MAGAZIN #20

Kannibalismus von links

Eigentlich wäre die Sache kaum der Rede wert: In einem Land mit fünf Millionen Arbeitslosen will eine Firma Geld sparen und zwei Leute entlassen. Alltag in Deutschland – handelte es sich bei der Firma nicht um die linke tageszeitung und wollte die Geschäftsführung nicht die Hamburger Fotoredaktion auflösen. Ein vorgeschlagenes Lösungsmodell wurde abgeschmettert.

Text –

Kay Dohnke

Anfangs sah es so aus, als sei der Konflikt typisch taz: Ohne Rückendeckung eines Verlags und mit dürftigen Anzeigenerlösen rutscht das Blatt aus einer Finanzkrise in die nächste – was in der Branche sattsam bekannt ist. Doch diesmal, im Frühjahr 2003, planten die Berliner Geschäftsführer Andreas Bull und Karl-Heinz Ruch eine neue Sparpolitik und nahmen Mitarbeiter aufs Korn. Ihr Verdikt: Die Hamburger Fotografen Henning Scholz und Markus Scholz sollten gehen. Kündigung.

An den Arbeitsplätzen der beiden Fotografen wird bereits eine ganze Weile gesägt. Wen stört es, dass Henning Scholz schon seit 21 und Markus seit 13 Jahren bei der taz sind und für sie fotografieren? Berlin hält die Bildredaktion für komplett entbehrlich, will sie auflösen. Doch bei dem Versuch, sich der Fotografen zu entledigen, haben Bull & Co. ein Problem: Markus Scholz ist langjähriges Betriebsratsmitglied und damit momentan unkündbar. Doch ein Ausweg ist schnell gefunden – dann geht Markus halt in die Anzeigenabteilung, und für ihn muss eben der technische Anzeigengestalter Andreas Kapust rausfliegen, auch er schon acht Jahre beim Blatt.

KRÄMER UND KÜHE

Öffentlich wird der Konflikt erst, als man sich in Berlin anschickt, die schon länger intern debattierten Pläne im Sommer 2003 praktisch umzusetzen. Während das Arbeitsgericht Hamburg einen Zwangsschlichter einsetzt, lassen Bull & Ruch die Katze aus dem Sack: Künftig sollen die Schreiber fotografieren; außerdem gebe es ja Agenturen, und wenn die nichts Aktuelles bieten, könnten Symbolfotos eingesetzt werden. Die schlichte Formel lautet: »Wenn man über einen Bauernhof schreibt, nimmt man eben eine Kuh.« Die Hamburger Redaktion illustriert aus Protest ihre Ausgabe vom 3. Juli durchgehend mit Kuhfotos, und die Redakteure lehnen es geschlossen ab, die Aufgaben der Fotografen zu übernehmen.

Aufschlussreich ist der Blick ins Impressum: Bull und Ruch werden dort als Kaufleute bezeichnet – Journalisten wäre die Bereitschaft zur billigen Preisgabe fotografischer Qualität und Authentizität wohl (hoffentlich) nicht so leicht gefallen. Doch hier tun zwei Männer ihren Job…

In den folgenden Wochen gibt es verschiedene Gespräche zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung, in denen auch von Abfindungen die Rede ist. Parallel erarbeitet die Hamburger Redaktion einen Lösungsvorschlag: Von den 35.000 Euro, die eingespart werden sollen, könnten 32.000 Euro durch eine 20-prozentige Lohnkürzung der Scholzens sowie den Verzicht der übrigen Redakteure auf den jährlich festgeschriebenen Lohnzuwachs aufgebracht werden. Antwort aus Berlin: »Tazler dürfen nicht noch weniger verdienen« – da ist es wohl besser, wenn zwei von ihnen gänzlich leer ausgehen. Bald ist auch von Abfindungen keine Rede mehr.

Zum Jahresende zieht Berlin den Plan durch: Am 24. Dezember berichtet die taz Hamburg, den Fotografen sei zum 30. Juni bzw. 31. Juli 2004 gekündigt. »Die Lokalteile haben eine spezielle Bildästhetik nicht nötig«, wird die Geschäftsführung zitiert. Die offensichtlich keine Notiz davon nimmt, dass Fotoredakteure nicht nur selbst Bilder machen, sondern auch Fotos besorgen, Praktikanten schulen, ein Archiv verwalten, kurz: das visuelle Gedächtnis einer Zeitung sind.

