MAGAZIN #28

Notizen aus der Provinz

Für das Buch »Before Elvis there was nothing« fuhr André Lützen quer durch die USA. Seine ganz persönliche Sichtweise hat er wie ein »Roadmovie« dokumentiert

Text –

Michael Klein-Reitzenstein

Fotos –

André Lützen, Stefan Canham & Amy Stein

Ein öder Schotterplatz, irgendwo im Niemandsland. Dichter Regen verhindert die Sicht. Das Gelände ist von großen Pfützen bedeckt. »Hier möchte man nicht tot über dem Zaun hängen«, denkt man unwillkürlich. Trist und deprimierend kommt das erste Bild dieses Buches daher.

Auf der Folgeseite: Zwei Männer mit Stetson, alt und fettleibig, wischen schemenhaft durch das Bild, die Gesichter grotesk verzerrt durch die Bewegungsunschärfe der Fotografie. Der wilde Westen und die Cowboys. Alles ist vorhanden aber nichts ist so, wie es uns vertraut ist.

Der Fotograf André Lützen und die Journalistin Nora Luttmer sind im letzten Jahr drei Monate lang in den USA unterwegs gewesen. Sie mieden die großen Metropolen und reisten mit dem Wohnmobil rund 10000 Kilometer durch die amerikanische Provinz.

André Lützen ist in Deutschland aufgewachsen und so ist sein, wie unser aller Bild dieses Landes untrennbar geprägt durch unsere Geschichte, unsere kulturelle Sozialisation, durch Bilder, Filme und Musik.

Doch Lützen ist auch Künstler. Er hat in Hamburg und New York Fotografie studiert, und während seiner Ausbildung hat er sie alle kennen gelernt, die großen Fotografen und ihre Interpretationen Amerikas. Wie Schemen scheinen sie ihm unterwegs immer wieder begegnet zu sein, die Bilder von Gary Winogrand, Robert Frank oder William Eggleston. Bei Lützen manifestieren sich diese Einflüsse in eigenständigen Fotografien, die das Bekannte neu auslegen und verorten. Er konnte und wollte seine fotografischen und kulturellen Wurzeln nicht verleugnen. Im Gegenteil, sein Ziel schien es gewesen zu sein, die Mythen und Vor-Bilder an der Wirklichkeit zu messen. Er verneigt sich vor den Meistern seiner Zunft, ohne sie jemals zu plagiieren.

Der Cowboy und sein Pferd. Bei André Lützen steht er nachts vor einer von kaltem Neonlicht geweißten Wand auf dem Bürgersteig in einer Seitengasse irgendwo in Amerika. Nicht die im Westen untergehende Sonne wirft einen langen Schatten, sondern lediglich der fahle Schein der Straßenleuchte. Die Felswand des Canyons schrumpft zu dem aus Natursteinen akkurat gemauerten Eckpfeiler der Shopping Mall. Sein Pferd hat sich von ihm abgewandt und scheint für immer in die Dunkelheit verschwinden zu wollen. Die Hände tief in den Taschen der Bluejeans versenkt, blickt der Cowboy seinem treuen Weggefährten nach. Selten wurde der Wilde Westen so drastisch entmystifiziert.

Einem Roadmovie gleich reihen sich Einzelfotos, Doppelseiten und an fiktive Filmszenen erinnernde Bildfolgen aneinander. Sie lassen den Rhythmus erahnen, den André Lützen spürte, während er unterwegs war.

Wie in einem verzweifelten Blues von John Spencer sind die Fotografien geprägt von der Einsamkeit der Menschen, von Leere und Anonymität.

Oft lassen Bewegungsunschärfen die Fotografien flüchtig und unstet erscheinen. Etwas klingt an, doch bevor es konkret werden könnte, ist der Moment schon vorbei. Wie ein schneller Blick aus dem Fenster des fahrenden Wagens entziehen sich die Bilder dem Betrachter, scheinen mehrdeutig und frei interpretierbar. Doch so verwischt und wage die Bilder auf den ersten Blick wirken, entpuppen sie sich bei genauerem Hinsehen als präzise und durchdachte Momentaufnahmen aus der amerikanischen Provinz des 21. Jahrhunderts.

