MAGAZIN #20

Innenansichten einer Revolution

Manche Dokumente haben ein spätes Debüt. 35 Jahre hielt Li Zhensheng seine Fotos von der chinesischen Kulturrevolution versteckt – wenig spektakuläre, aber wichtige Zeitbilder.

Text –

Sabine Kunz

Wahrscheinlich wird diesem Buch nie eines zum Vergleich an die Seite gestellt. Denn wohl keinem anderen Fotografen in China war es möglich, die Kulturrevolution aus solcher Nähe zu dokumentieren – und wer von ihnen hätte dazu den Mut aufgebracht? Der Fotograf Li Zhensheng vereinte beides: Er arbei­tete offiziell als Journalist einer staatlich kontrollierten Tageszeitung, und er fotografierte Motive, die ihn das Leben hätten kosten können.

Li Zhensheng, Jahrgang 1940, macht die Bilder zwischen 1966 und 1976 während seiner täglichen Arbeit im nordchinesischen Harbin. 35 Jahre lang versteckt er 30.000 nicht geprintete Negative in seiner Wohnung, bis er sie Ende der neunziger Jahre zu Contact Press Images nach New York schickt.

In ihrem roten Kunststoffeinband ähnelt die Publikation Roter Nachrichtensoldat dem »kleinen roten Buch«, das jeder Chinese zu Zeiten Maos wie seine Bibel bei sich tragen und lesen sollte. Aber statt Lehrsätzen finden sich darin chronologisch geordnet die unbeschnittenen Fotografien Lis. Ein historischer Text und Lis persönlich erzählte Geschichte dieses blutigen chinesischen Jahrzehnts erläutern die Aufnahmen.

Vor diesem Hintergrund ist die Erwartung auf verbotene Bilder groß. Doch wer packende und emotional aufgeladene Reportagefotografien sucht, wird enttäuscht. Lis Aufnahmen wirken beim ersten Durchblättern seltsam anonym – die austauschbare Dokumentation einer Diktatur fürs Lehrbuch, die sich in diesem Fall Maoismus nennt.

Der Reserviertheit des Fotografen gleicht das Verhalten der Abgelichteten. Die chinesische Kulturrevolution scheint sogar bei Massenanklagen nach strengen Regeln verlaufen zu sein: wahrscheinlich, weil sie von einer Instanz ganz oben gesteuert und nur der gesamten naiven westlichen Welt erfolgreich anders verkauft wurde. Deshalb schwingen in Berlin zur selben Zeit die Studenten auf den Fotografien eines Michael Ruetz die gleichen Maofahnen und gebärden sich doch ganz anders: Mit hüftlangen Haaren, abgewetzten Jeans und im Che-Guevara-T-Shirt ist ihr Protest von ihrer äußerlichen Erscheinung nicht zu trennen – eine bunte Menschenmenge tanzt mit aufgesetztem Ernst und aufgeregter Lässigkeit auf ihrer eigenen Party, und Ruetz ist einer von ihnen. Dagegen halten die in Reih und Glied aufgestellten Chinesen ihre Maobilder wie mit dem Lineal gezogen in die Höhe, während Rotgardisten einfältige Hymnen anstoßen, Bäuerinnen im zackigen Einklang tanzen oder Schüler ihre eigenen Lehrer auf der Bühne bespucken.

Selten blickt Li direkt in ängstliche Augen, selten rückt er einem Täter zu nahe, selten gehen deshalb seine Bilder unter die Haut. Bis man auf jene Aufnahmen trifft, wo Li Buddhastatuen fotografiert. Ihre Gesichter sind mit Farbe beschmiert, ihre Häupter mit demütigenden Papierhüten bedeckt, und ihr Kopf baumelt wie von Schmerzen erfüllt zur Seite. Ein tumber und aufgehetzter Menschenmob hat ihre fein gezeichneten Köpfe vom Körper abgehackt. Das sind die traurigsten Bilder des Buches.

Sie deuten an, was passiert wäre, wenn Li nicht nur mit den Statuen, sondern auch mit den Menschen auf Tuchfühlung gegangen wäre. Wahrscheinlich hätte er die Kontrolle verloren. Das passiert ihm tatsächlich einmal, während er die Erschießung von acht Frauen und Männern fotografiert. Da dreht sich seine Kamera, als kippe sie gleich den toten Männern und Frauen hinterher. Die Angeklagten fallen, und Lis gefasste Welt beginnt zu schwanken. Der weite Horizont ist wie aus den Angeln gehoben, die Welt eine andere geworden.

Das Ereignis verfolgt ihn: »Als ich die Fotografien der Hingerichteten im matten roten Licht der Dunkelkammer vergrößerte, sprach ich leise zu ihnen: Wenn ich den Frieden eurer Seelen stören sollte, bitte stört den meinen nicht. Ich fotografiere, weil ich Geschichte dokumentieren will. Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass ihr hingerichtet wurdet.«

Lis sachlich formulierter Anspruch, Geschichte nur dokumentieren zu wollen, bricht an dieser Stelle – und da wird es spannend.

Li Zhensheng
Roter Nachrichtensoldat
Berlin: Phaïdon Verlag 2003.
316 Seiten. 39,95 Euro