MAGAZIN #10

Konflikte mit der Moral

Zweimal ein akademischer Weg in die Praxis. Ziele und Ansprüche in Kollision mit Ökonomie oder Ideologie. Eine Karriere West, eine Erfolgslaufbahn Ost: Momentaufnahmen aus der gesamtdeutschen Fotografenwirklichkeit

Text –

Tim Sommer

Frieder Blickle, Hamburg, und Christiane Eisler, Leipzig – zwei Fotografen in den besten Jahren mit Altbauwohnungen in guten Gegenden. Stichproben aus einem zusammenwachsenden Land, die repräsentativ nur in dem Maße sind, wie eben jedes Leben neben aller Besonderheit auch eine Menge Normalität enthält und sich im Kreis der Möglichkeiten bewegen muß, den Zeit und Umstände vorgeben. Fotografenleben sind mehr oder weniger künstlerische Werkläufe – in jedem Fall aber sind sie auch Geschäftsbiografien. Manche Menschen machen Bilder, und andere Menschen bezahlen sie dafür. So einfach ist das.

Es gibt sie – in Ost oder West – selten in Reinkultur: Erfüllungsgehilfen der Medienindustrie und standhafte Streiter für die Wahrheit, nüchtern-geduldige Beobachter und wieselflinke Trouble-Shooter. Kaum ein Fotograf schlüpft nicht im Laufe seiner Karriere irgendwann in jede dieser Rollen – und entwickelt doch dabei zwangsläufig irgendein Profil. Es ist ein Gemeinplatz, daß im Osten praktisch jeder gezwungenermaßen einmal sein Leben von Grund auf neu organisieren mußte, während der Westmensch die etwas komplizierteren neunziger Jahre meist aus der Sicherheit von wohligen Nestern angehen konnte, die er in besseren Zeiten gut gepolstert hatte. Daß im folgenden der östlich angesiedelten Biografie mehr Platz eingeräumt wird, ergibt sich allein aus dem höheren Erklärungsbedarf.

Frieder Blickle, geboren 1956 in einem Dorf in Oberschwaben, studierte – über die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze vermittelt – von 1976 bis 1980 Fotojournalismus in Dortmund bei Ulrich Mack. Eigentlich wäre er lieber nach Essen zu Otto Steinert gegangen. Bei Mack, dem Journalisten vom Stern, der hier die Werbeprofessur innehatte, lernte er punktgenaues Arbeiten. Man traf sich am Dienstag zur Themenabsprache, und bis Freitag mußte alles im Kasten sein, damit zum nächsten Treffen passable Prints vorlagen. Man fuhr zu Sommerakademien nach Frankreich, wo man wichtige Leute kennenlernen konnte. Das Ziel war, Geschichten in Bildern gut zu erzählen, von Straßenbahnschaffnern zum Beispiel.

Die Abschlußarbeit des Diplomfotodesigners war eine Serie über »Seenotrettungskreuzer auf der Nordsee«. Das damals noch junge ZEITmagazin – ein Sommerakademie-Kontakt – nahm die Geschichte des Absolventen. Der Druck fiel in eine Zeit, wo der diplomierte Fotograf sich in die Schlange derer einreihte, die beim Arbeitsamt nach Gelegenheitsjobs anstanden. Perspektive unklar. Später dann, als Frieder Blickle einer von zwei wohlbestallten Vertragsfotografen beim ZEITmagazin geworden war, sah er diese Menschenreihe aus professioneller Perspektive erneut; viele Gesichter kamen ihm noch bekannt vor.

Die Jahre 1981 bis 1986 nach dem Bilderbuchstart beim ZEITmagazin waren naturgemäß erfüllt und auch kommerziell erfolgreich. Blickle fuhr einen Saab und machte Reportagen mit sozialkritischem Hintergrund. Langsam aber schliff sich die Zusammenarbeit ein und zugleich ab. Nach sechs Jahren fehlte die Herausforderung, und die Erfahrung, daß man eine Fotostrecke in einem halben Tag zur allgemeinen Zufriedenheit runterreißen konnte, gab letztlich den Ausschlag, an Abschied zu denken. Blickle ging zu Bilderberg und arbeitet seitdem erfolgreich, frei und nach Auftragslage für Journale, Industrie und Werbung.