»Before Elvis there was nothing« ist keine klassische Dokumentarfotografie und erst recht keine Reisefotografie. Vielmehr ist das Buch eine Auseinandersetzung mit Vorbildern, eine Suche nach Mythen und nach der amerikanischen Identität. Lützen hat sie bewusst gesucht, aber immer wieder sind sie ihm auch unbewusst begegnet, um von ihm demontiert und neu gedeutet zu werden. Wie ein Sog zieht es den Betrachter hinein in diesen rätselhaften Bildkosmos aus Versatzstücken und visuellen Chiffren, der geprägt ist durch Neugier, Anteilnahme und die Gabe, Impressionen und Empfindungen in Fotografie umzusetzen. Ideal ergänzt werden André Lützens Bilder durch den mit viel ironischer Kritik durchsetzten, dabei aber ebenso spannenden wie klugen Essay von Nora Luttmer. Amerika, Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wieder einmal – immer noch.

André Lützen
Before Elvis there was nothing
Heidelberg, Kehrer Verlag, 2008
112 Seiten, 66 Farbabbildungen
Hardcover 30 x 24 cm, 40 Euro
Mit einem Essay von Nora Luttmer und einem Vorwort von F.C. Gundlach

 

Penthäuser für Arme

Immer mehr Häuser in Hong Kong bekommen einen Aufsatz.
Die Dächer der überbevölkerten Metropole erobert eine architektonische Subkultur und schafft so Behausungen für Geringverdiener

Hong Kong ist mit etwa 7 Millionen Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von mehr als 6500 Personen pro Quadratkilometer eine der am dichtesten bevölkerten Metropolregionen der Welt. Der daraus resultierende Platz- und Wohnraummangel zwingt die Bewohner, unorthodoxe Strategien zur Bewältigung dieser Unzulänglichkeit zu entwickeln. Eine dieser aus der Not geborenen Lösungen beschreiben Stefan Canham und Rufina Wu in ihrem Projekt »Portraits from Above«.

Unter Verwendung von Fotografien, Architekturzeichnungen und Texten dokumentieren sie die nachträgliche Bebauung von Hochhausdächern mit illegal errichteten Behausungen.

Diese ungewöhnlichen Dachsiedlungen bestehen aus einigen wenigen, oft auch mehreren Dutzend Wohneinheiten – je nachdem, wie viel Platz die Dachfläche des jeweiligen Hauses bietet. Dabei wird jeder noch so winzige Winkel kreativ genutzt. Was chaotisch erscheint, ist wohl organisiert und strukturiert. Materialien, für die sonst keiner mehr Verwendung hatte, finden beim Aufbau eine sinnvolle Bestimmung.

Ein chaotisches Gewirr aus Röhren und Leitungen, Antennenmasten und Satellitenschüsseln überzieht die Hütten und Verschläge wie ein Geflecht. Verwinkelte Gänge, dunkle Korridore, enge Stiegen und abenteuerlich konstruierte Leitern bilden die Straßen und Gassen in diesen erstaunlichen Dörfern.

Die Bewohner sind Sozialhilfeempfänger, alte Menschen, Migranten und Wanderarbeiter. Die hohen Mieten in den moderneren Häusern können sie nicht aufbringen. Viele weigern sich, in die anonymen Trabantensiedlungen der Außenbezirke zu ziehen. Auf den Dächern funktionieren die sozialen Netzwerke noch. Die traditionellen dörflichen Strukturen lassen viele Bewohner die Nachteile, wie schlechte sanitäre Verhältnisse, vergessen.

Stefan Canham und Rufina Wu mussten viele Treppen hinauf- und hinunterlaufen, um diesen speziellen Kosmos zu erforschen. In verschiedenen Stadtteilen Hong Kongs haben sie fünf Gebäude ausgewählt, deren unterschiedlich große Dachsiedlungen sie nach einem festen Schema dokumentieren.

