MAGAZIN #06

Ich kann es nicht vergessen – und ich will es auch nicht

Gerhard Gronefeld – der Fotograf und die »Verbrechen der Wehrmacht«

Text

Veronika Mirschel

»Arschloch und Mistvieh!« steht in dem anonymen Brief, den Gerhard Gronefeld kürzlich im Briefkasten fand – einer von vielen Haßausbrüchen gegenüber einem alten Mann. »Fälscher« nannte man ihn oder »Netzbeschmutzer«. Gronefeld ist einer jener Fotografen, deren Bilder im Rahmen der Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« bundesweit für Furore sorgen.

»Diese Reaktion ist mir absolut schleierhaft«, sagt der 86jährige. Schließlich wurde die von ihm dokumentierte Erschießung eines serbischen Zivilisten durch einen deutschen Offizier seit 1961 bereits mehrfach veröffentlicht – ebenso seine Fotoserie von einem grausamen deutschen Racheakt an serbischen Zivilisten. Wenn Gronefeld die anonymen telefonischen Attacken zitiert, spielt seine Stimme ein Rollenspiel. Überhaupt charakterisiert er mit Hilfe seiner, ansonsten edächtigen, Sprechweise immer wieder die Situationen und Personen, denen er m Leben begegnet ist. Dann knarzt er, nörgelt, bellt, quäkt oder spöttelt.

Mit Spott beschreibt er etwa seine Lehrzeit: Nachdem er aus Geldmangel sein Studium als Wirtschaftsredakteur abbrechen muß, findet der Drogisten-Sohn nach 140 erfolglosen Bewerbungen Anfang der 30er-Jahre – »Das war eine hohle Zeit« – eine Fotografenlehrstelle beim Scherf-Verlag. Seine Aufgabe: Leiterträger für die versierten Fotografen. »Wenn Hindenburg etwas sagte, mußte ich die Leiter tragen, damit meine Kollegen über die Köpfe der anderen hinweg fotografieren konnten.« Neben seinem Lehrgeld von monatlich 30 Mark verdient er sich mit seiner 9 x 12-Kamera kleine Prämien für Fotos, die in den Nachtausgaben veröffentlicht werden. Seine Lehrzeit endet abrupt – mit Rausschmiß und ohne Abschluß.

Wenig später bekommt er Kontakt zu Heinrich Hoffmann, dem »Fotografen des Führers«, arbeitet mit ihm. Daß er nicht Mitglied der NSDAP ist, »merkten die aber erst nach einiger Zeit.« Für einen Parteibeitritt geworben, reagiert Gronefeld mit einem »Nein, ich habe keine Lust« – und fliegt raus. Er wird von einem Chefredakteur des Ullstein-Verlags angesprochen, der gerade die Zeitschrift Kraft durch Freude aufbaut, arbeitet fortan beim Reichsorganisationsleiter »der Partei, der ich ja nicht beitreten wollte.« Wegen seiner »Bockigkeit« in Sachen Parteilosigkeit ist er auch dort bald wieder draußen – und trickst sich als Fotograf durch. »Mein Vater war alter Stahlhelmer – deutschnational, wie damals die Eltern so waren. Ich hatte nur ein sehr instinktives Gefühl: Mit den Braunen willst Du nicht.« Doch die wollen den großen, blonden Mann, Vater blonder deutscher Kinder.

Gronefeld wird von der obersten SA-Führung einbestellt. Die Erzählung dieser Szene ist geprägt von seinem typischen Rollenspiel. »Ich hatte ein schlechtes Gefühl, weil ich der Partei aufgefallen war.« Man hatte ihm fälschlicherweise vorgeworfen, an Hitlers Geburtstag nicht geflaggt zu haben. Trotz eines schlechten Gefühls geht er hin, meldet sich mit »Heil Hitler!« Wieder wirft man ihm vor, nicht in der NSDAP zu sein, bietet ihm Kontakte zur SA, zur SS und schließlich die fördernde Mitgliedschaft in der SS an. Gronefeld lehnt ab. »Das war schon ziemlich frech und ich hatte Schiß. Das war zuviel in der Zeit. Damals fingen die KZs an. Ich dachte: Wenn ich nach Hause komme, hat es schon Telefonate gegeben – und dann Abmarsch. Aber es passierte nichts. Das war ein Novum für mich. Denn ich sah mich KZ-reif.«

Nur einen Tag später – »Der große Zufall, wie so vieles in meinem Leben zufällig ist.« – kam die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei der Berliner Illustrierten. »Ich hatte mich dort immer schon beworben. Aber es war furchtbar schwer, in diesen Kreis hineinzukommen. Da waren nur die Top-Fotografen.« Gronefeld bleibt bis Kriegsbeginn bei der Berliner Illustrierten, fährt mit seinem Privatwagen in Zivil ins Kriegsgebiet.

