MAGAZIN #21

Kriegsfotografie. Eine Gegendarstellung

Elend, Krieg und Gewalt sind allgegenwärtig auf dieser Welt. Und auch die Fotos davon. Sie anzuschauen, hinterlässt manchmal ein zwiespältiges Gefühl.

Text –

Andreas Altmann

Heiligenlegenden sind wieder im Schwange. Nicht von standhaften Christenmenschen, die sich von heidnischen Löwen verschlingen lassen, erzählen die Märchen, nein, der moderne Heilige ist ein Fotograf. Schneidig tritt er vor abgrundtiefes Grauen und hält fest, wo bestialisch geschlachtet, gevierteilt, verhungert und verdurstet wird. Nicht vor Massenmorden und Massengräbern weicht er zurück, ihn peitscht nur ein Verlangen: »der Welt den Spiegel vorzuhalten«.

Entweder sinkt man in die Knie vor so viel selbst proklamierter Rechtschaffenheit, oder man muss grinsen. Als wüssten unsere trägen Herzen nicht schon längst, wie es in der Welt zugeht. Als wäre das nächste Stern-Foto das rechte Medium, um uns die Trägheit auszutreiben. Nach den Millionen blutverschmierten Fotos, die bereits durch den Kopf des modernen Menschen geflutet sind, sollten wir schon vor langer Zeit aufgehört haben, den anderen beim Morden und Schlachten zuzuschauen. Denn ein Foto zu betrachten heißt nichts anderes als: Ich schaue zu.

Dass sich gleichzeitig bei diesem Akt das beruhigend warme Gefühl von Entrüstung einstellt, die unverrückliche Gewissheit, ein mitfühlender Erdenbürger zu sein, der rastlos und entschieden auf der Seite der Entrechteten steht, dieser wunderbar kostenlose Nebeneffekt macht es so verdammt schwierig, den tatsächlichen Impakt eines gräulichen Fotos aufzuspüren. Jenseits von allem Betroffenheitsgestammel.

Ich erinnere mich an einen alten Palästinenser, der 1948 aus seinem Dorf gejagt wurde und zu dem ich sagte: »Ich habe Fotos von der Vertreibung Ihres Volkes gesehen, ich kann verstehen, wie Ihnen zumute ist.« Und der Alte, wutflammend: »Einen Dreck können Sie. Ein Foto ist ein Foto, und eine Vertreibung ist eine Tragödie.« Ryszard Kapuscinski hat einmal notiert, wie ihm während eines Flugs das viele Rascheln auffiel. Business Men beim Illustriertenrascheln, beim gefassten Blättern durch einen Völkermord, den Lebenslauf einer Sportskanone, die letzte Brustvergrößerung von Pamela Anderson. Man wird den Verdacht nicht los, dass uns Fotos deshalb so gut gefallen, weil sie unserer Faulheit Vorschub leisten. Übermütig reden wir uns ein: »Foto gesehen – Wirklichkeit verstanden!« Die Mühsal des Lesens, des Denkens, des Begreifens von Zusammenhängen haben wir uns gespart.

Schmerzhaft konkret: Vor ein paar Wochen sah ich das bekannte Foto von James Nachtwey, das einen jungen Tutsi zeigt, dessen Gesicht von einer Machete schwer entstellt worden war. Wie eine Stacheldrahtspur zieht sich heute die genähte Wunde über sein Profil. Ich legte das Foto zur Seite und fragte mich, was ich jetzt gelernt habe, was an Weltwissen mir vor dem Betrachten dieses Fotos fehlte. Dass die einen den anderen bisweilen Ungeheures antun? Ein alter Hut. Sonst noch was? Eher nicht. Der Fotograf machte sich nicht mal die Mühe, den Namen des Verwüsteten zu nennen. Ich sehe einen zutiefst gedemütigten Menschen und kann nichts über ihn sagen: Wie geschah es? Wie heißen seine Folterknechte? Kannte er sie? Sind sie gefasst? Was trieb sie zu diesem Wahnsinn? Wie geht der Junge mit dieser Wunde um? Wird er je wieder verzeihen können? Ganz schön schamlos, einen so auszustellen und so wenig von ihm wissen zu wollen. Nicht schamlos?

Da gehe ich lieber die herrischen Nackten von Helmut Newton anschauen. Der Meister meinte noch kurz vor seinem Tod, dass er lieber die Reichen und Schönen fotografiere. »Die Armen zu belichten halte ich eher für zynisch.« Das hat was.

