MAGAZIN #22

Inspiration für Profis

Einmal im Jahr tritt die südfranzösische Stadt Perpignan rituell in den Fokus vieler internationaler Fotografen. Eindrücke vom »Visa pour l’image« 2005.

Text –

Theresa Hallermann

In der Rue d’en Calce riecht es nach Hundekot. Auf der Straße liegt verstreutes Altpapier, ein Haufen schmuddeliger Kinder spielt Fangen. Dicke Großmütter sitzen – Wächterinnen gleich – in den Hauseingängen, als könnten sie von dort aus das Geschehen steuern.

Vermutlich ein Tag wie jeder andere in der Rue d’en Calce. Wenn nicht plötzlich die Frau mit der großen Kamera um die Ecke biegen würde. »Bittebitte, Madame, darf ich das Bild sehen?«, ruft Alicia fast flehend. Oft wurde sie in ihrem kleinen Leben noch nicht fotografiert. Um die Frau mit der Kamera bildet sich eine Traube aus neugierigen Kindern. Sie sind völlig aus dem Häuschen, können nicht genug kriegen. Wann haben sie jemals so im Mittelpunkt gestanden?

Zwei Straßen weiter ist die Begeisterung für Bilder nicht minder groß. Im Hôtel Pams lassen sich seit Tagen internationale Gäste für das Fotofestival »Visa pour l’image« akkreditieren. 2005 findet es zum 17. Mal statt. »Ein Muss für Fotojournalisten.« »Einer der wichtigsten Termine im Jahr.« »Immer dasselbe.« »Ausgelutscht.« »Nichts weiter als sehen und gesehen werden«: Die Meinungen über Perpignan gehen weit auseinander. Mehr als 3000 Fotojournalisten haben sich in diesem Jahr während der so genannten »Profiwoche« in Perpignan versammelt. Im Palais du Congrès, dem hochmodernen Pressetreffpunkt inklusive Apple- und Canon-Center, präsentieren sich auf mehreren Stockwerken über 60 Bild- und Presseagenturen, unter ihnen Magnum, Laif, Getty und Corbis, sowie Fotografenvereinigungen aus über 50 Ländern.

Vorträge, Filme, Symposien, Portfolio- Sichtungen – die Besucher können sich einen vollen Tagesplan zusammenstellen, der von morgens bis in die späten Abendstunden reicht. Und Bilder dominieren das gesamte Stadtbild. Ob in der Drogerie, dem Supermarkt, dem Gitarrengeschäft: Sie hängen überall. In Perpignan verstecken sich in schmutzigen Gassen und zwischen baufälligen Gebäuden beeindruckende Kulissen. Kirchen, Klöster, Festungen, alte Gefängnisse und sogar Kasernen verwandeln sich während der Festivalzeit in Treffpunkte der internationalen Fotografie. Ergänzt werden die knapp 30 Ausstellungen des Hauptprogramms vom bunten und weitaus breiter gefächerten Off-Festival. Nachwuchsfotografen können auf diese Weise ihre Arbeiten präsentieren.

Campo Santo, 21.45 Uhr: Gleich beginnt das allabendliche Screening. Die von einem alten Kreuzgang umrahmten Open-Air-Plätze direkt neben der Kathedrale Saint Jean sind so heiß begehrt, dass das Gedränge vor den Eingängen groß ist. Wem die pompöse Kulisse nicht ganz so wichtig ist, den zieht es von vornherein an einen vermeintlich zweitklassigen Schauplatz. Um die Ecke vom Campo Santo, am Place Gambetta, steht nämlich ebenfalls eine riesige Leinwand, auf die die Bildershow verschiedener Fotografen samt Live-Moderation projiziert wird.

Festivalchef Jean-François Leroy stellt das Programm des Abends vor – zur Enttäuschung der internationalen Gäste allerdings nur auf Französisch. Ein Mann in seinem Königreich? Der Franzose ist bei den meisten Akkreditierten nicht unumstritten. Immer wieder kritisieren Festivalbesucher und solche, die den Bilderzirkus seinetwegen sogar meiden, dass die von Leroy definierte Bandbreite des Fotojournalismus in Perpignan sich ausschließlich auf Krisen, Kriege und das übrige Leid der Welt begrenze: »Die Handschrift der Fotografie«, sagt Lars Bauernschmitt von der Fotoagentur Visum, »verändert sich genauso wie die Sprache der Jugend – Perpignan verändert sich nicht. Aber ich habe es aufgegeben, mich darüber aufzuregen.«

Der Festivalchef selbst will von dieser Kritik nichts wissen. Für ihn gibt es neben Visa pour l’image nicht viel.

