MAGAZIN #26

In’s kalte Wasser

Henning Bodes Eintritt in den Berufsalltag war ein Quantensprung. Kein Probeschuss, kein Test – vom ersten Tag an im Praktikum bei der FAZ fotografierte er für das renommierte Blatt.

Text –

Alexander Gajic

Fotos –

Roger Hagmann

»Es ist irre«, meint Henning Bode, »du wirst ständig gefordert und ordentlich bezahlt. Eigentlich fühlt es sich gar nicht richtig wie ein Praktikum an.« Der 26-jährige Fotografiestudent aus Hannover arbeitet ein halbes Jahr in Frankfurt für die Bildredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bisher nur das dokumentarische, bedächtige Arbeiten von Fotoreportagen für Fachhochschul-Projekte gewohnt, hat er in den vergangenen Monaten ziemlich schnell lernen müssen, was es bedeutet, Pressefotograf zu sein.

Die zwei Praktikumsstellen, die die Bildredaktion der FAZ schon seit einigen Jahren gemeinsam mit der Fachhochschule Hannover betreut, sind vom ersten Tag an durchorganisiert. »Das ist wie ein gemachtes Nest«, erzählt Henning. »Du kommst am ersten Tag ins Redaktionsgebäude und am Empfang liegen schon Schlüssel und Chipkarte bereit. Du hast einen richtigen Arbeitsplatz, wirst ernst genommen und kannst direkt loslegen.«

»Die Leute, die wir aus Hannover bekommen, sind oft schon gute oder sehr gute Fotografen«, meint Dirk Zimmer, der die Praktikanten betreut, »deswegen werfen wir sie auch gerne sofort ins kalte Wasser«. Vom ersten Arbeitstag an geht es zu den verschiedenen Terminen, gemeinsam mit Redakteuren oder auch alleine.

Für den gebürtigen Hamburger war die aktuelle Fotografie eine ziemliche Umstellung: »Hier bin ich plötzlich auch noch Regisseur«, sagt er. In Hannover hatte er gelernt, alles mit dem Blick eines Dokumentaristen zu sehen und bloß keine Motive zu stellen. »Das wird natürlich auch bei der FAZ angestrebt, ist aber nicht immer möglich – vor allem bei Symbolbildern«, erklärt er. Bei einem Fototermin ging es um Gartenzwerge . »Es war ein witziges Schaufenster mit viel Nippes, das allein aber nichts hermachte. Da bitte ich halt die Ladenbesitzerin die Figuren zu putzen und umzudekorieren.« Wichtigste Regel ist, dass auf den Bildern Leben zu sehen ist. »Wenn du menschenleere Bilder bringst, wird das sofort als ‚apokalyptisch‘ zurückgewiesen«, meint Henning. »Tja, und dann heißt es schon mal: Ausreden kann ich nicht drucken. Dann muss man halt kurz vor Redaktionsschluss nochmal los und neue Bilder machen.«

Die Praktikanten in der Bildredaktion bekommen von ihren Redakteuren eine klare Philosophie vermittelt. »Wir wollen nicht nur in der Einheitssuppe der Agenturen fischen«, sagt Zimmer, »sondern unsere eigene, besondere Sicht auf die Dinge vermitteln«. Von Anfang an sei es das Credo der FAZ-Bildredaktion gewesen, Tageszeitungsjournalismus zu liefern, der mit Bildern von Kunst- und Magazinqualität mithalten kann, und das bei rund 60.000 Bildern pro Jahr.

Das Praktikum bedeutet für Henning vor allem, sich professionelles Arbeiten anzueignen. »In Hannover hatte ich ein Studentenleben, hier muss ich jeden Tag raus und Bilder machen, und das auf zwei bis fünf Terminen am Tag, auch am Wochenende.« Wie wichtig Zuverlässigkeit ist, hat er gelernt. »Auf Disziplin kommt es an. Denn zu den Deadlines der Redaktionskonferenzen müssen die Fotos vorliegen.« Auch neu für ihn: Die Redakteure geben klare inhaltliche Vorgaben. Da ist nichts mit: »Wozu hab’ ich denn heute mal Lust?« Manchmal stellen sie ihn auch bewusst auf die Probe. »Ich hörte die Redakteure tuscheln: Hat der Bode eigentlich schon ein richtiges Porträt gemacht?« Ehe er sich versah, musste Henning ein Foto für das, in der Redaktion hoch gehandelte, »große Wirtschaftsinterview« der Sonntagsausgabe schießen. Fresenius-Chef Ulf Schneider hatte zwar 20 Minuten für das Porträt zugesagt, war aber nach kurzer Zeit in Eile. Henning handelte noch ein weiteres Motiv aus und hatte seine Bilder im Kasten.

Zwischen den Terminen ist oft nur wenig Zeit. Da sind Bildauswahl und vor allem korrekte Captions sehr wichtig. »Das hat mir anfangs ganz schön zu schaffen gemacht«, sagt Henning. Er zückt ein kleines Notizbuch, das er sich umgehend zugelegt hat: »Da schreibe ich mir jetzt immer alles Wichtige wie Namen, Orte und Kontakte gleich auf.«

»Das Praktikum funktioniert in zwei Richtungen«, sagt Zimmer. »Wir bieten den Praktikanten die Möglichkeiten und unsere Erfahrung. Im Gegenzug bekommen wir gute Bilder, Einsatz und frische Ideen.« Die Fotos, die die Studenten liefern, genügen professionellen Standards, werden auch nach den üblichen Sätzen entlohnt. Außerdem werde durch das Praktikumsprogramm das Archiv gefüttert und das Fotokorrespondentennetz ausgebaut. Zimmer: »Wir haben jetzt Ehemalige überall in Deutschland sitzen.«

Für Henning war das Praktikum nicht nur auf Deutschland beschränkt. In Amsterdam war er schon, in der Schweiz, in Rumänien und Paris. Den Höhepunkt bildete eine zehntägige Reise in den Kosovo und nach Serbien anlässlich der Abspaltung der ehemaligen Provinz Kosovo. Der Abstecher ins Weltgeschehen war für ihn »pures Abenteuer, das man sich als Fotograf wünscht«. Die Reise lohnte sich in doppelter Hinsicht: Hennings Bild von einem Straßenschild, das die Abspaltung eines Teils der Stadt Mitrovica symbolisiert, landete auf der Titelseite der Deutschlandausgabe. »Das Spannende dabei war das Gefühl: Diese Fotos mache ich nicht für mich, sondern für die Weltöffentlichkeit«, sagt Henning.

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Alexander Gajic
Nach seinem Volontariat beim Evangelischen Pressedienst arbeitet er als freier Journalist in Mainz.