MAGAZIN #31

Jeder ist eine Marke

Wir stellen acht Fotografen vor, die jeweils individuelle Geschäftsfelder geschaffen haben und sich damit erfolgreich am Markt behaupten können

Text –

Wolfgang Michal

Fotos –

Melanie Dreysse

Friederike Prantl, Fotoscout, 26, steht bei angesagten V.I.P.-Partys auf der Gästeliste. Ihre Rampensau-Qualitätenerwarb sie sich in der Provinz, als man sie noch mit Gratisgetränken und Werbegeschenken honorierte.

Friederike Prantl, Fotoscout, 26, steht bei angesagten V.I.P.-Partys auf der Gästeliste. Ihre Rampensau-Qualitäten erwarb sie sich in der Provinz, als man sie noch mit Gratisgetränken und Werbegeschenken honorierte. Foto: Melanie Dreysse

»Ich habe wenig über Fotografie gelernt, aber viel über Menschen«
Friederike Prantl

Mit 16 begann Rieke, für das JustParty-Portal der Südostpresse zu fotografieren. Fast jedes Wochenende war sie unterwegs, um in Dorf-Discos und Eisdielen, auf Abi-Feiern und Bowlingbahnen posierende Mädchen und Jungs »abzuschießen«. Nebenbei belieferte sie ihren eigenen Videokanal auf Youtube mit kleinen Geschichten aus ihrem Party-Alltag.

Schon als Kind hat es ihr »verdammt viel Spaß gemacht«, Leuten Anweisungen zu geben, wie sie sich vor der Kamera verhalten sollen. »Das liegt in den Genen«, sagt sie. In den Job ist sie dann »so reingerutscht«. Auf einer »absolut bescheuerten HotSummer-Party« habe ihr ein Unbekannter einen Zettel zugesteckt, der sie neugierig werden ließ: »Wenn du Spaß am Fotografieren hast«, stand da, »und wenn du gerne auf Partys gehst, bewirb dich bei uns… Du wirst in unser JustParty-Team aufgenommen und bekommst einen eigenen Bild-Uploader für unser Portal. Außerdem erhältst du einen offiziellen Fotoscout-Ausweis.« Drei Tage später hatte sie den Job.

Entlohnt wurde Rieke mit freiem Eintritt bei Veranstaltungen, kostenlosen Getränken an der Bar und kleinen Geschenken, die von Werbekunden der JustParty-Online-Plattform an die JustParty-GmbH & Co. KG (einer 100-prozentigen Südostpresse-Tochter) »gespendet« wurden. Vor zehn Jahren versammelte die Plattform fast 100000 angemeldete User, meist Schüler oder junge Auszubildende, die Mitglied »der heißesten Party-Community Ostbayerns« sein wollten. Am lukrativsten für Rieke waren die Abstimmungen der User, welche Bilder ihnen am besten gefielen. Foto-Scouts, die es auf die Liste der Top 10 schafften, erhielten von der JustParty-GmbH Warengutscheine oder Eintrittskarten für Pop-Konzerte, und manchmal auch kleine Geldbeträge.

Heute ist Rieke 26, studiert in Berlin Medien-Informatik im 10. Semester und findet ihre Anfänge als Fotoscout in der Provinz »absolut lächerlich«. Ihre Erfahrungen möchte sie trotzdem nicht missen. »Es war eine harte und lehrreiche Schule«. Sie habe zwar »schauerlich wenig« über Fotografie, aber viel über Menschen gelernt. Ihre heutigen Auftraggeber wüssten deshalb nicht nur ihre absolute Diskretion, sondern auch ihre »Nahkampf- und Rampensau-Qualitäten« zu schätzen.

