MAGAZIN #22

Jedermann wird Nachrichtenknipser

Die brennende Concorde, der Tsunami, die Attentate von London – immer wieder werden bedeutende Ereignisse zuerst von Laien fotografiert. Mit Kamerahandys können Amateurfotografen nun noch leichter Bildreporter spielen.

Text –

Dennis Dunleavy

Die Zukunft ist schon da: Sie kam mit dem Gefängnisskandal von Abu Ghraib, der Zerstörungen durch den Tsunami letztes Jahr im Pazifik – und jetzt endgültig mit den Ereignissen in London. Das digitale Fotohandy ist die Zukunft, und wir können von dieser sich schnell entwickelnden Technik viel lernen.

In den USA sind derzeit über 190 Millionen Handys in Benutzung, und fast 20 Prozent davon sind mit einer Kamera ausgestattet. Laut Tony Henning, leitendem Redakteur des Mobile Imaging Report, dürften allein 2005 weltweit über 300 Millionen Fotohandys verkauft werden. Wenn das zutrifft, übertreffen Fotohandys den Absatz von Digitalkameras um fast das 30-fache.

EINZUG IN DIE NACHRICHTENWELT

Einige der eindringlichsten Aufnahmen während der Angriffe auf das Londoner öffentliche Verkehrssystem wurden mit Fotohandys gemacht. Sie stammten von Fotoamateuren, ganz gewöhnlichen Menschen, die ihre Erlebnisse mit anderen per E-Mail-Botschaften teilen wollten. Laut New York Times ging Cian Donovan kurz nach der Explosion mit seinem Handy in die Londoner U-Bahn und stellte die Fotos anschließend auf seine Internetseite Flickr.com – jetzt kann die ganze Welt seine Bilder sehen. Auf den Seiten der »7/7 Community«, dem ehemaligen London Bomb Blast Pool, sowie des Londoner Moblog findet man Hunderte von Bildern, die nach den Anschlägen gemacht wurden. Besonders an diesem Fall war aber der Umstand, dass angesehene Tageszeitungen – darunter die New York Times, die Washington Post und die Los Angeles Times – am 8. Juli solche Fotos auf ihren Titelseiten veröffentlichten.

Die BBC verschaffte sich ihrerseits im Anschluss an die Ereignisse Aufnahmen von Fotoamateuren und stellte viele davon auf ihre Nachrichtenseite. Ein gut gelungenes und technisch einwandfreies Bild wurde von einem Büroangestellten gemacht, der die Zerstörung des Doppeldeckerbusses von oben mitverfolgen konnte. Für gewöhnlich werden derartige Schnappschüsse zuerst an Familienmitglieder oder Freunde geschickt und finden nur selten ihren Weg in den Datenstrom öffentlicher Informationsmedien. Manchmal werden solche Bilder von den Mainstream-Medien aufgegriffen und dann als »reale« Nachrichten verbreitet, was sie zweifellos sein können.

Matea Gold von der Los Angeles Times berichtete: »Da die Nachrichtenteams wegen der strengen Sicherheitsvorkehrungen nicht schnell zu den Schauplätzen vordringen konnten, blieb uns vorerst nur das Fotohandymaterial. Dass die traditionellen Nachrichtennetze dies sofort einbezogen, macht deutlich, wie eine sich entwickelnde Technik neue und unerwartete Rollen übernehmen kann.«

In »Phones Offer Snapshot of Terror« schreibt Zachary Seward vom Forbes Magazine: »Auch wenn Fotojournalisten sofort aufbrachen, um die Auswirkungen der Angriffe zu dokumentieren, illustrierten doch Handyfotos und -videos am eindringlichsten, was geschehen war. Die BBC zeigte ein Video von der Evakuierung eines raucherfüllten U-Bahn-Waggons, die zwar geordnet ablief, aber die Anspannung deutlich sichtbar werden ließ; auf der Internetseite der New York Times war mehrere Stunden lang als Topfoto das Bild von Passagieren zu sehen, die beleuchtete Bahngleise entlang gehen.«

Auch beim Gefängnisskandal von Abu Ghraib haben digitale Bilder und das Internet die Kontrollsysteme umgangen, die der Gesellschaft im Informationszeitalter auferlegt werden.

VISUELLE KOMMUNIKATOREN

Das Fotohandy verändert dank seiner Unmittelbarkeit und Interaktionsfähigkeit unsere visuelle Landschaft rapide. Es verändert auch die Art und Weise, wie Nachrichten entstehen und konsumiert werden. Hinsichtlich der Berichterstattung verlässt sich die moderne Gesellschaft heute vorwiegend auf ausgebildete Profis. Bei der Zusammenstellung der Nachrichten geht es jedoch um Werte, und Reporter, Redakteure und Fotojournalisten lernen, sie nach Wichtigkeit einzuordnen, zu klassifizieren und zu kategorisieren. Basierend auf Werten wie Wichtigkeit, Konsequenz, Nähe, Bekanntheit, Neuheit und anderen werden Informationen hierarchisch geordnet.

