MAGAZIN #28

Mal schauen, was geht

Deutsche Verlage üben noch den Umgang mit Bildern, wenn sie online gehen, und oft fehlt ihnen das Durchhaltevermögen. So entstehen fantasievolle und erfolgreiche Auftritte im Netz eher in kleinen Startup-Unternehmen

Text & Fotos –

Dirk Kirchberg

Der nächste Versuch möge doch bitte endlich ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell ergeben. Von dieser Hoffnung werden viele Verlage getragen, wenn sie Onlineprojekte anschieben. Aber meist werden schlicht nur Bilderstrecken produziert, die Klicks um jeden Preis generieren sollen, damit man gegenüber potenziellen Werbekunden eine scheinbare Reichweite des Mediums nachweisen kann. Dabei entstehen schon mal Galerien, die zwischen 30 und 100 Bilder enthalten und etwa Vorurteile über Männervornamen, die deutschlandweiten Wasserpreise oder stoffarme Bikinischönheiten präsentieren. Gern verwursten Online-Redaktionen auch, über viele Unterseiten verteilt, die skurrilsten YouTube-Videos. Nachhaltigkeit kann man ja noch später probieren. Das deutsche Leitmedium ist unangefochten Spiegel Online. Keine andere deutsche Redaktion erreicht mit einem

solchen, zwischen seriös und boulevardesk angesiedelten Angebot so viele Nutzer. 550443691 Page Impressions (PIs, Seitenaufrufe) waren es im Februar 2009. Allerdings wird am Beispiel Spiegel Online auch das Dilemma deutlich. Denn im Gegensatz zur Netzwerkplattform SchuelerVZ ist auch Spiegel Online ein eher kleines Licht. SchuelerVZ verzeichnete im Februar 4800121777 PIs. Das liegt daran, dass Spiegel Online Web 1.0 ist – außer Lesen nix gewesen –, während SchuelerVZ im sogenannten Web 2.0 unterwegs ist, in dem mitmachen ausdrücklich erwünscht ist.

»Nicht alles, was technisch möglich ist, wird auch zum Erfolg, erst recht nicht, wenn es am Bedarf der Menschen vorbei entwickelt ist«, sagt Dr. Mercedes Bunz. Frau Bunz hat über die Geschichte des Internets promoviert und ist Chefredakteurin von Tagesspiegel.de. Auch sie musste miterleben, dass ambitionierte Projekte, wenn sie nicht schnell genug bilanzierbaren Erfolg vorweisen, im Handumdrehen wieder eingestellt werden. Mit Zoomer.de setzte man bei Holtzbrinck auf ein Nachrichtenportal, das wesentlich auf das Mitwirken der vornehmlich jungen Leserschaft setzte.

Nur elf Monate, nachdem man das Portal unter der Schirmherrschaft des Grandseigneurs des seriösen Journalismus, Ulrich Wickert, vorgestellt hatte, wurde Zoomer.de ohne Chance auf Bewährung vom Netz genommen. So erging es auch einem anderen Portal aus dem Hause Holtzbrinck, das sich besonders an die digitalen und meist hippen Bewohner Berlins gerichtet hatte. Mit WatchBerlin hatte man ein Videoportal aufgebaut, bei dem selbst ein ausgewiesener Printspezialist wie Harald Martenstein plötzlich, in der Küche neben einem blauen Toaster sitzend, seine Kolumnen performte.

Auch andere setzen auf Videotechnik. So tauchen auf vielen Nachrichtenseiten syndizierte Videos der Nachrichtenagentur Reuters oder des Anbieters Zoom.in auf. Andere versuchen sich an eigenen Videos und sitzen oftmals dem Trugschluss auf, es handele sich beim Internet nur um die Fortsetzung des Fernsehens mit anderen Mitteln. Dabei sollte gerade YouTube Beweis genug dafür sein, dass die Webgemeinde lieber verwackelte und schlecht beleuchtete Videos schaut, die dafür aber original bzw. originell sind. Glatte Oberfläche mit kaum nennenswertem Inhalt mag im Vorabendprogramm der Privaten funktionieren – online tut es dies nicht.

Natürlich amüsieren sich Internetnutzer genauso gern über Promis wie klassische Promimagazinleser, aber es muss eben anders aufbereitet sein als im Fernsehen oder in Hochglanzpostillen. Schräger ist meist besser.

Einer, der es mit seiner Schräglage vom Internet ins Fernsehen (zurück)geschafft hat, ist Mario Sixtus. Sixtus ist Produzent und Moderator des elektrischen Reporters. Der elektrische Reporter ist eine Mischung aus Tönender Wochenschau und Roboter und erklärt Normalsterblichen, die kaum Kontakt mit dem Internet haben, was das Internet eigentlich ist, und was es so alles kann. Das Format ist ebenso originell wie erfolgreich und gewann bereits den Grimme Online Award und den silbernen Lead Award.

Gestartet wurde der elektrische Reporter auf den Seiten des Handelsblattes, und ist nun im ZDFinfokanal gelandet. Zusammen mit dem Paradiesvogel der Internetszene, Sascha Lobo, liefert sich Sixtus zudem verbale Scheingefechte bei 3sat. Auch dort ist das Internet das Thema und unsere Art, damit umzugehen. Versuch geglückt, Patient lebt.

Fotografen stöhnen nun zurecht, denn während im Print immer weniger Platz für ausladende Fotostrecken bleibt, wird online vornehmlich fotografisches Fastfood serviert. Zwar haben wir plötzlich die Produktionsmittel in der Hand, die früher nur Verlagen vorbehalten waren. Allerdings hält sich der Enthusiasmus, damit auch zu arbeiten, noch sehr in Grenzen. Erst langsam scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass das stillstehende Bild eben nicht tot ist, weil man überall Videos einbinden kann. Vielmehr hat das ruhige Bild in Zeiten um Aufmerksamkeit buhlender Websites wieder seine Chance, vielleicht sogar mehr denn je. Denn die Nutzer, also wir alle, wollen nicht ständig berieselt werden. Wir suchen nach wie vor Inhalte, die unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit auch verdienen.

Wie es mit bisherigen und zukünftigen Medienformen weitergeht, wird nicht abzuwarten, sondern mitzugestalten sein, von uns allen. Wir befinden uns wieder einmal mitten in einer Medienrevolution, die gewohnte Produktions-, Nutzungs- und Verhaltensweisen nachhaltig verändern wird. Eines muss uns klar sein: Wir sind diejenigen, die das alles produzieren und konsumieren werden.

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Dirk Kirchberg
Jahrgang 1974, arbeitet als freier Autor, Konzepter und Online-Redakteur in Hannover.