MAGAZIN #29

Marktplatz Suchmaschine

Jürgen Stumpe vermarktet seine Fotos über das Internet — und das sehr erfolgreich. 80 Prozent seines Umsatzes nimmt er über seine eigenen Onlineportale ein — ganz ohne Vermittler

Text –

Gabriele Bärtels

Fotos –

Lars Reimann

Zu ärgerlich, dass auf seiner Kamera ein extremes Weitwinkel-Objektiv sitzt, sonst hätte sich Jürgen Stumpe über die Brüstung des Landwehrkanals gelehnt und den Taucher fotografiert, der dort in der schmutzigen Brühe wühlt, ein Rohr hinter sich herziehend, das über der Reling eines Reparatur-Schiffs hängt. Aber so? »Das bringt nichts«, konstatiert der lange Lulatsch mit den beiden Silberringen im rechten Ohr. Die Sony Alpha 900 in seiner Hand hat er gerade gekauft, seine sechste oder siebte digitale Kamera, nicht gerade ein Klassiker für Berufsfotografen, doch das ist ihm egal.

Analoge Kameras besitzt der Autodidakt längst nicht mehr. Gleichzeitig hat er auch nicht immer das neueste Gerät um den Hals hängen. In seiner trockenen Art fragt er: »Wofür auch?« Stumpe war allerdings einer der ersten unter den Fotografen, die sich ins Internet vorwagten. Von 1998 an, noch vor den meisten Bildagenturen, unterhielt er bis zu zwanzig eigene Websites, selbst gebastelt und ineinander verstrickt. Anfangs wollte er seine Fotos nur zeigen, war selbst erstaunt, dass auf einmal Kaufanfragen eintrafen. Heute betreibt er genau genommen dreißig (die meisten unter prophoto.de), davon allerdings vier zentrale Websites – immer noch selbstgebaut, einen Blog (auch das waren mal vier) und arbeitet mit der Bildagentur LOOK zusammen.

Wie nicht wenige Fotografen ist Jürgen Stumpe ein Spätzünder, arbeitete zunächst als Krankenpfleger und später bei einem Lampenhersteller, fotografierte nur privat, veröffentlichte gelegentlich in Amateur-Fotomagazinen – und gewann bei Amateur-Wettbewerben. 1998 kündigte Jürgen Stumpe seinen festen Job, weil man ihm partout nicht mehr Urlaub zubilligen wollte, und er reiste doch so gern.

Es folgte eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit, die er mit Fotografie ausfüllte und damit, sich den Umgang mit dem Internet beizubringen. Er reiste nach Spanien, rannte »wie blöd« fotografierend durch Barcelona, stellte die Bilder auf seine Websites und wunderte sich über die wachsende Zahl von Anfragen. Im Jahr 2000 beantragte er eine Steuernummer und ernannte sich zum freien Fotografen.

Gut zwei Drittel seines Umsatzes erwirtschaftet er seitdem über das Internet. Seine Sites stehen bei Google auf den ersten Seiten. »Das hat sich so ergeben«, sagt Stumpe achselzuckend. »Die Seiten sind eben schon alt. Wer frisch ins Netz geht, hat es schwerer.« Früher habe es Tricks gegeben, zum Beispiel alle Schlagwörter auf die Eingangsseite zu schreiben, das funktioniere heute nicht mehr.

Die Suchmaschine ist also sein zentraler Marktplatz. Kaufanfragen kommen überwiegend von kleinen Agenturen, seltener von Privatmenschen oder kleinen Unternehmen. »Die geben in Google ›Dubai‹ ein, vielleicht noch einen Stadtteil, und dann stoßen sie glücklicherweise auf mich.« Es sind Leute, die nicht täglich Bilder einkaufen und den Meta-Datenbank-Markt kaum kennen, oder solche, die von 12 Millionen Ergebnissen bei Fotofinder erschlagen werden. Für welche Kunden die Agenturen seine Arbeiten verwenden, weiß er nicht.

Ziemlich genau 5500 Bilder hat Stumpe im Netz stehen. »Ich bin zu faul, sie zu beschriften.« Das erstaunt, aber funktioniert. Es ist nicht die Masse, auf die er es anlegt. »Zu den meisten Themen biete ich maximal 200 Bilder an.« Für diese Beschränkung erntet er bei seinen Kunden häufig dankbare Reaktionen. Viele wollen keine zehn Stichworte eingeben, um ihre Suche so zu beschränken, dass sie die Ergebnisse noch überblicken können.

Stumpe verkauft seine Fotos in der Regel zur einmaligen Nutzung. »Das kostet Gudrun aus Emmendingen, die ihre persönliche Website schmücken will, ab 29 Euro und kann bei Werbeagenturen bis zu mehreren hundert Euro gehen.« Im Unterschied zu den Bildagenturen, bei denen die Preise festgelegt sind, fehlen solche Angaben auf seinen Websites. Das gibt dem Fotografen die Freiheit, erst einmal abzutasten, von wem die Anfrage kommt, wie sein Bild verwendet werden soll. Er gibt dann am Telefon oder per Mail ein Angebot ab. »Meistens werden wir uns einig, immer nicht.« Heute kommt es allerdings häufiger vor als früher, dass er auf sein Angebot keine Antwort erhält, dabei ließe er durchaus mit sich handeln, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, allerdings nie zu einem Dumping-Preis.