In einem Beitrag mit dem Titel »Eyewitness Journalism: Camera Phones Lend Immediacy to Images of Disaster« (Augenzeugenjournalismus: Fotohandys verleihen Bildern von Katastrophen Eindringlichkeit) schreibt der Journalist Yuki Noguchi von der Washington Post: »Fotohandys sind schon lange keine Neuheit mehr; Analystendaten zufolge werden heute vier Mal so viel Fotohandys wie Digitalkameras verkauft. Da die Handys immer leistungsfähiger werden und jetzt Hochgeschwindigkeitsnetze zur Verfügung stehen, bieten Telefonhersteller seit kurzem Telefone mit Videorekordern an, mit denen man bewegliche Bilder fast augenblicklich ins Internet stellen oder per E-Mail an andere übertragen kann.«

Dies bedeutet, dass jeder Besitzer eines Fotohandys per se ein visueller Kommunikator ist – jeder verfügt über das Potenzial, unsere Wahrnehmung wichtiger und weniger wichtiger Weltereignisse mitzugestalten. Noguchi merkt dazu an: »Durch die Verfügbarkeit von Kameras in Kombination mit der Fähigkeit, Bilder und Text unverzüglich zu übertragen, ist die Welt in der Lage, Nachrichten fast so unmittelbar wie ein Opfer oder Augenzeuge zu sehen.«

Ist es gut für die Gesellschaft, eine Armee von fotografierenden Bürgern zu haben, die überall mit ihren Digitalkameras und Fotohandys herumlaufen? Ist die Fähigkeit, Bilder sofort nach einem Ereignis zu machen und zu übertragen, gut für die Demokratie, die Redefreiheit und den freien Willen? Ich glaube schon… ich glaube, das ist wirklich so. Meiner Meinung nach ermöglichen Fotohandys potenziell einen weiteren Informationsfluss, mit dem die Menschen das Leben und all seine Komplexitäten besser verstehen, interpretieren und meistern können.

Nachdem die Folterfotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib veröffentlicht wurden, sagte Keith Jenkins, Fotoredakteur beim Washington Post Magazine, in einem Interview mit Associated Press: »Mit der heutigen Technik erreicht der Amateurfotograf genauso viel wie ein professioneller Journalist, und er bedient sich derselben Werkzeuge: Digitalkamera, Laptop und Internetzugang.«

JOURNALISMUS DES 21. JAHRHUNDERTS

Gleichzeitig werden Fotohandys zukünftig normaler Bestandteil der Ausrüstung eines Reporters sein. Fotojournalisten werden sie bei sich haben, um ihren Redakteuren sofort digitale Schnappschüsse vom aktuellen Geschehen zu schicken, bevor sie ihre professionelleren Kameras einsetzen. Reporter werden Fotohandys dazu benutzen, um Grafiker bei der Gestaltung einer Story mit visuellem Material für Informationsgrafiken zu versorgen.

2003 sagte Bruce Rutledge: »Willkommen im Journalismus des 21. Jahrhunderts, in dem mit Fotohandys bewaffnete Bürger sofort zu Reportern werden können – oder zu Verlegern. Die heutige Mobiltechnologie bringt es mit sich, dass man nicht mehr an einem Schreibtisch sitzen oder über einen Computer verfügen muss, um einer Zeitung ein Foto zu mailen oder ein Online-Magazin oder ein Blog herauszugeben. Man kann jetzt von einem Handy mit Fotofunktion Text oder Bilder direkt ins Web stellen oder an seine Lokalzeitung schicken.«

Paddy Holahan, CEO von NewBay Software, sagte schon vor zwei Jahren voraus, dass eine Berichterstattung per Fotohandy wie bei den Ereignissen in London nur eine Frage der Zeit sei. »Es dauert nicht mehr lange«, meinte er, »bis ein global wichtiges Ereignis von einem Amateurfotografen berichtet wird; der macht ein Bild, schreibt einen Kommentar dazu und veröffentlicht dies in seinem persönlichen Telefonblog, noch bevor professionelle Reporter das tun können.«

Gleichzeitig stellen Leute wie Al Thompkins auf der Webseite des Poynter Institute Nachrichtenagenturen in Frage, die Fotohandybilder von Amateurfotografen verwenden: »Es gibt unzählige Fragen dazu, wie und ob Nachrichtenredaktionen solche Bilder verbreiten sollten: Woher weiß man, dass das Bild authentisch ist? Was weiß man oder muss man darüber wissen, wie das Bild entstand? Inwiefern war der Fotograf am Ereignis beteiligt? Wie hält man Leute davon ab, sich für ein Foto unnötigen oder gefährlichen Risiken auszusetzen? Soll man den Leuten Geld für Fotos geben? Wonach soll sich die Höhe der Bezahlung richten? Wie weit ist man beim Qualitätsstandard kompromissbereit, wenn es um die Verwendung eines Handyfotos geht? Wie einfach können Leute jemandem Bilder schicken, und wie einfach ist es für denjenigen, diese zu verwenden?«

Ungeachtet all dieser Fragen geht es doch vielmehr darum, wie sich der Journalismus einer Flut von unabhängigen Informationen von Amateurfotografen anpasst. Wenn ich lese, was Robert MacMillan von der Washington Post in seiner Kolumne »Random Access« über Amateurjournalismus schreibt, neige ich zu der Ansicht, dass wir schon längst einen signifikanten Wandel im Informationszeitalter erleben – einen Wandel nicht nur hin zum Massenkonsum von Nachrichten, sondern auch zur Massenproduktion von Nachrichten aus diversen Quellen.