Rieke arbeitet weiter als Foto-Scout. Aber, wie sie stolz betont, »auf einem ganz anderen Level«. Sie erhält mittlerweile exklusiven Zutritt zu geschlossenen Veranstaltungen, besucht V.I.P.-Partys oder angesagte Geheimlogen. Sie kennt die Szene – und die Szene kennt sie. Ein dickes Adressbuch und ein sicheres Auftreten seien für ihren Job tausend Mal wichtiger als noch so gute Kenntnisse in Bildaufbau und Lichteinsatz: »Ich bin eine Art Baby Schimmerlos für Communities.« Trotzdem könne sie sich vorstellen, irgendwann – »wenn ich genug Geld verdient habe« – Fotografie zu studieren. »Nur so zum Spaß.«

Marc Gable, Fotoforensiker, nutzt die Kenntnisse, die er bei der Bildbearbeitung erlangte, um nun ehemaligen Kollegen beim Manipulieren auf die Spur zu kommen – im Auftrag von Redaktionen und Kunsthändlern.

Marc Gable, Fotoforensiker, nutzt die Kenntnisse, die er bei der Bildbearbeitung erlangte, um nun ehemaligen Kollegen beim Manipulieren auf die Spur zu kommen – im Auftrag von Redaktionen und Kunsthändlern. Foto: Melanie Dreysse

»Eigentlich kann jeder Bildfälscher heute überführt werden«
Marc Gable

Einige bezeichnen ihn als Verräter. Denn Marc hat die Seiten gewechselt. Er arbeitet für eine große Redaktion und – als selbstständiger Gutachter – für Kunsthändler und Gerichte. Er spürt Kollegen auf, die ihre Kunden betrügen bzw. hinters Licht führen wollen.

Marc ist Fotoforensiker, ein relativ neuer Berufszweig in der Fotografie, der einen richtigen Boom erlebt. Denn irgendwann in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts war das Vertrauen zwischen Mediennutzern und Content-Produzenten so heillos gestört, dass niemand mehr Bildern Glauben schenkte, die makellos schön, aufreizend theatralisch oder technisch perfekt waren. »Alles gefaked« lautete der Standardspruch, wenn im Netz, auf einer App oder in einer der luxuriösen Druckausgaben ein brillant gemachtes Bild auftauchte. Egal, ob der Vorwurf berechtigt war oder nicht – der massive Glaubwürdigkeitsverlust der digital hergestellten Bilder ließ nicht nur den Kunstmarkt, sondern auch den Markt für vermittelte Realität – den Fotojournalismus – kollabieren. Was die Verwerter dringend brauchten, waren geschulte Private Eyes, die den Fälschern auf die Schliche kamen.

Schon während seiner Ausbildung zum Fotolaboranten war Marc fasziniert von den Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Im Kollegenkreis nannten sie den jungen Computerfreak sarkastisch »Pixelschrubber«, denn Marc experimentierte mehr mit dem Computer als mit der Kamera. Wenn seine Fotografen-Kollegen ein digitales Problem hatten, kamen sie zu ihm. Und so wusste Marc schon bald, mit welchen Methoden die Fotografen an ihren Bildern »arbeiteten«. Er schüttelte den Kopf, verpfiff sie aber nicht. Doch als er vor vier Jahren aufgrund einer schweren Erkrankung lange Zeit arbeitsunfähig war, gab er dem Drängen eines bekannten Chefredakteurs nach und wurde (gut bezahlter) Bilderschnüffler – Spezialgebiet Fotoforensik.

Seither analysiert er Bilder, bei denen der Verdacht besteht, dass sie ihre Herkunft verschleiern oder nachträglich manipuliert wurden. Zwar vergleicht der Eingangsserver die spezifische »Rauschcharakteristik« eines Bildes automatisch mit einer Datenbank, in der die Rauschmuster sämtlicher registrierten Kamera-Sensoren gespeichert sind. Findet die Software nicht den »individuellen Fingerabdruck«, den jeder Kamera-Sensor hinterlässt, ist Marc an der Reihe. Er kann prüfen, ob zwei Ausschnitte eines JPEG-Bildes unterschiedlich stark komprimiert oder mit Hilfe eines Kopierpinsels verdoppelt wurden.

»Eigentlich«, sagt Marc, »kann jeder Bildfälscher heute überführt werden. Aber das ist wie mit den Steuerprüfern. Es gibt zu wenige, und die Prüfverfahren sind viel zu aufwendig und zu teuer.«

Michael Best wird Guerilla-Fotograf genannt, weil er gegen jegliche Einschränkung fotografischer Freiheit kämpft. Er ignoriert schlichtweg gesetzliche Barrieren, die ihm die Arbeit schwer machen.

