MAGAZIN #24

Nach wie vor aufregend

von

Margot Klingsporn

Foto –

Melanie Dreysse

Zukunft der Fotografie? Die Fragestellung sollte eher »Die Zukunft der Medien« heißen. Seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ist Fotografie eng mit der Frage der Veröffentlichung verbunden; und die Veröffentlichung fand fast ausschließlich in Printmedien statt.

Wie auch immer sich die Medien entwickeln werden, ob in zehn Jahren ein Magazin oder eine Zeitung in gedruckter Form noch existieren wird, vermag ich nicht zu prophezeien, aber der Hunger nach neuen Bildern wird wachsen und die »Halbwertszeit« der Bilder kürzer werden, auf der anderen Seite werden »berühmte« oder »große« Fotografien ihren Weg in Bücher und Ausstellungen finden oder wiederveröffentlicht, wenn es Jahrestage zu feiern gibt.

Dies bedeutet aber bei weitem nicht, dass es allen Fotografen gut gehen wird. Es wird international gefragte Fotografen geben, die hohe Honorare verlangen und erhalten. Es wird ein paar gut Verdienende geben, und es wird viele geben, die gerade eben so über die Runden kommen. Dies hat aber nichts mit den Medien zu tun, sondern mit dem Überangebot an Bildern und Fotografen, das den Kunden den Machthebel in die Hand gibt. Überangebot erzeugt Desinteresse und Respektlosigkeit, und der Weg zur Ausbeutung ist nicht weit.

Die Machtkonzentration auf Verlag- und Agenturseite wird zugenommen haben, was aber den kleinen, unabhängigen Agenturen wieder Raum gibt. Sie werden – sofern sie einen guten Service für Kunden und Fotografen bieten – ihre Nische finden, in denen junge Fotografen wachsen können oder die auf dem Markt etablierten, die nicht als Nummer in einer großen Agentur untergehen wollen, die Betreuung erfahren, die sie benötigen.

Kleine, unabhängige Agenturen sollten allerdings die Möglichkeiten nutzen, die die Technologie ihnen bietet; sie sollten sich enger international vernetzen. Ihre Partner sollten in allen Kontinenten jene Agenturen sein, die ethische und optische Auffassungen teilen. Es könnte eine Alternative entstehen, die für Kunden interessant und unter Umständen interessanter als die Mega-Agenturen sein könnte, weil sie als kleine Einheiten in der Lage sind, schneller zu entscheiden und zu manövrieren.

Es wird sich also nicht viel ändern. Die Technik mag noch ausgefeilter sein, aber die Bilder müssen noch von Menschen gemacht werden; die Ereignisse der Zeit oder Essays werden nach wie vor gefragt sein, und es wird ab und zu Chefredakteure geben, die der Fotografie in ihren Produkten einen wichtigen Platz einräumen. Es wird mit jedem Generationswechsel von Studenten, Bildredakteuren, Galeristen neue Moden geben. Die Fotografen, die diese Moden als Erste weiträumig publizieren, werden eine Zeit lang gefragt sein, bis sich so viele Plagiatoren gefunden haben, dass der Stil nur noch ein Gähnen hervorruft.

Der Beruf des Fotografen wird nach wie vor aufregend und spannend sein – aber ob er ernähren kann, ist nicht garantiert. Doch diese Garantie gibt es in keinem Beruf mehr.

Auf die Frage »Welche Rolle nehmen die Zeitungen im Medienmarkt künftig ein?« sagte Alfred Neven DuMont in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: »Ich hoffe, die des Hauptträgers. Aber vielleicht ist da Wunschdenken dabei. Die Konsequenz für uns kann nur sein, gute, aufregende Zeitungen zu machen. Selbst wenn die qualifizierten Zeitungen über die Jahre vielleicht zehn Prozent der Auflage verlieren, ist das nicht der Weltuntergang. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Auflagen viel kleiner, trotzdem waren die Blätter sehr einflussreich.«

Wenn ZeitLeben mich nach meinem Traum fragen würde, würde ich antworten: »Ich wünsche mir, dass in zukünftigen Medien-Erzeugnissen nicht nur banale Porträtfotografie Themen illustriert, sondern dass Fotografen wieder aufgefordert werden, ihre Kreativität und Visualität zur Umsetzung eines Themas einzusetzen.«

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Margot Klingsporn,
Studium der Volkswirtschaft, Tätigkeiten beim Stern und beim ZeitMagazin. Studioleitung bei Ulrich Mack. Seit 1979 Inhaberin und Geschäftsführerin der Photo- und Presseagentur Focus. Mehrfach Jurorin des World Press Photo Award. Lebt in Hamburg.