MAGAZIN #18

Kurzhaarige Raucherinnen

Man Ray gilt als Schlüsselfigur für die Fotografinnen der Avantgarde – aber warum war gerade ein Mann das Vorbild für Frauen, die professionell fotografierten?

Text –

Christian Mürner

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren die Ausbildungsmöglichkeiten für alle Frauen, auch für Fotografinnen, äußerst bescheiden. Man Ray (1890–1976) – ein in Paris lebender Amerikaner, der eigentlich Emmanuel Radnitzky hieß – wurde durch seine fotografischen Reproduktionen von Kunstwerken, als Porträtist und Modefotograf berühmt. In seinem Studio beschäftigte er Modelle und Assistentinnen; an Bewerberinnen herrschte kein Mangel.

So arbeitete Berenice Abbott bei ihm als Assistentin und in der Dunkelkammer, manchmal aber auch als Modell. Lee Miller war Man Rays Modell, Assistentin und Geliebte. Beide Amerikanerinnen machten später als eigenständige Fotografinnen Karriere.

Berenice Abbott erwarb 1927 weitblickend, als sich kaum jemand dafür interessierte, den Nachlass von Eugène Atget. Lee Miller wurde die Ikone der jungen fotografierenden Frauen. Sie war Mannequin, Modefotografin, Kriegsberichterstatterin – man nannte sie »Madame Man Ray«. Unda Hörner macht diesen Beinamen zum Titel ihres exemplarischen Buches. Erfreulicherweise verliert das Etikett einer weiblichen Fotografie in ihrer Darstellung an Gewicht, da die Autorin vor allem die individuellen Lebenswege und Absichten von zehn ausgewählten Fotografinnen nachzeichnet.

Auch die beiden deutschen Fotografinnen Marianne Breslauer und Ilse Bing wollten bei Man Ray in die Lehre gehen – er wies sie ab, »hielt beide Frauen für zu qualifiziert, als dass sie noch etwas von ihm, dem Autodidakten, lernen könnten«, schreibt Hörner. Breslauer besaß ein Diplom des Berliner Lette-Vereins, Bing hatte Kunstgeschichte studiert.

Schließlich war Man Ray nicht nur Vorbild, sondern die Reizfigur, von der frau sich abgrenzte. Besonders in der Vermischung von Arbeitsverhältnis und Liebesbeziehung kam es zu Konflikten. Die berühmten Avantgarde-Fotografinnen zogen es meist vor, allein zu leben; sie trennten sich vom Geliebten und Lehrmeister.

Da die Fotografie noch kein fest etabliertes Medium war und die Ausbildung der Frauen nicht selbstverständlich, kam es zu einer Allianz im Sinn der Avantgarde. Vorkämpferinnen der Fotografie wie Florence Henri, Ré Soupault oder Germaine Krull gelang es, sich das technische Medium nahezu unabhängig von geschlechtsspezifischen Rangordnungen anzueignen. In den 1920er Jahren erlebte die Fotografie durch neue Drucktechniken und illustrierte Zeitschriften einen Aufschwung. Paris war das Zentrum des Foto-Geschehens. »Ein vollkommen neues Frauenbild entstand, das bald auf den Titelseiten der brandneuen Fotomagazine prangte«, bemerkt Hörner. Frauen in Verbindung mit Autos, mit kurzen Haaren, mit dem Rauchen und mit der neuen handlichen Kamera, das war der ungewöhnliche »Inbegriff ihrer Autonomie und ihrer Flexibilität«.

Die Kennzeichen der Selbstbestimmung und Mobilität sind keineswegs oberflächliche Ideale, sondern sie verschafften den von den Nationalsozialisten vertriebenen Fotografinnen Ilse Bing,

Gisèle Freund und Germaine Krull in der Emigration neue Betätigungsfelder. Die einschneidenden Ereignisse der Zeit – Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg – und ihre fotografische Dokumentation führte zu einer »Aufwertung des Fotojournalismus«, so dass die anfänglich dominierenden ästhetischen und formalen Fragen in den Hintergrund rückten.

Viele der genannten professionell fotografierenden Frauen erlebten im hohen Alter – alle wurden um die neunzig Jahre alt – zu Recht eine Renaissance. Die Germanistin und freie Autorin Unda Hörner präsentiert einen sensiblen Überblick zu Leben und Arbeitsweise wichtiger Fotografinnen der Avantgarde.

Unda Hörner
Madame Man Ray
Berlin: edition ebersbach 2002.
207 Seiten. 25 Euro

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Christian Mürner
Dr. phil., ist freier Publizist und schreibt über Kunst- und Wissenschaftsthemen u.a. für die WochenZeitung, Zürich