Michael Best wird Guerilla-Fotograf genannt, weil er gegen jegliche Einschränkung fotografischer Freiheit kämpft. Er ignoriert schlichtweg gesetzliche Barrieren, die ihm die Arbeit schwer machen. Foto: Melanie Dreysse

»Ich bräuchte dringend einen Auftrag in einem Land, in dem die Sonne scheint«
Michael Best

Michael ist blass und dünn. Er hat gerade zwei Jahre in Einzelhaft in einem Hochsicherheitstrakt für Urheberrechtsverbrecher und Intimsphärenverletzer verbracht. Nach drei Vorstrafen zur Bewährung wollte der Richter ein Exempel an ihm statuieren. Denn die Zahl der Guerilla-Fotografen hat sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht – nicht zuletzt wegen der preisgekrönten Arbeiten von Michael.

In der Regel arbeitet der ehemalige Presseagentur-Fotograf für eine NGO, die mit der Whistleblower-Plattform Openleaks verbunden ist; manchmal schießt er auch Fotos für die Muckrakers, eine Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leistungsschutzrecht für Sportveranstalter zu Fall zu bringen. Da über die Spiele der Champions League und die Fußballweltmeisterschaften – seit dem FIFA-Skandal in Russland 2018 – nicht mehr frei berichtet werden kann, versuchen Guerilla-Reporter wie Michael mit ausgefeilter Technik, die sie illegal über Spyware-Stores beziehen, zu den tatsächlichen Ereignissen vorzudringen.

Vor zwei Jahren hatte der Sicherheitsdienst des FC Bayern eine unbemannte Drohne der Muckrakers über der Allianz-Arena abgeschossen. Und seit »die Öffentlichkeit« in der Aufarbeitung der Google-Street-View-Affäre durch das Bundesverfassungsgericht als Sonderfall der Privatsphäre definiert wurde, stehen Guerilla-Fotografen im Grunde bei jedem Klick mit einem Bein im Gefängnis. Fotografenverbände gehen daher dazu über, ausgebildete Juristen zu Fotografen umzuschulen, da die Verbände ansonsten Gefahr laufen würden, dass ihre Rechtsabteilungen auf Jahre hinaus mit teuren Prozessen wegen Daten- und Persönlichkeitsschutzverletzungen blockiert werden.

Wie und woher Michael seine Honorare bezieht, verrät er nicht. Er lebt äußerst spartanisch und versucht, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Häufig wechselt er seinen Wohnsitz, immer verschlüsselt er seine Datensätze. Die Bildforensiker des BKA beißen sich die Zähne an ihm aus.

Manche Auftraggeber hat Michael noch nie gesehen, andere trifft er an abgelegenen Orten bei konspirativen Zusammenkünften; häufig weiß er nicht einmal, für wen er arbeitet. Dieses Undercover-Leben fordert einen hohen Preis. Seine Ehe ist zerbrochen, die beiden Töchter, die er nie richtig kennengelernt hat, haben ihn kurz vor seinem Haftantritt zum »Oberarschloch« erklärt, weil er auf niemanden Rücksicht nehme.

In seiner Jugend hat Michael Fotografen wie Erich Salomon und Henri Cartier-Bresson verehrt, heute fühlt er sich wie ein abgehalfterter Agent der Öffentlichkeit – »irgendwo zwischen Paparazzo und Günter Wallraff. Ich bräuchte dringend einen Auftrag in einem Land, in dem die Sonne scheint.«

Die Taxi-Fotografin. Wenn Aimee Sonnleitner Fahrgäste befördert, kommt sie oft an bemerkenswerte Orte. Ganz nebenbei scannt sie alles, was neu oder ungewöhnlich ist – vom Promi bis zum Unfall.

