MAGAZIN #06

Irgendwie muß man doch anfangen

Ein Stimmungsbild unter Newcomern im Fotogeschäft

Interviews –

Peter Bialobrzeski, Gesche Cordes, Gerd P. Müller, Frank Pusch

Mir ist klar, daß niemand in der Medienbranche auf mich wartet“ sagt Birgitta Gläscher. »Trotzdem sollten Fotografen nicht großartig jammern. Ich kann da nicht mit einstimmen und finde es ehrlich gesagt ziemlich dekadent. Auch in anderen Bereichen wird niemand in seinen Job gerufen, das ist vollkommen normal.« Birgitta Gläscher (30) hat eine handwerkliche Fotoausbildung – Portrait und Werbung – in Hamburg und ein angefangenes Foto- und Filmdesign-Studium in Dortmund hinter sich. Zur Zeit ist sie Gaststudentin an der Hochschule für Grafik und Kunst in Leipzig. Mit Fotografie den Lebensunterhalt zu bestreiten, darauf arbeitet sie hin.

Angst die Redaktionen abzuklappern? »Klar ein bißchen Muffensausen schon, aber es ist eine Situation, die einen fordert und ich versuche mich emotional darauf einzustellen. Man muß als Fotografin die Aquise einfach zu seinem Alltag machen.« Aber ihre Erwartungen sind nicht hochgestochen. »Eigentlich kann man sich nicht allzu große Hoffnungen machen. Die eigenständige Fotoreportage wird ja immer mehr zurückgedrängt. Es geht heute darum, das geschriebene Wort zu illustrieren – mit steigender Tendenz. Da muß man sich überlegen, ob man seinen Platz im Zeitschriftenbereich sucht, oder woanders.«

Auch ihre Kommilitonen beschäftigen sich mit der Zukunft. »Sie machen sich Gedanken über ihren Einstieg in die Arbeitswelt, und das Bewußtsein wächst, daß die anderen Kommilitonen in Zukunft als Konkurrenten antreten werden. Man merkt, sie behalten Informationen für sich. Im Grundstudium war die Hilfsbereitschaft ausgeprägter.«

»Manche Studenten trifft der Frust schon während des Studiums«, berichtet Oliver Falk, »Sie fragen sich warum sie überhaupt die Ausbildung fortsetzen – bei den trüben Zukunftsaussichten.« Trotzdem. Oliver Falk kann sich keinen anderen Beruf, als den des Fotografen vorstellen. Der 31 jährige begann nach einem Studium der Politikwissenschaft, Publizistik und Amerikanistik 1992 das Fotodesign-Studium an der FH Dortmund. Gemeinsam mit dem Kommilitonen Oliver Pracht versucht er sich einen Kundenstamm aufzubauen. Zu zweit ist vieles nicht nur einfacher und billiger, sondern »außerdem erhält man sich im Team in schlechten Zeiten die gute Laune«. Im improvisierten Studio produzieren sie Werbefotos. Zwar möchten sie ihr Geld mehr mit »Geschichten erzählen« verdienen, doch das Bankkonto signalisiert häufig, daß Bilder produziert werden müssen, die Geld bringen. Der Einstieg in den Beruf bringt weitere Veränderungen mit sich: »Leider wird das Fotografieren immer weniger, seitdem wir versuchen professionell zu arbeiten, weil die Arbeit etwa für Buchhaltung und Archiv viel Zeit in Anspruch nimmt.«

Claudia Kempf (30) hat bereits einige Erfolge zu verzeichnen. Die ehemalige Zahntechnikerin fiel schon während ihres Kommunikationsdesign-Studiums an der GHS Essen mit einer ungewöhnlich fotografierten Geschichte im JETZT-Magazin auf. Es folgten Veröffentlichungen im ZEIT-Magazin und in anderen Magazinen. Für ihre Examensarbeit zum Thema Sucht wird sie im Juni mit dem BFF-Förderpreis ausgezeichnet. In ihrer nunmehr freiberuflichen Position schätzt Claudia die relative Freiheit, die ihr von einigen Redaktionen gelassen wird. Als negativ empfindet sie aber, daß ihre Situation als Berufsanfängerin und die damit verbundene Unerfahrenheit von manchen Redaktionen ausgenutzt wurde. Da werden Preise gedrückt, die vorher anders abgesprochen waren. Da wünschen Redaktionen die Arbeit mit Farbnegativfilm, sind aber gleichzeitig nicht bereit, die Kosten für die aufwendigen und teuren Vergrößerungen zu zahlen. »Aber am meisten stört mich, manchmal nur als Bilderlieferant angesehen zu werden. Ich verstehe mich genauso als Autor wie ein Schreiber. Schließlich habe ich in einem langjährigen Studium eine eigene Bildsprache ent­wickelt.« Und wie sieht sie die Zukunft, ihre Perspektive im Beruf? »Von Magazinfotografie ökonomisch zu überleben, scheint mir auf Dauer unmöglich. Vorsichtshalber arbeite ich auch als freie Grafikerin, das lindert die manchmal auftretenden Zukunftsängste. Gerade bei den ersten Aufträgen dachte ich: Hoffentlich versage ich nicht, dann war’s der letzte Job. Es gibt ja so viele Fotografen. Und es rücken ständig jüngere nach.«

