MAGAZIN #07

[M]enschen, [M]edien, [M]anipulationen – der Buchstabe für die Glaubwürdigkeit

Eine Initiative der wichtigsten Fotografenorganisationen Deutschlands soll erreichen, daß Fotomontagen zukünftig international mit dem Zeichen [M] gekennzeichnet werden

Text –

Bernd Euler

»Ich verlasse mich nicht darauf, was die schreiben, ich verlasse mich lieber auf meine Bank«, sagt Senta Berger mit Blick auf die Tageszeitung in ihrer Hand. Zwar spricht die Schauspielerin den Satz nur in einem Bank-Werbespot, aber die Spürhunde der Werbung zielen damit nicht nur auf die Unsicherheiten um den EURO. Der Hintergrund ist klar: Auch die Glaubwürdigkeit der Presse – und damit nicht zuletzt auch die der Fotos – steht zur Disposition. Höchste Zeit also, den Blick der Zeitungsleser und Zeitungsmacher zu schärfen, ihnen den Unterschied zwischen einem echten Foto und einem manipulierten Bild im Wortsinne vor Augen zu führen.

Der Anruf kommt aus der Spiegel-Redaktion: Fototermin in Bielefeld, Portrait des Chefs einer Softwarefirma. »Eine Erfolgsgeschichte«, sagte die Bildredakteurin, »der Mann ist jung und dynamisch. Das muß rüberkommen.« Erste telefonische Kontaktaufnahme: Der Unternehmer hat gerade 15 Minuten Zeit. »Ich setze mich vor den Computer, Sie machen Ihr Foto und fertig«, schlägt er vor. Daß er dann wie der Sachbearbeiter einer x-beliebigen Firma aussieht, wird ihm erst durch das Gespräch klar. Man redet über seine Software, die jungen kreativen Leute in seiner Firma und einigt sich: Drei seiner Computercracks kommen mit aufs Bild, auf einem großen Bildschirm wird ein Diagramm leuchten. Gott sei Dank ist der Mann kooperativ, verschiebt sogar ein Geschäftsessen um eine Stunde. Alles klappt am Ende wie besprochen.

Tagesgeschäft eines journalistischen Fotografen. Ein arrangiertes Motiv, aber kein manipuliertes Bild – vielmehr ein Stück journalistischer Freiheit. Ein Foto, das die Handschrift des Fotografen trägt. »Ein Portraitfotograf, der für uns arbeitet, muß in der Lage sein, den Sachverhalt um eine Person in einem Portrait zu verdichten«, sagt Michael Rabanus, Chef der Spiegel-Fotografie. Das sei die kreative Forderung an den Fotografen, dafür erhalte er sein Honorar.

Später wird der Fotograf unter dem Bild mit seinem Copyright zeichnen. Das ist kein Button für Ruhm und Ehre, das ist seine Pflicht und die der Redaktion gegenüber der abgebildeten Person. Die Kreditline ist ein Autorenname. Sie steht für die Verantwortung, die der Fotograf sowohl dem Abgebildeten als auch der auftraggebenden Redaktion gegenüber hat. »Wir verstehen Kreditlines auch als einen Leserservice«, sagt Christoph Engel, Vorsitzender von FreeLens.

Einige Wochen nach dem Fototermin: Der Redaktionsschluß eines Computer-Magazins ist in vier Stunden. Die Aufmachergeschichte ist im letzten Moment gestorben. Der Computergrafiker steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch, drei Tage Arbeit für den Papierkorb. Dann entscheidet der Chefredakteur: »Wir setzen ein paar Hackertypen direkt unter die Headline«, erläutert er seine Idee für die als Ersatz geplante Softwaregeschichte. Als Fond soll ein großer Bildschirm dienen, aus dem wie Wasser eine Datenflut fließt.

Nach 20 Minuten ist der Bildredakteur auf der Suche nach guten Hacker-Fotos bei zwei Fotoagenturen fündig geworden. Der Grafiker hat den Fond schon erstellt, Welle und Bildschirm irgendwo aus den Untiefen seiner Festplatte gezaubert. Die Daten des vor einigen Wochen gemachten Fotos des Firmenbosses fließen online von der Agentur in den Computer. Der Grafiker paßt die Farben der Kleidung der Software-Spezialisten seinem Hackerklischee an, frisiert sie ein bißchen wilder, setzt hier eine Brille auf, strippt dort einen Dreitagebart in ein Gesicht. Wiedererkennen darf sich keiner der Abgebildeten, soviel Zeit muß sein. Dann beginnt er, die Kreditline zu tippen: [M]: Computer-Magazin, Foto: Heinz Knipser/Fotoagentur.

Dieses [M] ist in der elektronischen Realität unserer heutigen Medienlandschaft eine Notwendigkeit. Die Inszenierung einer fotografischen Situation wie im ersten Beispiel, gehört zum Alltag eines Fotojournalisten. Doch jede spätere elektronische Bildmanipulation muß gekennzeichnet werden. Der Leser soll wissen, wenn ein elektronisch verändertes Bild verwendet wurde, denn »die Glaubwürdigkeit der Fotografie, und die der Fotografen steht nicht erst seit den Ereignissen um den Tod von Prinzessin Diana zu Diskussion«, stellt Christoph Engel fest.

