MAGAZIN #22

Lamento im Durcheinandertal

Wer viel mit Fotos umgeht, sieht die Reportage im Wandel. Doch Pessimismus verstellt leicht den Blick auf die realen Möglichkeiten. Überlegungen eines Schweizer Kollegen. 

Text –

Christian Güntlisberger

Zunächst kommt immer die gleiche Antwort, wie aus der Pistole geschossen: »Keine!« – mit wem ich auch spreche, mit Schweizer Fotografinnen, Fotografen oder Bildredakteuren. Die Frage zu dieser Antwort gilt der Fotoreportage und den Publikationsmöglichkeiten in Deutschland. Immerhin nennen die Gesprächspartner nach kurzem Zögern zwei Nachrichtenmagazine, in denen klassische Reportagen noch der gebührende (hohe) Stellenwert zugestanden werde: Stern und Spiegel. Doch leider haben nur wenige Fotografen das Glück, in diesen Blättern publizieren zu dürfen. Von einer regelmäßigen Zusammenarbeit können die meisten nur träumen.

Längeres, angestrengtes Überlegen bei den Befragten fördert schließlich noch drei weitere Titel zu Tage. Nun werden mare, Greenpeace Magazin und chrismon genannt und gelobt: »Da werden noch richtige Reportagen veröffentlicht – sehr gute, preisgekrönte sogar!«, heißt es. Ja, natürlich, Geo ist weltberühmt für große Fotoreportagen. Doch wer kommt hier schon zum Handkuss? Und das ADAC-Reisemagazin bietet auch Möglichkeiten, »aber dann…«. Gibt es in der deutschen Medienlandschaft wirklich keine anderen Titel mehr, die sich der Fotoreportage verpflichtet fühlen?

Die Fotografen vermitteln durchweg eine pessimistische Einschätzung. Früher war alles besser, da wurde die Arbeit noch geschätzt, publiziert, bezahlt, gelobt. Mit der Kamera und Bildern in Schwarzweiß berichteten die Fotojournalisten von fremden Kontinenten, fremden Kulturen und Sitten, dokumentierten Krieg und Frieden. Sie waren Abenteurer und Helden. Das Publikum staunte, die Blätter fanden Absatz, die Bilder später ihren Weg in die Museen und Galerien.

Heute kämpft die klassische Fotoreportage gegen ein verstaubtes Image; die Helden von damals sind alt geworden. Und ihre Nachfolger? Wer nimmt sie und ihre Arbeit noch wahr? Die klassische Fotoreportage liege nicht mehr im Trend, sei nicht mehr gefragt, heißt es bei vielen Chefredakteuren. Die ausführliche Fotoreportage ist in vielen Redaktionsbudgets gestrichen oder arg reduziert worden. Die Konkurrenten heißen Internet und Fernsehen – wer mag da noch über Bilder einer Welt staunen, die alle zu kennen glauben? Unbestritten: Die Bedingungen für Fotojournalisten sind nicht einfacher geworden. Aber könnte man dies nicht gerade als Herausforderung betrachten? Und was wird heute in den Zeitungen und Magazinen noch publiziert?

Der nächsten Kiosk ist nah. Dort buhlt eine kaum überblickbare Fülle von Blättern um die Gunst der Leserschaft. Großformatig, dickleibig oder mit Hochglanzpapier locken etwa 700 Publikationen, davon rund 80 Prozent in deutscher Sprache. Erfolg hat, wer Trends erkennt und publizistisch umsetzt, bevor sie Allgemeingut werden – und damit untrendig.

REPORTAGE ALS STIL?

Modethemen sind da ein sicherer Wert. Und nicht nur Lifestyle-Magazine setzen auf Glamour und Luxus. Auch das Reisemagazin nimmt sich der professionellen Models in Designerkleidern an und stellt diese kurzerhand in die Stadt, über die es zu berichten gilt: Die Reisereportage bedient sich des Trends und folgt dem Diktat der Mode. Das alles kommt meist in Farbe daher, bloß wer sich besonders unkonformistisch geben will, greift auf die gute, alte Schwarzweißfotografie zurück – und fällt in der bunten Umgebung als besonders stylisch auf.

