MAGAZIN #14

Jenseits der visuellen Flut

Editorial –

Kay Dohnke

Gern nimmt man sie in die Hand, blättert darin, lässt sich von ihren Bilderwelten gefangen nehmen: Fotobücher sind eine der wichtigsten, weil renommiertesten und nachhaltigsten Publikationsformen für Bilder. Jenseits des medialen Tagesgeschäfts mit seiner visuellen Flut, seinem schnellen Druck auf billigem Zeitungs- oder dünnem Magazinpapier bekommen Fotos in Bildbänden einen angemessenen Rahmen, können ihre Geschichte in Ruhe und nachhaltig erzählen. Bildbände heben das Foto aus der scheinbaren Belanglosigkeit heraus, die ihm in den Massenmedien oft anhaftet; sie beeinflussen den klassischen Kanon aus Namen, Stilen, Ästhetiken. Und irgendwann – wenn die großen Reportagen und preisgekrönten Aufnahmen längst vergessen sind – werden Fotobücher schließlich zum Gedächtnis der Fotografie.

So geläufig der Umgang mit Fotobüchern ist, desto verblüffender fällt der Blick hinter die Kulissen aus: Hier öffnet sich eine unbekannte Welt. Niemand weiß genau, wer in diesem Bereich aktiv ist, und niemand kann sagen, was alles produziert wird. Im Vergleich mit den millionenfach verbreiteten  Magazinen und Zeitungen, die tagtäglich Fotografie öffentlich zugänglich machen, ist die Zahl der Bildbände verschwindend klein: Mit ganzen 340 Titeln, so hat der Buchhandelsverband ermittelt, machten Fotobücher im Jahr 1999 0,6 Prozent der bundesdeutschen Gesamttitelproduktion aus.

Doch so wirklich kennt sich der Verein der Bücher-Macher da selbst nicht aus, denn statistisch relevant wird nur, was die Verlage als Fotobuch melden; die Vielzahl der Bildbände aus anderen Sachbuchbereichen bleibt ungezählt.

Neben künstlerischen Ambitionen, wirtschaftlichen Überlegungen und den Regeln des Marktes offenbart der nähere Blick ins Metier des Büchermachens noch eine andere Tatsache: Die Welt der Fotobücher spiegelt auf frappierende Weise die Berufswelt der Fotografen wider – auch hier gehen die Honorare tendenziell zurück, auch hier sollen für geringes Geld immer mehr Rechte veräußert werden, auch hier erkennt kaum ein Verwerter an, mit welcher großen Vorleistung die Fotografen Bilder produzieren.

Doch ungeachtet der oft ganz selbstverständlich vorausgesetzten Bereitschaft zur Selbstausbeutung finden sich immer wieder Fotografen, die ihrem Schaffen durch einen Bildband einen besonderen und vielleicht sogar überzeitlichen Rahmen geben wollen – koste es, was es wolle, an Zeit, Material oder auch an eigenen finanziellen Mitteln. Ist das der zu entrichtende Tribut, um in den erlauchten Kreis jener vorzudringen, die ihr Werk in Buchform aus den Niederungen des Tagesgeschäftes heben dürfen?

Trotzdem: Fotobücher konstituieren eine besondere visuelle Kultur, verlocken Produzenten wie Rezipienten; hier gerät zuweilen die Grenze zwischen Kunst und Kommerz ins Schwimmen. Und eines wird sich zweifellos niemals erschöpfen – ihr Potenzial für Entdeckungen, Überraschungen und zugleich Begegnungen mit dem Vertrauten.