Diskutiert wird zum Beispiel auf Fotomessen. »Als die Bilder lügen lernten« titelte ein Kölner Stadtmagazin seinen Beitrag zur letzten photokina. Denn für den Fotoamateur lernten die Bilder erst seit kurzem das Lügen. Seit es günstige Bildmanipulations-Software für jedermann gibt, wissen die Leser was damit möglich ist. Und sie gehen davon aus, daß Redaktionen die Möglichkeiten auch nutzen. Doch wie viel oder wenig Bilder wirklich elektronisch verändert werden, kann der Leser nicht nachvollziehen – im Zweifel ist alles manipuliert. Eine verständliche Reaktion, denn die digitale Manipulation von Bildern gehört heute zum Medienalltag. Jeder Fernsehsender peppt tagtäglich seine Nachrichtensendung künstlich mit Fotomontagen auf. Dem Trend hat sich sogar der Gralshüter journalistischer Glaubwürdigkeit, die Tagesschau, angeschlossen. Wer glaubt, daß dies keine Folgen für die Akzeptanz von Dokumentarfotos und für veränderte Sehgewohnheiten hat, gehört wohl eher zu den Zweckoptimisten.

Wie kann der Leser in der Melange unserer Medien noch zwischen fotografierter Wirklichkeit und synthetischer Realität differenzieren? Herausragende fotografische Qualität verliert an Wert. Denn ein Bild, hinter dem in Wahrheit die intensive Arbeit eines Fotografen steckt, könnte ja am Computer entstanden sein. Wenn die Medienmacher hier nicht deutlich Flagge zeigen, wird das Dokumentarfoto zur Ware mit Verfallsdatum. Durch die indirekte Kennzeichnung »naturbelassener« Fotos, die kein [M] brauchen – und die gibt es ja bekanntlich zu Hauf – lassen sich Printobjekte wieder aufwerten.

Das Problem wird von vielen Medienmachern erkannt. Ein konsequentes Beispiel: »Elektronische Manipulation von Fotos im Innenteil des Spiegel findet nicht statt. Elektronisch manipuliertes Bildmaterial lehne ich grundsätzlich ab«, sagt Michael Rabanus, Chef der Spiegel-Fotografie. DER SPIEGEL will allerdings das Thema Kennzeichnungspflicht noch innerhalb der Verlegerverbände diskutieren. Auch andere Redaktionen wie DIE WOCHE, Frankfurter Rundschau, GEO und Handelsblatt, begrüßten die Initiative der Organisationen Bund Freischaffender Foto-Designer, Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bildarchive, Centralverband Deutscher Berufsfotografen, Deutscher Journalisten-Verband, DOK-Verband, FreeLens, IG-Medien und VG Bild-Kunst. Prinzipiell befürworte man eine einheitliche Kennzeichnung von veränderten Bildern, hieß es aus den Redaktionen. Der »sinnvolle Vorschlag« sei »begründet« und treffe auf »grundsätzliche Zustimmung«. Der stern hat sich als erstes Magazin der Aktion angeschlossen und wird manipulierte Fotos mit dem [M] kenntlich machen. Mit einer branchenweiten Regelung können Printmedien zur besseren Orientierung der Leser beitragen. Und natürlich auch Fotografen, denn auch an Redaktionen gelieferte, manipulierte Fotos, sollen als solche ausgewiesen werden. Das Zeichen [M] wurde gewählt, weil es international anwendbar ist. Seine Verwendung ist eine moralische Pflicht, wenn die Glaubwürdigkeit der Branche wirklich gefördert werden soll. Sollte das nebenstehend abgedruckte Memorandum zum allgemeinen Standard werden, wäre dies eine Werbung für die Unverfälschtheit des journalistischen Bildes und die Qualität der Publikationen. Die Bildverwendung wird transparent, der Leser wird nicht mehr alleingelassen im Dschungel der elektronischen Manipulierbarkeit.

MEMORANDUM ZUR KENNZEICHNUNGSPFLICHT MANIPULIERTER FOTOS
des Bundes Freischaffender Foto Designer (BFF), Bundesverbandes der Pressebild-Agenturen und Bildarchive (BVPA), Centralverband Deutscher Berufsfotografen (CV), Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), DOK-Verbandes, FreeLens, der IG-Medien und VG Bild-Kunst.

Jedes dokumentarisch-publizistische Foto, das nach der Belichtung verändert wird, muß mit dem Zeichen [M] kenntlich gemacht werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Manipulation durch den Fotografen selbst, oder durch den Nutzer des Fotos erfolgt.

Eine Kennzeichnung muß stets erfolgen, wenn:
– Personen und/oder Gegenstände hinzugefügt und/oder entfernt werden
– verschiedene Bildelemente oder Bilder zu einem neuen Bild zusammengefügt werden
– maßstäbliche und farbliche, inhaltsbezogene Veränderungen durchgeführt werden

Für die Kennzeichnung wird folgende Schreibweise empfohlen:
[M] Foto: Autor/gegebenenfalls Agentur. Eine manipulierte Aufnahme ist von dem zu kennzeichnen, der die Manipulation vornimmt.