MAGAZIN #24

Kampf um Glaubwürdigkeit

von

Dennis Dunleavy

Ein Transformationsprozess nimmt Form an: In den kommenden zehn Jahren wird die Nachfrage nach Fotojournalisten, die neben den Grundlagen der Digitalfotografie auch über Kenntnisse im Bereich Video, Audio, Design und Schreiben verfügen, die Regel sein. Bei der Konkurrenz und dem schnellen Wandel heutzutage müssen Fotojournalisten in der Lage sein zu kommunizieren, bewusst und mit ausgefeilter Technik nachzubearbeiten und positive zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen. Der Entwurf einer Zukunft des Fotojournalismus hängt davon ab, ob wir ihn als Berufsgruppe mit bestimmten Zielmärkten ansehen oder als künstlerisches Genre des visuellen Geschichtenerzählens.

In beruflicher Hinsicht besteht kaum ein Zweifel daran, dass sich die Digitaltechnik durchgesetzt hat. Bilder können nicht nur leichter produziert, sondern über das Internet auch leichter veröffentlicht werden. Die Digitalfotografie, insbesondere Aufnahmen, die Privatpersonen mit Fotohandys machen, könnte dieselbe Wirkung haben wie das Kameramodell Kodak One auf den herumreisenden Porträtfotografen Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Wegen der Kodak mussten viele Fotografen ihren Beruf aufgeben, aber gleichzeitig wurde mit ihr ein bis dahin nicht gekanntes Potenzial für zukünftige Generationen von Bildermachern und Bilderkonsumenten geschaffen.

In künstlerischer, stilistischer und ästhetischer Hinsicht war es um die Zukunft des Fotojournalismus nie besser bestellt: Die fotojournalistische Ausbildung hat sich eine Nische im akademischen Bereich erobert und bringt jedes Jahr eine Vielzahl von hervorragenden jungen Fotografen hervor. Doch noch wichtiger dürfte die Tatsache sein, dass im Internet das visuelle Geschichtenerzählen aufgrund der Zunahme von Webseiten wie flickr, zoto, smugmug, scrapblog und snapfish floriert. Viele der Bilder dort zeugen von gutem fotojournalistischen Talent; sie sind oft ehrliche, unverfälschte Schnappschüsse, die lebendige Bilder des Menschseins zeichnen. Es gibt auf flickr und snapfish hervorragende Bilder, die uns zum Weinen oder Lachen bringen oder unser Denken verändern.

In Zukunft erfordert der Fotojournalismus – als Beruf wie auch als Mittel persönlichen Ausdrucks – einen menschlicheren und einfühlsameren Stil der visuellen Praxis und Berichterstattung. Auch wenn Schaulust weiter durch Paparazzi-Fotos befriedigt werden wird, ist die Frage wichtig, weshalb Menschen überhaupt Bilder machen: um Erinnerungen festzuhalten. Bildjournalismus ist eine Form der Fotografie, mit der Menschen das Leben so aufzeichnen können, wie es ist, und nicht nur, wie man es gern hätte. Die starke Nachfrage nach Hochzeitsbildern im Reportagestil beweist, dass die Leute der Bilder von Torten oder dem aufgesetzten Lächeln der Verwandten überdrüssig sind.

Seit den 80er Jahren steht der Fotojournalismus am Scheideweg. Die Digitaltechnik hat konkrete Auswirkungen auf die Routine, Rituale, Traditionen und das Verhalten von Fotojournalisten. Die Digitaltechnik erfordert Kenntnisse, die man sich vor einem halben Jahrhundert nicht hätte vorstellen können. Der Fotojournalist der Zukunft wird sich der ethischen Verantwortung bezüglich elektronischer Manipulation digitaler Bilder bewusst sein. Er wird sich auch auskennen mit computerisierten Paginierungsverfahren, Webdesign sowie mit Systemen des digitalen Arbeitsflusses. Durch die Digitaltechnik wird der Fotojournalismus unsere Fähigkeit, Dinge zu sehen und sichtbar zu machen, auf neue und spannende Weise erweitern. Gleichzeitig müssen wir aber bedenken, dass die Digitaltechnik für Fotojournalisten zunehmend zu einer Belastung werden kann, zu einem ständigen Kampf in Fragen der Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Sensibilität in einer von Bildern übersättigten Welt.

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Dennis Dunleavy,
20-jährige Tätigkeit als Fotoreporter in den USA, Mexiko und Mittelamerika. Professor für Journalismus an der Southern Oregon University, Schwerpunkt digitale Technologien. Täglicher Blog The Big Picture unter www.ddunleavy.typepad.com