts Geringeres als die »Nationalen und europarechtlichen Bestrebungen, eine ungehinderte Entwicklung des elektronischen Geschäftsverkehrs zu ermöglichen und eine erschwingliche Kommunikationsinfrastruktur zu schaffen.«

Dicke Geschütze fuhr der Suchmaschinenbetreiber auf, denn „diese Ziele würden gleichsam »auf den Kopf gestellt«. Würde das Gericht der Klage stattgeben, so die Google-Anwälte, wäre die Konsequenz, »dass Bildersuchdienste … in Deutschland unzulässig wären und daher die Anbieter ihre Angebote einstellen müssten; gäbe es keine Bildersuchmaschinen.«

Diesem konstruierten Horrorszenario aus der Klageerwiderung konnte sich der Richter der 8. Zivilkammer allerdings nicht anschließen. Er ließ die Google-Anwälte auch wissen, dass er nicht gedenke in diesem Verfahren das deutsche Urheberrecht zu kippen. Das Gericht gab Michael Bernhard Recht, Google geht nun in die nächste Instanz, man sieht sich wieder.

Dieser Prozess ist für den Hamburger Fotografen ein Beispiel. »Ich kämpfe für meine Bilder«, sagt er. In jedem Vertrag, den er verhandelt, in jeder Absprache, die er trifft, und – im schlimmsten Fall – mit jedem Verfahren, dass sein Anwalt für unerlaubte Bildnutzung durchficht. Es geht nicht darum, Anwälte zu beschäftigen, es geht auch nicht um knickrige Verträge, es geht um das Urheberrecht, und das man dies tagtäglich verteidigen muss. »Wir sind eben keine windigen Fotografen, keine schmierigen Typen, die im Nachhinein hinten herum oder auf eine vermeintliche windige Tour irgendwelche Gelder abzocken. Es gibt klar definierte Bildrechte, die lege ich bei jedem Kunden auf das Laufband, wie im Supermarkt, die Butter, Milch und das Brot. Ein ganz normales Geschäft: Du willst keine Milch – o.k., dann runter vom Laufband, dann berechnen wir nur das Brot und die Butter.«

Darum geht es: um klare Strukturen im fotografischen Geschäftsleben, wie beim guten Bildaufbau – um saubere Linienführung. Und da kommen gerade in den schwierigen Zeiten einige Kollegen ins schleudern. Ein gutes Bild – die eigene Arbeit – muss man auch gut behandeln. Das ist seine Grundhaltung.

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Bernd Euler
ist Freiberufler und lebte einige Jahre in Brasilien. Heute arbeitet er wieder in Hamburg, als Fotograf, Autor und Redakteur.