»Mikrostock-Agenturen sind schön für die Agentur-Betreiber. Für Hobbyfotografen mag es erfreulich sein, von ihnen hin und wieder einen kleinen Scheck zu erhalten, ein Berufsfotograf kann davon nur selten leben. Nur wer 20000 bis 30000 Bilder hochlädt, guckt vielleicht nicht in die Röhre.« Zur Frage der Qualität bei solchen Mengen will er sich kein Urteil erlauben. »36 Perspektiven eines Mädchens im Sommerkleid, das federnden Schrittes durch ein Kornfeld springt, müssen nicht schlecht sein, wenn sie anständig belichtet sind. Es sind halt Bilder, die keinem weh tun.« Und beklagen will er sich über diesen Markt auch nicht: »Das ist müßig. Schließlich bin ich einer von denen, die vom Internet profitieren.«

Zeitungs- und Zeitschriften-Redakteure stoßen selten auf seine Seiten. »Es gibt ja Kollegen, die ihr ganzes Leben für eine Doppelseite im Stern kämpfen.« Dieser Ehrgeiz fehlt Stumpe. Auch an Wettbewerben nimmt er nicht mehr teil. »Seitdem es mich offiziell als Fotografen gibt, gewinne ich sowieso nicht mehr.« Ihm ist es wichtig, dass das Einkommen passt, und er sich keine finanziellen Sorgen machen muss. »Ich freue mich schon über mein Talent, und dass ich weiß, wie ein gutes Foto aussehen kann. Aber sich als Künstler begreifen? Ich glaube nicht, dass das was hilft.«

Eine eigene Marke hat Stumpe seiner Meinung nach nicht entwickelt. »Einige wenige Kunden sehen das so, das ist nett. Aber ich würde es anmaßend finde, das von mir zu behaupten.« Natürlich weiß er, dass besonders seine Reisefotos gut gehen. »Es bringt aber nichts, Ziele anzusteuern, wo nichts passiert. Zwei Wochen am Strand unter Palmen – mit solchen Motiven werden Billigagenturen ohne Ende gefüttert. Besser sind zum Beispiel Städte im mittleren Osten oder China. Die entwickeln sich wahnsinnig schnell, dort leben viele Deutsche. Interessant ist die Kombination von Urlaubsziel und Wirtschaftszentrum.«

Obwohl es unter Internetnutzern inzwischen sehr wohl ein Unrechtsbewusstsein für Diebstahl gibt, wird weiterhin eifrig geklaut. Entdeckt Stumpe ein solches Bild im Netz, so forscht er bei DENIC nach dem für die Website Verantwortlichen. »Das ist der, der büßen muss.« Ihm schickt er ein vorgefertigtes Schreiben, droht mit dem Anwalt und fordert ein Honorar, das niedriger liegt als die Rechtsanwaltskosten. »Tatsächlich verdiene ich sogar an diesem Klau, denn die meisten zahlen anstandslos.« Stumpe ist längst nicht so oft auf Reisen, wie er möchte. »Diese Schreibtischarbeit ist der absolute Zeitfresser. Dann drehste wieder ’ne Runde von der Küche zum Klo und zurück zum Rechner.«

Einmal entdeckte er eine russische Website, »die meine halbe Dubai-Seite abgesaugt hatte«, ungefähr 150 Bilder. Worum es sich auf der Website handelte, konnte er wegen der kyrillischen Schriftzeichen nicht entschlüsseln, doch ein paar böse englische Mails bewirkten die sofortige Löschung des Diebesgutes. Stumpe grient: »Das hat denen die ganze Website zerschossen.«

Da er nun schon lange im Geschäft ist, erhält Jürgen Stumpe auch regelmäßig Aufträge für Porträts und Events, stützt sich also nicht allein auf seine Internet-Umsätze. Seit einem Jahr verzeichnet er dort einen leichten Umsatzrückgang. »Zum Glück lebe ich nicht von der Hand in den Mund, sonst würde ich mir schon Gedanken machen. Doch ich will mich nicht beklagen, schließlich habe ich bisher ganz gut davon gelebt.« Im Zweifel könne er sich leisten, eine lange Zeit darüber nachzudenken, wie es weitergeht.

»Vielleicht«, sinniert Jürgen Stumpe, »gehört der Beruf des Fotografen der Vergangenheit an. Früher gab es jedenfalls deutlich mehr Leute, die sehr gut davon lebten. Alles ist im Fluss. Möglicherweise verdient die nächste Generation kaum noch Geld mit Fotografie.«

Ihn werde es nicht treffen, er langweile sich sowieso manchmal. Das, was ihn am meisten reizt, nämlich Menschen zu fotografieren, sei ohnehin rechtlich so eingeschränkt, dass es kaum noch möglich sei. »Dann überlege ich mir etwas anderes. Mit Fotografie wird es vermutlich nichts zu tun haben.« Und er sieht tatsächlich ziemlich sorglos aus, als er das sagt.

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Gabriele Bärtels
arbeitet als Autorin und Fotografin von Berlin aus. Die Journalistenpreisträgerin der Robert Bosch Stiftung 2006 war zuletzt Protagonistin eines Zapp Fernsehbeitrages über die Situation von Freiberuflern.