MacMillan behauptet: »Amateurjournalismus ist etwas anderes. Dabei geht es häufig um ganz unterschiedliche Themen, die unerfahrene Reporter vielleicht übersehen haben: Werbung für Kunst und Berichte über Unterhaltungsveranstaltungen bis hin zu Meinungen über den Haushalt der Stadt.«

KONURRENZKAMPF DER MEDIEN

Durch die Bombenanschläge in London hat dieser Trend eine neue Dimension gewonnen. Auf den Webseiten von der BBC bis hin zum Guardian konnte man Augenzeugenberichte finden, die zum Teil schon eine oder zwei Stunden nach der ersten Bombenexplosion im Netz standen. Dabei verwendeten die Londoner Zeitungen und die BBC-Seite Beeb nicht wilde Blogmeldungen, sondern Aussagen von Leuten vor Ort. Diese wurden zusammen mit den Berichten der eigenen Reporter veröffentlicht und waren wahrscheinlich in ähnlicher Weise redigiert.

Wie reagieren die Medien auf die Flut der Bilder von Amateurfotografen? Werden demnächst Zeitungen und TV-Stationen Leute einstellen, die nur am Computer sitzen, um sämtliche Fotoblogs nach brauchbaren Bildern abzusuchen?

Soweit man es jetzt überblicken kann, sind viele derjenigen, die bei den Londoner Terroranschlägen Aufnahmen gemacht haben, finanziell in keiner Weise entschädigt worden. Stringer erhalten üblicherweise zwischen 75 und 100 Dollar für Fotos von aktuellen Ereignissen, aber hier liegt der Fall anders. Normalerweise verkaufen Amateure ihre Bilder von wichtigen Ereignissen für viel Geld an Nachrichtenmedien.

Wie verändert sich die Nachrichtenerstellung, wenn sich Hunderte von Menschen mit Fotohandys am Ort eines Bombenanschlags befinden? Die Massenmedien werden natürlich sagen, es sei ihr gutes Recht, zuerst die auf den Webseiten von Flickr, Yahoo oder Smugmug stehenden Bilder zu verwenden. Sie werden die Journalisten dazu anhalten, Augenzeugen nicht nur zu fragen, ob sie etwas gesehen haben, sondern auch zufällig ein Fotohandy in der Tasche hatten. Und tatsächlich haben World Picture News, BBC, MSNBC und andere per Aufruf im Internet Fotos gesucht. Auf diese Weise bekam WPN ein paar Dutzend Bilder, darunter das bereits erwähnte vom zerstörten Doppeldeckerbus. Als aber AP Mitte Juli nach den Hurrikans in Florida per Internet Pick-ups – so der Insiderbegriff für von Augenzeugen gemachte Fotos – suchte, gab es lediglich sechs Reaktionen. »Doch wir fangen erst an«, kommentierte APs Director of Photography Santiago Lynn.

Um zu entscheiden, was ihrem Format entsprechend berichtenswert ist, müssen die Mainstream-Medien jetzt Tausende von Nachrichtenbildern durchsehen. Kann man sich angesichts der jetzigen Verbreitung von Fotohandys vorstellen, was heute passieren würde, wenn ein Ereignis wie die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September stattfände?

Was wird passieren, wenn Fotoamateure anfangen, mit Nachrichtenagenturen um Sondermeldungen zu wetteifern, wie es ja auch schon vorgekommen ist? Wird es im Bestreben, die drastischsten und eindringlichsten Laienfotos zu veröffentlichen, zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Medien kommen? Werden Amateurfotografen anfangen, Geld für ihre Bilder zu verlangen? Wie steht es mit dem Urheberrecht? Mit ethischen Fragen? Wie werden Durchschnittsbürger, die zufällig Opfer einer so schrecklichen Tat wie den Londoner Anschlägen oder dem 11. September werden, auf Passanten reagieren, die sie ohne Erlaubnis fotografieren? Was passiert, wenn Amateure auch noch zu Bearbeitungsprogrammen wie Photoshop greifen und so der digitalen Manipulation Tür und Tor öffnen?

Meines Erachtens sind wir mit den Ereignissen von London in einer schönen neuen Welt angekommen, in der es derzeit mehr Fragen als Antworten gibt.

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Dennis Dunleavy
ist Professor für Kommunikation an der Southern Oregon University. Vorher war er Fotojournalist und dokumentierte das Leben von Flüchtlingen aus Zentralamerika. Dieser Beitrag erschien zuerst auf digitaljournalist.org