MAGAZIN #24

Mal Schwarz, mal Weiß

Das Zeitungsfoto der Zukunft besteht wieder aus Tinte – ohne dass es noch gedruckt werden müsste. Vom Aufstieg der E-Ink und des E-Papers und was das für die Verbreitung von Bildern bedeuten könnte.

Text –

Daniela Schröder

Totgesagte leben länger. Von Belgien aus belebt die Nachrichtenindustrie jetzt ihren alten Traum von einer elektronischen Zeitung wieder: E-Paper. Eine täglich neu verwendbare Alternative zu Papier mit dem interaktiven Potenzial eines Computers, aber dem geringen Gewicht und der guten Lesbarkeit von Gedrucktem – eine Idee, die nach dem Platzen der Dotcom-Blase begraben schien.

Belgiens führende flämische Wirtschaftszeitung De Tijd jedoch testet derzeit, wie sie als sogenanntes E-Paper bei ihren Abonnenten ankommt. Verläuft die Probephase erfolgreich, wird das Blatt als erste tragbare vollelektronische Zeitung der Welt erscheinen.

Anstatt sich frühmorgens auf den Weg zum Briefkasten zu machen, laden sich die 200 Tester ihre aktuelle De Tijd aus dem Internet auf ein DIN A5 großes Lesegerät. »Bei etwa 30 Seiten pro Werktagsausgabe ist das eine Sache von höchstens zwei Minuten«, sagt Projektmanager Peter Bruynseels. Angezeigt wird zunächst die ganze Zeitungsseite. Ein Antippen mit dem Plastikstift, und der gewählte Artikel erscheint, Fotos inklusive. Umgeblättert wird mit einem Knopf auf dem Leserahmen. Künftig in Echtzeit, verspricht Bruynseels – denn noch hängt der E-Reader wenige Sekunden hinterher.

In dem knapp 400 Gramm schweren, zwei Zentimeter dicken Rahmen des Apparats stecken Speicherchips, Mikroprozessor, Lautsprecher sowie Netzwerkkarte und diverse Computeranschlüsse. Der 224-MB-Speicher bietet Platz für die Tageszeitungen eines ganzen Monats, für 30 elektronische Bücher und Dateien verschiedenster Formate wie Text, XHTML, PDF und MP3.

Herzstück des E-Paper-Displays sind Millionen mikroskopisch kleiner Kapseln. In dieser elektronischen Tinte schwimmen positiv geladene weiße und negativ geladene schwarze Partikel. Ein Stromstoß holt entweder die weißen oder die schwarzen Teilchen an die Oberfläche, der Betrachter sieht einen hellen oder einen dunklen Punkt. Wenige Volt Spannung genügen, und die Mikrokapseln wechseln ihre Tönung – ein Bild oder ein Text erscheint.

POTENZIELL INTERAKTIV

Derzeit erzeugt die E-Tinte 16 Graustufen und bringt es damit auf 160 dpi, also Zeitungsdruckqualität. »Die Schwarzweiß- Bilder haben eine gestochen scharfe Qualität«, sagt De Tijd-Vorstand Kris Laenens. Doch wenn Farbe ins Spiel kommt, muss das E-Paper noch vor der gedruckten Konkurrenz kapitulieren. Der US-amerikanische Hersteller der elektronischen Tinte arbeitet derzeit auf Hochtouren an der nötigen Technik für Vierfarb-Abbildungen. Ende 2007 könnte es bereits soweit sein, meint Willem Endhoven von iRex Technologies, dem niederländischen Hersteller des E-Readers.

Parallel zur Farbe wird auch intensiv an der Technologie für das Vergrößern von Bildern gearbeitet. Noch ändern Fotos und Grafiken ihr Format nicht, wenn der Leser sie antippt. Auch Slide-Shows sind derzeit noch kein Thema, es bleibt bei dem (zumeist) einen Bild, das auch in den gedruckten Ausgaben die Artikel illustriert. Allein ein Austausch der Bilder wird möglich sein, sobald das E-Paper künftig mehrmals täglich aktualisiert wird.

In ersten Umfragen teilten sich die Testleser des E-Papers beim Thema Multimedia in zwei Lager. »Während die eine Hälfte das Gerät auf die Lesefunktionen beschränkt haben will, wünschen sich die anderen auch Ton, Bilder, Videos und Telefonfunktion«, sagt Nico Verplancke von der Universität Leuven, an der ein Team das Testprojekt analysiert.

iRex-Manager Endhoven jedoch sieht kein Potenzial für kurze Videospots. »Das ist unerreichbar«, sagt er. Die elektronische Tinte sei gut 16-mal langsamer als ein LC-Display. Beim E-Ink-Hersteller selbst herrscht mehr Zuversicht, wenn auch nicht für die allzu nahe Zukunft: E-Paper mit Video- und Sound-Elementen sei in maximal zehn Jahren reif für den Markt, wird Vorstandschef Russell J. Wilcox zitiert. Doch Farbe, Film und Ton sind Qualitäten, die das E-Paper braucht, um Werbung ins Blatt zu locken.