Die Taxi-Fotografin. Wenn Aimee Sonnleitner Fahrgäste befördert, kommt sie oft an bemerkenswerte Orte. Ganz nebenbei scannt sie alles, was neu oder ungewöhnlich ist – vom Promi bis zum Unfall. Foto: Melanie Dreysse

»Taxifahren und Stock-Fotografie gehen ideal zusammen«
Aimee Sonnleitner

Aimee »Sunshine«, wie ihre Freunde sie nennen, will kein großes Gewese machen: »Du dockst einfach das iPhone hinten an die DLSR, stellst den Autofokusbereich übers Touchscreen ein, knipst, schrubbst mit der Mobile Photoshop App noch mal drüber und lädst die Kiste dann übers 3G-Netz hoch.«

Während sie mit der rechten Hand ihre Foto-Ausrüstung vorführt, steuert Aimee mit der linken den Wagen, in ihrem Mundwinkel klebt eine Zigarette. »Keine Sorge«, sagt sie, »is nur Schoko« und deutet mit der Kamera in Richtung des Aufklebers am Handschuhfach: »Rauchen verboten«.

Aimee fährt Taxi. Und nebenher verdient sie sich »ein paar Kröten« bei pennystock. So heißt die Microstock-Agentur, die spottbillige Bildlizenzen im Internet verkauft, für ein, zwei Euro pro Bild. »Getty Images in winzig«, sagt Aimee. Vor zwei Jahren ist sie »als Teilhaberin« in die pennystock-Genossenschaft eingestiegen. »Hört sich toll an«, sagt sie, »sind aber nur Studenten, die Taxi fahren.« Eines Tages seien ihre Kollegen auf die Idee gekommen, das Herumfahren mit etwas Nützlichem zu verbinden. Seither beliefern sie Fashion-Portale, Lifestyle-Seiten, Internetshops, Stadtmagazine in Berlin, Hamburg, München und 20 weiteren Großstädten mit Bildmaterial. Es stammt aus ihrem schnell wachsenden Fundus, dem pennystock.

Taxifahren und Stock-Fotografie, sagt Aimee, gehen ideal zusammen. Man kann fortlaufend produzieren, es gibt keine Auftragsflaute, »und außerdem entfallen die Reisekosten.« Taxifotografen knipsen ausschließlich dort, wo ihre Fahrgäste hinwollen – oder wo sie ihre Kunden abholen. An solchen Orten ist meist was los. »Wenn es in irgendeinem Winkel dieser Stadt einen Trend gibt, haben wir ihn, egal ob es sich um Mode handelt, um Food, Sport oder sonst was. Wir haben auch das Abgelegene, weil wir alles scannen, egal, ob es Aufträge dafür gibt oder nicht.«

Pennystock setzt – wie Google oder Facebook – auf Vorratsdatenspeicherung. Die Firma beherzigt die Longtail-Philosophie des Internets. »Eines Tages«, sagt Aimee, »wird die Nachfrage da sein. Und dann liefern wir.«

Rpbert Körper, der Echtzeit-Fotograf bezeichnet sich als »Triathlet der Fotografie« denn für LIVESTREAM unternimmt er Extremtouren – auf den Auslöser drückt ferngesteuert ein Operator in der Zentrale.

Rpbert Körper, der Echtzeit-Fotograf bezeichnet sich als »Triathlet der Fotografie« denn für LIVESTREAM unternimmt er Extremtouren – auf den Auslöser drückt ferngesteuert ein Operator in der Zentrale. Foto: Melanie Dreysse

»Ich lebe den Fotografentraum: nicht mehr mit der Kamera, sondern mit den Augen fotografieren«
Robert Körper

»Ich bin so eine Art Bergmann mit Grubenlampe«, sagt Robert und lacht. Dann zeigt er auf die Stelle über seinem Kopf. »Meine Lampe ist allerdings eine 7D«, eine Spezial-Kamera, »und die ist über eine VDSL-Standleitung mit der Zentrale verbunden«.

Der braungebrannte Mittvierziger mit den markanten Falten in den Augenwinkeln sieht nicht gerade aus wie ein Bergmann, eher schon wie einer der »Huaber-Buam«, jene Extremkletterer, die vor 20 Jahren waghalsig in Doku-Dramen die Steilwände hochkletterten – mit bloßen Händen. Robert hat sich lange gehalten im Foto-Business, hatte Doppelseiten in großen Magazinen, war mit vielen Reportern unterwegs. Aber nach der Jahrtausendwende gingen die Aufträge zurück. »Ich war gutes Mittelfeld«, sagt er, »ich gehörte nie zur ersten Garde. Leute wie mich haben sie zuerst ausgesiebt.« Übrig blieben die ganz billigen und die ganz teuren.

