MAGAZIN #34

Mit Fingerspitzengefühl

Um Stimmigkeit bei Form und Inhalt zu erreichen, muss der Buchdesigner viele schwierige Entscheidungen treffen. Gerade Fotobücher verlangen nach einem adäquaten Einsatz der Gestaltungsmittel. Ein kleiner Leitfaden des Designexperten Kurt Dornig.

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Kurt Dornig

»Autoren schreiben Texte, keine Bücher.« So brachte der Typograf und Buchgestalter Friedrich Forssman in einem Vortrag 2010 das Wesen der Buchgestaltung auf den Punkt: Als Buchgestalter ist man Dolmetscher zwischen Autor und Leser. Was für Textbücher gilt, trifft in besonderem Maß für Sach- und Wissenschaftstitel, Kunst- und Fotopublikationen zu.

Für die Visualisierung von Inhalten verfügt der Gestalter über ein Arsenal an»Werkzeugen«: Format, Größe, Proportion, Raster, Typografie, Papier, Bindetechnik u. a. Wie ein Pianist 88 Tasten vor sich hat, die er in einer bestimmten Reihenfolge, Rhythmus und Intensität anschlagen kann, um damit eine klassische Komposition, Pop oder Jazz zu »erzeugen«, können die genannten »Werkzeuge« bei der Buchgestaltung eingesetzt werden. Wenn man sich vorstellt, dass es drei Formate, unzählige Größen, Proportionen und Rastersysteme gibt, dazu eine große Anzahl von Schriften und Papieren, Druckverfahren und Veredelungstechniken sowie unterschiedlichste Bindetechniken, ergibt sich eine endlose Zahl an Umsetzungs- und Interpretationsmöglichkeiten. Details wie Überzugmaterialien, Vorsatzpapiere, Kapital- und Lesebänder sind da noch nicht eingerechnet.

Ein stimmiges Buch zu einem Thema zu machen, ist die größte Herausforderung, der man sich als Gestalter stellt. Bücher müssen konsequent aus dem Inhalt heraus gestaltet werden. Der kreative Prozess beginnt bei der Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Wer Text nur als Grauwert begreift, wird nie ein gutes Buch gestalten, auch wenn er ein »schönes« Buch gemacht hat. Darum werden auch nicht wirklich die »schönsten« Bücher prämiert, sondern die »stimmigsten«, die »innovativsten« und jene, die am sorgfältigsten mit Inhalten umgehen. Jene verlangen nach adäquatem Einsatz der Mittel. Gestaltung kann nicht formelhaft umgesetzt werden. Sie erfordert Fingerspitzengefühl, Empathie und viel Übung. Dass ein technisches Sachbuch andere Schrifttypen oder Papiere als ein Liebesroman erfordert, ist naheliegend, wenn auch nicht per se richtig. Gestaltung stellt auch deshalb eine Herausforderung da, weil wir es beim Buch mit einem Objekt zu tun haben. Diese »Stofflichkeit« kann eine besondere Beziehung zum Leser schaffen und unterscheidet sich in der Anforderung wesentlich von der Gestaltung eines Plakats oder einer Webseite. Roland Burghard hat den bedeutenden Buchgestalter Hans Peter Willberg in diesem Zusammenhang einen »Architekten von Büchern« genannt. Ein Begriff, der die Rolle treffend beschreibt. Die heute noch vorherrschende Kodexform ist zudem nicht sehr flexibel in der Auslegung. Fast allen Büchern ist gemein, dass sie einen Umschlag haben, einen Kern mit Aufbau über den Bund und einen vertrauten Umgang mit der Typografie. Wer zu innovativ umsetzt, bricht mit »gelernten« Regeln und entfernt sich schnell vom Medium. Umso erstaunlicher ist es da, in wie vielen Ausprägungen uns das Buch heute begegnet. Als Leser oder Betrachter wird man sich darüber keinen Gedanken machen. Ein Buch ist dann gut, wenn es sich gut anfühlt und sich der Inhalt erschließt.

So viele Werkzeuge, Parameter und Beteiligte es bei der Umsetzung gibt, so viele Fehlerquellen eröffnen sich. Falsches Format, unpassende Größe, verwirrende Struktur, fehlender Zusammenhalt, eine dem Inhalt widersprechende Schrift oder schlechter Satz sind genauso zu nennen wie Papiere, die nicht auf Bilder abgestimmt werden, »falsche« Haptik, schlechter Druck oder Bindung. Der Gesamteindruck ist entscheidend. Eine einzige unzureichende Komponente wirkt sich auf das gesamte Werk aus. Vor allem bei Künstlerbüchern ist sehr »beliebt«, die Gestaltung über den Inhalt zu erheben. Der Gestalter wird wichtiger als der Künstler. Spätestens seit Dieter Rams und Lucius Burkhardt wissen wir, dass gute Gestaltung unsichtbar ist. Der Buchgestalter Jost Hochuli drückt es so aus: »So viel wie nötig, so wenig wie möglich.«