In den Frauenzeitschriften ist Mode seit je ein Dauerbrenner. Doch die Bilderstrecken werden nicht mehr nur im Studio produziert. Die Moderedakteure nutzen die Ingredienzen der klassischen Fotoreportage, um Mode gut in Szene zu setzen. Das ganze wird dann noch thematisch eingebettet: Models in einer leerstehenden Fabrikhalle, auf dem Bahnhof, im Kuhstall, in der Wüste, an der Tankstelle, auf der exotischen Insel. Mode sucht Reise, Reise lechzt nach Mode, Reportage ist angeblich out – wohin führt das?

Die Leser wollen nicht mehr lesen, heißt es weiter – schon gar nichts Langes oder Anspruchsvolles. Kurze Texte um groß aufgemachte Bilder eignen sich optimal für angenehme, erholsame Zerstreuung, werden schnell wahrgenommen, gelesen – und wieder vergessen. Unterhaltung und Prominenz verkauft sich bestens. Lange, womöglich noch aufwühlende, aufwändig recherchierte Reportagen stören hier bloß. Sie fordern vom Leser Aufmerksamkeit und Zeit, zeigen vielleicht sogar mit dem Finger auf Missstände, auf Unschönes, Uncooles: keine Models, keine Mode, nur das Leben, wie es halt ist, in allen Facetten, auch den schwierigen. Gehören solche Fotoreportagen tatsächlich ins Museum, wie immer wieder von Medienprofis und von Fotografen behauptet wird? Beim Betrachten der Publikationen am Kiosk kommt man unweigerlich zum Schluss, dass es die Fotoreportage noch gibt. Nur hat sie sich drastisch verändert. Sie ist – in manchen Blättern – zum simplen Stilmittel verkommen, Tendenz: zunehmend.

Auch in den Tageszeitungen ist die klassische Fotoreportage praktisch nicht mehr zu finden oder als solche zu erkennen. Hin und wieder werden ausgewählte, aktuelle Themen reportageartig aufgenommen; wenn es etwa zu Flutkatastrophen kommt oder beim jährlichen Karnevalsumzug. Schon regelmäßig erscheinende Reportageseiten mit sorgfältig recherchierten Berichten sind eine große Rarität – von regelmäßigen, mehrseitigen Fotoreportagen nicht zu sprechen. Eine Ausnahme ist hier die vierzehntäglich erscheinende Beilage »Zeitbilder« der Neuen Zürcher Zeitung. Diese gab es allerdings noch vor wenigen Jahren wöchentlich und mit doppeltem Umfang.

Trotz aller Skepsis ist ein vorsichtig positives Fazit zu ziehen: Die deutsche Medienlandschaft ist für den Reportagefotografen kein Jammertal – es handelt sich viel mehr um ein Durcheinandertal. Für manche Publikationen braucht es ein Umdenken: Die Fotografen haben die Reportage als Stilmittel einzusetzen. Daneben sollten sie aber unbeirrt ihren echten, unverwechselbaren Reportagen nachgehen. Vielleicht ergibt sich ein Buchprojekt, eine Ausstellung und über diesen Umweg auch die Publikation in einem renommierten Magazin? Vielleicht muss man sich zuerst einen Namen schaffen, sich behaupten, um dann mit dem Gewicht des eigenen Namens die klassische Reportage wieder salonfähig zu machen?

Nur zu jammern nützt auf keinen Fall etwas. Die Fotografen sollten weiterhin ausschwärmen, mit ihren Bildern und Geschichten zurückkommen, die Chefredakteure oder Bildredakteure von der Qualität und Bedeutung der Arbeit überzeugen. Eben hartnäckig bleiben.

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Christian Güntlisberger
ist Fotoredakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung und mitverantwortlich für die Beilage Zeitbilder.