Eine Zeit lang konnte Robert die Verdienstausfälle mit den Einnahmen aus seinem gut bestückten Archiv kompensieren, dann änderte sich auch die Agenturszene radikal. Vor fünf Jahren, im Sommer 2016, bot ihm ein ehemaliger Produktionsleiter von RTL einen Job in dessen Internet-Firma LIVESTREAM an. Seither arbeitet Robert als »Triathlet der Fotografie«. Er klettert auf Berge, in Höhlen, in Schächte, je unzugänglicher, desto besser. Er geht in gefährliche Gegenden, nimmt an Extremtouren teil, setzt sich schwierigen Situationen aus. »Alles, was zählt«, sagt er, »sind meine Fitness und meine Augen. Ich muss Gefahren schnell erfassen, und ich muss mich ohne Zögern mitten ins Geschehen werfen, den Rest machen die Chefs in der Zentrale. Die verfolgen zuhause gemütlich im Lehnstuhl meine Touren, und wenn sie meinen, ich bin nah genug dran, drücken sie auf den Auslöser – per Laptop.«

LIVESTREAM bietet die Shootings dann umgehend, »praktisch in Echtzeit«, bei den großen Verlagen an. Sowohl der stark expandierende Verlag der Telekom als auch die Youtube-NEWS sind gute Abnehmer. GEO-Explorer und stern-BOOK haben Exklusiv-Verträge, die ihnen Vorgriffsrechte bei bestimmten Themen sichern.

Im Gegensatz zu den billigen Royalty Free Servern liefert LIVESTREAM alle Bilder in SHD-Qualität (super high definition). »Ich kann wirklich nicht klagen«, sagt Robert, »nach meinem Zusammenbruch und dem Verkauf meines kompletten Archivs geht es mir wieder gut. Ich lebe im Grunde den Traum aller großen Fotografen: nicht mehr mit der Kamera, sondern mit den Augen zu fotografieren.«

Martin Rollo, der Jobbörsen-Fotograf versteigert täglich seine Arbeitskraft. Bei einer Art »My Hammer« für Fotografie bietet er um Aufträge. Nicht immer bekommt das niedrigste Angebot den Zuschlag.

Martin Rollo, der Jobbörsen-Fotograf versteigert täglich seine Arbeitskraft. Bei einer Art »My Hammer« für Fotografie bietet er um Aufträge. Nicht immer bekommt das niedrigste Angebot den Zuschlag. Foto: Melanie Dreysse

»Kein Klinkenputzen mehr, kein Herumschleimen, kein Kriechen vor irgendwelchen Leuten mehr«
Martin Rollo

Über zehn Jahre krebste Martin mit seiner ambitionierten Einstellung und seinen hohen Ansprüchen am Rande des Existenzminimums herum: zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Seine Freundin konnte schon nicht mehr mit ansehen, wie er sich quälte. Sie hatte ihn fast so weit, dass er die Kameras an den Nagel hängt, denn sein kleiner exklusiver Weinhandel – Folge eines Winzerporträts in Georgien – warf mehr ab als die erbärmliche Auftragsfotografie.

Martin war immer schon ein schlechter Selbstvermarkter. Den Smalltalk auf Vernissagen beherrschte er ebenso wenig wie das Eindruck schinden bei Chefredakteuren oder das Bezirzen einsamer Bildredakteurinnen. Er war das Kind eines kleinen Elektrikers aus dem Sauerland, und das spürte man. Eine Wende trat erst ein, als er beim Einkaufen im Baumarkt MyPicture entdeckte, ein neues Internet-Portal, das sich auf Aufträge für Berufsfotografen spezialisiert hatte.