Pramod Mondhe sieht eine Chance sich auf dem Fotografenmarkt einen Platz zu schaffen: »Im Zeitalter von digitaler Fotografie, von Massenproduktion, wird die Frage des Individuums immer entscheidender werden. Und ich glaube, daß ich als Fotograf, der individuelle Bilder macht, wie sie nicht jeder macht, überleben kann.« Nach einer Fotografenlehre studiert der 24jährige zur Zeit Fotografie in Bremen. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Fotografie: Portraits im Studio und klassische Reportagen. »So vermeide ich, daß mir jemand in meine Fotografie reinredet.« sagt er. Und so hat es sich entwickelt: »Anfangs habe ich so viel im Studio gearbeitet, daß ich fast vergessen hatte, wie Tageslicht aussieht, wie Menschen auf der Straße sich bewegen. Ich bin neugierig geworden. Die Kamera ist immer ein guter Grund, sich in Dinge einzumischen, die einen eigentlich gar nichts angehen.«

Dieses Einmischen brachte Pramod Mondhe den Reinhart-Wolf-Preis ein. Und damit kamen auch die Erfolge. »Es war schon interessant mitzuerleben, wie über Nacht plötzlich Leute meine Sachen gut fanden, die vorher die gleichen Bilder abgelehnt hatten.« Und die professionelle Arbeit hat noch weitere Fallstricke parat: »Jetzt im nachhinein habe ich erfahren, daß ich meine Fotos oft ,für’n Appel und ’n Ei‘ verkauft habe. Darüber sind vielleicht einige erfahrene Fotografen sauer und sagen, ,Junge Fotografen machen das Geschäft kaputt.‘ Da kann ich nur antworten: ,Tut mir leid Jungs, aber irgendwie muß man doch anfangen.‘«

Auch Anke Sülzer hat damit Schwierigkeiten: »Eigentlich habe ich ein ganz gutes Selbstbewußtsein. Aber selbst wenn ich ganz viele Vermarktungsstrategien drauf hätte, könnte ich nicht sagen: Meine Bilder sind soundsoviel Mark wert. Das fällt mir wahnsinnig schwer. Das haben sie uns in der Ausbildung nicht beigebracht. Durch meine Unsicherheit ziehe ich es vielleicht auch an, daß die Leute für meine Bilder nicht vernünftig zahlen wollen.«

Die 26jährige hat im letzten Sommersemester an der Fachhochschule Dortmund ihr Diplom in Visueller Kommunikation gemacht. Ihre Berufserfahrungen sind bislang gut, mit einer Einschränkung: »Der einzige Frust den ich kenne, ist, daß die andere Seite ziemlich unzuverlässig ist oder plötzlich anfängt rumzunörgeln, wenn es um Honorare geht. Dann werde ich unsicher.« Aber Anke Sülzer ist zufrieden: »So wie es zur Zeit läuft, könnte ich gar nicht nörgeln. Ich tu’ nichts, und die Welt kommt zu mir und sagt: Was bist du für eine gute Fotografin. Aber ich verlaß mich nicht drauf. Vor dem was kommt, da hab ich schon ein großes Potential an Angst. Ich bin skeptisch, daß es so bleibt.« Deshalb studiert sie zur Sicherheit noch Psychologie, als zweites mögliches Standbein.

Wie sie ihre Ansprüche in den fotografischen Berufsalltag hinüber­retten kann, dafür hat sie noch keine Lösung gefunden. »Was ich bis jetzt am besten und mit Herzblut gemacht habe, also Sozialreportagen, die habe ich nicht unter zeitlichem oder finanziellem Druck gemacht.« Für ihre Diplomarbeit, eine Reportage über ein Sterbehospiz, hat sie dort Wochen gelebt und Zeit verbracht, damit die Leute sich erst einmal an sie gewöhnen. »Das würde heute keiner bezahlen, solche Jobs gibt es nicht mehr. Unter professionellen Bedin­ungen, da wäre ich unter ganz anderem Druck. Wenn ich eine Woche die Kamera nicht anfassen würde, hätte ich nicht das Gefühl, daß ich sieben Tage lang meinen Tagessatz wert gewesen wäre.« Aber genau diese Freiheit möchte sie sich erhalten. »Unter Zeitdruck will ich nicht fotografieren, da würde ich eher in einer Fabrik jobben. Ich fotografiere eben nicht hart journalistisch, sondern sehr atmosphärisch, und da braucht man einfach Zeit, dem Thema gerecht zu werden.«