MAGAZIN #21

Nachts im Bunker

Fotografie als Happening: »klubfoto« setzt ungewöhnliche Themen – und die Resultate schauen sich Menschen an, die mit Bildern sonst zumeist nicht viel am Hut haben. Manche kaufen auch.

Text –

Niels Jürgens

Der Mann trägt eine schwarze Sonnenbrille, einen schwarzen Schnauzbart, einen schwarzen Anzug. Seine Krawatte erlaubt sich verstohlen ein paar weiße Blümchen und Quadrate auf ihrer schwarzen Oberfläche, mehr traut sie sich nicht. Der Mann, der sie um den extradicken Hals trägt, hat – wenn man Presse und hinter vorgehaltener Hand kolportierten Gerüchten Glauben schenken mag – sein Leben damit verbracht, die Nacht für sich zu nutzen. Im Schutze der Dunkelheit zu tun, was ein Mann tun muss. Oder zu ermöglichen, was andere Männer tun müssen: ihre Schwänze in wildfremde Frauen stecken. Knast, Bandenkriege, Striplokale, Waffen, Gewalt, Schutzgeld – das sind so ungefähr die Schubladen, in die der Mann trotz seines Stiernackens und der schraubstockartigen Pranken passt wie die Sahne in den Kaffee. Man nennt ihn Neger-Kalle, und sein Porträt hängt in einem Hamburger Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Vor dem Bild steht ein anderer Mann, der seinen Bauch notdürftig unter einem Lodenmantel zu verstecken sucht und sagt mit ehrlich empfundener Geringschätzung in Blick und Stimme: »Das Thema ist total verfehlt – bei fast allen Fotografien.« Das Thema lautet »Nachts«, und gestellt haben es Axel Martens und Martin Luther, zwei Hamburger Fotografen, die mit einem Bier in der Hand die Kritik des Mannes zur Kenntnis nehmen. Lächelnd.

Soweit die Situation an diesem Abend im November letzten Jahres in den Räumen eines gewaltigen Betonbauwerkes direkt neben dem Hamburger St.-Pauli-Stadion. Anlass: die Eröffnung der vierten Ausstellung von »klubfoto«, einer Art Fotografenkollektiv, das 2001 von Martens, Luther und dem Designer Stephan Garbe ins Leben gerufen wurde. Die gute Laune lassen sich die beiden Herren in ihren schwarzen T-Shirts mit dem »klubfoto«-Logo allerdings nicht verderben. Vielmehr habe ich den Eindruck, als nuckelten sie noch ein wenig zufriedener an ihren Bierflaschen und freuten sich, einmal mehr der ungeliebten Eindeutigkeit entronnen zu sein, die ihnen von Werbeagenturen und Kunden aus der Wirtschaft allzu oft abverlangt wird. Aus meiner Zeit als fest angestellter Werbetexter erinnere ich mich noch gut an Meetings und Fotoshootings, in denen Welten von ungeheurer Fremdheit aufeinanderstießen und gegenseitiges Unverständnis den Tag bestimmte. »Wenn es um eine Dunstabzugshaube geht, möchten wir bitteschön auch eine Dunstabzugshaube sehen.« »Gefällt Ihnen unser Kloschüssel-Modell Melitta nicht, oder warum fotografieren Sie es immer mit dieser Unschärfe – finden Sie das etwa modern?« oder »Der Hintergrund ist mir noch nicht genussig/frisch/appealing genug« – das waren Sätze, die auch hartgesottensten Fotografen mitunter ein Minenspiel ins Gesicht zauberten, als ob sich gerade die ersten Anzeichen einer Fischvergiftung bemerkbar machten.