Der evolutionäre Wechsel von Schwarzweiß zur Farbe bei den Printmedien hatte in den achtziger Jahren großen Einfluß auf die Arbeit, der zunehmende Verzicht auf große, exklusiv geschossene Fotostrecken zwang Anfang der Neunziger zur Konzentration auf andere Bereiche. Grundsätzliche Probleme brachten diese Verschiebungen nicht mit sich, aber das Klima für die Arbeit eines freiberuflichen Fotografen in der Medienmetropole Hamburg ist doch merklich rauher geworden.

Christiane Eisler, geborene Schwenn, Jahrgang 1958, stammt aus einer Fotografenfamilie und bekam schon mit sechs Jahren ihre erste Kamera umgehängt. Sie fotografierte im Berliner Tierpark ein Flamingopaar, und das Bild wurde in einer Betriebszeitung gedruckt. Das war der Anfang. Sie wollte eigentlich Kulturwissenschaft studieren und entschied sich dann doch, einen der begehrten und umkämpften Studienplätze für Fotografie in Leipzig anzupeilen.

Die dortige Hochschule für Grafik und Buchkunst ist jener akademische Betrieb, der in Deutschland schon am längsten Fotografen ausbildet. 1893 als Hilfsdisziplin für das Buchgewerbe etabliert, wurde der Fachbereich Fotografie zu DDR-Zeiten künstlerisch ausgerichtet und war auch der einzige seiner Art im deutschen Osten. Von mehreren hundert Bewerbern wurde hier jedes Jahr nur rund ein halbes Dutzend zugelassen – die Zahl wurde planwirtschaftlich nach dem errechneten »Bedarf« an Fotografen festgelegt. Dazu kamen einige Studenten aus Staaten des sozialistischen Lagers, die nach Leipzig delegiert waren. Wer zu dem illustren Kreis der Auserlesenen gehören wollte, die »Diplomfotografie« studieren durften, mußte sich strecken.

Christiane Schwenn folgte 1978 dem Rat eines Professors, zog mit der Mittelformatkamera los und porträtierte für die Bewerbungsmappe Freunde und Bekannte. »Etwas steif«, wie sie heute findet, aber es hat gefallen. Schon mit der Immatrikulation hatte man einen exklusiven Status erworben. Noch heute erinnert sie sich an das zweifellos gute »Gefühl, daß man wußte, man war was Besonderes«. Unklar aber blieb auch im Osten die Perspektive, wie sich das Studium auszahlen würde, finanziell und/oder in höheren Ehren. In der Schutzzone Akademie konnte man in den Achtzigern relativ ungestört arbeiten. Die Zeit der schlimmen Gängelungen war vorbei, was sich in zunehmender Breite der künstlerischen Handschriften zeigte: Zwar blieb das von den Professoren Arno Fischer und Evelyn Richter geprägte Leitbild einer sozial engagierten dokumentarischen Fotografie bestehen, daneben aber besetzten einzelne Studenten spezielle Felder, die sich unter der Klammer des Sozialistischen Realismus nicht fassen ließen, so weit man sie auch in dieser Zeit schon dehnte.

Studentin Schwenn gehörte weder zu den »Inszenierern« noch zu den »Installateuren« oder zu den Adepten der um sich greifenden neo-expressiven Welle. Sie bewegte sich in ihrer Arbeit formal im klassischen Profil der Schule – und fand Brisanz in den Inhalten. Sie wandte sich, wie einige ihrer Kommilitonen auch, den sogenannten »Randgruppen« der sauber geordneten real-sozialistischen Gesellschaft zu. Sie fotografierte in der Punk-Szene, die sich in Leipzig etabliert hatte. Die Hochschule vermietete damals Studentenbuden in halbwegs erhaltenen, aber zum Abriß vorgesehenen Häusern zu einem Mietpreis von 15 Mark – nicht pro Quadratmeter, sondern für die ganze Wohnung. Nebenan hatten sich die Aussteiger angesiedelt. Man kam sich näher, trank zusammen Tee, fuhr gemeinsam zu Konzerten in die einschlägigen Berliner Kulturhäuser. Christiane Schwenn interessierte sich für die »Exotik« ihrer bunten Nachbarschaft und machte Fotos, nicht vorderhand, um damit zu provozieren, nicht um »irgendwas anzuprangern«, sondern weil sie glaubte, sie machen zu müssen.

