MAGAZIN #26

Junge Talente auf ihrem eigenen Weg

Diplomarbeiten sind Visitenkarten. Andrea Diefenbach, Roberto Schirdewahn, Sabine Springer und Lili Nahapetian zeigen mit ihren Abschlussarbeiten ihren individuellen Stil.

Text –

Manfred Scharnberg

Andrea Diefenbach,
1974 in Wiesbaden geboren, machte ihre Fotografieausbildung an der Fachhochschule Bielefeld. Seit ihrem Diplom veröffentlicht sie in renommierten Magazinen. 2007 wurde sie mit dem Wüstenrot-Preis ausgezeichnet. Neben den Büchern »Atemwege« und »Jüdisches«, erscheint »Aids in Odessa« bei Hatje Cantz. Ihre Fotos sind auf dem LUMIX Festival zu sehen.

»Fotografie ist wie eine Eintrittskarte in fremde Leben.«

»Es war eine Zitterpartie bis zum Schluss«, berichtet Andrea Diefenbach über ihre Fotoreportage in Odessa. Thema: Die dortige Aids-Epedemie. Etliche Male stand sie bei infizierten Drogenabhängigen vor der verschlossenen Tür. Andererseits geriet sie in die Rolle der Vertrauten, besuchte eine Frau in deren Sterbewoche täglich. Mit Aids als Stigma besetzt, war sie von ihrer Familie abgeschrieben worden. Nur ihr Mann und die Fotografin begleiteten sie in den Tod.

»Als ich davon hörte, dass vor den Toren der EU ein so dramatisches Aids-Desaster stattfindet, war ich völlig überrascht. Und mir war schlagartig klar: Diese Geschichte muss ich machen«, sagt Andrea Diefenbach. »Es war ein Thema, das mich interessierte. Aber auch eines, das wichtig war, zu erzählen.« Die Ukraine hält den traurigen Europarekord an Neuinfektionen, gehört weltweit zu den Staaten, in denen sich Aids am rasantesten ausbreitet. Allerdings: »Verkauft hat sich die Geschichte überhaupt nicht gut«, resümiert die Fotografin.

Dafür machte ihre Diplomarbeit aber einen großen Eindruck in Redaktionen. Seit Ihrem Abschluss an der FH Bielefeld arbeitet Andrea Diefenbach an einem Auftrag nach dem anderen: Brigitte, Neon, Stern, Geo-Spezial, Brand Eins, SZ Magazin und so weiter. Geholfen haben ihr dabei die Praktika, die sie in ihrer Studienzeit bei Gruner+ Jahr absolvierte. Es sei für freie Fotografen wichtig, die Arbeit und Entscheidungswege in Redaktionen zu kennen. »Dadurch bin ich weniger ehrfürchtig geworden und nehme nichts mehr persönlich – wenn etwa das Layout weniger gut aussieht, oder ein Bildredakteur gerade keine Zeit hat«, sagt Andrea Diefenbach.

Und sie arbeitet an einem neuen freien Thema – finanziert durch den Gewinn des Wüstenrotpreises 2007 – über moldawische Arbeitsemigranten im Ausland und die in der Heimat Zurückgebliebenen. Ein Thema, das ihr liegt. »Ich habe verstanden, dass ich am besten fotografiere, wenn ich nahe am Menschen bin«, sagt Andrea Diefenbach. Sie möchte Geschichten erzählen, anderen Leuten Interessantes zeigen. »Aber auch für meine persönliche Entwicklung ist es wichtig, denn Fotografie ist eine Eintrittskarte in fremde Leben.«

 

Roberto Schirdewahn,
wurde 1976 in Rostock geboren und begann schon als Kind zu fotografieren. Bis 2005 studierte er Fotografie an der Fachhochschule Dortmund. Heute lebte er in Dortmund. Nach einer Babypause, in der Roberto Schirdewahn sich um seine Zwillinge kümmerte, hat er jetzt wieder die Möglichkeit Fotoaufträge zu bearbeiten.

»Für mich sollte eine Geschichte eine Dramaturgie haben.«

»Eines habe ich gelernt«, sagt Roberto Schirdewahn, »wenn man ein Thema fotografiert, muss man einen Standpunkt einnehmen, sonst kommt nur Austauschbares dabei heraus«. Das hat er auch in seiner Bildserie »Ars Vivendi« beherzigt, die skurrile Menschen in aufwendigen Porträts und mit vielen Details aus ihrem Umfeld zeigt. Menschen, die als Indianer, Hexe, Vampir, Elvis oder Treckie leben. »Auch wenn ein Augenzwinkern dabei ist, ging es mir nicht darum, die Porträtierten in einer Art Freakshow bloß zu stellen. Ich wollte Menschen mit einem ganz eigenen Weg zu ihrer Identität zeigen, auch wenn diese manchmal geborgt ist. Sie leben mitten unter uns, nur dass sie Vorstellungen vom Leben haben, die von der Norm abweichen«, sagt Roberto Schirdewahn.