So wird jedes Gebäude zunächst mit einer von Rufina Wu angefertigten Architekturzeichnung im heutigen Zustand vorgestellt. In ergänzenden Texten werden die Gebäude hinsichtlich Bauart, Geschichte und Nutzung beschrieben und die Bewohner vorgestellt. In exzellenten Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografien, denen man die gewiss oftmals komplizierten Raum- und Lichtverhältnisse nicht ansieht, wird das Bauwerk durch mehrere Fotografien von Stefan Canham abgebildet. Meist von benachbarten, höheren Häusern aufgenommen, ermöglichen sie einen Gesamteindruck der Dachbebauung. In Unterkapiteln werden exemplarisch einige Behausungen ausführlicher beschrieben, Details der Hütten und Innenräume dokumentiert.

Bemerkenswert an dieser Arbeit ist, dass die Architekturzeichnung hier, entgegen sonstiger Gepflogenheiten, nach der Fertigstellung der Gebäude angefertigt wurde, also nicht als Plan für ein künftiges Bauvorhaben, sondern als Instrument der Dokumentation. Die Zeichnungen ergänzen auf außerordentliche Art und Weise die Fotografien Stefan Canhams. Durch das Zusammenspiel dieser beiden Medien eröffnen sich dem Betrachter Zusammenhänge und Beziehungen, die jedes Medium für sich niemals ermöglichen könnte. Nochmals erweitert wird das Spektrum dieser Dokumentation durch die Texte, welche die menschenleeren Fotografien um diejenigen ergänzen, die diese bizarre Welt schufen und nutzen – die Bewohner.

Stefan Canham
Portraits from Above – Hong Kong’s Informal Rooftop Communities
Berlin, Peperoni Verlag, 2009
280 Seiten, 100 Fotografien in Farbe und Duoton, 58 Architekturzeichnungen
Hardcover, 23 x 25,4 cm, 45 Euro

 

Wundersame Begegnungen

Das wilde Amerika und der kurz gestutzte Rasen: Wo Natur auf Zivilisation trifft, Tier und Mensch sich Auge in Auge begegnen, entstehen Szenen, wie sie die Fotografin Amy Stein fein- und doppelsinnig inszeniert

Unsere Erde wird von unendlich vielen Spezies bewohnt, die sich in Jahrmillionen durch Evolution an die Lebensbedingungen optimal angepasst haben. Nur eine Art entwickelte kognitive Fähigkeiten wie Intelligenz, Geist, Bewusstsein, Kultur – der Mensch. Diese einmaligen Gaben wurden jedoch merkwürdigerweise nicht dazu eingesetzt, die Gattung an den Lebensraum anzupassen. Stattdessen verwendet der Mensch einen großen Teil dieser Begabungen darauf, diesen Lebensraum seinen Vorstellungen und Bedürfnissen gemäß umzugestalten.

Dieses Phänomen wird auf besondere Art und Weise sichtbar an den Rändern unserer Städte, im Grenzbereich zwischen Zivilisation und Natur. Das Aufeinandertreffen dieser zwei Welten ist das Thema des vorliegenden fotografischen Projekts von Amy Stein. Ihr Ansatz war, Interaktionen zwischen Menschen und Tieren, von denen ihr die Bewohner einer kleinen Ortschaft im Nordosten Pennsylvanias erzählt hatten, fotografisch umzusetzen.

»Last summer when I would hang the laundry out back I would see a fox. He would watch me and then run away through the high grass.« Weiß gestrichene Häuser ziehen sich in einer akkuraten Reihe am Waldrand entlang. Auf einer Leine bauscht der Wind die Wäsche. Im Vordergrund des Bildes steht eine Frau, barfuß, im Morgenmantel. In der Hand hält sie einen Korb, der ihr gerade zu entgleiten scheint. Ihr Blick, der Verwunderung und Ungläubigkeit ausdrückt, ist starr auf einen Fuchs gerichtet, der direkt vor ihr im hohen Gras sitzt und seinerseits die Frau gebannt fixiert.