Der Ärger war vorprogrammiert, als sie als Diplomthema Fotoserien über die Leipziger Punks und die Insassen eines »Jugendwerkhofes« einreichte – also eines Heimes, in dem »schwererziehbare« Jugendliche durch Arbeit und rigide Strafen gefügig gemacht werden sollten. Das waren Tabuthemen, die nicht ins geglättete Selbstbild der DDR paßten, und es war klar: »Wenn man sich mit solcher Konsequenz mit sogenannten Außenseitern beschäftigt, wird das nicht ohne Konsequenzen bleiben.«

Sie bekam mit Polizei und Stasi – »mit Sicherheitskräften, wie das so schön hieß« – zu tun, die Arbeit und Verfasserin unter die Lupe nahmen. Mehrmals wurde sie »zur Klärung eines Sachverhaltes« einbestellt und hinter einer gepanzerten Tür befragt. Sie empfand es als »Zumutung«, daß sie Wissen über ihre Klientel weitergeben sollte, und tat es auch nicht. Nach dem dritten für beide Seiten unergiebigen Treffen ignorierte sie die Vorladungen.

Wer in der DDR der achtziger Jahre erwachsen wurde, lernte ein System kennen, von dem man nicht mehr viel Gutes erwartete, aber auch kaum noch Gegenwehr. Die Angst hielt sich in Grenzen. Schwenn fühlte sich – etwas naiv, wie sie heute einräumt – »unantastbar«. Sie wußte, was sie nicht tun durfte: Etwa das Foto eines DDR-Jugendlichen mit dem Schriftzug »Schieß doch Bulle« auf dem T-Shirt an eine Zeitschrift im Westen schicken. Das wäre vielleicht ein probates Mittel gewesen, über Inhaftierung und Freikauf nach drüben zu gelangen. Da sie das aber nicht wollte, blieb ihr die Option, mit sorgfältig gemessenen Schritten innerhalb der Grenzen zu agieren, die Arbeit voranzutreiben und um Ausstellungsmöglichkeiten zu kämpfen. Dieses Spiel fand sie beherrschbar, »spannend und nicht unbedingt beängstigend«.

Unter dem Schutz der Schule kam 1983 das Diplom zustande. Ich trage ein Herz mit mir herum sind zwei dicke Bände mit kleinformatigen Handabzügen, meist in Schwarzweiß. Die übliche »Verteidigung« der Arbeit im Prüfungsgespräch fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, die Teilnehmer wurden am Eingang kontrolliert. Das Exemplar, das die Schule erhielt, kam nicht – wie sonst üblich – zur Einsicht in die Bibliothek, sondern wanderte in einen Panzerschrank.

Noch einmal bekam sie zu spüren, daß man in der DDR nach altem Tyrannenbrauch gern den Überbringer für die schlechte Nachricht verantwortlich machte. In ihrem zweijährigen Zusatzstudium bei Evelyn Richter sollte sie zu einer Studie des Leipziger Instituts für Jugendforschung über das Leben von Jugendlichen in einem Leipziger Neubaugebiet die Fotos liefern. Das Ergebnis war nicht genehm, und die Bilder wurden wieder einmal zur Verschlußsache erklärt. Christiane Schwenn hatte die genormten Jugendzimmer im Plattenbau fotografiert und dort gefunden, daß eben nicht – wie gewünscht – fahnenschwingende FDJler die Wände schmückten, sondern westliche Rockstars auf Postern prangten und Sammlungen von kapitalistischen Bierdosen in den Schrankwänden standen.

Es hatte sein Gutes: Die Zusammenarbeit mit dem Institut wurde von Seiten der Hochschule gekündigt, und fortan konnte Schwenn wieder ihre Punks fotografieren. Eine fotografische Langzeitstudie nahm ihren Anfang. Geld spielte keine Rolle – mit den 400 Mark Stipendium konnte man gut leben.

Probleme gab es regelmäßig bei Versuchen, mit der Arbeit an die Öffentlichkeit zu gehen. 1985 bekam sie einen Anruf, ihre Ausstellung mit Punkporträts in einem Leipziger Café sei abgehängt, angeblich weil den Gästen beim Anblick von Ratten auf Schultern der Appetit auf Kaffee und Kuchen vergangen sei. Auch eine Personalausstellung in der kleinen Leipziger Galerie »P« hing nur drei Tage. Wenn Christiane Eisler heute über diese Dinge erzählt, klingt es so, als hätte sie das damals gar nicht sonderlich aufgeregt: »Ein Heldendasein war das nicht.« Jede Ausstellung, die in Westdeutschland aus politischen Gründen abgesagt wurde, hatte die besten Chancen, ihrem Künstler rasche Berühmtheit zu verschaffen – im Osten war es nichts besonderes, nicht ganz auf Linie zu liegen und darum ein wenig Ärger zu haben. Undergroundruhm konnte ganz hilfreich sein, wenn es darum ging, Westkontakte zu knüpfen oder nach der Ausreise drüben den Einstieg zu schaffen.

