MAGAZIN #14

Noch Fragen?

Gute Bilder beantworten Fragen, auf die man gern selbst gekommen wäre. Hier sind einige Antworten von Enver Hirsch, der seine Fotografie beim diesjährigen FreeLens-Jahrestreffen präsentierte

Text –

Markus Asam

Es wird nicht wenig geredet über Herrn Hirschs Art, jemanden oder etwas abzubilden. Man meint es positiv oder negativ und wählt oft aus folgender Liste:

doppelbödig, assoziativ, beliebig, mehrschichtig-schwebend, kryptisch, verstörend, unglaublich, inszeniert, übernatürlich, unwirklich, konzeptlastig, konzeptionell, symbolistisch, quietschbunt, farbwelt-eigen, verunsichernd, hyperreal, irreal, ironisch, ambivalent, spielerisch, verspielt, verarschend, magisch-realistisch, neu gesehen, unernst, intelligent-ernst, hinterlistig, hintergründig etc.

Dazu eine Stellungnahme von Herrn Hirsch einzufordern, wäre kaum hilfreich. Eher passt vielleicht ein kleines Bukett von Selbsteinschätzungen: »Hübsch kann ich nicht, aber rüberkommen mit ein bisschen Twist … Fotos von Leuten, die man mag, sind schwieriger … Ich will nur zeigen, nicht interpretieren … Es soll Sinn machen; mindestens einen … Auch Kinder aus Elendsvierteln dürfen auf Fotos lachen …«

Hier böte sich nun an, einige eher wertneutrale Missverständnisse zu korrigieren, die über Herrn Hirsch und seine Arbeit kursieren. Er sei ein Porträtist. (»Ich porträtiere gern. Doch möchte ich mehr Geschichten erzählen.«) Er sei ein Technik-Könner. (»Ich verstehe eher wenig von Fototechnik.«) Er sei einer der Protagonisten der Neuen Deutschen Fotografie. (»Nun wirklich nicht. Auf dieser Schublade steht ganz groß Subjektivität. Ich versuche das Gegenteil.«)

Das Gegenteil wäre anti-subjektiv. Keine Wertung, nur abbilden. Kann funktionieren, wenn einem vor dem Knopfdruck klar ist, welche Frage das Foto beantworten soll. Man hat dann keine große Wahl mehr. Ein bislang nicht lexikalischer Schubladenbegriff für solches Herangehen wäre Dioramatik, meinend in etwa »Wiederherstellung der Realität vor Erscheinen des Fotografen«.

Vielleicht möchte Herr Hirsch jedoch nicht mal Dioramatiker werden, sondern zieht es vor zu bleiben, was er ist.

Dies ist Enver Hirsch, geboren in Hamburg, immer noch dort und ledig. Er wollte mal Gärtner werden, ging dann aber nach dem Zivildienst ans College of Art and Design im englischen Bournemouth. Schon lange vorher hatte er erste Bilder gemacht, als 11-Jähriger, mit Onkel Bernds Freizeit-Kamera, von seinen Star-Wars-Figuren. Er ist jetzt 32 und fotografierte zuletzt Cover und Booklet für »Minidisco«, den neuen Tonträger des Deutschrappers Denyo. Er arbeitet hauptsächlich für Magazine, gelegentlich für Musiker und in der Werbung.

Herrn Hirschs Perspektive auf das Sichtbare tendiert zu abgeschlossenen Räumen jeder Größe, auch metaphorischen. Die Welt als Guckkastenbühne, ob real oder selbstgeschaffen. Er baut nach (oder vor), wenn es ihm angemessen scheint zur Vermittlung von Verständnis. Muss er dafür basteln, tut er es nicht ungern. Jedoch ist dies oft nicht nötig, denn Herrn Hirschs Fundus an gesammelten Echt-Orten ist umfangreich. Ebenso wie seine Ideen setzt er sie nicht sofort ein und um, sondern wartet auf die Gelegenheit, bei der Ort, Idee und Zeitpunkt zusammenlaufen. Wunderbarerweise passiert das, wunderbarerweise auch ab und an im richtigen Medium. Vielleicht kommt Herr Hirsch so entspannt daher, weil er an solche Fügungen glaubt.

Nicht wirklich entspannt ist Herr Hirsch, wenn die Rede auf die Qualität von Bildtexten kommt, auf die Kommunikationsbereitschaft von Redaktionen, auf Anschnitte und auf die Publikationsmöglichkeiten auserzählter Geschichten. Mit alldem ist er nicht allein, wohl auch nicht mit seinem Ärger über sich selbst, wenn er Bilder vorlegt, die er nicht wirklich gedruckt sehen möchte und die dann natürlich gedruckt werden.

Meist jedoch ist Herr Hirsch ein freundlicher junger Mensch mit guten Zähnen und Manieren, dem man nichts Böses zutraut. Er tut wohl auch nichts Böses, es sei denn, man fände es böse, sich auf einer Fotografie so erkannt zu sehen wie in einsamen Momenten vor dem Badezimmerspiegel.

Manchmal ist also jemand böse auf seine Fotos (und damit auf sich selbst). Viel öfter jedoch entblößt sich der Betrachter, der durch Grinsen oder Grauen die hämische oder wollüstige Seite seines Charakters outet. Herr Hirsch lockt mit freier Auswahl dessen, was man heimlich sehen will. Dann lächelt er ehrlich und hartnäckig, bis man erlöst zugibt, in die Falle getappt zu sein. Oder man ist beleidigt.

Wenigstens sind Tiere und Pflanzen und Gebäude nie beleidigt. Jedenfalls nicht wegen Fotos.