Dies ist eine von vielen bizarren Situationen, die Amy Stein in ihrem Zyklus »Domesticated« visualisiert hat. Auf den ersten Blick erscheinen die Bilder wie Dokumentarfotografien. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkt der Betrachter, dass den Bildern eine Künstlichkeit anhaftet, die nur durch Inszenierung erklärbar ist. Unter Zuhilfenahme zahmer und ausgestopfter Tiere und mit den Einwohnern des Ortes als menschlichen Protagonisten inszenierte Amy Stein ihre an absurde Dioramen erinnernden Bilder.

Durch die wahren Begebenheiten, die ihnen zu Grunde liegen, sind die Fotografien auf eine geniale Art und Weise beides: Real beschreibende Dokumentarfotos und narrative Konstruktionen, die von der Fotografin sorgfältig und mit viel Sinn für die absurde Komik der Begebenheiten in Szene gesetzt wurden.

Immer wieder versteht es die Fotografin, Metaphern und Symbole für die Grenzen zu visualisieren, die der Mensch geschaffen hat. Manchmal ist diese Linie nahezu unsichtbar, wie auf dem oben beschriebenen Foto, höchstens vage angedeutet durch den Übergang von gemähtem Rasen, auf dem die Frau steht und dem hohen Gras, in dem der Fuchs sitzt. Aber meist sind es massivere Zeichen wie Zäune, Mauern oder Gitter, die eingesetzt wurden, um sich vor den Unbillen und Gefahren der Wildnis zu schützen.

Die Fotografie »Window No.1« zeigt den Blick aus einem Fenster in den Garten. Das Einerlei des gepflegt kurz geschnittenen Rasens wird nur von einer verloren wirkenden Tanne unterbrochen. Einem unüberwindlichen Schutzwall gleich schottet ein massiver Holzzaun den Garten gegen einen dunklen Wald ab, der bedrohlich im Hintergrund liegt. Als Ausdruck für die gleichzeitig existierende Natursehnsucht haben die Bewohner die Tanne mit niedlichen Vogelhäuschen dekoriert.

Auch die Fotografie »Backyard« nimmt sich dieses Paradoxons an: Das Bild zeigt eine Winterlandschaft mit grau verhangenem Himmel. Die Brachlandschaft mit kahlen Bäumen endet im Bildvordergrund in einer Schneefläche, auf der sich ein großer Truthahn balzend in Szene setzt. Am rechten Bildrand steht hinter einem hohen Maschendrahtzaun ein Mann und legt seine Schrotflinte auf den nur wenige Meter vor ihm stehenden Vogel an. Ist dies ein unverhofftes Jagdglück? Oder hat der Mann sich in die Sicherheit der durch den hohen Zaun geschützten Zivilisation geflüchtet und verteidigt sein Revier vor der wilden und bedrohlichen Kreatur? Handelt es sich gar um eine Zooszenerie mit umgekehrten Vorzeichen, der Mensch eingesperrt im Käfig, das Tier als betrachtender Besucher davor?

Das Bild lässt viele Interpretationen zu, die Fotografin überlässt die Deutung letztendlich dem Betrachter. Amy Stein ist mit ihrer Arbeit eine doppelte Ambivalenz gelungen, indem sie einerseits die Genres der Dokumentarfotografie mit der inszenierten Fotografie verbunden hat und andererseits kongeniale Allegorien der Angst-Liebe des Menschen zur Natur schuf, die sie spielerisch-ironisch in Szene gesetzt hat.

Amy Stein
Domesticated
Portland, photolucida, 2008
ohne Paginierung, 25 ganzseitige Farbtafeln
Einführung von Alison Nordström
Paperback, 25,5 x 21,5 cm, 22 Euro

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Michael Klein-Reitzenstein,
Buchhändler im Haus der Photographie, Hamburg, stellt im FREELENS Magazin regelmäßig seine Favoriten unter den neu erschienenen Fotobüchern vor.