1941 wird er eingezogen, muß Mohrrüben putzen und Kartoffeln schälen, in der Küche als Hilfskraft arbeiten. »Das gefiel mir nicht. Ich kannte durch meine Tätigkeit einen Major in der Presseabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht. Bei dem trat ich an. Das war die Vorstufe der Propaganda-Kompanie. Ich war Bildberichterstatter in Uniform, bekam meine ersten Aufträge. Die Berliner Illustrierte spielte im Hintergrund immer eine Rolle, forderte Berichte zu diesem oder jenem an.« Gronefeld geht mit der technischen Nothilfe nach Belgien, dokumentiert den Wiederaufbau von Brücken und ähnliches. »Das war der Kriegsanfang für mich.«

Später arbeitet er als Fotograf bei der Propaganda-Kompanie. »Ich war nicht besonders ausgestattet. Ich hätte zwar eine Leica bekommen können, aber ich wollte meine Kamera, weil da die ganze Rückwand abnehmbar ist. Da kann ich einen Film viel besser einlegen, als bei der Leica, wo ich den Film einschliefen lassen mußte. Ist doch Käse, wenn Du im Gefecht wechseln mußt. Da bin ich nervös. Da dauert das viel zu lange.«

Gronefeld arbeitet allein. »Ich mußte irgendwohin oder bekam von der Kompanie einen Auftrag und machte das dann. Ich kam an die Ostfront. Da mußte ich mich bei irgendeinem Bataillon melden. Die wußten nicht, was sie mit mir tun sollten. Die waren glücklich, wenn ich vorschlug, was ich fotografieren könnte. Direkte Aufträge habe ich in den seltensten Fällen bekommen.«

Verbote, etwas zu fotografieren, gibt es nicht – ebensowenig wie den Auftrag positiver Darstellungen. »Das machte man von allein.« Die Schere wirkt auch in Gronefelds Kopf. »Ich war kein Nazi – aber dem Gedankengut nicht sehr fern. Es war in der ganzen Erziehung drin, obwohl es eigentlich nicht zutage trat. Das war eine Auffassung, die ich von zuhause mitbekommen hatte.« Gronefeld schickt das Filmmaterial von der Front via Kurier nach Berlin ins Propagandaministerium. Dort wird ausgewählt, was veröffentlicht wird.

Nur eine Ausnahme gibt es: Die Bilder, die heute in der Ausstellung eine deutsche Racheaktion an serbischen Zivilisten für die Tötung zweier deutscher Soldaten dokumentieren. »Ich hatte den Auftrag, nach Pancevo zu fahren. Ich ging durch die Stadt. Da kam mir ein von deutschen Soldaten eskortierter Zug von Serben entgegen. Der leitende Offizier sagte mir: ›Wir gehen auf den Friedhof und hängen die alle auf‹. Da brach bei mir der Bildberichterstatter durch – und ich ging mit. Ich war der Meinung, was ich dort fotografierte, war eine gerechtfertigte Erwiderung darauf, daß in der Nacht vorher zwei deutsche Posten von Jugoslawen umgelegt wurden. Ich empfand das gar nicht als Unrecht, daß die alle hingerichtet wurden. Ich hatte ja selber Posten in der Nacht gestanden, als die Serben zwei von uns umlegten. Da kocht es in einem. Man hatte nicht das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun.«