Er erklärt sein Interesse an der Thematik: »Vor hundert Jahren wurde jeder in sein Schicksal hinein geboren, konnte kaum aus seiner Kultur, seiner gesellschaftlichen Stellung ausbrechen. Heute ist das anders, man kann sich seine Identität selbst schaffen, sie aus anderen Kulturkreisen einfach übernehmen.«

Auch Roberto Schirdewahn selbst ist ein Wanderer zwischen den Welten – den fotografischen Welten. Unter seinen Arbeiten findet man klassische Schwarz-Weiss-Fotografie, Bilder aus den Liverpooler Suburbs, die in einer Sozialreportage Platz haben. Zwei Wochen lang begleitete er eine unbekannte Band auf ihrer Tour durch England – ungeschminkt und ungestellt. Andererseits finden sich in seiner Mappe professionell inszenierte Porträts, mit ausgefeilter Lichttechnik in Szene gesetzt. Eine perfekte Glamour-Welt.

Wie schafft er diesen Spagat? »Ich bin unwahrscheinlich gerne stiller Beobachter, der nicht eingreift und sich auf Situationen einlässt«, berichtet er. »Doch mich fasziniert auch die Arbeit mit Licht – das gehört zum fotografischen Handwerkszeug. Die Blitzanlage setze ich soweit ein, wie es das Motiv oder die Bildserie erfordert.« Roberto Schirdewahn ist stark vom Kino beeinflusst. »Ich bin kein Texter und muss mit meinen Bildern eine Geschichte erzählen, dazu gehört eine Dramaturgie«, meint er, »für mich sollte eine Geschichte einen Rhythmus haben: Totale, Porträts, Closeups in einer interessanten Folge«. Typologien, in denen Menschen wie Sammelobjekte in immer gleicher Machart vor demselben Hintergrund fotografiert werden, mag er überhaupt nicht. Dafür arbeitet er gern mit Details.

In Ars Vivendi, seiner Prüfungsarbeit an der FH Dortmund, erzählen Ausschnitte und Gegenstände viel über die Porträtierten. Eine Buddhistin, die nach Stille und innerer Einkehr sucht, hat ihr Handy wie ein Kultgegenstand auf einem verzierten Kissen platziert – ein Bild, das den Widerspruch zeigt, in dem sie in der heutigen Zeit lebt.

Roberto Schirdewahn, der gern unterschiedliche fotografische Wege geht, lässt sich nicht festlegen. »Egal was kommt, Fotografie ist für mich in erster Linie ein Bedürfnis, ohne dass ich nicht auskomme.«

 

Sabine Springer,
Jahrgang 1976, hat 2006 ihr Fotografiestudium an der Fachhochschule Dortmund abgeschlossen und arbeitet heute als freie Fotografin. Sabine Springer erhielt eine VG Bild-Kunst-Förderung, gewann 2005 den Epson Photo Award und wurde 2007 mit dem BFF Förderpreis ausgezeichnet.

»Bei meinen Bildern ging es um Abstraktion, nicht um Entblößungen.«

Sie waren skeptisch, verstanden es zunächst nicht, dass Sabine Springer sie im Swinger-Club fotografieren wollte – beim Sex. Nach etlichen Treffen, Erklärungen, Vorzeigen von Fotos, hatte die Fotografin das Vertrauen der Menschen gewonnen, die in einem Paarclub ihre erotischen Phantasien ausleben. Tagsüber lichtete Sabine Springer für Ihre Arbeit »Zonar« die leeren Räumlichkeiten ab, die Zone der Intimität. Abends arbeitete sie dezent mit Infrarotblitz und –film. Das Blitzlicht ist für das menschliche Auge nicht sichtbar. So störte die Fotografin die Liebenden nicht, lenkte die Aufmerksamkeit nicht auf sich.

Herausgekommen ist eine Bildserie, die den Wunsch nach Liebe, Aufmerksamkeit, Nähe und körperlicher Zuwendung in ganz eigener Stilistik einfängt. Dokumentarisch – und doch irgendwie irreal. Die Clubbesucher zogen keine Show für die Beobachterin ab – und die Fotografin machte daraus keine lüsternen Enthüllungen. Die Intimität der Menschen bleibt bewahrt. Gesichter und nackte Körper verlieren sich in einem unbestimmten Dunkel. »Ich wollte den Hintergrund ausblenden. Die Aufmerksamkeit allein auf die Körperlichkeit und die Sexualität lenken«, erklärt Sabine Springer. »Es ging mir dabei um Abstraktion und nicht um Entblößungen.«

Eine formale Vorliebe, der die Fotografin bereits bei anderen freien Arbeiten nachgegangen ist. »Kokon« heißt ihre Reportage aus der Disco-Szene. Hier sind tanzende und flirtende Jugendliche, die sich im Nachtleben amüsieren, die Akteure. Auch sie tauchen aus dem schwarzen Nichts auf. Auch sie sind mit der Infrarottechnik abgelichtet. »Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich kaum als Fotografin wahrgenommen werde. Dann nehmen die Leute keine Posen ein – ganz anders wenn Blitze aufzucken«, sagt Sabine Springer.

