MAGAZIN #09

Photos extra large?

Manche Kinder wachsen schnell, aber machen nur kleine Schritte. Die noch zaghafte Markt-Resonanz auf seine Bilddatenbank XXP will der Spiegel-Verlag nun mit einem breiteren Angebot verbessern

Text –

Lutz Fischmann

Getauft wurde der jüngste Sproß des Spiegel bereits vor seiner Geburt. Im Dezember 1997 reservierte sich der Verlag den Namen XXP für eine digitale Bilddatenbank. Zwei Monate vorher hatte die Ankündigung, zusammen mit den Fotoagenturen Bilderberg und Focus eine Bilddatenbank im Internet zu betreiben, für Unruhe unter den deutschen Fotoanbietern gesorgt.

Am 9. November 1998 – einem wohl nicht zufällig gewählten historischen Datum – wurde das Kind stolz der Öffentlichkeit präsentiert. Unter Projektleitung von Ursula Wamser und später Rüdiger Heinrich (Bildredakteur des Spiegel) hatten elf Mitarbeiter 10000 Fotos aus den Beständen des Spiegel-Archivs und der beteiligten Agenturen in die Datenbank eingearbeitet, und die sind seit jenem Tag unter www.xxp.de für jedermann zu besichtigen. Dies alles geschah mit hohem technischen Aufwand, was man dem XXP-Auftritt auch ansieht.

Inzwischen ist der Bestand auf 15000 Fotos angewachsen und gleichzeitig die Zahl der Mitarbeiter auf drei gesunken. Spiegel-Verlagsleiter Fried von Bismarck bezeichnet das Projekt als »abgeschlossen«. Dabei beschränkt sich der Inhalt nach wie vor auf die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sowie der DDR seit 1945 und mutiert – da die Veröffentlichungen zum Thema „50 Jahre Bundesrepublik« schon am Kiosk sind – nur noch zur visuellen Referenz für Zeitgeschichtler. Die aber ist sehenswert.

Das Mißverhältnis zwischen den Investitionskosten von 2 Millionen Mark und den vermuteten Bildverkäufen (Insider munkeln von weniger als 300 in den letzten sechs Monaten) scheint im Spiegel-Verlag niemanden zu stören. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung im Beschaffungs- und Produktionsprozeß eines Verlages sah man sich genötigt, mit handelsüblichen Techniken eine Infrastruktur aufzubauen, die langfristig Kosten senkt, in den Bereichen Recherche, Dokumentation, Archiv und Druck Maßstäbe und Standards setzt und damit zu einer Qualitätssteigerung führt. In XXP zeigen sich diese Maßstäbe außer in der Fotografie selbst vor allem in der Scanqualität und der Bildbeschreibung. Die übliche Agenturpraxis, Fotos durch fehlende Datumsangaben zu zeitlosen Dokumenten zu erklären, wurde nicht akzeptiert. Die Bildbeschreibung greift auf umfangreiche Textdokumentationen und vergleichende Wörterbücher (Thesauren) des Spiegel zurück. Für die Redakteure des Hauses bietet sich damit die Möglichkeit einer verknüpften Recherche zwischen Text und Bild – sicherlich einmalig in der Branche.

Doch dabei will man es nicht belassen und macht sich vor dem Hintergrund der zunehmenden Konzentrierung auf dem Bildermarkt (siehe »Die Bilderbankiers«, FreeLens-Magazin Nr. 5) Sorgen um die journalistische Fotografie. »Ich kann nicht mit einem Anteil von 80 Prozent Symbolbildern im Spiegel leben, sondern ich brauche gute Fotografie, und die kann sich nur in einem vielfältigen Markt entwickeln«, meint Fried von Bismarck.

Der Spiegel als Motor des Fotojournalismus? Bei diesem selbstlosen Anspruch waren schon die anwesenden Agenturvertreter im Oktober 1997 hellhörig geworden, als sie – in das Projekt eingeweiht – auf Nachfrage zu den Beteiligungsmöglichkeiten an XXP mit der Auskunft des Verlagsleiters überrascht wurden, man verfolge keinerlei Gewinnabsichten in Sinne einer Spiegel-Fotoagentur. In diesem Jahr wird man sogar so weit gehen, das Produkt XXP den deutschen Agenturen quasi gratis anzubieten.

Soll also der German Picture Pool, so der Untertitel von XXP, die erste Internetadresse für »das deutsche Foto«, zum Programm werden? Wenn es nach Spiegel-Bildchef Michael Rabanus geht: ja. Doch so einfach und vor allem billig wird es nicht kommen. Zwar bestätigt von Bismarck, daß XXP zum Frühsommer in eine GmbH mit »Genossenschaftscharakter« umgewandelt werden soll, an der der Spiegel und die bisherigen Partner Bilderberg und Focus keine Mehrheitsanteile halten wollen und die weiteren Fotoagenturen zur Beteiligung offen steht. Trotzdem werden die Hürden hoch gelegt; allein die Anforderungen an Scanqualität und Bildbeschreibungen erfordern von den Agenturen nicht unerhebliche Investitionen. Und genau da sieht Fried von Bismarck den »Einstandspreis« für XXP – in der Qualität. Schließlich will man Fotos anbieten, die ohne Nachbearbeitung druckfähig sind und damit auch am Markt hohe Preise erzielen. Dabei orientiert sich XXP heute an der MFM-Honorarübersicht, einem Preisniveau, das der Spiegel seinen Fotografen und Agenturen selbst nicht zugesteht.

Die Möglichkeiten für Agenturen und Fotografen, sich in XXP zu präsentieren und ihre Fotos via Internet anzubieten, sollen vielfältig sein, je nach bisher vorhandenem Datenbestand und Standard des Fotomaterials. So soll es möglich sein, zusammen mit anderen Anbietern unter einem gemeinsamen Label oder weiterhin unter eigenem Namen zu firmieren – inklusive der Möglichkeit für Kunden, mit nur einer einzigen Suchabfrage durch den Bestand aller Anbieter zu browsen. Gleich soll bei allen Anbietern der Preis und die fotografische wie technische Qualität sein.

Bei allen Modellen bleibt es den Agenturen überlassen, wie sie z.B. ihre Abrechnungsmodalitäten halten wollen: ob selbst oder unter der Zuhilfenahme von XXP – alles eine Preisfrage. Und genau die wird eine spannende werden. Geht es nach Fried von Bismarck, sollen die Preise niedrig liegen, um den Agenturen einen schnellen Einstieg zu ermöglichen. Aber ob es so kommt, wird wohl die erste Gesellschafterversammlung errechnen und entscheiden. Sicherheitshalber denkt man an die Bestellung eines Beirats aus Fotografen, Agentur- und Verlagsvertretern, um im Zweifelsfall die technische und fotografische Qualität zu beurteilen. Und wohl auch, um zwischen den Gesellschaftern zu schlichten und zu vermitteln.

Neben Bilderberg und Focus haben andere wichtige Agenturen bereits ihr ernsthaftes Interesse an einer Mitarbeit bekundet. Damit könnte hier schnell die größte digitale Bildagentur im deutschsprachigen Raum entstehen, die automatisch zu einem Big Player werden würde, jedenfalls dann, wenn sich der digitale Vertriebsweg durchsetzt, und das wird schon übermorgen sein. Für die heutige Art von Agenturen sieht Fried von Bismarck schwarz, da »XXP es jedem Fotografen ermöglichen wird, seine Bilder digital zu vertreiben. Agenturen sind dann überflüssig, es sei denn, sie erweitern ihr Tätigkeitsfeld«.