Im Gegensatz dazu bleiben die Gesichtszüge heute Abend entspannt, und Martens und Luther erklären mir, was genau hinter »klubfoto« steckt. »Entstanden ist die Idee aus einer zufälligen Situation«, erzählt Axel Martens und berichtet von einem Einkaufsbummel in der Vorweihnachtszeit, der Umkleidekabinenzeile in einem gutbürgerlichen Bekleidungshaus und einigen Herren in Trenchcoats, die mit jeder Menge Tüten auf dem Schoß wie nasse Säcke in Korbsesseln hingen und gelangweilt darauf warteten, ihren Gattinnen weitere Teile in die Garderobe reichen zu dürfen: »Ein sehr stimmungsvolles Motiv zum Thema Weihnachten! Nur: Wer hätte es haben wollen?«

»Irgendeine Redaktion vielleicht, die gerade etwas zum Thema Umkleidekabinen bringt«, werfe ich ein, doch Martens und Luther sind der Überzeugung, dass Fotos, die in Werbung oder Magazinen aufgrund ihrer Machart oder Thematik keinen Platz finden, nur allzu oft das Existenzrecht abgesprochen wird. Anders als etwa in Berlin gebe es in Hamburg kaum ein Forum für ungewöhnliche, neue oder experimentelle Fotografie; nur sehr wenige Galerien präsentieren einem sachkundigen und kaufkräftigen Sammlerpublikum hochwertige Fotokunst abseits des Mainstreams.

Deshalb beschlossen sie gemeinsam mit Stefan Garbe, diesem Notstand abzuhelfen. Sie entwickelten die Marke »klubfoto« und luden rund 25 Fotografen ein, ein vorgegebenes Thema völlig frei zu bearbeiten, um dann das Ergebnis auf einer Ausstellungsparty zu präsentieren. »Dabei haben wir bewusst keine Grenzen gezogen«, sagt Luther. »Wir wollten ein möglichst breites, abwechslungsreiches Spektrum abdecken und zeigen. Hintergründiges neben Vordergründigem, Modefotografie neben Reportagefotos, Lautes neben Leisem, Werbisches neben Künstlerischem.«

»Nachts« ist nach »Neulich«, »Weihnachten« und »Klischee« das vierte »klubfoto«-Thema innerhalb von drei Jahren. 47 Fotografen haben hierzu Arbeiten eingereicht, die zusätzlich in einer Art Magazin präsentiert werden, das »klubfoto« mit dem Grafiker Jan Rikus Hillman entwickelt hat, nachdem die letzten beiden Ausstellungen von einem Hochglanz-Postkartenset und einem Katalog begleitet wurden.

Ich finde jedoch, es ist nun endlich mal an der Zeit, die Werke »in echt« zu begutachten. Einige hundert Menschen drängen sich inzwischen vor den Fotografien, die die kalten Bunkerwände säumen. Auf den ersten Blick scheint die Freiheitsparole von »klubfoto« aufzugehen: Die Bilder haben nicht viel miteinander gemeinsam und interpretieren »Nachts« auf ganz verschiedene Weise. Drei verschwitzte Männer in stiller Umarmung, ein dunkler Wald wie aus einem David-Lynch-Film geschnitten, eine gleißend hell erleuchtete Aral-Tankstelle, eine graue Katze, ein aufgeräumter Partykeller mit Bar, der Fernseh-Kummerkasten Jürgen Domian vor einer Tasse Kaffee, eine Telefonzelle, gespickt mit den bunten Kontaktzettelchen japanischer Telefonsexdamen. Klar: Auf den meisten Bildern ist der Himmel irgendwie dunkel und die Beleuchtung künstlich; über diesen wesentlichen Aspekt der Nacht hat sich kaum einer der Fotografen hinweg gesetzt. Und es gibt auch Fotos, die vielleicht nicht ganz so ungewöhnlich sind, wie ein Laie meines Kalibers sich ein künstlerisches Produkt vorstellt. Trotzdem macht es Spaß, die Bilder eines nach dem nächsten abzulaufen und sich dabei an einem Bier gütlich zu tun – und an den Gesprächen der Umstehenden. Glücklicherweise bleibt mir dabei der übliche Vernissagenquatsch erspart. Statt »Ist dieses Bild nicht einfach wahnsinnig intensiv?!« oder »Dieses Differenzierte im Undifferenzierten, dieses gewisse Ungewisse und diese Verinnerlichung des Äußerlichen – einfach überwältigend!«, heißt es hier eher »Boah, ist das Scheiße!«, »Äh, was soll das denn?«, »Krasses Bild« oder »Kauf ich!«. Intellektuell Verschwurbeltes dringt nur selten an mein Ohr, was aber auch daran liegen mag, dass der DJ zu vorgerückter Stunde die Gespräche mehr und mehr zu übertönen versucht.

