MAGAZIN #26

Lernen, lebenslänglich

Anregungen aufnehmen, sich der Kritik stellen, am eigenen fotografischen Stil feilen – das erleben Fotostudenten während der Ausbildung. FREELENS befragte drei von ihnen in unterschiedlichen Phasen des Studiums.

Text –

Dirk Kirchberg

Fotos –

Julius Schrank, Lucas Wahl, Ben Krüger, Holger Talinski, Julia Rotter & Sarah Rubensdörffer

Lucas Wahl konnte sich lange Zeit nicht vorstellen, selbst einmal etwas mit Fotografie zu tun zu haben. Auch, weil er bei seinem Vater – Fotograf und Bildredakteur – gesehen hatte, wie es mit den Honoraren bergab ging. Doch als er vier Monate in einer Hamburger Fotogalerie arbeitete, merkte er, dass das Medium, das seinen Vater nach wie vor fasziniert, nun auch ihn in den Bann schlug.

Heute studiert Lucas Wahl im zweiten Semester Fotografie an der Fachhochschule Hannover. Alternativ hatte sich der 23-jährige auch in Hamburg, Bielefeld, Dortmund und Leipzig beworben. Seine Mappe, in der er neben Porträts von Maastrichter Ladenbesitzern, einer Geschichte über ein Tattoostudio auch den Alltag eines Schwerbehinderten thematisierte, kam in Hannover gut an. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bewerbern, die ihre Mappen zwei- bis dreimal einreichen mussten, klappte es direkt beim ersten Mal. »Ich hatte viel Glück, denn zwei Tage vor Abgabe hatte ich noch fotografiert. Bei meiner Hauptgeschichte fehlten mir noch ein paar Motive.«

Das Gefühl für eine runde Reportage wurde bei ihm früh angelegt: »Bei uns zu Hause lagen überall Zeitungen und Fotos rum. Ich war ständig von Fotografie umgeben.« Bereits damals hat er sich mit seinem Vater viel über Fotografie und Bildsprache unterhalten. Wie fand der Vater seine Mappe? »Zuerst war er wohl erschrocken, dass ich nun auch Fotograf werden will. Aber ich glaube, er fand sie ganz gut.«

Natürlich träumt er ein wenig den Traum, den so viele Fotostudenten träumen: Ganz groß rauskommen, rumreisen, nur noch für die besten Magazine arbeiten. Und trotz der Angst, es nicht zu schaffen, glaubt Lucas an seine Chance. »Ich assistiere nebenbei immer wieder bei Fotografen, die es auch schaffen, von Fotografie zu leben, die ihre Familie ernähren können und ihr Haus abbezahlen. Also warum sollte ich es nicht schaffen?«

Zwei Fotografen, die ihn nachhaltig beeindruckt haben, zeigen, wie breitgefächert Lucas’ Interesse ist. »James Nachtweys Arbeit ist sehr spannend. Der Mann ist echt besessen. Ich bewundere seine Hingabe, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, so extrem zu arbeiten.« Der andere Fotograf, dessen Arbeiten Lucas Wahl begeistern, steht nicht einmal ansatzweise unter Verdacht, journalistisch zu arbeiten. Es geht um David LaChapelle.

Er steht für eine aufwendige und höchst künstliche, James Nachtwey dagegen für journalistisch knallharte Fotografie. Weiter könnte die Spanne zwischen fotografischen Positionen kaum sein.

Heute wundert sich niemand mehr über eine »reportagige« Strecke in der Werbung. Auch die inszenierte Strecke im journalistischen Kontext schockiert niemanden mehr. Lucas findet es nicht besonders reizvoll, vielleicht einmal von Werbung leben zu müssen. Aber: »Solche Brotjobs bieten doch eine gute Möglichkeit, eigene Projekte zu finanzieren.«

EIN ERNSTHAFTES THEMA

In zwei Jahren will er erste eigene Aufträge bearbeitet und einige eigene Reportagen – Geschichten mit Herz, wie Lucas das nennt – produziert haben. Sein erstes echtes Langzeitthema hat er schon: Sterbehilfe. Beim besten Willen kein einfaches Thema. »Klar, aber ich wollte ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz – ein ernsthaftes Thema eben.«

Holger Talinski studiert im 7. Semester Fotodesign in Bielefeld. Auch er kam über den Vater zur Fotografie. »Er schenkte mir zum 18. Geburtstag meine erste Spiegelreflex.« Holger fing an, seine Freunde beim Skateboarden zu fotografieren. Von Anfang an beeindruckten ihn die Arbeiten von Robert Frank. Noch heute findet er die Streetphotography spannend, doch seinen Schwerpunkt sieht er mittlerweile eher in der Reportage. Auch seine Bildsprache verändert sich deutlich. Fotografierte er früher fast ausschließlich klassisch schwarz-weiß auf Kleinbild und eiferte er seinen Vorbildern nach, entstehen heute viele Geschichten in Farbe und mit Details. Fotografen, die eine zeitgemäßere Bildsprache vertreten, haben ihren Eindruck bei Holger hinterlassen. Auslöser dieses Sinneswandels war eine Bildbesprechung. Der Dozent schaute sich die Arbeiten an und urteilte: »Die Fotos sehen aus, als ob sie 50 Jahre alt sind.«