Über die Bilder des Kriegsfotografen Philip Jones-Griffiths wird gesagt, dass sie »dessen Empörung über den Krieg zeigen«. Das erinnert mich an ein Poster über einem Hauseck in San Francisco: »I am against Aids!« Hopefully, kann man da nur sagen. Ähnlich pathetisch klingt der Hinweis, dass sich ein Fotograf über den Vernichtungskrieg in Vietnam empörte. Wir empören uns gleich mit und halten – nach den Momenten der Ergriffenheit über uns selbst – inne und schauen uns zu. Fragen uns, einen Tag später: War ich 24 Stunden lang ein versöhnlicherer Mensch? Nachsichtiger? Weniger lüstern auf Streit? Großzügiger? Oder war ich wieder nur der honorige Empörer, der noch nie auf die Idee kam, dass der Zustand der Welt mit seinem Umgang mit ihr zu tun hat?

Immer wieder wird die berühmte Aufnahme des ebenfalls kürzlich verstorbenen Eddi Adams zitiert, die den Polizeichef von Saigon zeigt, der auf offener Straße einen gefesselten Gefangenen exekutiert. Schlechtes Beispiel, um von den hehren Taten der Fotografie zu berichten. Denn die story behind the story geht so: General Nguyen Ngoc Loan führte den als Vietcong verdächtigten Mann höchstpersönlich aus dem Hauptquartier auf die Straße – weil dort Journalisten und Fotografen standen. Er brauchte ein Foto für seine Exekution. Als Abschreckung. Adams hat es geliefert.

Schwer zu sagen, ob Bilder Grauen verhindern oder es fördern. Für beide Ansichten gibt es kluge Argumente. So mancher Fotojournalist – aus Ruhmsucht, aus Unbedarftheit? – »hilft« gern mit, um zur rechten Zeit zum rechten Bild zu kommen. Er ahnt, dass sein Auftauchen (oder Dableiben) den einen oder anderen Mörder in seiner Mordlust beflügelt. Auch unter Monstern gibt es Blitzlichtluder, die gern ein Erinnerungsfoto aufs Nachtkästchen stellen.

Noch eine ewige Wahrheit: Immer wieder heißt es, dass nur »derjenige bewegende Bilder machen könne, der sich selbst vom Leid vor der Kamera anrühren lässt«. Das ist einer der wackersten Sätze, die uns von den Aufrechten erzählen, die Fotografen wurden. Ezra Pound war ein faschistischer Windbeutel und ein genialer Dichter. Und Marylin Monroe ein herzenswarmes Weltwunder und eine mäßig begabte Schauspielerin. Nicht anders bei Fotografen. Den obigen Hinweis, dass uns einzig der Gutmensch mit seiner Kamera heimleuchten kann, löschen wir. Auf ewig. Ein Könner – ob Menschenfreund oder Fiesling – kann Fotos zaubern, die uns für den Rest unserer Tage Alpträume verschaffen. Unsäglich belanglos dabei, ob er tränenüberströmt oder eiskalt auf den Auslöser drückt.

Ein letzter Reality-Check. Erst kürzlich wieder las ich dieselbe Mär: dass Fotograf Kevin Carter »für seine Arbeit einen hohen Preis zahlte«. Denn wenige Monate nach dem berühmten Foto mit dem Kind und dem Geier (Sudan) »setzte er seinem Leben ein Ende«. Ich hatte Carter in Südafrika kennen gelernt, geradezu tollkühn klingt die Behauptung, er wäre der »Situation (Kind und Geier) nicht gewachsen gewesen«. Kevin war ein feiner Kerl, großzügig, verrückt, mutig. Und er war ein HeroinJunky, ein Weltverzweifler, einer, der schon fünfzehn Jahre den Gedanken aushalten musste, sich eines Tages umbringen zu wollen. Nach dem Erfolg des Pulitzerpreises ging es ihm noch schlechter. Der Hauptgrund: Er konnte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Jeder Auftraggeber forderte ab sofort die sensationellsten Bilder. Dieses »Versagen« schien der letzte Funke, der den 33-Jährigen in den Pick-up trieb, um sich zu vergiften.

Das Angenehmste an Kevin war, dass man ihn nie schwadronieren hörte: »Ich will der Welt den Spiegel vorhalten.« Ich fragte ihn einmal nach dem Sinn seines Tuns und Kevin, staubtrocken: »Just to make some fuckin‘ good pictures.«
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Andreas Altmann
ist Reporter und Buchautor, lebt in Paris. Er publizierte zahlreiche Reiseerzählungen. Gerade erschien die Sammlung Getrieben. Stories aus der weiten wilden Welt (Münster 2005).