Aber das ist durchaus gewollt. »Ein Hauptgrund für die ganze Angelegenheit ist es, Spaß zu haben«, brüllt mir Martin Luther ins Ohr, und auch wenn das anwesende und wie die Fotografien bunt gemischte Völkchen, welches sich nun anstelle der Fotografien verstärkt den Getränken widmet, einen ausgelassenen Eindruck macht, kann ich mir gut vorstellen, dass unter Fotografen ein gewisser Spaßbedarf herrschen muss. Erstens scheint die Auftragslage besonders für den einen oder anderen jüngeren Vertreter derzeit eher an öde Wirtschaftsbrachen in Ostdeutschland zu erinnern als an einen vor Fun und Action nur so strotzenden Freizeitpark. Und zweitens dürften wohl die wenigsten Fotografen irgendwann einmal davon geträumt haben, eine mit Basilikumblättchen und Kerbelzweigen garnierte und frisch geöffnete Dose Katzenfutter vor rosafarbenem Hintergrund zu porträtieren bzw. die neue Bundfaltenhosenkollektion des

Otto-Katalogs ins rechte Licht zu rücken. Verständlich, dass sich immer mehr Fotografen bei »klubfoto« bewerben – erfahrene, junge, erfolgreiche und etablierte. Doch hier hat man sich inzwischen außer Spaß noch weitere Ziele auf die Fahne geschrieben. Zum Beispiel eine beständige Verbesserung von Qualität und Internationalität. Verstärkt lädt »klubfoto« deshalb Fotografen aus dem Ausland zur Teilnahme ein, auch um die Bandbreite der Blickwinkel noch zu verstärken.

Das Resultat dieser Anstrengungen macht sich während der Ausstellungseröffnung bereits bemerkbar: Unter nicht wenigen der Fotografien kleben gegen Mitternacht rote Punkte als Zeichen, dass die entsprechenden Arbeiten verkauft sind – zum Preis von 250 Euro je Stück. Einen weiteren Beweis für die Qualität der Arbeiten finde ich, als ich mich nach den Käufern erkundige: Ein Arzt, der ein Bild für seine Praxis erworben hat, zählt ebenso zu den Käufern wie ein Filmausstatter aus Hollywood und verschiedene Sammler aus dem In- und Ausland, die »klubfoto« inzwischen in ihre jährliche Tour der Fotomessen und Ausstellungen integriert haben. Ich selbst zähle mich natürlich nicht zu diesem illustren Kreis, obwohl ich mir schon früh ein Lieblingswerk ausgesucht habe: das Motiv »Wald« des Hamburger Fotografen Jonas von der Hude. Doch um es zu kaufen, bin ich zu geizig – eine Tatsache, die ich erst um halb zwei Uhr nachts vergesse, als mir der Kopf ein wenig schwindelig gerät. »Ich kaufe dein Bild«, rufe ich dem erfreuten Fotografen enthusiastisch entgegen und sehe mich am nächsten Morgen am Frühstückstisch mit der nüchternen Frage konfrontiert, ob »klubfoto« es mit der schönen Party, den aparten Bardamen und dem vielen Bier wohl darauf angelegt haben mag, potenzielle Käufer zu gewinnen. Wenn ja, ist ihre Strategie prima aufgegangen. Doch auch ohne solcherlei Tricks hat »klubfoto« eine gute Zukunft.
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Niels Jürgens
ist freier Autor für Werbung und Magazine und Inhaber der Werbeagentur belle étage in Hamburg.