Mit täglich über 5000 laufenden Ausschreibungen ist MyPicture heute die Nummer 1 der Online-Marktplätze für Fotografen in Europa. Das System funktioniert relativ simpel. Jeder, der einen Auftrag zu vergeben hat – etwa eine Baustelle zu fotografieren, eine Dichter-Lesung oder eine Hochzeit – stellt seine Ausschreibung für den Job auf die Plattform und wartet, welche Fotografen mit Preisangeboten dafür bieten. Gewöhnlich erhält derjenige mit dem niedrigsten Preis den Zuschlag. Doch es kann auch der mit dem besten Leumund gewinnen. Denn MyPicture ist gleichzeitig ein Bewertungsportal. Wenn die Jobs erledigt sind, bewerten sich Auftraggeber und Fotografen gegenseitig. Wer dabei Pluspunkte sammelt – etwa in den Kategorien Qualität, Zuverlässigkeit, Ausrüstung oder Umgangsformen – kann nach kurzer Zeit bereits mit höheren Preisen ins Rennen gehen. Denn hiesige Auftraggeber schauen mindestens so kritisch auf die Bewertung wie auf den Preis.

Nach anfänglichem Naserümpfen über das »beschissene Dumpingmodell« fand Martin die Job-Auktionen »richtig geil. Kein Klinkenputzen mehr, kein Herumschleimen, kein Kriechen vor irgendwelchen Leuten, klare Kante, absolut transparent. Ich habe die besten Erfahrungen gemacht.« In den fünf Jahren, in denen er nun dabei ist, hat sich Martin ein beachtliches »Profil« erarbeitet. Mehr als 150 gute Bewertungen, kein einziges Mal gab es Probleme mit der Bezahlung. Seine besten Arbeiten hat Martin als Referenzen auf die Seite gestellt. Und im internen Ranking von MyPicture steht er schon so weit vorn, dass er bei jeder Suchanfrage auf Seite 1 der Trefferliste auftaucht.

Den Spott seiner Kollegen, er sei ein Billigheimer geworden, lässt er gelassen an sich abtropfen. Anders als sie kann er sich jetzt sogar eigene Kinder leisten.

Lisbeth Melander, die Hof-Fotografin bedient eine ganz exklusive Klientel. Bei der optischen Imageförderung setzt sie alles ein, was schön macht und ihre Kunden wichtig aussehen lässt – der Öffentlichkeit zuliebe.

Lisbeth Melander, die Hof-Fotografin bedient eine ganz exklusive Klientel. Bei der optischen Imageförderung setzt sie alles ein, was schön macht und ihre Kunden wichtig aussehen lässt – der Öffentlichkeit zuliebe. Foto: Melanie Dreysse

»Nichts bleibt dem Zufall überlassen, Missverständnisse werden vertraglich eliminiert«
Lisbeth Melander

Wer einen Termin bei Lisbeth Melander möchte, muss sich handschriftlich bei ihrer PR-Agentin anmelden, einen vierseitigen Fragebogen ausfüllen und anschließend unterschreiben, keinen Buchstaben und kein Pixelchen ohne die ausdrückliche Genehmigung der Fotografin und ihrer PR-Agentin zu veröffentlichen. Spricht man Lisbeth auf dieses seltsame Gebaren an, lächelt sie fein und sagt, diese Professionalität habe sie von ihren »Objekten« gelernt. Menschen, die Lisbeth fotografiert, wollen nämlich nur eins: die absolute Kontrolle über ihr Image behalten.

Lisbeth arbeitet für Schauspieler, Models, Unternehmer, Fußballprofis, Künstler, Entertainer – im Grunde für die komplette Unterhaltungsindustrie. Sie selbst betrachtet sich ironisch als »Wiedergängerin« der Renaissancekünstler, die ihren Auftraggebern im 15. oder 16. Jahrhundert »höflich« zu Willen waren. Denn auch die Fürsten und reichen Patrizier, sagt Lisbeth, »wollten vor allem gut rüberkommen, beim Volk und bei ihresgleichen«. Makellose Haut, perfekt sitzende Kleidung, ebenmäßige Gesichtszüge, ideale Beleuchtung, all das sei heute kein Thema mehr. Sie modelliere die passende Umgebung mit CGI-Programmen – mit computer generated imagery – und kopiere dann die Personen oder »Skizzen« dieser Personen hinein. Die Feinarbeit – »früher hieß das wohl Retusche« – erledigt ihre Erste Assistentin. Im Grunde, sagt Lisbeth, »betreibe ich künstlerische Werbefotografie«. Teure Autos hätten die Fotografen schon vor zehn Jahren gerendert, »heute macht man es eben auch mit teuren Menschen«.