Seitdem ist Holger, wie er selbst sagt, »mutiger geworden«. Anstatt sich an den Stilen der alten großen Vorbilder entlangzuhangeln, traut er sich, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und experimentiert mit neuen Details. Er kombiniert, was er an den klassischen Fotostrecken mag, mit modernen Herangehensweisen. Natürlich bestehe immer die Gefahr zu scheitern, so Holger. Aber davon lässt er sich nicht mehr schrecken. Wer seine eigene Bildsprache finden will, muss eben Risiken eingehen. Und wird letztlich belohnt. Denn die eigene Bildsprache, die wieder erkennbare Autorenschaft, ist das, was einen Fotografen von allen anderen unterscheiden sollte.

Zwei Vertreter dieser jungen Generation von Fotografen, dessen Arbeiten er sich gern anschaut, sind Paolo Pellegrin und Antonin Kratochvil, und damit sicher nicht die schlechtesten Vorbilder.

Sein Studium finanziert er derzeit durch BAföG und Nebenjobs. Erste kleine Fotoaufträge hat er bereits bearbeitet, wie eine Reportage für die Stadt Bielefeld über die städtischen Umweltbetriebe, aber er braucht noch zu lang für diese Jobs. Die nötige Sicherheit will er sich spätestens bis zum Diplom erarbeitet haben. Denn dann will und muss er von der Fotografie leben. Die bisherigen positiven Rückmeldungen von Kunden und Kommilitonen motivieren ihn, immer weiterzumachen.

Das nächste Ziel? »Ich will meine eigenen Arbeiten daraufhin überprüfen, ob sie schon gut genug sind, sie Redaktionen anzubieten. Und wenn sie es noch nicht sind, alles daran setzen, dass sie es werden.«

Sarah Rubensdörffer hat diesen Schritt noch vor sich. Die 27-Jährige schloss ihr Studium im vergangenen Jahr an der FH München ab und arbeitet seitdem als freie Assistentin.

Ihr Interesse an der Fotografie wuchs in der Zeit, als sie drei Jahre lang durch die Welt reiste. Unterwegs fotografierte sie ständig. Und so wurde mit der Zeit aus einer Tätigkeit, die sie als Spaß empfand, eine Aufgabe, eine Berufung, die sie erfüllte. Die Zeit im Studium schätzt sie als wertvoll. »Niemals wieder hat man so viel Zeit, um eigene Ideen zu bearbeiten und eigene Projekte anzugehen.« Während des Studiums kellnerte sie, fotografierte die üblichen Jobs wie Hochzeiten und Firmenjubiläen. Dass sie jetzt nach dem Abschluss als Assi arbeitet, empfindet sie als sehr lehrreich: »Ich helfe bei verschiedensten Produktionen. Von Architektur- über Mode- und Werbefotografie bis hin zur Reportage kann ich an allen möglichen Sets Erfahrungen sammeln.«

Während des Studiums hätte sie sich mehr Projekte außerhalb der FH gewünscht. Besonders das Üben von Auftragssituationen hätte sie interessiert: »Als wir fertig waren, standen wir da und fragten uns: So, und nun? Wie schreibt man denn einen Kostenvoranschlag? Und was steht eigentlich alles auf einer Rechnung?«

Ihr Blick auf die Fotografie hat sich deutlich verändert. »Früher hätte ich gesagt, es gibt für mich nichts außer der Reportage. Ich wollte reisen und nichts anderes machen. Dabei ist die Reportage mittlerweile ein so kleines Feld.« Also auch Werbung? »Ich würde längst nicht alles machen. Wenn mir ein Auftrag moralisch zuwider wäre, würde ich ihn nicht annehmen. Aber ich bin nicht mehr ausschließlich. Man kann auch in der Werbe- und Modefotografie viel machen und ausprobieren.«

AUF REDAKTIONSTOUR

Die große Vorstellungsrunde in den Redaktionen steht Sarah noch bevor. Warum hat sie sich nicht sofort nach dem Diplom auf den Präsentationsmarathon begeben?

»Das ergab sich so. Ich wollte noch mehr Erfahrungen sammeln, musste Geld verdienen und wollte darüber hinaus noch neue Arbeiten für mein Portfolio fotografieren. Deswegen habe ich nach dem Studium mit Assistenzen angefangen. Dieses Jahr folgt nun die Redaktionstour.«

Alle drei – Lucas, Holger und Sarah – sind vom Studium überzeugt. Der Austausch, die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, sich selbst auszutesten – all das sind Vorzüge des Studiums. Aber alle drei mahnen auch an, dass die Hochschulen mehr dazu beitragen müssen, ihre Absolventen auf den Arbeitsalltag mit seinen unglamourösen Pflichten – Angebote, Exposés und Rechnungen schreiben, Buchhaltung, Steuererklärung – vorzubereiten. Denn der Alltag kommt. Unweigerlich.

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Dirk Kirchberg
arbeitet als freier Autor, Konzepter und Online-Redakteur in Hannover.