Der Blick in den Swinger-Club war für die Fotografin eine logische Folge ihrer vorherigen Arbeiten. »Es geht mir um die Darstellung nonverbaler Kommunikation«, berichtet sie. »Daher wähle ich Situationen, in denen sich Beziehungen über das Äußere ausdrücken.« In der Disco, dem nächtlichen Laufsteg der Eitelkeiten, wo Musik sprachliche Kommunikation schier unmöglich macht, dienen Blicke, Körperhaltungen und Bewegungen der Kontaktaufnahme. Und im Swinger-Club? »Es ist ein Ort, an dem Kommunikation primär mit und über Körperlichkeit und Sexualität geführt werden«, sagt die Fotografin, die mit ihrer Arbeit wissen wollte, was passiert, wenn die Grenzen aufgehoben werden. Und wie reagierten die Paare aus dem Swinger-Club? Ihnen gefielen die Fotos. Auch wenn einige Schwierigkeiten hatten die spezielle Ästhetik der Aufnahmen zu erfassen, gaben sie bereitwillig die Genehmigung für die Veröffentlichung.

 

Lili Nahapetian,
Jahrgang 1974, ist im Libanon geboren, lebt in Hamburg und studierte dort an der HAW Kommunikationsdesign. Sie wurde mit dem Kodak Young Talent Award und dem BFF-Promotion Award ausgezeichnet. Ihre Diplomarbeit »Unbekannte Heimat« soll mit Texten von Charles Aznavour als Buch erscheinen. Auch sie stellt beim LUMIX Festival aus.

»Fotografie ist für mich eine schöne Brücke zwischen den Kulturen.«

»Kostbare Geschenke« – für Lili Nahapetian sind das die Begegnungen mit Menschen, die der Fotografin Einblick in ihre Welt gestatten. Es ist oft eine ganz persönliche, intime Welt, die sie in ihren Bildern einfangen kann. »Mir liegen die Geschichten, die dicht am Menschen sind«, sagt die Fotografin.

Lili Nahapetian ist 1974 im Libanon geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie im Iran, bis sie als Zwölfjährige mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Seitdem lebt sie in Hamburg, entdeckte dort die Wurzeln ihrer Familie – ihre armenische Abstammung. Das ist drei Generationen her, doch die Erzählungen ihrer Großmutter faszinierten sie so, dass sich die Geschichten zu Bildern formten, ihre Phantasie über das Land ihrer Vorfahren beflügelte. Fragen tauchten auf: Was an ihren Vorstellungen ist Realität und was Illusion? Welche Bilder würde sie in Armenien tatsächlich vorfinden?

Schon in der Kindheit stellte sie fest, dass Erinnerungen und Eindrücke für sie erst mit Bildern lebendig werden. Konsequenterweise studierte Lili Nahapetian an der HAW in Hamburg Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotografie. Und ebenso folgerichtig entschied sie sich dafür, ihre Diplomarbeit in Armenien zu fotografieren. In zwei Reisen von insgesamt fünf Wochen begab sie sich auf die Suche nach ihrer eigenen Identität.

Obwohl sie vorher nie dort war, empfand sie so etwas wie Heimatgefühl für das Land. So trägt ihre Arbeit auch den Titel »Unbekannte Heimat«. Von Stadtszenen in Yrevan bis zum dörflichen Leben fängt sie das Alltagsleben ein, in einem Land, das von Überlieferungen und einer herzlichen Gastfreundschaft geprägt ist. Sie ist bei einer traditionellen Beerdigung dabei, ebenso wie bei einer Geburtstagsfeier in einer Schule. In ihren Bildern spiegelt sich auch das besondere Schicksal Armeniens wider. Das Land blutete zwischen 1915 und 1921 regelrecht aus. Von zwei Millionen türkischen Armeniern fielen 1,5 Millionen einem Völkermord zum Opfer. Eine riesige Fluchtwelle folgte. Lili Nahpetian fängt mit ihrer Kamera ein, wie ein 90-Jähriger, der als Baby den Genozid überlebt hat, seinen Gehstock wegwirft und zum Feiertag des Überlebens tanzt.

Lili Nahapetians Fotoserie »Unbekannte Heimat« wurde mit dem BFF-Förderpreis und mit dem Kodak Nachwuchsförderpreis ausgezeichnet. Sie spricht vier Sprachen, doch: »Fotografie bietet mir eine universelle Sprache, in der ich mich unabhängiger von den kulturellen Mustern und Prägungen ausdrücken kann, als in den mir geläufigen Landes-Sprachen.« Lili Nahapetian stellt ihre Motive nicht, fotografiert ausschließlich was sie vorfindet. Mit sensiblen Reportagen möchte sich die freiberufliche Fotografin profilieren. »Mit meiner Fotografie bin ich noch auf dem Weg, doch es ist eine schöne Brücke zwischen den Kulturen.«