Zu Beginn ihrer Karriere, sagt Lisbeth, habe sie der anstrengende Kuhhandel zwischen den Agenten beider Seiten gestört, inzwischen sehe sie die Vorteile: »Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles ist abgesprochen, Missverständnisse werden vertraglich eliminiert.« Die kleinen Einschränkungen der beruflichen Freiheit könne sie verschmerzen, denn in den Honoraren sei reichlich Schmerzensgeld enthalten.

Privat macht Lisbeth – »zur Entlastung und Entspannung« – das Gegenteil. Da knipst sie mit ihrer Flipkamera wild in der Gegend herum. »In 20 oder 30 Jahren, vielleicht auch erst posthum, werden die Menschen meine Foto-Abfälle mehr schätzen als meine großen Auftragsporträts.«

Annie Wolfowitz wird als Starfotografin bezeichnet. Aber nicht die Menschen, die sie ablichtet sind Stars – sie selbst ist der Star. Seit ihre Prints Traumsummen erzielen, gehört sie zum Establishment.

Annie Wolfowitz wird als Starfotografin bezeichnet. Aber nicht die Menschen, die sie ablichtet sind Stars – sie selbst ist der Star. Seit ihre Prints Traumsummen erzielen, gehört sie zum Establishment. Foto: Melanie Dreysse

»Die Fotografie ist durch die Digitalisierung endlich von der Last der Wahrheit befreit worden«
Annie Wolfowitz

Annie gehört zu jenen 500 Fotografen weltweit, die sich um die Höhe ihres Einkommens keine Sorgen machen müssen. Was auch daran liegen mag, dass sie im richtigen Moment die richtigen Konsequenzen gezogen hat. Denn seit Fotografie nichts mehr beweist, weil ihr Realitätsgehalt unter Generalverdacht steht, kommt es darauf an, wie gut ein Fotograf Bilder im Kopf erzeugen kann, deren Realisierung er dann mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln betreibt.

Annie hat Malerei, Literatur und Ausdruckstanz in Puna und Zürich studiert und gehört noch zur so genannten analogen Generation. Als sie Mitte der 1970er Jahre begann, ihre Träume und Wunschlandschaften zu »fotografieren«, gab es noch Dunkelkammern, Wedelpinsel und die SX-70-Polaroid-Kamera. Aber anders als viele ihrer Kollegen, antizipierte Annie ohne jedes Zögern die digitalen Möglichkeiten. Sie kombinierte die Vorzüge von Papier-Abzügen mit den Stärken digitaler Aufnahmen. »Die Fotografie«, so einer ihrer Kernsätze, »ist durch die Digitalisierung endlich von der Last der Wahrheit befreit worden.«

Annies Lambda-Prints, die heute von allen bedeutenden Galerien gezeigt werden, erzielen auf dem Kunstmarkt »Traum«-Preise. An jedem Monatsersten trifft sie sich in ihrem Salon mit handverlesenen Bühnenbildnern, Lichttechnikern, Druckgrafikern, Rahmenbauern, Fotopapierherstellern, Lithographen, Galeristen, Konservatoren, Restauratoren und Expographen zu Fachdialog und Meinungsaustausch. Das New Yorker Museum of Modern Art feierte Annie Wolfowitz mit der sensationellen Collage »Traumdeutung VI«. US-Präsidentin Sarah Palin ließ das Oval Office mit Annies fiktiven Alaskabildern schmücken, und der deutsche Bundeskanzler und seine Frau zeigen in ihrem Penthouse im Berliner Grunewald gern den berühmten Hindukusch-Zyklus aus zwölf von Annie mit Schwarzpulver signierten Vintage-Prints.

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Wolfgang Michal
als einstiger Redakteur bei Geo begründete der freie Autor vor elf Jahren die autorengeführte Multiplattform MAGDA mit. Sein Prinzip und Titel eines seiner Bücher: »Einsame Klasse«.