Die Hamburger Redaktion stimmt ihre Leser schon einmal auf das mögliche Verschwinden eigener Fotos ein, indem sie im Januar 2004 im Lauf einer Woche die Bilder drucktechnisch immer stärker verblassen lässt und schließlich auf weiße Flächen reduziert.

REISE IN DIE REALITÄT

Parallel bildet sich die Initiative ProPhoto, in der engagierte taz-Leser und Genossenschaftsmitglieder – die ihre Anteile gezielt zur Unterstützung eines differenzierten Presseangebots namens taz Hamburg investiert haben – Widerstandsmaßnahmen organisieren: Protestmails nach Berlin, Reduzierung der Abobeträge, Aufklärung der Genossenschaftsversammlung im Herbst.

Und die beiden Betroffenen bemühen die Gerichte – vordergründig mit Erfolg: Die Kündigung von Markus Scholz sei nicht rechtens, lautet die Entscheidung, da die Fotoredaktion keinen eigenständigen Betriebsteil darstellt und somit die Voraussetzung für ihre Stilllegung nicht gegeben sei. Doch Bull & Co. scheren sich wenig um die Sicht der Richter: Können sie die Fotoredaktion nicht gleich ganz eliminieren, werden halt die Fotografen zum 1. August beurlaubt. Und es interessiert die beiden Sparkommissare nicht die Spur, dass niemand in Hamburg die Bildversorgung aufrechterhalten kann.

Seit dem 1. August bieten Markus und Henning Scholz täglich ihre Arbeitskraft an – während niemand in der Redaktion mit der vorhandenen Digitalkamera umgehen kann und die CvDs sich nicht in der Lage sehen, auf Servern von Bildagenturen das benötigte Material zu suchen bzw. angemessen weiterzuverarbeiten. Und alle freien Fotografen, die früher immer mal phasenweise für die Redaktion tätig waren, lehnen solidarisch ein Einspringen in der Krisensituation ab.

Alle Bilder müssen also erst zur Bearbeitung nach Berlin geschickt werden, ehe sie publiziert werden können.

Unterdessen erleben Markus und Henning Scholz noch eine unangenehme Überraschung: Sie sind zwar »nur« beurlaubt – doch das ohne Bezüge. In Endeffekt kommt das einer temporären, weichen Kündigung gleich. Zwar erringt Henning Scholz einen weiteren Teilsieg, als das Arbeitsgericht entscheidet, er sei bis zur endgültigen Verhandlung über seinen Widerspruch gegen die Kündigung weiterzubeschäftigen – doch auch dies wenden Bull & Ruch gegen ihn: Man erlässt Weisung, er dürfe nicht fotografiere, sondern muss das Archiv einscannen – damit künftig die Bilder der Fotografen nutzbar sind, die man gerade zum Teufel jagt. Welch schöner Zug gegenüber zwei Kollegen, die viele Jahre lang das »Projekt taz« für spärlichen Einheitslohn und unter Einsatz eigener Kameras und Autos mit aufgebaut haben.

FOTOS JA – ABER KEINE FOTOGRAFEN

Ökonomische Krisen hat die taz immer wieder durchlebt – hier aber zeichnet sich ein Problem neuer Qualität ab: Zwei Geschäftsführer verraten nicht nur das journalistische Niveau und die Lauterkeit des Regionalteils Hamburg, sondern beschädigen auch das Produkt taz selbst – sie entlarven die moralischen Grundpositionen des Blattes durch ihr Handeln als inhaltsleeres und nicht mehr glaubwürdiges Gesäusel, der ehrlichen Überzeugung der Schreibenden zum Trotz. Offenbar tut die taz gerade den Schritt vom »Projekt« in die neoliberale Realität – ob genügend Leser dies mitmachen werden und die taz diesen Wandel ökonomisch verkraften kann, ist keineswegs sicher.

Über Henning Scholz’ Kündigung wird am 24. November in erster, über Markus Scholz’ Kündigung am 17. November in zweiter und letzter Instanz verhandelt – Zeit genug für Bull & Co., sich weitere Schikanen auszudenken.

Zeit genug aber auch für vielfältige Maßnahmen, mittels Abonnementpreiskürzung, Abokündigung und bundesweiter Fotoverweigerung zu zeigen, was eine am journalistischen Niveau der tageszeitung interessierte Öffentlichkeit von dem selbstherrlichen und zugleich rücksichtslosen Gehabe der Berliner Chefs hält.