Als es Eisler dann 1987 endlich gelang, ihre Bilder im Gewölbe der Leipziger Moritzbastei zu zeigen, einem von der FDJ betriebenen Studentenclub, hatte sich die Situation schon entspannt. Es gab unabhängige Galerien wie EIGEN+ART, die zwar argwöhnisch beobachtet, aber doch geduldet waren; die meisten der ehemaligen Punks hingegen waren verschwunden, entweder in den Westen gegangen oder im normalen Lauf des Lebens in die Bürgerlichkeit gewechselt. In der verbleibenden Zeit bis zur Wende, nach Heirat und der Geburt von zwei Töchtern, konzentrierte sich Eisler vorerst aufs Familienleben.

Bis dann alles ganz anders wurde. Am Neujahrsmorgen 1990 wurde in ihrer Küche die Fotoagentur Transit als deutsch-deutsches Joint Venture gegründet. Man kannte sich aus DDR-Zeiten. Martin Jehnichen, Fotostudent aus Bielefeld, hatte seine theoretische Abschlußarbeit über die Fotografieausbildung in Leipzig geschrieben und war im Dezember 1988 über den DAAD an die Hochschule gekommen. Auf Christiane Eisler war er gestoßen, weil ihre Arbeit im Giftschrank der Akademie lag und schon deshalb den Nimbus des Besonderen hatte. Jehnichen besaß das Wissen, wie man mit Bildredaktionen umgeht, hatte auch schon Verbindungen zum Spiegel geknüpft und brachte – ganz wichtig – ein Funktelefon mit. Damit hatte Transit einen Vorsprung an Know-how und Equipment, der sich schnell auszahlte. Man konnte prompt und zuverlässig Bilder aus den neuen Provinzen liefern. Daß die Fotos pünktlich fertig werden, ist seitdem fast wichtiger, als daß es wirklich gute Aufnahmen sind.

Christiane Eisler macht jetzt journalistische Fotografie. Viel Tagesgeschäft, einige größere Projekte. »Ich war es gewohnt, bis zum Endprodukt für meine Bilder verantwortlich zu sein; erst mit Gründung der Agentur bin ich in die Situation geraten, daß es da Redakteure gibt, die aus meinen Fotografien Geschichten machen, wie sie glauben, sie machen zu müssen.« Widerspruch und der Versuch der Einflußnahme, so die Erfahrung, sind zwecklos. Mit ihrer Moral komme sie so tagtäglich in Konflikt; jedoch: »Wenn man sich entschieden hat, seinen Lebensunterhalt nicht mit Gurkenzüchten, sondern mit Fotografie zu bestreiten, muß man mit den Konsequenzen leben.«

Der größte Unterschied zu früher ist wohl, daß Christiane Eisler sich heute die Lebenssicherheit erkaufen muß, die vormals selbstverständlich war. »Dieses Gefühl, Ängste nicht zu haben«, sagt sie, »war so ein fantastisches, daß es alles aufwiegt, was man jetzt so an Gefühlen haben kann«. Ist das nun »Ostalgie«?

Neben dem Broterwerb mit wechselnder Befriedigung haben Christiane Eisler und Frieder Blickle fotografische Obsessionen: Themen und Vorhaben, die – oft zurückgestellt – aber doch immer weiter bearbeitet und vorangetrieben werden. Es knüpfen sich Hoffnungen daran, die etwas mit Nachwelt und künstlerischem Gewissen zu tun haben. Blickle hält seit der Wende die Veränderungen im thüringischen Mühlhausen fest, fährt auch jedes Jahr auf ein paar Wochen nach New York, um dort mit kleiner Ausrüstung, freiem Blick und ohne Rücksicht auf aktuelle Verwendbarkeit nach eigenem Gusto gute Fotos zu machen. Christiane Eisler hat den sehr realen Traum, die Begleitung ihrer Ex-Punks fortzusetzen, die Verlorenen aufzuspüren, Veränderungen sichtbar zu machen und endlich – jetzt, wo es möglich ist – ein Buch zu machen, in dem man vom Gestern ins Heute blättern kann. Hier soll es keine Kompromisse geben.

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Tim Sommer
Jahrgang 1968, arbeitet als freier Kunstkritiker und Journalist in Leipzig