Worin liegt die Besonderheiten bei der Gestaltung von Fotobüchern? Wenn wir vom klassischen Fotobuch ausgehen, sprechen wir formal zumeist von mittleren bis großen Bildbänden. Texte spielen darin eine untergeordnete Rolle und sind meist auf Einleitung, Bildunterschriften etc. beschränkt. Auch wenn Text im Verhältnis zum Bild gering ist – Fotos, in bester Druckqualität reproduziert, haben einen entsprechenden Umgang mit Typografie verdient. Auch hier sind die Details wichtig: die Buchgröße bestimmt den Leseabstand und notwendigen Schriftgrad. Einleitungen und längere Lesetexte werden größer angelegt, um im Seitenraster nicht verloren zu wirken. Wichtig ist die Zeilenlänge. Nur weil Buch und Schrift in der Regel größer ausfallen, heißt das nicht, dass die optimale Anzahl von ca. 60 Zeichen pro Zeile massiv unter- oder überschritten werden soll. Wir alle kennen Bildbände mit seitenfüllenden, einspaltigen Textblöcken. Sie zeugen von Respektlosigkeit gegenüber dem Autor und sind zudem eine Zumutung für den Leser. Bildunterschriften sollten sich dagegen dezent zurücknehmen. Sind die Bilder bis knapp an den Rand oder abfallend angelegt und ist somit kein ausreichender Weißraum für Text vorgesehen, erscheint ein Bildregister im Anhang sinnvoll. Texte und Pagina in die Bilder zu platzieren, ist meist eine schlechte Idee und stößt auf wenig Gegenliebe bei Fotografen. Entscheidend für die Akzeptanz eines Bildbandes ist jedoch die Reproduktionsqualität der Fotografien. Foto ist dabei nicht gleich Foto, und es muss auch hier genau das Genre geprüft werden. Dokumentarische Arbeiten erfordern einen anderen Umgang als künstlerische Fotografie. Ein Barytabzug im Druck verlangt ein anderes Papier als ein Hochglanz-C-Print.

Beim Fotobuch muss die erste Frage die nach passendem Format und Größe sein. Sind alle Bilder aus »einem Guss«, z.B. quadratisch und in einheitlicher Größe, ist die Lösung naheliegend. Ein gelungenes Beispiel, sich dem Klischee zu widersetzen, liefert hier das Buch »Deutschland« von Gerry Johansson (Design Henrik Nygren). Unterschiedliche Formate und Größen zwingen zum klugen Kompromiss oder erfordern neue Denkweisen, wie im Fall von Gijsbert Hanekroots »Abba … Zappa«, gestaltet von Sybren Kuiper. Das sind nur zwei ausgesuchte Beispiele, in denen Gestaltungskonzepte dem Inhalt gerecht werden. Egal, ob Schwarzweiß, Duplex, 4c oder Schmuckfarben: Andrucktests auf dem Originalpapier sind Pflicht. »What you see is what you get« hieß es in den Anfängen des Desktop-Publishing. Das stimmte damals so wenig wie heute. Weil etwas auf dem Bildschirm perfekt aussieht, verhält es sich noch lange nicht so auf dem Papier. Lithografie und Bildbearbeitung erfordern intensive Ausbildung und Erfahrung und werden nicht mal eben so erlernt. Jedes Medium reagiert anders, jedes Papier hat seine Eigenheiten. Neben dem klassischen Punktraster gibt es seit längerem die Möglichkeit, im frequenzmodulierten Raster zu drucken. Der Rasteraufbau ermöglicht eine nahezu ans Original heranreichende Reproduktionsqualität. Aber wie alles Gute hat auch diese Technik Tücken, und die Bilddaten sollten unbedingt von einem Fachmann erstellt werden.
Neue Veredelungstechniken, etwa diverse Lackierungen, sind seit einiger Zeit der große Renner. Viele Druckereien versuchen, damit eine Marktnische zu besetzen. Manches fügt dem Ergebnis einen erkennbaren Mehrwert zu, anderes ist nur teurer Unsinn. Man sollte diese Mittel, wenn überhaupt, sparsam und sehr zielgerichtet einsetzen. Den finalen Schliff erhält die Publikation in der Buchbinderei. Ein hochwertiges Buch mit langer Lebensdauer ist auf jeden Fall mit einer Fadenheftung und Hardcover auszustatten, insbesondere, wenn die Seitenanzahl umfangreich ist. Bei einer etwaigen Zweitverwertung im günstigeren Softcover lässt sich immer noch auf eine Klebebindung ausweichen. In letzter Zeit findet man verstärkt Publikationen mit offener Bindung, bei der die Fadenheftung am Rücken nicht mehr verdeckt wird. Das sieht interessant aus und hat den Vorteil, dass das geöffnete Buch beinahe plan liegt. So kann man guten Gewissens Bilder auch über den Bund laufenlassen. Allerdings bezahlt man diesen Service mit mangelhafter Stabilität und eingeschränkten Beschriftungsmöglichkeiten am Rücken.

Auch wenn das Bild im Buch nie die Qualität des Originals erreicht und immer nur eine Interpretation darstellt: Gut gemachte Fotobücher haben ihre eigene Ausstrahlung und sind im besten Fall nicht nur Dokumentation eines Werks, sondern ergänzen dieses auf eigenständige Weise.

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Kurt Dornig
betreibt ein Studio für Grafikdesign in Dornbirn/Österreich. Er lehrt an der FH Vorarlberg. Sein Buchdesign ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Weitere Infos unter: www.dornig.cc