Wer in Kauf nimmt, dass Perpignan vor allem entsprechende Dokumentarfotografie zeigt, wird jedoch nicht enttäuscht. Lynsey Addario aus den USA bekam für ihre bewegende Reportage über im Irak verwundete amerikanische Soldaten den Fujifilm Young Reporters Award. Der Spanier Juan Medina setzte sich in der Kategorie Care International Award mit seiner Reportage über illegale afrikanische Einwanderer auf den Kanarischen Inseln gegen Fotoserien über Beslan, Haiti und den Tsunami durch.

Café de la Poste, 23.15 Uhr: Den Treffpunkt am Place de la Victoire kennt jeder. Deutsche, Amerikaner, Italiener, Engländer – Gäste aller Nationen scharen sich um die kleinen Bistrotische wie um Familienpizzen. Bis tief in die Nacht bestellen sie einen Ricard nach dem anderen, entdecken immer wieder bekannte Gesichter in der Menge, geben Zeichen, rufen. Die französischen Kellner haben alle Hände voll zu tun und Mühe, den Überblick zu behalten. Bei so vielen Gästen kommt es schon mal vor, dass sich jemand ohne zu bezahlen davonmacht. Andererseits: An die enormen Preise für Getränke und Essen muss man sich hier erst gewöhnen.

Rot, orange, lila oder weiß? Mit und ohne Sternchen? Zeig mir dein Badge, und ich sag dir, wer du bist: Fotografen, Agenturen und Schreiber grenzen sich durch den um den Hals gehängten Akkreditierungspass farblich voneinander ab. Statt in die Augen seines Gegenübers späht man in Perpignan beim ersten Kennenlernen gern zuerst in Richtung Bauchnabel. Schließlich könnte einem ein wichtiger Kontakt durch die Lappen gehen. Und tatsächlich: Nichts geht in Perpignan leichter, als Bekanntschaften zu machen. Ins Gespräch kommt man hier schnell. »Warum bist du so braun – kannst du es dir etwa leisten, in den Urlaub zu fahren?«, fragt jemand salopp. »Nö, das ist alles Gazabräune«, entgegnet der deutsche Fotograf Thomas Hegenbarth und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Bist du schon digital?« »Ist das etwa die Mark Zwei?« »War das da drüben nicht David Allan Harvey?« Geredet wird in Perpignan genauso leidenschaftlich, wie auf den Auslöser gedrückt – ganz besonders dann, wenn Fotografen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt auf einmal an einem Tisch sitzen. Fardin Waezi aus Kabul zum Beispiel präsentiert den ganzen Tag lang auf der Dachterrasse des Palais du Congrès seine afghanische Lochkamera. Seine Bewunderer sind nicht selten mit Digitalkamera und Laptoptasche bestückt. Zukunft trifft Ursprung, und wieder wandert eine Visitenkarte von Hand zu Hand.

Im idyllischen Innenhof des Hôtel Pams treffen sich – umrahmt von fußballgroßen Hortensienblüten – Bildredakteure, Agenten und Fotografen zur Portfolioschau. Ein Gesprächs- und Sichtungs- marathon, der fünf Tage dauert, dazu jeden Abend Partys auf Einladung oder ein Wein nach dem anderen im Café de la Poste.

Es sind lange Tage und noch längere Nächte beim 17. Internationalen Festival des Fotojournalismus. Die große Closing Party im Couvent de Minimes, einem der vielen alten Klöster, soll jedoch noch alles Bisherige übertrumpfen. Tatsächlich: Für die meisten Besucher endet die spektakuläre, feuchtfröhliche und sehr laute Partynacht erst morgens. Champagner, bunte Lichtreflexe, ein Top-DJ – die Organisatoren haben dafür gesorgt, dass die Veranstaltung mit jeder noch so hippen Pariser VIP-Party mithalten kann. Von der Tanzfläche schnell noch unter die Dusche, dann geht es nach einem starken Kaffee direkt in Richtung Flughafen. So enden die turbulenten Festivaltage für viele. Bei aller Routine die Faszination für Bilder nicht zu verlieren, ist für einen Fotografen nicht immer einfach.

Trotz aller Widersprüchlichkeit und aller Kritik – Visa pour l’image lohnt die Anreise allein schon für die Inspiration und den Austausch unter Profis. Perpignan ist ein Ort für einen Perspektivwechsel, ein Ort, um wieder über Bilder zu staunen. Ganz so, wie es sonst nur Kinder können.

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Theresa Hallermann
ist freie Journalistin in Hamburg