Die Szenen, die er dann sieht und fotografiert, gehören zu seinen schlimmsten Kriegserlebnissen: Die Ermordung unschuldiger Geiseln, »die nichts mit den toten deutschen Soldaten zu tun hatten. Sie wurden willkürlich herausgegriffen aus der Bevölkerung, aus dem täglichen Leben. Ein Mann – er muß Lehrer gewesen sein – nahm auch auf dem Weg zur Erhängung seinen Hut nicht ab! Geschäftsleute waren dabei, einfache Arbeiter. Da bäumte sich etwas in mir auf: Diese Leute, die völlig unschuldig waren, denen ich gegenüberstand – das ist der stärkste Eindruck dieses Krieges. Sie sehen einen Mann lebend unter seiner Schlinge stehen. Dann kommt so ein Volksdeutscher – solche Leute haben sie als Henker genommen, weil sie die Wehrmacht nicht in ein schlechtes Licht bringen wollten. Die Henker klettern dann auf eine Tonne oder einen Stuhl – mußten ja da rankommen – und dann«, Gronefeld macht es anschaulich vor, »Ruck! – rüber über die Ohren. Die furchtbar engen Schlingen rissen die Ohren mit. Damit war das Hängen aber nicht getan. Das Töten fing damit an, daß man den Mann an den Beinen zog, damit das Genick brach. Ein dicker Mann riß ab, dann mußte der wieder auf den Schemel steigen – und nochmal sterben.«

»Als ich die Bilder machte, wußte ich schon, daß ich diese Filme nicht abschicken würde, nachdem ich den Menschen gegenüber gestanden hatte – nicht weiter entfernt als wir hier sitzen – und ihnen in die Augen geschaut hatte. Als die mich anstarrten, unter der Schlinge den Henker erwarteten, wußte ich, daß diese Bilder, wenn ich sie zurückschicken würde, niemals erscheinen, sondern verlorengehen würden. Da sagte ich mir: Es ist besser, sie zu behalten. Ich hatte immer Angst, man käme mir auf meinen Diebstahl. Dann wäre ich wohl selber gar nicht so weit von der Schlinge entfernt gewesen.«

Gronefeld gibt die Bilder nicht her – nicht an die Nazis und auch für viele Jahre nach dem Krieg nicht. »Das hatte auch mit dem Gedanken zu tun: Du bist ein Nestbeschmutzer – so wie ich heute beschimpft werde. Ich habe nach dem Krieg mit dem Krieg abgeschlossen.« Die Kamera versteckt er erstmal vor den Russen. Später holt er sie wieder hervor, Filme hat er auch. Plündert aus einem Laden Papier und Chemikalien. Er fotografiert den Wiederaufbau, Lebensmittelverteilung, Dinge des täglichen Lebens und veröffentlicht in der »roten« Berliner Zeitung, ab Herbst 1945 dann in der neuen Berliner Illustrierten.

Später bietet ihm das Magazin Life die Mitarbeit an. Weil er keine Devisen besitzen darf, wird er in Lebensmittelpaketen ausgezahlt. »Das war eine wahnsinnig spannende Zeit damals.« Seine Arbeit für Life bleibt »den Roten von der Berliner Zeitung« nicht verborgen. »Ich war ein Wanderer zwischen den politischen Welten.« Gronefeld dokumentiert die Fahrt des ersten Zuges, der nach der Berlin-Blockade in den Westen fährt – seine Bilder erscheinen quasi überall. »Von da an ging es eigentlich ziemlich normal weiter.«

1950 geht Gronefeld von Berlin nach München, arbeitet für die Quick, konzentriert sich dann auf wissenschaftliche Reportagen und kommt über Konrad Lorenz zu seinem Spezialgebiet: Verhaltensforschung mit Tieren. Seine Leidenschaft werden Reportagen vom afrikanischen Kontinent. Erst 1988 – auf einer Madagaskar-Reise – verabschiedet er sich schweren Herzens von dem Beruf, seine Beine wollen nicht mehr.

Unvorstellbar wäre ihm der – freiwillig gewählte – Beruf des Kriegsberichterstatters gewesen. »Für mich ist Kriegsberichterstattung widerlich, weil sie immer von Toten lebt. Wie können Menschen mit solchen Bildern Geld verdienen?« Sicher, räumt er ein, auch er hat schon einmal ein Honorar für seine Kriegsfotos bekommen: Als er seine Sammlung an das Deutsche Historische Museum verkauft hat, das daraus jetzt die Ausstellung bestückte und nach längerem Tauziehen auch vom SPIEGEL, der für das Titelfoto 500 Mark zahlte.

Die Auseinandersetzung um die Ausstellung, die durch Veröffentlichung dieses Fotos wieder hochkochte, hat bei Gronefeld das Gefühl noch einmal stärker hochkommen lassen: »Ich kann es nicht vergessen. Und ich will es auch nicht.«