Eine eingebaute Lichtquelle wie Flüssigkristallanzeigen braucht das elektronische Papier nicht. Zudem ist die Schrift aus jedem Blickwinkel gut erkennbar. Auch Sonnenschein trübt den Lesespaß nicht. »Es gibt keine störenden Lichtreflexe wie bei einem Computerbildschirm, das ist der unschlagbare Vorteil«, erklärt Kris Laenens. Das E-Paper lasse sich genauso gut lesen wie gedruckte Texte. Dank einer druckempfindlichen Oberfläche könne der Leser außerdem darauf auch Notizen machen. iRex Technologies hat angekündigt, den Bildschirm künftiger Lesegerät-Modelle flexibler zu machen. »Eine Art elektronisches Papyrus, das sich zusammenrollen und unter den Arm klemmen lässt, werden wir jedoch nicht produzieren können«, schränkt Endhoven dabei ein. Seiko Epson arbeitet zwar an einem weniger als einen Millimeter dünnen E-Paper, dessen Bildschirmdiagonale allerdings sehr klein ist.

Attraktiv für Anzeigenkunden ist die elektronische Zeitung vor allem aufgrund ihrer potenziellen Interaktivität. So plant man bei De Tijd, Werbung und Kleinanzeigen mit den Internetseiten von Anbietern zu verlinken. Zudem soll sich das E-Paper künftig die Suchkriterien des Lesers merken und ihn alarmieren, sobald ein entsprechendes Angebot für Job, Haus, Auto oder Traumpartner auftaucht. Mittels individueller Nutzernummer soll der E-Paper-Leser außerdem bequem einkaufen und bezahlen können. Eine andere Idee der Belgier ist es, Werbung passend zur Tageszeit auf die Seiten des E-Papers zu stellen: morgens Kaffee und Cornflakes, abends Bier und Chips.

In einem Extra-Ordner hinter den Zeitungsseiten kann der Leser sich seine eigene Version des Blattes zusammenstellen, indem er dort Artikel ablegt, die ihm beim ersten Durchblättern aufgefallen sind, für deren Lektüre ihm jedoch morgens keine Zeit bleibt oder die er zu einem persönlichen Archiv komponieren will. »Der Großteil unserer täglich bis zu 35.000 Leser sind Manager in den oberen Führungsfunktionen, die wollen sich auf dem Weg ins Büro möglichst kurz und schnell informieren«, sagt Laenens.

Artikel lassen sich zudem per E-Mail verschicken. Downloads von Fotos sind aber tabu. Die Urheberrechte der Fotografen bleiben also gewahrt, die Bilder werden nicht zweckentfremdet oder ohne Bezahlung anderweitig verwendet.

WELTWEIT INTERESSE

Künftig soll das Lesegerät nachts in einer Docking-Station aufbewahrt werden und sich automatisch laden. Bislang aktualisiert sich der Inhalt des E-Papers nur ein Mal täglich. In der Zukunft aber sollen Rubriken wie Kurznachrichten, Börsenkurse oder Sportergebnisse sofort auf dem neuesten Stand sein, sobald das Gerät Verbindung zum Internet hat. Über das Auf und Ab der eigenen Aktien werden die De Tijd-Leser bei jedem Internet-Update informiert, sofern sie ihre Anteile auf die persönliche Aktienseite gesetzt haben.

Eine eigene Redaktion wird De Tijd für das E-Paper nicht aufbauen, sagt Laenens – der Inhalt der Internetversion des Blattes soll die elektronische Schwester füttern. Auch technisch keine große Hürde, da die HTML- und PDF-Formate des Internetauftritts nur in XHTML-Layouts umgewandelt werden müssen.

Laenens sagt, er führe derzeit Gespräche mit zehn großen Zeitungshäusern weltweit, die sich für den E-Reader interessieren. Verlage in den USA, in Italien und den Niederlanden wollen noch in diesem Jahr dem belgischen Vorbild folgen und eine Testphase starten. Auch Unternehmen in Asien, Lateinamerika und Russland seien hellhörig geworden.

