MAGAZIN #24

Mittendrin

Texte –

Thomas Hoepker

Foto –

Ogando

Die Zukunft des Bildjournalismus hat bereits begonnen, wir stecken schon mitten drin, bis zum Hals. Der fest angestellte Fotograf als pensionsberechtigtes Redaktions-Haustier ist längst ein angestaubtes Modell, genauso wie der öffentlich-rechtliche Kameramann oder der schreibende Reporter mit Kündigungsschutz. Heute – und in der Zukunft – sind Fotografen unabhängige Unternehmer mit allen Chancen und Freiheiten, allerdings bei vollem Risiko.

Die besten Arbeiten entstehen heute aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten. Aufträge sind rar und meist banal, die Reisen kurz, die Spesen lachhaft. Gleichzeitig kämpft jeder Bildjournalist gegen eine Welt von Amateuren, die – bewaffnet mit »point-and-shoots« oder mit dem Handy – direkt vom Tsunamistrand oder aus der Londoner U-Bahn vom täglichen Horror berichten, lange bevor der Profi das Taxi zum Flughafen bestiegen hat. Qualität? Nicht so wichtig, Hauptsache schnell! Bezahlung? Minimal, wo doch die großen Agenturen die Bilder billig im Massenabo anbieten und Amateure geschmeichelt sind, wenn man ihre Fotos kostenfrei, aber mit ihrem Namen druckt.

Opas Illustrierte ist tot oder scheintot (Wer liest eigentlich noch den Stern?). Tatsächlich ist es wohl so, dass alte Medien nicht plötzlich sterben, wenn neue erfunden werden. Dem längst totgesagten Radio geht es vorzüglich. Fernsehen, DVD und Podcasts leben in Harmonie, die papierene Zeitung ist nicht tot zu kriegen, obwohl die Verlage längst große Internet-Redaktionen haben. Die Online-Abteilung der altehrwürdigen New York Times beschäftigt schon mehr Mitarbeiter als das gedruckte Blatt.

Wie werden Fotografen im Jahr 2017 arbeiten? 90 Prozent fotografieren digital, aber eine kleine, elitäre Minderheit benutzt noch Film, entwickelt selbst, macht exquisite Prints in der Dunkelkammer oder lässt in den wenigen, teuren Labors, die es noch vereinzelt gibt, arbeiten. Es gibt sogar zwei, drei Firmen, die wieder gute Halogensilber- und Baryt-Papiere herstellen.

Die kleinen, handlichen Digitalkameras produzieren jetzt mehr als 50 Megapixel und haben Speicherkarten mit sehr hoher Kapazität. Selbstverständlich kann man mit denselben Kameras auch HD-Videos drehen, und natürlich nutzen die Fotografen beide Möglichkeiten abwechselnd oder gleichzeitig. Viele Produkte sind eine Mischung von Standbildern und bewegten Sequenzen. Der Foto-Video-Graf hat am Gürtel einen kleinen Sender, der die Bilder noch während der Arbeit zur Agentur oder zum Kunden überträgt. Die hoch aufgelösten Bilder erfordern immer größeren Speicherplatz (die rotierende hard disk ist längst abgeschafft), und jede neue Generation von Laptops muss wieder erheblich schneller sein, denn die großen Dateien brauchen viel Zeit für die Bearbeitung. Selbstverständlich erwarten die Kunden, dass der Foto-Video-Graf seine Bilder editiert, optimiert und seine Filme selbst schneidet und kommentiert. Vom Bildjournalisten wird umfassende Allround-Begabung erwartet, die Text, Musik, Schnitt und Layout-Kenntnisse einschließt.

Fotografen gestalten und produzieren ihre Bildbände selbst. Die Traditionsverlage verschwinden oder mutieren zu Vertriebsorganisationen. Die Bücher werden in kleinen Stückzahlen nach Bedarf und auf Bestellung ausgedruckt, um Transportkosten zu sparen, gleich im jeweiligen Land des Kunden. Dort wird auch der Text in die Landessprache übersetzt. Das Online-Buch hat seine eigene Marktnische gefunden, aber gerade Bildbände, die man in Händen halten kann, werden noch immer gerne gekauft. Kunden können sich die Bildauswahl für ihr persönliches Buch selbst zusammenstellen.

Fotografen drucken ihre Bilder auf großformatigen Inkjet-Printern, die mit mindestens zwölf Tinten arbeiten. Die Fotos werden schon im Drucker mit UV-Folie beschichtet und sind mehr als 300 Jahre haltbar. Sammler kaufen die Prints zu hohen Preisen, darunter moderne Reprints von alten Schwarzweißbildern in exquisiter Qualität. Gleichzeitig erlebt der Kunstmarkt Höchstpreise für Vintage-Prints aus den 60er bis 90er Jahren.

Nach einer Periode, in der die gedruckten und Online-Medien nur billige oder kostenlose Bilder von Websites wie flickr oder Filme von youtube benutzt haben, setzt eine Übersättigung durch allzu dumme, inhaltslose, schlecht komponierte Bilder ein. Einige Fotografen, Filmemacher und Kuratoren schließen sich zu Gruppen zusammen und ermutigen gute Bilder- und Filmemacher zu Arbeiten von hoher erzählerischer und künstlerischer Qualität. Dieser Nischenmarkt gewinnt schließlich eine kritische Masse von Anhängern, die bereit ist, für den Zugang zu hochwertigen Online-Magazinen zu bezahlen. Gleichzeitig ziehen diese Webseiten teure Anzeigen von hohem Niveau an. Die Fotografen werden, ganz demokratisch, nach den tatsächlichen Hits (den Einschaltquoten) bezahlt. Fotografen und Agenturen müssen ihre neuen Märkte finden oder selbst erfinden.

Dafür ein konkretes Beispiel aus unseren Tagen: der Magnum-Fotograf Paul Fusco war 1997 auf eigene Faust nach Tschernobyl geflogen. Keine Zeitschrift der Welt wollte eine bewegende Reportage über verkrüppelte, verunstaltete Kinder veröffentlichen. Dann stellte Magnum den Bild-Essay mit gesprochenem Kommentar von Paul Fusco auf die Seite des Online- Magazins Slate. Am ersten Tag wurden über 600.000 Hits gemessen, bis der Server zusammenbrach. Selten hat eine Bildreportage so starke Reaktionen erzeugt. Die kleinen, animierten Slideshows von »Magnum in Motion«, die es auch als Podcasts gibt, sind eine wichtige Einnahmequelle für die Agentur geworden.

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Thomas Hoepker,
ab 1960 Fotograf für Kristall, ab 1964 für den Stern, Produzent von Dokumentarfilmen, 1987 bis 1989 Art-Direktor des Stern. Seit 1989 Mitglied von Magnum, 2003 bis 2005 Präsident der Agentur. Lebt in New York.