30 JAHRE TÜFTELEI

Den übersichtlichen belgischen Medienmarkt will der Manager komplett ins Boot holen. Im Januar 2007 sollen die Leser flämisch- und französischsprachiger Zeitungen und Magazine in ganz Belgien ein E-Paper nutzen. Der Medieninhalt, sagt Laenens, werde dieser geplanten Kooperation nicht im Weg stehen, denn die Verlage lieferten ihre Angebote bereits jetzt an einen gemeinsamen Internetserver. »Vielleicht können wir irgendwann weltweit zusammenarbeiten, dann lassen sich Zeitungen aus aller Welt als E-Paper lesen.« Und noch mehr andere Fotos aus aller Welt anschauen – sofern die Redaktionen nicht Abonnenten bei denselben Agenturen sind…

Seit 30 Jahren schon tüfteln Forscher an der elektronischen Version von Papier, allen voran das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT). 1997 gründete es seinen Ableger E-Ink, der die elektronische Tinte zur Marktreife brachte. Zuvor hatte eine Reihe von Herstellern immer wieder mit Prototypen von E-Readern experimentiert. Grünes Licht für die Produktion zu geben, wagte jedoch niemand. »Vieles von dem, was das E-Paper bietet, ist nicht neu, sondern wurde schon vor Jahren getestet«, sagt Bruynseels. Mit der zunehmenden Akzeptanz von Elektrobrieftaschen wie PDA, der Beliebtheit von MP3-Playern und immer smarteren Handys aber sei die Zeit nun reif für die Kombination aus Zeitungserlebnis und Interaktivität im Buchformat.

Auf den Kopf stellen könnte das elektronische Papier die Kostenstruktur der Zeitungsindustrie. Große Häuser wie die New York Times bringen es auf über 480.000 Tonnen Papier pro Jahr, Blätter wie die Frankfurter Rundschau bedrucken jährlich 65.000 Tonnen. Gemessen an den Gesamtkosten einer Zeitungsausgabe verschlingen die Aufwendungen für Papier, Druck und Vertrieb die Hälfte. Die anderen 50 Prozent entfallen auf Redaktion und Verlag. Laenens zufolge kämpfe De Tijd mit Problemen im Vertrieb – viele Leser hätten gekündigt, da frühmorgens keine Zeitung im Briefkasten lag. Für E-Paper-Leser seien lahme Austräger und schlechtes Wetter kein Thema mehr.

Ob sie die elektronische Zeitung so akzeptieren, wie es sich die Verlagshäuser vorstellen, ist dennoch ungewiss. Tageszeitungslektüre auf dem mobilen Monitor hat auch Nachteile. Ein langsamer Internetzugang kostet Zeit und Nerven, das derzeitige Format des Displays geht aufs Auge. Da große Zeitungsseiten auf Bildschirmformat geschrumpft werden müssen, leidet die Lesbarkeit. Auch das Leseverhalten selbst ändert sich grundlegend. Das Orientieren an Zwischenüberschriften oder Bildunterzeilen sowie das beliebte Querlesen sind bei Bildschirmlektüre deutlich schwieriger. Fotos mit vielen Details sind im kleineren Format unübersichtlich und wenig prägnant, müssen also erst mit dem Stift großgeklickt werden.

MEDIALER EXTRAKANAL

»Für die gedruckte Tageszeitung wird das E-Paper nie ein vollständiger Ersatz sein«, sagt Laenens. »Es wird zu einem Extrakanal für den Nachrichtenkonsum, wie es das Internet ist, bietet aber alle Vorteile einer Zeitung.« Sein Kollege Bruynseels meint, der Test biete die Chance, ein Gefühl für den Markt zu bekommen – und den Anzeigenkunden die Möglichkeit, ein neues Medium auszuprobieren. »Geräte dieser oder ähnlicher Art werden sich schon bald etablieren, das E-Paper wird eine ganz alltägliche Anwendung wie PDAs oder Blackberries«, erwartet er.

Um sich eine sichere Zukunft zu garantieren, müssten Zeitungen »als Horizont-Medium Wünsche und Interessen befriedigen, von denen der Leser noch gar nicht wusste, dass er sie haben könnte«, schreibt Springer-Verlagschef Mathias Döpfner in einem Essay. »Die Zukunft der Zeitung ist digital«, prophezeit er.

Sobald ein Produkt auf dem Markt sei, das dünn-, falt- und rollbar ist, hoch auflösende Vierfarbbilder produziert, per Touchscreen einfach bedient werden kann, keine schweren Batterien oder Ladegräte braucht und billig ist, habe die letzte Stunde der Papierlektüre geschlagen. »Dann rollen wir unsere Zeitung aus dem Handy oder aus dem Kugelschreiber […] und rufen das Zeitungsabo per Fingerdruck ab«, so Döpfner. Für eine einst bereits tot gesagte Technik wäre das eine grandiose Wiederauferstehung.
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Daniela Schröder
arbeitet als freie Journalistin in Deutschland und Belgien.